. . auf


´╗┐

Wie aktuell ist Kant? Immanuel Kant, der Königsbürger Philosoph, ist aktueller denn je, warb er doch schon zu seiner Zeit für Menschenrechte, Völkerverständigung und eine universale Ethik. Mit seinen Ideen über den "Ewigen Frieden" und das Weltbürgertum ist er uns näher als wir denken. Eine Orientierung an der Ethik Kants kann auch dann weiterhelfen, wenn es um Fragen geht, die vor zweihundert Jahren noch gar nicht gestellt werden konnten - etwa in der Genetik, in der Konflikt- oder in der Hirnforschung. Mit Kant sollten wir uns ferner daran erinnern, dass der Mensch ein sittliches Wesen ist, denn diese Wahrheit (oder handelt es sich hierbei nur um ein Postulat?) droht heute mehr denn je in Vergessenheit zu geraten.

War Kant eine flache Persönlichkeit?

Die Biografen haben den Philosophen lange Zeit in eine "flache Persönlichkeit" verwandelt. "Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu beschreiben", spottete Heinrich Heine in seiner "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", "denn er hatte weder Leben noch Geschichte." Dabei hätte gerade einer wie Heine, der so leidenschaftlich im revolutionären Paris verkehrte und sich für die Befreiung unterdrückter Menschen einsetzte, sich zumindest wundern müssen, wie der angebliche Rokoko-Kant die Französische Revolution feierte, wie er nach 1789 heißhungrig nach den neuesten Zeitungen griff, wie er "selbst an den vornehmsten Tafeln der Revolution das Wort redete" (ein Tischgenosse) - was riskant war -, wie er nicht fürchtete, als "Jakobiner╗ ins schwarze Register der preußischen Staatsfeinde zu geraten, wie noch der 74-jährige Kant seinen exzellenten Rheinwein nicht allein zum persönlichen Genuss trank, sondern in Gesellschaft zum Toast auf die Franzosen nutzte, wie er sich noch nach Robespierres Terrorregiment "durch alle die Ausbrüche der Immoralität an der Idee der bürgerlichen Revolution nicht irre machen ließ" (ein anderer Tafelgenosse). (Im Gegensatz zu Schiller.)

Mit den Vorurteilen, dass Kant nichts anderes gewesen sei als ein Stubenhocker, ein schrulliger Meisterdenker, ein preußischer Oberpedant, ein Prinzipienreiter, nach dessen täglichem Spaziergang die Königsberger ihre Uhren stellten, wie uns frühere Biografen glauben machen wollten, räumt der Philosophieprofessor Manfred Kühn in seiner 2004 erschienenen Kant-Biografie gründlich auf. Stattdessen präsentiert er uns einen vielseitigen Kant, der mit dem "Mandarin" von Königsberg, wie Nietzsche ihn sah, kaum noch Ähnlichkeit hat.

Geboren wurde Kant in Königsberg am 22.April 1724. Wörtlich übersetzt heißt Immanuel "Gott ist mit ihm". Die Bedeutung seines Namens gab ihm sein ganzes Leben lang Trost und Zuversicht, schreibt Kühn und fügt hinzu: "Kants autonomer, selbstsicherer und selbstgeschaffener Charakter mag durchaus eine gewisse Art von optimistischem Vertrauen auf die Welt als teleologisches Ganzes voraussetzen, eine Welt, in der alles, einschließlich seiner selbst, seinen bestimmten Platz hat."

Vier der neun Kinder, die in Kants Elternhaus geboren wurden, starben in jungen Jahren. Mit seinen Geschwistern verband den Philosophen nicht viel. Keinem von ihnen stand er wirklich nahe. In den letzten Tagen seines Lebens kam zwar seine Schwester Katharina Barbara zu ihm, um ihn zu pflegen, doch machte ihn ihre "Einfalt" verlegen, obgleich er auch dankbar war.

Kants Eltern waren religiös und stark durch den Pietismus beeinflusst. "Von der moralischen Seite betrachtet", behauptete Kant im höherem Alter, "hätte die Erziehung durch seine Eltern, gar nicht besser sein" können. Seine Schulzeit in einer pietistischen Institution "unter der strengen Zucht der Fanatiker" empfand er dagegen als Pein, nicht so seine Studentenjahre an der Universität Königsberg. Sie waren Jahre der Freiheit und des intellektuellen Wachstums. Um sich sein Studium finanzieren zu können, wurde Kant zwischendurch Hauslehrer in einem Predigerhaus außerhalb Königsbergs.

Kant hatte auch gute Freunde. Zu ihnen gehörten Johann Gotthelf Lindner, Michael Freytag, Georg David Kypke, Johann Daniel Funk und Johann Georg Hamann, der Kant allerdings nicht so nahe stand wie die anderen. Später lernte er Johann Gottfried Herder und Markus Herz kennen.

In jungen Jahren entwickelte sich Kant zu einem Menschen von Eleganz, der bei gesellschaftlichen Ereignissen mit seiner Intelligenz und seinem Witz brillierte. Er war ein "eleganter Magister", der große Sorgfalt auf seine äußere Erscheinung legte und die Ansicht vertrat, "es sei durchaus Pflicht, auf keinen in der Welt einen widerlichen oder auch nur auffallenden Eindruck zu machen." Zudem war er alles andere als ein Frauenhasser, auch wenn er für schnelle sexuelle Abenteuer nicht zu haben war.

Er hielt "den Ehestand für Bedürfnis und notwendig", tat aber nie den letzten Schritt. Einmal gab es "eine gute gezogene, sanfte und schöne auswärtige Witwe", die in Königsberg Anverwandte besuchte. Er leugnete nicht, dass es eine Frau wäre, mit der er gerne leben würde; er berechnete seine Einnahmen und Ausgaben und schob die Entschließung immer wieder auf. Die schöne Witwe heiratete schließlich einen anderen. Ein andermal "rührte ihn ein hübsches westfälisches Mädchen", das eine adlige Dame nach Königsberg begleitet hatte. Er war gern in ihrer Gesellschaft, aber auch hier wartete er zu lange. Danach dachte er nie wieder ans Heiraten. Er selbst soll gewitzelt haben, als er eine Frau gebraucht habe, habe er keine ernähren können, und als er eine ernähren konnte, habe er keine brauchen können.

