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Ihre Aufmerksamkeit galt "den Rand- und Leidfiguren"

Schon in den Dichtungen zur Französischen Revolution manifestierte sich der Protest dieser scheinbar weltabgewandten Lyrikerin, die fern aller politischen Aktivität, ihre Stimme gegen die politische Wirklichkeit erhob und sich bei allen Erscheinungen von Unrecht in der Welt mit den Leidenden identifizierte. Dabei hat sie auch die von der Welt Verachteten und Stigmatisierten in ihr Werk mitaufgenommen in Gedichten wie "Die Landstreicherin", "Die Irre", "Die Fremde", "Die Hässliche", "Die Lumpensammlerin" und "Die Kinderdiebin" und damit ihren Zeitgenossen in einem Spiegel die Bilder derer vorgehalten, die ausgeschlossen, geächtet, verfolgt sind, ohne diese indes zu idealisieren. "Die Leser müssen immer auch den kalten distanzierten Augen folgen, mit denen Therese Rubin auf Susanna blickt. Sie müssen in 'Jüdische Mutter' der Selbstverachtung, dem Selbsthass von Martha Wolg nachspüren", schreibt Thomas Sparr in seinem Nachwort zu "Susanna".

Wie der Essay "Das Bildnis Robespierres" zeigt auch das bisher unveröffentlichte Stück "Möblierte Dame (mit Küchenbenutzung) gegen Haushaltshilfe" Gertrud Kolmar von einer wenig bekannten Seite. Monika Shafi weist darauf hin, dass diese kleine Szene keineswegs ein "amüsantes, aber beiläufiges oder triviales Nebenprodukt" von nur autobiografischem Wert sei, sondern in der nicht zu Wort kommenden, in Ihrem Anderssein nicht akzeptierten Frau die humoristische Brechung eines zentralen Themas des Kolmarschen Werkes. Galt doch, meint auch Monika Shafi, Gertrud Kolmars Aufmerksamkeit "den Rand- und Leidfiguren der Gesellschaft, deren Stimmen nicht vernommen wurden. Mit ungeheurer Intensität erforschte sie die Welt der Außenseiter, zu der sie selbst aufgrund ihrer Erfahrungen als Jüdin, Frau und Künstlerin gehörte. Es verwundert daher nicht, dass in ihrer Dichtung Ironie, Humor oder Groteske fast vollständig fehlen. In einem Werk, das weitgehend auf den hohen Ton von Seins- und Todesproblematik gestimmt ist, scheinen sich die Spielarten des Komischen zu erübrigen. Angesichts dieses Werkkontextes wirkt der kurze Text "Möblierte Dame(mit Küchenbenutzung) gegen Haushaltshilfe" um so erstaunlicher und ungewöhnlicher, da er sich einerseits grundlegend von Kolmars Dichtung unterscheidet und andererseits eine ironische Widerspiegelung ihrer zentralen Problematik darstellt."

Nicht jedem Kolmar-Kenner und -Verehrer dürfte bekannt sein, dass sich die Dichterin, wie Nelly Sachs, zum Tanz hingezogen fühlte und dafür eine Begabung zeigte. In einigen Gedichten, zum Beispiel in "Die Tänzerin" und "Der sonderbare Tanz" klingt das Motiv des Tanzes an. Schwester und Nichte lässt sie in einem ihrer Briefe wissen "..mit ihrer Absicht (die Absicht der Nichte Sabine), eine große Tänzerin zu werden, ist Tante Trude sehr einverstanden. Du weißt ja, dass ich die Tanzkunst liebe.."

Die einzigen Zerstreuungen, die Gertrud Kolmar zusagten, waren das Theater und der künstlerische Tanz. "Hier zeigte sich das Erbteil der Mutter, die nicht nur eine vorzügliche Pianistin war, sondern auch selbst gern Theater spielte" schreibt Hilde Wenzel im Nachwort zu "Das Lyrische Werk".


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