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Religiöse Momente von Botho Strauß bis Peter Ustinov

Religiöse Momente findet man vereinzelt bei Botho Strauß in "Wohnen Dämmern Lügen", bei Bodo Kirchhoff in "Parlando", bei Sten Nadolny in "Er oder Ich".

Bei Nadolny unterhält sich der Erzähler während einer Bahnfahrt zwar mit dem Teufel, aber in erster Linie vermittelt der perspektivisch verschachtelte Roman Einblicke in Nadolnys literarische Methoden. Bodo Kirchhoff schildert eine Fahrt zum Weihnachtsgottesdienst, in dem dem Icherzähler unerwartet dessen Mutter begegnet. Das Ende des Romans enthält ebenfalls christliche Motive: der Tod der Prostituierten wird verbunden mit dem Bild des "Gekreuzigten". Dafür muss man aber viele Seiten einer Geschichte lesen, die nicht immer überzeugt.

Ralf Rothmann, Arnold Stadler und Patrick Roth, Autoren der mittleren Generation, sind nach Meinung einiger hellhöriger Zeitgenossen, zu christlichen Motiven zurückgekehrt. Die Erzählungen "Ein Winter unter Hirschen" von Ralf Rothmann handeln von Glück und Enttäuschung, Mitleid und Demut, von gedemütigten und geschlagenen Menschen sowie vom Scheitern und Gelingen von Freundschaft und Ehe in einer Welt von Traum und Sehnsucht, in der sich die übermächtige Realität als doppelbödig erweist und Tiere in ihrer Ausgesetztheit die Lage des Menschen widerspiegeln. Vieles bleibt ungesagt, und so gibt es durchaus Momente des Unerklärlichen. Manches muss der Leser in Gedanken hinzufügen. Ob man jedoch die Geschichten alle christlich lesen sollte, wie es manche Rezensenten getan haben, sei dahin gestellt. Für Hubert Winkels beispielsweise befinden sich Rothmanns Menschen eindeutig auf der Suche nach dem Transzendenten, mehr noch, Rothmann nähert sich für Winkels sogar der Bergpredigt, er sei, so Winkels, lediglich skeptisch gegenüber allen Formen der religiösen oder anderweitigen Erleuchtung.

Auch andere Kritiker haben bei diesem Schriftsteller neben Sehnsüchten, Ängsten, Verzweiflung das Warten auf das Wunderbare entdeckt, die Ahnung von etwas Schrecklichem und immer wieder die Suche nach Gott, nach metaphysischer Verankerung in einer gottlosen Welt. Meiner Ansicht nach ist diese Deutung überzogen. Denn man kann die Geschichten allesamt und sonders auch unbiblisch lesen. Nur eine spielt direkt auf ein biblisches Gleichnis an. Vom Religiösen her haben mir die Geschichten nicht viel gesagt. Dafür ist das Religiöse hier zu subtil angelegt. Das Literarische Quartett hat das Buch von Rothmann in seiner letzten Sendung vorgestellt, ohne auf etwaige religiöse Momente überhaupt einzugehen.

Der seit etwa zwanzig Jahren in Los Angeles lebende deutsche Autor und Regisseur Patrick Roth schreibt mit Vorliebe über religiöse Erfahrungen und religionsgeschichtliche Episoden. so in seiner Christusnovelle "Riverside", in "Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" und in "Corpus Christi". Im Mittelpunkt von "Corpus Christi" steht Thomas, der Zweifler unter den Jüngern. Drei Tage nach der Kreuzigung seines Herrn begibt er sich auf die Suche nach dem verschwundenen Leichnam. Die Jünger behaupten, Jesus sei von den Toten auferstanden. Thomas war nicht dabei. Er macht sich zwar Vorwürfe, dass er nicht mutig genug war, sich den Häschern Jesu in den Weg zu stellen. Doch in erster Linie geht es ihm um Fakten und Beweise. Er will die Leiche sehen und anfassen. Er will die Wahrheit nicht nur hören, er will sie auch mit eigenen Augen wahrnehmen. Seine Forderung nach Beweisen wird zugunsten der Zumutung des Glaubens zurückgewiesen. Es geht dann recht kompliziert, schwindelerregend, äußerst irritierend und dramatisch weiter. Dem Leser wird allerhand zumutet und abverlangt, da Roth seine Geschichten in dem hohen pathetischen Ton der biblischen Überlieferung erzählt, wobei er bizarre Bilder und Traumgesichte von eigenartigem Reiz entwickelt. Seine Bücher sind eine anspruchsvolle Lektüre, denen mit simpler Logik schwerlich beizukommen ist und die daher, da sie überaus artifiziell und ambitioniert angelegt sind, stellenweise ratlos machen. Mit einem Wort: Für nicht versierte oder nicht christlich eingestellte Leser sind weder Roth noch Rothmann ohne weiteres zu verstehen.