Alles deutet darauf hin, dass Kant in seinen frühen Jahren fast wie ein Dandy gelebt hat, wie ein geckenhafter Mann von Welt und als geistreicher Unterhalter ein begehrter Gesellschafter war. In der Universität wiederum hatte er sich zu einem brillanten Lehrer entwickelt, dessen freier Vortrag "mit Witz und Laune gewürzt" war.

Ende 1769 erhielt Kant einen Ruf an die Universität Erlangen. Im Januar 1770 wurde ihm eine Stelle an der Universität Jena offeriert. Im Februar 1778 hätte er Professor der Philosophie in Halle werden können. Aber jedesmal lehnte er ab. Er wollte bleiben, "wo er war, als Bürger der Universität Königsberg." Die geregelte Lebensweise, die Kant einhielt, war vielleicht nur eine einfache und schlichte Form der geistigen Hygiene. Ausschlaggebend für diese Entscheidungen war auch Kants Freundschaft mit dem britischen Kaufmann Joseph Green gewesen.

Königsberg hat er nie verlassen, aber, so Egon Friedell, der über Kant promovierte, er wusste nicht nur mehr von der Welt und ihren Bedingungen als alle Weltumsegler. Er las auch Kollegien über Geographie, die den größten Zulauf hatten. Als er einmal das Straßenbild Londons entwarf, gab er eine so genaue und anschauliche Schilderung der Westminsterbrücke, dass ihn nach dem Kolleg ein Engländer fragte, wie viel Jahre er denn in London gelebt habe.

In Königsberg ist er einige Male umgezogen und kaufte sich 1783 sogar ein eigenes Haus. Aber auch hier fühlte er sich mitunter in seiner Ruhe gestört. Diesmal war es nicht ein krähender Hahn wie zuvor, sondern singende Häftlinge und Jungen, die auf der Straße spielten und Steine über den Zaun warfen.

Seine Werke, Ideen und sein Wirken in der ffentlichkeit

Kant begann als Naturforscher und setzte sich als 30jähriger mit dem Erdbeben von Lissabon am 1.11.1755 auseinander. Man solle solche Phänomene rein naturwissenschaftlich untersuchen, meinte er, sich mit Hilfe der Geophysik klar werden, wie es überhaupt zu Erdbeben kommt, und sollte daraus Konsequenzen ziehen. Damit hat Kant diese Fragen (ähnlich wie Voltaire) aus dem theologischen Horizont herausgeholt und nicht mehr gefragt, ob Menschen daran schuld seien oder ob es sich bei derartigen Katastrophen um eine Rache Gottes handeln könnte. Für Kant waren Erdbeben natürliche Phänomene, auch wusste er, dass jede Wirkung eine natürliche Ursache hat und dass wir zudem Gottes Willen nicht erkennen können.

(Die Suche nach übernatürlichen Ursachen bei Naturkatastrophen ist trotz Kant auch heute mitunter noch gang und gäbe. Man denke nur an die Katastrophe von New Orleans im Spätsommer 2005 durch Hurrikan und Überschwemmung. Christliche Fundamentalisten sahen darin eine Strafe Gottes für den "Sündenpool New Orleans", für Abtreibung, Homosexualität und andere "Delikte", jüdische Fanatiker eine gottgewirkte Antwort für die amerikanische Unterstützung des israelischen Abzugs aus dem Gazastreifen und Islamisten eine Antwort auf den Irakkrieg. Hierzu eine Notiz aus der "Zeit" vom 29.9.05: "Mit Fleiß haben viele fromme Aufklärer versucht, Gott und die Vernunft in eine Gleichung zu bekommen. Haben es so lange probiert, bis Gott der Geduldsfaden riss. Da ließ ER in Lissabon die Erde beben, am 1.11.1755, und erinnerte daran, dass Gott sich nicht beweisen und berechnen lässt." Benedikt Erenz.)

Das Leben Kants umfasste das gesamte 18.Jahrhundert. In seine Erwachsenenjahre fielen einige der bedeutsamsten Veränderungen der abendländischen Welt. Kants Philosophie war in erheblichem Maße Ausdruck dieser Wandlungsprozesse und eine Reaktion auf sie.

Den größten Teil seiner Bücher, auch seine bekannten drei Kritiken schrieb Kant in den achtziger und frühen neunziger Jahren, durch die er berühmt geworden ist. Das meiste von dem, woran die Menschen denken, wenn sie den Namen Kant hören, wurde in dieser Phase geschaffen: Der Kant der drei Kritiken, durch die er eine neue Epoche der Philosophie begründete. Herder, der im August 1762 nach Königsberg gekommen war und bei Kant studierte, war später der Ansicht, dass dies Kants besten Jahre gewesen seien. Auch betonte er, Kants einziges Interesse habe der Wahrheit gegolten, um Sekten und Parteien habe er sich nicht gekümmert.

Kant selbst hatte seine Werke unter das Motto de nobis ipsis silemus (über uns selbst schweigen wir) gestellt.

Als Kant seine Lehrtätigkeit an der Universität aufnahm, hatte er bereits eine Reihe von Büchern und Aufsätzen veröffentlicht.

Kant, der Meisterdenker und unermüdliche Aufklärer, entwickelte bereits früh ein unerschrockenes Selbstbewusstsein. "Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will", schreibt Immanuel Kant 1746, gerade zweiundzwanzig Jahre alt und fast gleichzeitig Waise geworden. "Ich werde meinen Lauf antreten und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen."

"Ich habe, ich will, ich werde" - so viel Ich ist rar um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in Preußen, wo Friedrich II. seinen Untertanen zwar das Denken freigibt, aber absoluten Gehorsam verlangt. Erst recht ungewöhnlich wirkt die Ich-Entschiedenheit bei dem mittellosen Sohn eines Handwerkers.

Der "kategorische Imperativ", Aufklärung als "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit", "der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir", das Gewissen als "innerer Gerichtshof des Menschen" sowie der Satz "Begriffe ohne Anschauung sind blind. Anschauungen ohne Begriffe sind leer" - all dies gehörte einst zum intellektuellen Besteck der halbwegs Gebildeten.

Kant ging es vor allem um die Freiheit

Zum Freiheitshelden fehlte Kant zwar die Konstitution. Für einen Freiheitsdenker aber hatte er die besten Voraussetzungen: den Scharfsinn, den skeptischen Blick für die Menschenrealität - und die Courage. Nie zögerte er, die freiheitsverstopfenden Dogmen in Kirche, Politik und Philosophie aufzuspießen.

