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Wandelmutig - nicht wankelmütig

Um 1968 avancierte sie zu einer Parteigängerin der undogmatischen Linken, machte sich stark gegen Notstandsgesetze und Atomrüstung, für Frauenrechte und Friedensbewegung. Ihre besondere Verehrung galt der Person von Willy Brandt. Mit ihm ging sie auf Wahlkampfreisen, demonstrierte mit Heinrich Böll gegen die Rüstungsspirale und sympathisierte mit Angela Davis. Politik mit Gefühl zu betreiben war ihr ein Credo.

In den späten siebziger Jahren wurde Luise Rinser zur "Sympathisantin" der RAF-Terroristen abgestempelt und im Herbst 1977 aufgrund rechtsradikaler Drohungen an einer Lesung gehindert, nachdem das Magazin "Quick" sie beschuldigt hatte, im Jahr 1970 die Terroristen Ensslin und Baader beherbergt zu haben. Die Verachtung von linken und rechten Kritikern schlug ihr nun gleichermaßen entgegen, auch vom damaligen württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Der nämlich wünschte viel Erfolg im Kampf gegen Luise Rinser.

Die ihr 1984 von den Grünen angetragene Kandidatur für das Amt des Bundespräsidentin. bei der sie chancenlos gegen Richard von Weizsäcker antrat, trug auch nicht unbedingt zu ihrer Reputation bei. "Ich habe mich für alles interessiert, in der Politik vor allem", sagte sie einmal. Ernüchtert resümierte sie später: "Es sind ja nicht Menschen und Parteien, die Geschichte machen, sondern die Wirtschaft macht Geschichte, die Finanz macht Geschichte - und da kann selbst ein so guter Mann wie Weizsäcker oder ein mir so unsympathischer Mann wie Kohl dran sein - es ändert sich nichts. Und da bin ich manchmal verzweifelt, weil alles nur ums Geld geht."

Das Engagement von Luise Rinser hielt auch in den achtziger Jahren unvermindert an und konzentrierte sich jetzt auf die Friedensbewegung und kirchliche Streitfragen, aber weiterhin auch auf die Unterstützung gesellschaftlicher Randgruppen und Minoritäten wie ihre Schrift "Wer wirft den ersten Stein? Zigeuner sein in Deutschland. Eine Anklage"(1987) und die Herausgabe der Anthologie: "Lasst mich leben. Frauen im Knast"(1987) belegen. "Meine Erfahrung im Gefängnis", schreibt sie hier im Vorwort zum zuletzt genannten Buch, "hat mein Leben bestimmt." Seitdem sei sie inhaftierten Menschen zugetan. Mitunter hat sie auch Lesungen mit männlichen Strafgefangenen veranstaltet( bei einer solchen Lesung im westfälischen Hagen bin ich ihr zum zweiten Mal begegnet) und ihnen in warmherzigen Briefen immer wieder Mut und Trost zugesprochen.

Als der Vater ihr einmal vorhielt, sie sei wankelmütig, entgegnete sie: "Ich bin wandelmutig-nicht wankelmütig."

Eine treibende Kraft war für die Autorin zweifellos die Liebe. "Ich liebe den Menschen als Geschöpf. Er ist etwas ungeheuer Wichtiges im Weltenplan", ließ Rinser ihre Leser wissen. Ausgerechnet zwei Männer der katholischen Kirche sollten prägenden Einfluss auf sie haben. Die große Liebe ihres Lebens, schreibt Luise Rinser in ihrer Autobiografie "Saturn auf der Sonne"(1994) sei M.A. gewesen. Wer hinter diesem Kürzel stand, wollte sie nie verraten, wohl aber, was er ihr bedeutet hat. "Ach, er war mein Schicksal." Nur einmal hätten sie sich flüchtig geküsst - "das erste Mal und das letzte Mal."

Auch zu dem Theologen Karl Rahner hatte die Autorin eine ganz besondere Beziehung, bekennt aber:"Um der Treue zu M.A.willen konnte ich keinen anderen lieben, obwohl das Angebot hinreißend großartig war." Befragt nach ihrem Verhältnis zur Kirche heute, sagt sie ohne Umschweife: "Wir verstehen uns nicht."

Als letzte einer langen Kette schreibender Menschen in Deutschland stand bei ihr am Anfang und am Ende ihres Schaffens die Frage nach Gott - erkannte Tilmann Krause ganz richtig in der Tageszeitung "Die Welt" -, die Frage nach einem sinnvollen, den Gesetzen der Schöpfung gemäßen Lebens.

In den letzten Jahren wurde Rinser eine engagierte Ökologin. "Religiös darf sich nur nennen, wer mitarbeitet an der Bewahrung der Schöpfung", hatte ihr der Dalai Lama in einem Fernseh-Gespräch auf die Frage geantwortet: "Was ist heute für Sie Religion?" Luise Rinser stimmte diesem Satz des buddhistischen Dalai Lama sofort zu, ebenso der hinduistischen Weisheit: "Gott schläft in den Steinen, atmet in den Pflanzen, träumt in den Tieren und will in uns Menschen erwachen." Bis zuletzt war sie von unerschütterlichem Gottvertrauen erfüllt.

Die Widersprüche, die sie in ihrem Werk zu vereinbaren suchte, spiegelten sich in ihrem Leben. Doch sie zeigte sich ihnen gewachsen. Immer wieder erregte sie Aufsehen durch ihren scharfen Blick für scheinheiliges Verhalten in der Gesellschaft und durch ihr politisches Engagement als Christin und Sozialistin. Sie war ein impulsiver gefühlvoller Mensch und agierte niemals vorsichtig und absichernd in lebhaften Diskussionen.

Neben Philosophie und Religionen hatte die Musik für sie eine große Bedeutung. In den sechziger Jahren lernte sie den nach Deutschland geflüchteten, aus Berlin vom südkoreanischen Geheimdienst verschleppten und zeitweilig in Seoul internierten Komponisten Isang Yun kennen, dessen Schicksal sie tief bewegte. Sie veröffentlichte eine Yung-Biographie. Fast zwangsläufig bildete sich bei ihr durch die Parteinahme für Yung, der die südkoreanische Diktatur ablehnte ein symmetrisches Interesse für Nordkorea aus. Ihre Beobachtungen in diesem Land lesen sich mild kritisch bis vorsichtig wohlwollend. In Zeiten des Kalten Krieges wohl keine ganz und gar verwerfliche Handlung angesichts eines damals höchstens pauschal als kommunistischer Popanz im Westen bekannten Landes. Natürlich stieß in jener Zeit ihre Verehrung für den früheren nordkoreanischen Diktator Kim II Sung auf Befremden. Sie hatte in ihm eine Vaterfigur gesehen und verdrängte hinter der Vater-Fassade den Tyrannen allzu gutgläubig. Warum soll sich nicht auch eine Luise Rinser täuschen dürfen? Wer sich engagiert, ist auch manchmal blind. Nur Untätige machen keine Fehler.

Ihre Bereitschaft, sich Problemen zuzuwenden, die unsere Nachkriegsgesellschaft aufwarf - Generationskonflikte, soziale Gegensätze und Eheprobleme, Glaubenskrisen und Lebensangst - hat ihr in ihrem ereignisreichen politisch und religiös produktivem Leben für lange Zeit Aktualität gesichert..


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