Bei Arnold Stadler, der katholische Theologie studiert und Psalmen aus dem Hebräischen übertragen hat, wobei er diese an die Sprache und die Alltagswelt der Gegenwart heranführt und dabei "zwischen Übersetzung und aktualisierender Paraphrase changiert" - in einem lobt er die Schöpfung im Sinn des Psalms 150: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn" - geht es ebenfalls neben dem Scheitern von Ehen, Abschieden, Verlusten und Verletzungen, verlorenem Kinderglauben, um die Vergeblichkeit der Sehnsüchte nach Heimat und um Identität in der modernen Welt, um Glaubensverlust, Werteverfall, Entwurzelung, Sinnkrise, Gottferne. Er "buchstabiert die Grundschule der Verluste, fromm und ungläubig, erlösungsbereit und erzverloren", urteilt Andrea Köhler.

Wie Lodge und Doctorow beklagt auch Arnold Stadler, dass gegenwärtig über Sexualität ungeniert geredet werde, dass aber keiner mehr wage die Vokabel "Gott" in den Mund zu nehmen. Leute, die es auf sich nähmen, von Gott zu sprechen, machten sich, so Stadler, in den Augen vieler ihrer Zeitgenossen lächerlich. Dieses Manko wird auch in seinem Roman "Ein hinreißender Schrotthändler" thematisiert. Der Icherzähler ist bei einem gottlosen Psychiater in Behandlung. Ihn fragt er: "Was aber ist, wenn es nun doch Gott gibt, der mich für mein Leben bestraft?" Der Psychiater will ihm diese Gedanken ausreden, schließlich setzt seine Analyse voraus, dass es Gott nicht gibt. Augenscheinlich ist Gott für ihn die "schärfste Konkurrenz".

An einer anderen Stelle heißt es:"Ich sehnte mich nach einem Menschen, mit dem ich über alles hätte reden können, selbst über Gott, ohne ausgelacht zu werden." Doch sogar "die alte Irinissima hat noch mit neunzig über mich gelacht, weil ich nach Gott fragte. 'Gott? Alte Weiber reden über Gott und Kuchen, sagte sie.'" Stadler selbst, der während seines Theologiestudiums in Rom fast seinen Glauben verloren hat, betrachtet das Schreiben als Fortsetzung der Theologie mit anderen Mitteln.

Die Kinderbuchautorin Jutta Richter hat vor einigen Jahren einen Roman geschrieben mit dem Titel"Der Hund mit dem gelben Herzen". Erzählt wird hier die Geschichte eines G.Ott, des genialen Erfinders von Himmel und Erde. Sein Freund der Säufer Lobkowitz hat sich von ihm losgesagt und muss dessen paradiesischen Garten verlassen und irrt seitdem in der Finsternis umher. G.Ott selbst ist untröstlich und einsam, weil er glaubt, dass ihm die Schöpfung aus den Händen entglitten sei. Fürwahr, eine eigentümliche Schöpfungsgeschichte, neu und ungewohnt. Dazu muss man wissen, dass die Autorin ihre Erziehung in einer katholischen Klosterschule nicht gerade in guter Erinnerung hat. Sie studierte anschließend einige Semester Theologie und hat, nach eigenem Bekunden, "unter der offensichtlichen Abwesenheit des mächtigen Unsichtbaren, den sie Schöpfer nannten", sehr gelitten und mit ihren Kommilitonen über das "Trostmonopol der katholischen Kirche" heftig debattiert und gestritten.


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