1781 gelang ihm der große Wurf mit seiner "Kritik der reinen Vernunft", einer Guillotine für Dogmatiker jeder Couleur. Es war eine "kopernikanische Wende" in der Geschichte des Denkens über das Denken. Sprachlich zählt das Werk allerdings zu den widerspenstigsten der Philosophiegeschichte.

Für Kant war das Werk sehr viel mehr als ein akademischer Diskurs. Hat er doch selbst am eigenen Leib erfahren, wie Religion - im Namen angeblich höherer Einsicht - Menschen den Verstand und mit ihm die Freiheit rauben kann. Er erlebte ferner, wie Politik - im Namen angeblich höherer Interessen - Kriege führt und tausende abschlachtet. Für ihn sind das alles "Krankheiten des Kopfes", "Verrücktheiten", die mit einer Vertraulichkeit mit den Mächten des Himmels bluffen. "Die menschliche Natur kennt kein gefährlicheres Blendwerk." Mit seiner "Kritik der reinen Vernunft" entzog er dem Blendwerk den logischen Kredit und beschränkte die Vernunft auf überprüfbares Wissen. Wörtlich: "Der größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht als Organon, zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrtümer zu verhüten."

Kants Zeitgenossen sahen in der "Kritik" das Werk eines Skeptikers. In einer Besprechung aus dem Jahr 1782 hieß es, Kants Buch gereiche "der deutschen Nation zur Ehre."

Kant ging es in dieser Schrift also um die Reichweite des menschlichen Erkenntnisvermögens. Dabei beschränkte er die Vernunft auf überprüfbares Wissen. Menschliche Erkenntnis ist, so stellt Kant hier fest, an Raum und Zeit gebunden. Das, was die Dinge an sich sind, kann der Mensch nicht erkennen. Er kann nur das erkennen, wozu ihn die Erkenntnisorgane, die er als Mensch, als Gattungswesen Mensch besitzt, befähigen, das heißt, der menschliche Verstand erfasst nur, was sinnlich erfassbar und mathematisch beweisbar ist, aber alles, was darüber hinausgeht, ist dem Verstand oder der reinen Vernunft nicht zugänglich. Dazu gehören auch die Begriffe Freiheit, Gott, Unsterblichkeit. Denn sie entsprechen keinen sinnlichen Gegenständen, wir können sie nicht wahrnehmen und beweisen. Aber für unsere Handlungen haben sie eine große Bedeutung. Wir können handeln, als ob es einen Gott gäbe, fühlen, als ob wir frei wären, die Natur betrachten, als ob sie von besonderen Zwecken erfüllt wäre, planen, als ob wir unsterblich wären, und dann merken wir, dass diese Worte unser sittliches Leben wahrhaft verändern. Das Unbedingte, vernunftmäßig nicht Erfassbare wird somit dem Menschen nur als handelndes, nicht als erkennendes Wesen zugänglich, die Ideen wie Gott und Freiheit und dergleichen sind Regulative des Handelns. Im autonomen sittlichen Handeln werden sie dem Menschen zur Gewissheit, mithin ist sittliches Handeln für Kant unmöglich und undenkbar, wenn wir nicht an die Freiheit als Grundbedingung glaubten, wenn nicht dran glaubten, dass es eine Unsterblichkeit gibt, und wenn wir nicht an Gott als den Garanten des höchsten Gutes glaubten.

Wir bedürfen also dieser Begriffe, um sittlich handeln und sinnvoll leben zu können. Kant verbannt sie aus dem Gebiet der reinen Vernunft und nimmt sie in das Gebiet der praktischen Vernunft mit hinein als Postulate, als Denknotwendigkeiten. Man kann folglich den Inhalt dieser Begriffe denken, aber nicht erkennen. Was dem Verstand nicht zugänglich ist, kann sich die Vernunft gedanklich erschließen, wenn auch nicht beweisen.

Kant fragt im Grunde scheinbar (scheinbar im wahrsten Sinne des Wortes) ganz naiv. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Grundlage des moralischen Gesetzes sind nicht die Gebote Gottes oder seine Forderungen uns gegenüber, sondern unsere Autonomie.

Es geht Kant um Freiheit, um Souveränität, um die tägliche Selbsterschaffung des Ichs. Ein Ich erschafft sich nicht, wenn es egoistisch auf seinen Vorteil sieht, sondern nur wenn es sich über sich erhebt: wenn es stets so handelt, als handelte die ganze Menschheit durch dieses Ich. Kant prägte den Satz: "Handle so, dass du wollen kannst, dass die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz werde."

Auf die Maxime also, auf den Beweggrund, auf das Motiv, kommt es Kant an. Wenn ich lüge, stehle ich mich aus der Verantwortung und biege die Tatsachen um. Doch kann ich unmöglich wollen, dass alle sich aus der Verantwortung stehlen. Ich darf mir mithin keine höchst individuelle Ausnahme genehmigen, obwohl es vielleicht gerade bequem wäre, mich aus einer brenzligen Lage mit einer kleinen Lüge zu befreien. Manche sehen im kategorischen Imperativ bloß die philosophische Umständlichkeits-Variante des volkstümlichen Spruchs "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu". Andere wiederum höhnen - frei nach Schiller: Ich wär so gern ein guter Mensch, allein, ich neige zum Guten, darum bin ich wohl böse, denn eine Neigung ist bloß etwas Angenehmes, niemals das Gute.

Tatsächlich: "Gut ist allein der reine Wille", diktiert Kant. Rein ist ein Wille, der frei von Launen, Gefühlen und Neigungen entscheidet. Wofür entscheidet er dann? Fürs "allgemeine Gesetz". Denn wer lügt, macht sich selber mies, wird zum Spielball der Verhältnisse und ist das genaue Gegenteil eines souveränen Subjekts, ist alles andere als ein autonomes Ich, ist nicht wirklich der Handelnde, eher ein Objekt, dem mitgespielt wird. Verhalten sich alle so, dann ist es um die intelligible Welt der Menschenachtung schlecht bestellt.

Praktische Philosophie vermittelt Orientierung, keine Rezepte. "Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Die ewige Gesetzmäßigkeit im Universum, die Selbstachtung im Individuum - darauf kommt es an.

Der kategorische Imperativ ist beileibe keine Leerformel, sondern eine Antwort auf die Frage: Wie ermittelt die moderne Gesellschaft ohne Gott ihre Verbindlichkeiten?

Kants Lösung steht im populären Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?", 1783 in der Berlinischen Monatszeitschrift publiziert.

Der Text beginnt mit dem berühmten Paukenschlag: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit", die in dem Unvermögen besteht, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Warum brauchen wir unseren Verstand nicht? "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen... gerne zeitlebens unmündig bleibt." Kant hofft, dass eine funktionierende freie ffentlichkeit hier gesellschaftlich flankierend für den kategorischen Imperativ wirkt.

Obwohl Kant sehr optimistisch ist im Hinblick auf die moralische Vervollkommnung des Menschen und der Menschheit, geht er davon aus, dass Bösartigkeit zum Wesen des Menschen gehört. Er fragt sich, wie kann man sie überwinden, welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es, diese im Zaun zu halten.

Dem Menschen ist der unausrottbare Hang zu eigen, das Böse zu tun. Dieser Hang ist nicht erworben, er gehört dem Menschen ursprünglich an. Den guten (moralischen) Anlagen des Menschen muss eine entsprechende Erziehung ihr Recht verschaffen.

(Dass Kant allem Anschein nach dem Menschen ein radikal Böses zudiktierte, provozierte Goethes energischen Widerspruch und polemische Unterstellung: Freventlich habe jener "seinen philosophischen Mantel.. mit dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch Christen herbeigelockt werden, den Saum zu küssen", schreibt er an Herder am 7.6.1792.

Kant geht aber auch auf Fragen nach Unglück und Unheil ein, die dem Menschen immer wieder zustoßen. Es sind im Grunde den Menschen "belästigende" Fragen, die die menschliche Vernunft schwerlich abweisen kann und sich dennoch dem gedanklichen Zugriff entziehen. Unglück und Unheil passieren immer wieder, weil der Mensch nicht alles in der Hand hat. Man müsse, meint Kant, Schicksalsschläge ertragen wie einst Hiob sie ertragen und in Würde hingenommen hat, ohne ergründen zu können, warum Gott ihm diese zugedacht hat. (Nietzsche spricht von amor fati, liebe dein Schicksal, Simone Weil glaubte, dass Glück und Unglück im menschlichen Leben sich weder moralisch noch religiös rechtfertigen lassen.)

Kant ist davon überzeugt: "Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt." Er hat das selbst erfahren an seinem Diener Lampe. Dieser besorgte ihm dreißig Jahre den Haushalt, dann wurde er nachlässig, trank zu viel. Kant sah zu, mahnte, strafte, bis er es nicht mehr aushielt. Er entließ ihn. Jetzt sitzt er am Schreibtisch, kann den alten Lampe seit Wochen nicht vergessen, hin und her gerissen zwischen Vernunftprinzip und Gemütswärme. Er nimmt ein Blatt Papier und schreibt darauf: "Der Name Lampe muss unbedingt vergessen werden." Dann heftet er den Zettel vor sich an die Wand. "Zwischen dem bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir spuken allzeit halbdunkle Gestalten." Kant war offensichtlich ein anthropologischer Realist und Skeptiker zugleich.

Kant profitierte von der Regentschaft Friedrichs des Großen.

Feudalherrschaften lassen sonst keine Diskurs-ffentlichkeit zu. Der große Fritz aber sagte: "Räsoniert, soviel ihr wollt, nur gehorcht." Kant akzeptierte das als Fortschritt und schlug einen doppelten Gebrauch der Vernunft vor: "ffentlich" braucht die Vernunft freien Auslauf, "privat" bleibt sie gebunden - wobei Kant als "privaten Vernunftgebrauch" bezeichnet, was wir in dem uns anvertrauten bürgerlichen Posten denken und äußern dürfen. Ein Richter zum Beispiel muss, wenn er zu Gericht sitzt, nach der Räson des herrschenden Rechtsverständnisses urteilen. Sollten Richter unverzüglich praktisch loslegen mit dem, was sie in ihrem Kopf ausdenken oder was ihnen ihr sogenannter gesunder Menschenverstand rät? Dazu Kant: Erstens kann ein Einzelner auch bei sorgfältiger Prüfung seiner Gedanken nie sicher sein, ob sie verallgemeinerungsfähig sind. Zweitens griffe er - im Namen der Freiheit seines Denkens - ein in die Freiheit der Rechtsgemeinschaft. Also muss er auf dem Umweg über die öffentliche Zustimmung durchsetzen wollen, was er für richtig befindet.

Kant sieht in der ffentlichkeit ein Forum zur indirekten Etablierung der Vernunft und hat diese ffentlichkeit dann auch praktiziert. Als Mitglied der "Mittwochsgesellschaft", dem Debattierklub der Elite mit Staatsministern, Juristen, Professoren, nimmt er Stellung zu brisanten Fragen der Gesellschaft und des Staates, zum Beispiel zu den Fragen: "Warum genügt nicht die Zivilehe? Ist der Krieg zu rechtfertigen?." Ohne Rücksicht auf eigene Verluste bekämpfte er aber dann die ideologische Zensur der neuen Herrschaft, des Nachfolgers Friedrichs II. Geht es um Freiheit, Unabhängigkeit, das Ich, so kennt Kant kein Pardon.

Kant und die Ästhetik

"Die Kritik der Urteilskraft" von 1790 ist das dritte und letzte kritische Hauptwerk Kants. Der vielseitige Philosoph, der sich schon 1764 mit Ästhetik in seinen "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" beschäftigt hat, macht mit diesem späten Werk das ästhetische Urteil über das Schöne und Erhabene von aller traditionellen Begründung unabhängig. Die kritische Beurteilung des Schönen und Erhabenen, anzutreffen in Natur und Kunst, lässt sich nicht unter Vernunftprinzipien bringen. Es geht hier um das Gefühl von Lust oder Unlust. Laut Gernot Böhme hat Kants "Kritik der Urteilskraft" in unserer Zeit eine Renaissance erlebt. Man könne sie, seiner Meinung nach, für die gegenwärtige Diskussion und eine Ästhetik der modernen Kunst fruchtbar machen.

Kant und die Religion

Wir können, so Kant, von Gott kein Wissen haben, es bleibt uns nur der Glaube. "Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen", schrieb er mit Blick auf seine "Kritik der reinen Vernunft. Nicht von ungefähr nannte ihn Moses Mendelssohn den "Alleszermalmer der Metaphysik". Heine behauptete dagegen Kant "hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen."

Schon zu seinen Lebzeiten waren Geistliche und andere seiner Zeitgenossen mitunter der Ansicht, dass Kant das Christentum zerstört und das Leben vieler Menschen ruiniert habe. Einige meinten, bei Kant werde Religion zur Lückenbüsserin. Bei anderen erwarb er sich den Ruf eines Atheisten. Schiller wiederum war davon überzeugt, dass der christliche Glaube durch Kant gewonnen habe.

Für Kant ist das Christentum eine verinnerlichte Moral. Er hat die Religion überwiegend moralisch interpretiert. Er lehnte jeden äußeren Kult ab und berief sich dabei auf Hiob, der es ablehnte, Gott zu schmeicheln. Ehrfurcht vor himmlischen Mächten widerstreitet der menschlichen Würde, meinte Kant.

Als er einmal gefragt wurde, ob wir auch ohne Gottes Dasein alle moralischen Verbindlichkeiten herleiten können, antwortete er "selbstverständlich". Für Kant war mithin Moral ohne Religion durchaus möglich. Der Mensch bedarf, so Kant 1793 in seiner Religionsschrift, der Religion nicht, um moralisch zu sein.

Der Protagonist der aufgeklärten Moral ist der Mensch als freies Wesen, das sich eben darum - weil es frei ist - auch selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindet. Auf die Idee eines "anderen Wesens" kann dieses Menschenwesen verzichten, wenn es sich die Normen seines Handelns selbst auferlegt. Aber, so Kant es ist auch keineswegs unvernünftig, an die Existenz eines "anderen" Wesens zu glauben, das dafür sorgt, dass die Moral wirklich und der Mensch dabei nicht unglücklich wird. Weil ein solcher Glaube durch die Vernunft gedeckt ist, spricht Kant von einem "Vernunftglauben". (Aber im Grunde interessierte sich Kant mehr für das menschliche Ich als für Gott.)

Für Kant ist die Ethik nicht von der Offenbarung abhängig, die chinesische Ethik und die christliche Ethik unterschieden sich nicht grundlegend voneinander. Glück bedürfe keiner religiösen Grundlage und die Vernunft stelle in der Ethik ein hinreichendes Prinzip dar. (Hat er der Vernunft zu viel zugetraut?)

Kant, der die Religion innerhalb der Grenzen der kritischen Vernunft festmacht, nimmt damit gegenüber Fundamentalismen eine klare Perspektive ein. Er geht nicht von religiös inspirierten Wahrheiten aus, die von heiligen Männern vertreten werden, vielmehr wird die Religion am Massstab de Vernunft überprüft. Sie ist die fundamentale Basis für alles, was wir tun. Gott ist, laut Kant, ein Postulat der praktisch-sittlichen Vernunft. Er ist kein Wesen außer mir, sondern bloß ein Gedanke in mir.

Doch notiert er 1799 in Reflexion 8106: "Es ist unmöglich, dass ein Mensch ohne Religion seines Lebens froh werde." Aber nicht immer ist eine dokumentierte Aussage auch das letzte Wort des jeweiligen Sprechers.

Religion in Kants Privatleben

Mochte Kant auch in seiner Philosophie ein ewiges Leben und eine künftige Existenz hochgehalten haben, so sollen ihn in seinem Privatleben solche Ideen kalt gelassen haben. Er soll sich verächtlich über Gebete und andere religiöse Praktiken geäußert haben. In Gebeten sah er einen "abergläubischen Wahn". Die organisierte Religion erfüllte ihn mit Zorn, ähnlich wie Nietzsche. Er hielt es, wie schon angedeutet, für unwürdig, vor Gott auf die Knie zu fallen oder durch Bilder mit ihm in Verbindung treten zu wollen. In diesem Falle verehrt man nicht ein Ideal, sondern ein Idol, was "eigenes Gemächsel" ist.

Im Alter hörte Kant auf, in die Kirche zu gehen. Auch verdross ihn das laute Singen geistlicher Lieder. Vor allem solche, die hauptsächlich pharisäischer Andacht dienten, verursachten ihm großes Missbehagen, "indem sie die Nachbarschaft entweder mitzusingen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nötigen."

Der Glaube an einen persönlichen Gott war ihm fremd. Gott und Unsterblichkeit hatte er zwar postuliert, glaubte aber selbst an keines von beiden. Seine feste Überzeugung war, dass derartige Glaubensvorstellungen lediglich eine Sache des individuellen Bedürfnisses seien. Er selbst empfand kein derartiges Bedürfnis. Während Kant in Sachen Geschlechterbeziehungen oder Sexualität kein Revolutionär war, war er in Fragen der Religion ein Nonkonformist und dürfte selbst heute noch den ein oder anderen provozieren, anderen vielleicht, die Schwierigkeiten mit einem Glauben an Gott haben, eine Hilfe sein.

Kant und die evangelische Kirche

Kants Lehre widersprach, wie wir gesehen haben, dem offiziellen Dogma. Doch die evangelische Kirche hatte und hat mit Kant sehr viel weniger Schwierigkeiten als die katholische Kirche. Das hängt nicht zuletzt mit seinem Freiheits- und Pflichtbegriff zusammen. Laut Kant weist die Existenz des allgemeinen Sittengesetzes ("Handle so..") in der menschlichen Vernunft auf eine unbedingte sittliche Freiheit hin, auf eine Wirklichkeit, die für Christen letztlich nur religiös thematisiert werden kann. Dass Kant dem Menschen ein radikal Böses zudiktierte, traf sich mit der theologischen Auffassung von der Erbsünde, "der Mensch ist verderbt von Jugend an..".

Der Münchener Theologieprofessor Jan Rohls spricht sogar von einem zeitweisen fast symbiotischen Verhältnis von evangelischer Theologie und Kants Philosophie. Dieses sei allerdings nur möglich gewesen, so Rohls, weil die Theologen lediglich die Hälfte seines Gedankengutes aufgenommen hätten und alles unberücksichtigt ließen, was ihnen nicht in den Kram passte. Denn bei Licht betrachtet, sei Kants Gottesbegriff doch recht unverbindlich, was Theologen nicht recht sein könne.

Immerhin sieht Kant in Gott eine Idee des Menschen, nicht aber ein Wesen, das außerhalb des Menschen existiert und das, was Kant Postulate nennt, sind für gläubige Christen bzw. religiöse Menschen durchweg die Gewissheiten seines Glaubens.

Was kann ich erkennen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Kant hat diese Fragen, in denen menschliches Dasein sich vollzieht, formuliert und auf seine Weise zu beantworten versucht: Die philosophischen Antworten Kants fordern zu einer eigenen Positionsbestimmung heraus. Das betrifft auch das theologische Denken. Es ist unterschiedlich stark von Kant geprägt, sei es in bewusster Abgrenzung ihm gegenüber, sei es in der Aufnahme zentraler Anliegen seiner Philosophie. Letzteres hat den Ruf begründet, Kant sei der Philosoph des Protestantismus.(Aber es gibt auch das Klischee vom Philosophen des Preußentums.)

Kant und die katholische Kirche

Lange Zeit hat sich die katholische Kirche mit Kant sehr schwer getan. Über ein Jahrhundert durften sich ihre Gläubigen mit dem Königsberger Philosophen nicht befassen. Wer es dennoch tat, musste dies beichten.

Zu seinen Lebzeiten ist der Königsberger Philosoph von katholischen Kirchenfürsten indes geschätzt worden. Katholische Frühkantianer wie der Würzburger Benediktiner Matern Reuß (1751-1798) und Sebastian Mutschelle (1749-1800) konnten sich noch ungehindert und ohne allgemeine kirchliche Aburteilung auf seine kritische Philosophie einlassen. Im Grunde war ihre Begeisterung für den Philosophen nicht weiter verwunderlich, ließ sich doch mit seiner Hilfe gegen die auch der Kirche verhassten Deterministen, Fatalisten, Materialisten und Atheisten gut argumentieren.

Doch allmählich wurde Kant, als sich die Neuscholastik im kirchlichen Raum immer stärker durchsetzte, zum Hauptfeind des katholischen Lehrsystems. Schließlich wurde seine Lehre als Erbsünde der Neuzeit gebrandmarkt und scharf zurückgewiesen. Was manche katholischen Kant-Kritiker, wie Michael Glossner (1837-1909) und Benedikt Stattler (1728-1797) besonders erboste, war, dass Kant die Möglichkeit dogmatischer Metaphysik bestritt und von spekulativen Beweisen für das Dasein Gottes nichts wissen wollte.

Auf die anfänglich positive Kantrezeption folgte eine Phase der Ablehnung und Anfeindung. Vor allem das Verbot von Kants "Kritik der reinen Vernunft", die mit Dekret vom 11.Juni 1827 auf den Index librorum prohibitorum gelangt war, beförderte die dumpfe Ablehnung Kants im Katholizismus und erschwerte kirchentreuen Katholiken die Möglichkeit, sich selbst kundig zu machen. Mitunter wurde Kant regelrecht verteufelt und galt als zerstörerisches Gift sowohl für den Glauben als auch für den gesunden Menschenverstand.

Für katholische Theologen und Philosophen war Kant viele Jahre lang der große Gegner, auf dessen Widerlegung man alle Kräfte konzentrierte. Seine Behauptung, die Existenz Gottes lasse sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen, galt als der Versuch, dem Menschen den Weg zu Gott zu versperren.

Der Ruf "Kant irrt" (errat Kant) war lange der Cantus firmus der katholischen Philosophie und Theologie.

Eine Wende zu einer positiven Kant-Rezeption versuchten Karl Rahner und andere fortschrittliche Theologen im 20.Jahrhundert. Doch Rahners Dissertation zu diesem Thema wurde abgelehnt.

Heute jedoch, mehr als zweihundert Jahre nach Kants Tod, versucht man, dem Königsberger Philosophen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber man sollte nicht hinter ihn zurückfallen, sondern ihn überbieten, schreibt Richard Schaeffler in "Stimmen der Zeit" Heft2 /Februar 2004.

Inzwischen hat sich die Einstellung im katholischen Bereich tatsächlich gründlich geändert. Die Katholische Akademie Eichstätt veranstaltete im Juni 2004 sogar ein dreitägiges Symposium über "Kant und den Katholizismus", dessen Tagungsprotokoll, erweitert um mehrere Beiträge und gründliche Anmerkungen, später veröffentlicht wurde.

Offensichtlich war nunmehr der Zeitpunkt gekommen, die wechselvolle Geschichte, die sich zwischen Kant und dem Katholizismus zugetragen hat, nüchtern zu betrachten und sich über die Bedeutung von Kants Philosophie für den religiösen Glauben Gedanken zu machen.

Doch brisante Fragen tauchen immer wieder auf, wie etwa die: Kann man Kants Philosophie 'christlich' nennen? Welche Rolle spielen Kirche und Offenbarung in seinem System? Ist Kant ein Philosoph des Protestantismus oder eher einer des Katholizismus? Untergräbt seine Transzendentalphilosophie Grundpositionen der katholischen Glaubenslehre? Müssen Katholiken weiterhin Furcht vor Kant haben?

Überwiegend ist man sich darin einig, dass Kant eine enge positive Beziehung zum Christlichen gehabt und das Christentum allen anderen Religionen vorgezogen habe. Er habe in der Bibel gern gelesen und sie bis ins hohe Alter geschätzt, behauptet Aloysius Winter, doch sei er bemüht gewesen, seine persönliche nüchterne Frömmigkeit in seinen Veröffentlichungen zu verbergen. Gleichwohl hielt er auch im Hinblick auf die Bibel die Vernunft für den letzten "Probirstein der Wahrheit" und interpretierte selbst die Offenbarung innerhalb der Vernunft.

Axel Schmidt glaubt sogar, dass es Kant nicht allein um die menschliche Freiheit gegangen sei, sondern ebenso um das rechte Denken über Gott. Kants Ideal kritischer Rationalität sei nicht aufgestellt worden, "um den Gottesbezug des Menschen zu verunmöglichen, sondern um ihn angesichts der Gefahr rein naturalistischer Weltbetrachtung zu retten."

Die Aufhebung des Index war zweifellos ein Segen - da sich Katholiken nun nicht mehr auf Aussagen aus zweiter Hand verlassen mussten - und führte zur Belebung des Studiums der Werke Kants durch katholische Leser, das die Indizierung der Kritik der reinen Vernunft lange behindert hatte. Inzwischen befassen sich zahlreiche katholische Forscher mit seiner Philosophie und genießen große Anerkennung als Kantforscher. Eine Rolle mag dabei gespielt haben, dass Kant als Metaphysiker neu entdeckt worden ist. Hilfreich ist die Besinnung auf Kant allemal, da religiöse Fragen, an denen oft der Sinn des menschlichen Lebens hängt, heutzutage oft esoterisch-irrationalen Moden preisgegeben werden. Zudem sollte nicht übersehen werden, mahnt Norbert Fischer, dass auch eine glaubenslose Gegenwart oft Zuflucht sucht bei Kants kritischer Philosophie. Das Kantische Denken kann, laut Karlheinz Ruhstorfer, dazu beitragen, die freiheitlichen Potenzen der christlichen Offenbarung freizulegen - mit entscheidenden Auswirkungen auf Staat und Kirche.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Kant gegenwärtig aktueller ist denn je, selbst im kirchlichen Raum, vor allem nachdem man auch hier erkannt hat, dass man Zustimmung zu Sätzen über Natur und Existenz Gottes nicht erzwingen kann. Eine Rückkehr zu Kant hilft daher vielleicht mit, auf ein zukunftsgewandtes Denken vorzubereiten, vielleicht sogar, "um mit Kant über Kant hinauszugehen." (Ob dies allerdings unter dem jetzigen Papst Benedikt XVI. noch möglich ist, dünkt fraglich.)

Dass Kant gerade im Hinblick auf Moral und Freiheit aktuell geblieben oder wieder geworden ist, das also haben inzwischen auch katholische Theologen erkannt.

Kant und die Juden

Juden, die mit den religiösen Geboten aufgewachsen waren, konnten sich in der Religionsphilosophie und Ethik Kants durchaus zu Hause fühlen.

Juden, die sich vom Judentum entfernt hatten, beeindruckte besonders die Kantsche Konzeption einer universalen sittlichen Religion, von der sie glaubten, diese stehe für eine Zukunft jenseits von Judentum und dogmatischem Christentum.

Markus Herz (1747-1803) wurde ein guter Freund Kants und war einer seiner frühen Anhänger. Nach seinem Umzug nach Berlin war er ein wichtiger Briefpartner Kants. Herz wurde in Berlin Arzt und hielt dort Vorlesungen über die Kantische Philosophie, die wichtige Regierungsbeamte zugunsten Kants beeinflussten.

Moses Mendelssohn (1729-1786) war ebenfalls Kants literarischer Freund und Unterstützer. Kant hatte von Mendelssohn eine hohe Meinung, der Briefwechsel mit ihm war ihm wichtig. Mendelssohn besuchte im Juli 1777 Königsberg und Memel und nahm bei dieser Gelegenheit auch an einer Vorlesung von Kant teil. Als dieser den "Weisen von Berlin" unter seinen Zuhörern erblickte, unterbrach er seine Vorlesung, verließ sein Katheder, um den Gast herzlich zu begrüßen und zu umarmen. Die anwesenden deutschen Studenten war verwundert, sogar entrüstet, weil Kant einem Juden, der angeblich nicht zu ihresgleichen gehörte zu viel Ehre angedeihen ließ.

Auch der Rabbiner Abraham Geiger war Kant wohl gesonnen. Er war ein wichtiger Vertreter der jüdischen Reformbewegung, der häufig Lessing und Schiller zitierte und dessen Schriften den Einfluss von Kant und Hegel verraten.

Kant selbst war nicht frei von antijüdischen Vorurteilen. Er hat wie Fichte und Hegel die Juden und das Judentum im Rahmen ihrer metaphysischen Systeme kritisiert, da diese beiden Philosophen noch fest in der lutherischen Theologie verankert waren, auch wenn sie sich davon Schritt für Schritt entfernten.

Obgleich Kant in seinem Sittengesetz genau das artikulierte, was die Bibel mit ihrer Erinnerung an den Bund entfaltet hat, behauptete er 1798, dass die "unter uns lebenden Palästinenser... durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges" gekommen seien.

Bekannt ist auch, dass sich Adolf Eichmann auf Kant bezog, im Hinblick auf sein angebliches Pflichtgefühl, um sein Handeln im Nazi-Reich zu erläutern und zu rechtfertigen.

Horkheimer und Adorno zogen dagegen ganz andere negative Schlussfolgerung aus Kants Philosophie. Gerade die Entdeckung und Handhabung der Vernunft als einer rein souveränen, so erklärten sie, die keiner religiösen oder sonstigen Pietät mehr gehorcht, die Einsetzung des Verstandes ohne Leitung eines anderen habe es praktisch möglich gemacht, Vernunft als "Organ der Kalkulation" zu gebrauchen, die gegen Ziele neutral sei, bis hin zu ihrer faschistisch rationalisierten Gestalt in den Vernichtungslagern, bis hin zur Selbstauslöschung der aufgeklärten Subjekte.

Zugegeben, Kants Forderung nach einer "Euthanasie des Judentums" schockiert. Gleichwohl ist der Verdacht, dass er und seine Nachfolger die geistigen Urheber des Nationalsozialismus seien, nicht haltbar.

Micha Brumlik meint in seinem Buch "Deutscher Geist und Judenhass", es sei absurd zu meinen, Kant gehöre in die Vorgeschichte von Auschwitz. Immerhin ist er der Philosoph der Autonomie, der unbedingten Rechtlichkeit und der unverletzbaren Menschenwürde, dem sich ein großer Teil des deutschen Judentums im 19.Jahrhundert bis weit in die Orthodoxie hinein verpflichtet gefühlt habe. In seinem unableitbaren Sittengesetz artikuliere sich "systematisch und vernunftgemäß genau das, was die Bibel mit ihrer Erinnerung an den Bund und die gebietende Stimme vom Sinai in erzählender Sprache entfaltet." Zudem gehört Kant, laut Gulyga, in die Reihe der ersten Denker, die den selbständigen Wert der menschlichen Persönlichkeit, unabhängig von rassischer, nationaler, ständiger Zugehörigkeit, verkündet haben.

Kant, Schiller, Goethe und die Literatur

Goethes Verhältnis zu Kant war distanziert, anfangs fast ablehnend, erst unter dem Einfluss Schillers entwickelte er mehr Verständnis für den Philosophen, musste aber gegenüber Eckermann einräumen, als dieser ihn fragte, ob er ein persönliches Verhältnis zu Kant gehabt habe, dass Kant nie Notiz von ihm genommen habe.

Schiller hat sich vor allem in seiner Jenaer Zeit, von 1784 bis 1796, intensiv mit Kant auseinander gesetzt. Mit der Kant-Lektüre begann die kunstphilosophische Phase in seinem Schaffen. Ohne die Begegnung mit Kant wären weder Schillers Briefe zur Ästhetik noch seine Betrachtungen "Über das Erhabene" geschrieben worden.

Am 13.Juni 1794 hatte Schiller neben Goethe auch Kant zur Mitarbeit an den "Horen" eingeladen, aber Kant hat nicht einmal geantwortet.

Heinrich von Kleist fühlte sich durch die Kantische Philosophie zutiefst verunsichert, weil wir, nach Kant, die Wirklichkeit an sich gar nicht erkennen und nicht begreifen können. Daraufhin gab Kleist seinen Vorsatz auf, sich in der Schweiz niederzulassen; "Er treibt eine Gewaltkur und ohne philosophischen Sinn bis zur Verwirrung des Geistes", schrieb Friedrich Gundolf über diese intellektuelle Eskapade. Heinz Politzer und andere sprechen in diesem Zusammenhang allerdings von einer überschätzten Kant-Krise bei Kleist.

Auch Heine zeigte sich bestürzt nach der Lektüre von Kants "Kritik der reinen Vernunft". "Wegen dieser revolutionären Denk-Tat setzte Heine () die deutsche philosophische der französischen politischen Revolution parallel, ja, er stellte den Königsberger Philosophen noch über Robespierre. 'Sonderbarer Kontrast zwischen dem äußeren Leben des Mannes und seinen zerstörenden, weltzermalmenden Gedanken!'"

Heine nannte Kant einen Scharfrichter, aber dieser richtet "nur" Menschen hin, Kant jedoch habe Gott hingerichtet, da er Gott nicht als selbständiges Wesen begriff, sondern als eine Idee, die nur im Kopf des Menschen existiert.

Auf seine dichtenden Zeitgenossen ist Kant offensichtlich nicht ohne Einfluss geblieben, aber auf die späteren Dichter und Schriftsteller hat er im Gegensatz zu Nietzsche nicht mehr entscheidend eingewirkt. Fontane berichtet voller Selbstironie über seine vergeblichen Versuche, in die Gedankenwelt Kants einzudringen. Grillparzer orientierte sich am Kantischen Sittengesetz und empfahl ihn als ideale Vorstufe für alle, die einen klaren Stil erlernen wollen. "Jeder, der sich der Literatur, wenn auch bloß der schönen widmen will, sollte Kants Werke studieren, und zwar abgesehen vom Inhalt, schon bloß wegen der streng logischen Form", schreibt er in seinem Tagebuch. Nichts sei besser als ein solches Studium, "dazu geeignet, den Sinn für die Deutlichkeit, die Sonderung und die Präzision der Begriffe zu schärfen." Oskar Graf exzerpiert in "Das Leben meiner Mutter" Sentenzen aus Kants Schriften, und in Thomas Manns Buddenbrooks bringt "der donnernde Direktor" in seiner Aula "die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster Würde" und entfaltet "bedrohlich" den "kategorischen Imperativ unseres Philosophen Kants als Banner in jeder Festrede.

Der russische Philosophieprofessor und Kant-Biograph Arsenij Gulyga behauptet sogar, dass enge Verbindungen zwischen der Lehre Kants und verborgenen Grundgedanken der russischen Klassiker bestünden. Tolstoi beispielsweise gab Aphorismen von Kant heraus und bekannte, dass das Leben Kants auf ihn immer einen starken Eindruck gemacht habe. Bei Dostojewskis "Schuld und Sühne" oder bei den "Brüdern Karamasow" soll Kants Auffassung von Gott und Religion indirekt Pate gestanden haben. Raskolnikow überlegt, ob alles erlaubt sei, wenn Gott nicht existiert. Geradezu begeistert waren die beiden russischen Dichter Andrej Belyj und Alexander Blok von Kant. Ein Gedicht von Blok heißt sogar "Immanuel Kant.

"Vielleicht war der Philosoph den deutschen Dichtern und Schriftstellern zu kopflastig, sprachlich zu sperrig und zu wenig poetisch.

Manche Biografen rühmen Kants trockenen Humor

Herder schrieb über den 38-jährigen Philosophen: "Die gedankenreichste, angenehmste Rede floss von seinem gesprächigen Munde. Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot".

Robert Gernhardt dichtete über Kant

"Eines Tages geschah es Kant,

dass er keine Worte fand.

Stundenlang hielt der den Mund,

und er schwieg nicht ohne Grund.

Ihm fiel absolut nichts ein,

drum ließ er das Sprechen sein.

Erst als man zum Essen rief,

wurd' er wieder kreativ,

und er sprach die schönen Worte:

"Gibt es hinterher noch Torte?"

Kant versuchte einmal einem seiner Kritiker und Schüler seinen Standpunkt zu erläutern, schließlich hielt es ihn nicht mehr und er erklärte: "Ich bemerke, indem ich dieses hinschreibe, dass ich mich nicht einmal selbst hinreichend verstehe." Freilich wurde diese Ironie von dem Angesprochenen nicht bemerkt.

Ein anderes Mal sagte er In seinen Vorlesungen, er verstünde Scherz und nehme es Philosophen nicht übel, wenn sie nicht so lebten, wie sie lehrten.

Dann wieder fühlte er sich in einem Kolleg sehr gestört, da die Federkiele besonders heftig kratzten. Er unterbrach seinen Vortrag und ermahnte seine Hörer: "Schreiben Sie doch nicht so viel mit. Ich bin doch nicht das Orakel von Delphi."

Ein anderes Mal in einer Gesellschaft stellte eine Dame sehr viele Fragen an Kant. Zuletzt wollte sie wissen, ob der Mensch eine Seele habe. Kant sagte: "Sicher hat der Mensch eine Seele, denn wie könnten Sie sie mir sonst aus dem Leibe fragen."

(Den Beitrag trug ich in gekürzter Form in einer Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft, Arnsberg, im Februar 2005 vor.)

Auswahlbibliografie:


. . auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis