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Verhasst und verehrt - sein Charakterbild schwankt in der Geschichte
Der Publizist Karl Kraus

Von der Parteien Hass und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte", heißt es in Schillers "Wallenstein". Cum grano salis gilt dieser Ausspruch auch für den Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus. Wer sich mit den Biographien und Briefen von Max Brod, Alfred Kerr und Franz Werfel befasst, um nur einige wenige seiner Zeitgenossen zu nennen, die ihm nicht gerade wohlgesinnt waren, gewinnt kein sehr günstiges Bild von dem bekannten und berüchtigten Wiener Publizisten. Viele waren wie die erwähnten Schriftsteller in polemische Auseinandersetzungen mit ihm verstrickt, bei denen es weder sachlich noch fair zuging. Kein Wunder, dass Ludwig Thoma in Kraus den "meist geprügelten Hund sterreichs" sah. Aber nicht nur das, Kraus konnte auch austeilen. Max Brod, Kurt Hiller und andere Literaturkritiker charakterisierte er als "Literaturhysteriker", Alfred Kerr nannte er ein reklamesüchtiges Intrigantchen, das Einsamkeit mimt, und eine "Feuilletonschlampe", dessen "Stil die letzten Zuckungen des sterbenden Feuilletonismus" darstelle. Kerr bezeichnete seinerseits Kraus als "Zwanzigpfennig-Aufguss von Oscar Wilde" als "Nietzscherl", der an "doppelter Epigonorrhöe" leide. Für Franz Werfel war Kraus ein "irdischer Höllensohn", und für Tucholsky wiederum war "dieser Mann ( ) komplett meschugge" und "völlig humorlos".

Arthur Schnitzler, der Kraus einen "Wadenbeißer" nannte, der kaum Kritik ertrug, brachte das Phänomen Kraus auf die lakonische Formel "ein niedriger Kerl.. und sehr begabt", und Robert Musil beschäftigte sich in seinen Tagebüchern seit 1918 ebenfalls wiederholt mit dem "überschätzten" Kraus.

Jene dagegen, die Karl Kraus nahe gestanden haben, erzählen, dass der Schriftsteller Karl Kraus im Grunde eine gesellige Natur gewesen sei, und zitieren ihn mit der Einsicht: "Wenn man mit Menschen lachen kann, ist Sympathie und Übereinstimmung gegeben." Schulfreunde, frühere Mitarbeiter, Verleger, Anwälte, Musiker, Schauspieler, mit denen Kraus die Arbeit am Schreibtisch und auf dem Podium zusammengeführt hat, sowie Teilnehmer seiner nächtlichen Kaffeehaus-Runden schildern erstaunliche Eigenschaften von Kraus, die man bei dem von vielen gefürchteten Satiriker nie vermutet hätte.

"Mit Karl Kraus am Kaffeehaustisch zu sitzen, war ein Vergnügen. Zu seinem Kreis zu gehören, war eine Ehre", gestand einmal der Schriftsteller und Dramaturg Heinrich Fischer. Arnold Schönberg glaubte sogar, dass Kraus das Leben in erster Linie vom Kaffeehaustisch her oder aus der Literatur kenne. Von Freunden und Bekannten erfährt man, dass Karl Kraus Witz und Humor besaß und mitunter sehr aufgeräumt sein konnte, "heiter, lustig, ja sogar ausgelassen". Seine enge Vertraute Sidonie Ndhern er hatte sie im September 1913 kennen gelernt und blieb mit ihr bis zu seinem Tod eng befreundet - behauptete allen Ernstes: "Er sprudelte oft voll spitzbübischer Ausgelassenheit."

"Von dem Menschen, der natürliche und lebhafteste Beziehungen zu Mensch und Tier, zu Blume, Baum und Berg gehabt hat, ist meines Wissens, von niemandem berichtet worden", schrieb der bekannte Verleger Kurt Wolff und bekannte, er fühle sich noch nach seinem Tod "beschämt durch die Noblesse, Zartheit und freundschaftliche Wärme", mit der er von ihm behandelt worden sei.

Von Kraus' Sekretär und Biographen Leopold Liegler wiederum hören wir, dass der private Karl Kraus, jenseits aller Polemik, spannend erzählen und geistreich wirken konnte, "lachen und fast übermütig werden; nur eines konnte er nicht: vom Rüstzeug der Logik, vom menschlichen Ernst, von sich selbst auch nur einen Augenblick absehen."

Berthold Viertel rühmt "seine große Freundlichkeit" und "Ritterlichkeit", die allerdings schnell in "böses Misstrauen" und "verbockte Abwehr" umschlagen konnte.

Sigismund von Radecki versichert uns, Kraus sei "unwiderstehlich" gewesen, "von strahlender Freundlichkeit." "Er war der zartfühlendste, innerlich ausgewogenste Mensch."

Helene Kann ist ebenfalls der Meinung, dass Karl Kraus im Grunde "eine gesellige Natur" gewesen sei. "Wenn man sein Vertrauen gewonnen hatte, trug er sein Herz auf der Hand. Seine Freunde wissen von seiner Güte und Herzlichkeit und seinem echten Wohlwollen zu erzählen."

Bertolt Brecht, der Kraus nach seiner Flucht aus Nazideutschland kurz besucht und über ihn nie ein böses Wort verloren hat, auch wenn ihm "die Haudraufmentalität" der Kraus'schen Rhetorik nicht sonderlich behagte, nannte ihn respektvoll distanziert einen "weisen Freund". Dieser "weise Freund" hat übrigens Brecht in seinen Anfangsjahren nachhaltig unterstützt und gefördert.

Der Theaterkritiker und Romancier Friedrich Torberg, der von sich behauptete, er sei der letzte junge Schriftsteller, den Karl Kraus noch an sich und seinen Kaffeehaustisch im Café Parsifal herangelassen habe, fragte Kraus: "Ich möchte endlich mal ein nützliches Buch schreiben!" Darauf Kraus ganz trocken: "Wissen S' was, schreiben S' doch ein Telefonbuch." Selbst ein Thomas Mann fühlte sich von Kraus' satirischem Pathos nicht selten mitgerissen und wusste sein satirisches Genie durchaus zu würdigen. Freundschaftlich verbunden war Kraus ferner mit Oskar Kokoschka und dem Architekten Adolf Loos.

Werner Kraft, der sich vom Satiriker und Dichter durch "die Wahrheit seiner Satire" angesprochen fühlte, schrieb 1956 die erste Monographie über Kraus mit viel Wärme und Verständnis für seinen Protagonisten.

Geboren wurde Karl Kraus am 28.April 1874 in Jicin (Gitschin) in Böhmen als neuntes Kind des Papierfabrikanten Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine. Seine Kindheit in einem assimilierten Elternhaus hat er stets als glücklich beschrieben. 1877 siedelte die Familie nach Wien über, wo Kraus die Volksschule und das Franz-Josephs-Gymnasium besuchte. Seine Mutter starb bereits 1891. Sein Vater avancierte vom Papiertütenhersteller zum Papierfabrikanten und erwirtschaftete so viel Gewinn, dass sein Sohn Karl zeit seines Lebens finanziell unabhängig war. Noch vor dem Abitur unternahm Kraus erste literarische Versuche bei verschiedenen Zeitungen. Sein Jura-Studium beendete er allerdings ohne Examen. Eigentlich hatte Karl Kraus Schauspieler werden wollen. Doch als er bei einer Dilettantenvorstellung der "Räuber" in einem Wiener Vorstadttheater den Franz Moor spielte und dabei erfolglos blieb, war seine Karriere im Theater beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Von diesem Tag an, dem 14.Januar 1893, hat sich der damals Neunzehnjährige außerhalb der Bühne durch öffentliches Wirken schadlos gehalten, als Verleger, Dichter, Dramatiker,Kritiker und - Vorleser. In der Tat hat er sich nach seinem missglückten Schauspiel-Debüt aufs Vorlesen verlegt und in durchweg übervollen Hörsälen eigene Shakespeareübersetzungen und Bearbeitungen von Nestroy- und Offenbachstücken zum Besten gegeben, oder er rezitierte aus Dramen von Gerhart Hauptmann, aus den Werken von Jean Paul sowie seines Freundes Peter Altenberg. Mitunter trug er ganze Stücke von Gogol, Goethes "Pandora" oder Szenen aus dem zweiten Teil des Faust vor, ferner Texte von Wedekind, Geschichten aus der Bibel, Gedichte von Liliencron sowie Barocklyrik und bald auch eigene Texte.

Seine unvergesslichen Vorlesungen seien stets gut besucht gewesen, obwohl sie weder angezeigt noch in der Presse besprochen worden seien, erinnerte sich Sigismund von Radecki, rückblickend im Jahr 1953. Sie "eröffneten uns", so Radecki, "die Wunderwelt von Shakespeare, Goethe, Gogol, Nestroy. Raimund, Offenbach und vielen anderen."

Untrennbar ist die Biographie von Karl Kraus mit der Geschichte und der Wirkung seiner Zeitschrift "Die Fackel" verbunden. Unter dem Leitspruch "Was wir umbringen" gab er sie seit 1899 heraus, zuerst mit einigen Mitarbeitern. Von 1911 an bis zur letzten, in seinem Todesjahr 1936 erschienenen Nummer füllte Kraus dann die Spalten seiner Fackel ganz allein. Als Autokrat fiel es ihm offensichtlich schwer, noch einen anderen neben sich zu dulden.

Mit seiner Zeitschrift - sie war etwas völlig Neues in der Medienlandschaft der damaligen Zeit - zog Kraus gegen Machtstreben, Verlogenheit und Doppelzüngigkeit scharfzüngig und unnachsichtig zu Felde und nahm aggressiv, satirisch und erbarmungslos die Medien seiner Zeit aufs Korn. Im Krieg prangerte er die Verlogenheit der Kriegspropaganda an und wandelte sich alsbald vom zynischen Polemiker zum streitbaren Pazifisten. Seine scharfe Ablehnung des Krieges, die auch in seiner zweibändigen Sammlung "Weltgericht" zum Ausdruck kommt, haben ihm bis heute zahlreiche Bewunderer gewonnen. Aber er hat nicht nur die Kriegspresse kritisiert, auch das Kapital und die Kirche: das Kapital, weil es den Krieg in ein Geschäft verwandelte, die Kirche, weil sie sich zum Kriegsdienst verpflichten ließ.

Die in der "Fackel" veröffentlichten persönlichen Angriffe machten diese Zeitschrift zu einem gefürchteten und viel gelesenen Organ. Im Mittelpunkt der Kritik standen Journalisten und Schriftsteller - unter ihnen viele Juden -, korrupte Beamte, der Adel, das reich gewordene Bürgertum und ganz besonders sein Todfeind, die Tagespresse.

"Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können - das macht den Journalisten", bemerkte Kraus einmal spöttisch und: "Der Historiker ist nicht immer ein rückwärts gekehrter Prophet, aber der Journalist ist immer einer, der nachher alles vorher gewusst hat."

Der zeitgenössische Erfolg der "Fackel" lag nicht zuletzt in ihren Qualitäten als unabhängiges Oppositionsblatt und an ihren Texten von höchstem literarischen Rang. Sie war, wie ein Anonymus dereinst befand, "ein böser Spielverderber". Für Kurt Hiller bedeutete in der Fackel gedruckt zu werden "der höchste Orden".

Die einen sahen im Herausgeber einen Propheten, einen Meister der Sprache, den 1925 Elias Canetti sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen hatte. Für andere freilich war er ein unbequemer Nörgler und erbitterter Menschenhasser. Das Feuilleton des Berliner Tagblattes indes nannte ihn einen "Pointeur ersten Ranges".

Gershom Scholem war der Auffassung, man sollte, wenn überhaupt nur diese Zeitschrift lesen. Er habe oft Erstickungsanfälle vor Lachen gehabt. Kafka wiederum, der gemeint hatte, "so mauscheln wie Karl Kraus" könne niemand, vermochte kaum die neue Fackel abzuwarten, wie er Robert Klopstock in einem Brief vom 30.Juni 1922 wissen ließ, "diese süße Speise aller guten und bösen Triebe will ich mir nicht versagen."

Wenn man heute "die Fackel" liest, erhält man ein recht pointiertes Bild von der österreichischen Gesellschaft, angefangen von der Donaumonarchie über die Erste Republik bis hin zum Ständestaat, wobei man sich allerdings immer vor Augen halten sollte, dass man von einem Karl Kraus kein objektives Bild seiner Zeit erwarten darf.

Kraus teilte die Menschen in zwei Gruppen ein, in seine Parteigänger und in seine Gegner, zu denen er auch jene zählte, die seine Schrift gar nicht kannten.

In der "Fackel" hat Kraus fast alles zuerst publiziert, was er geschrieben hat, nicht nur Glossen und Essays, auch Gedichte, Aphorismen und in Sonderheften sein Drama "Die letzten Tage der Menschheit" sowie eine stattliche Reihe von Büchern wie "Sittlichkeit und Kriminalität" bis hin zu "Zeitstrophen" und seinen "Worte in Versen".

In der "Fackel" beklagte sich Kraus häufig über die "Verpestung der deutschen Sprache durch die Tagespresse" und forderte 1903 in einem Artikel "Strafbestimmungen gegen die öffentliche Unzucht, die mit der deutschen Sprache getrieben wird".

Denn die Sprache - wie könnte es anders sein? - lag dem Sprachkritiker Karl Kraus am Herzen. "In der Sprache denken heißt", laut Karl Kraus, "nun einmal, aus der Hülle zur Fülle zu kommen" und: "Mit dem Zweifel, der der beste Lehrmeister ist, wäre schon viel gewonnen; manches bliebe ungesprochen."

Einige seiner Zeitgenossen wie etwa der Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff blieben der Sprach-Haltung von Kraus, ihrer Moralität und ihrer Verantwortung zeitlebens verbunden. Chargaff selbst besuchte, nach eigenem Bekunden zwischen 1920 und 1928 jede Wiener Vorlesung seines "Lehrers Karl Kraus."

Sidonie Ndhern berichtet: "Er schöpft die Gedanken aus der Sprache und findet nur auf dem Podium das Leben schön."

Kraus verstand sich als Wächter über die Reinheit der deutschen Sprache und sah seine Aufgabe darin, diese gegen den Missbrauch durch Schriftsteller, Bürokraten und Journalisten verteidigen zu müssen. Seine Sprachkritik war zugleich Gesellschaftskritik, sah er doch im Verfall der Sprachkultur nur einen Ausdruck des Verfalls der ganzen Gesellschaft. Zudem gehörte es zu den Lieblingsbeschäftigungen des Sprachkritikers und Dichters Karl Kraus seine Gegner durch intellektuelle Unberechenbarkeit zu verwirren.

"Der Wiener Karl Kraus", stellt Walter Muschg in seiner "Tragischen Literaturgeschichte" fest, "erscheint mit seinem Wortfanatismus, seinem unerbittlichen öffentlichen Nein gegen die verworfene Zeit und seinem aussichtslosen Kampf gegen die Tagespresse wie ein letzter Abkömmling der alttestamentlichen Richter. Er prophezeite den Untergang der Welt durch schwarze Magie, den er mit der Erfindung des Fliegens beginnen sah. Er erblickte in den Errungenschaften der heutigen Zivilisation die Schändung aller Werte, um derentwillen es sich zu leben lohnt, und schrieb in seinen 'Letzten Tagen der Menschheit' das Schauspiel dieser Agonie als authentisches Mysterienspiel auf."

Der bissige Satiriker wurde gehasst und bewundert. Beides brauchte er offenbar. "Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen", schreibt Marcel Reich-Ranicki in einem Aufsatz über Kraus. "Sein Ehrgeiz wurde nur noch von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen". Sich selbst habe er nie kritisch gewesen. "Er war geistreich", hat unser Literaturpapst weiter herausgefunden, "doch nur selten einsichtig oder vernünftig. Er hatte viel Witz und wenig Humor. Selbstironie sucht man bei ihm vergeblich." Allem Anschein nach habe er die Negation gebraucht, um schöpferisch zu werden. Seine Kritik sei sakrosankt und Kritik an ihm Majestätsbeleidigung gewesen, meinen auch andere Kraus-Kenner. Dafür halten ihn nicht wenige für den einzigen unabhängigen Journalisten aller Zeiten.

Auch bei Karl Kraus kommen wir um die Klärung der Frage nicht herum: Wie stand dieser österreichische Schriftsteller zum Judentum? .

Denn allem Anschein nach wird man ihm tatsächlich, wie Marcel Reich-Ranicki meint, mit all seinen Schwächen und Untugenden, mit seiner pathologischen Bosheit und seiner oft erschreckenden Intoleranz, aber auch mit seinem Mut, seinem Witz und seiner Konsequenz, mit seiner schlechthin einzigartigen sprachlichen Reizbarkeit nur dann gerecht, wenn man auf sein kompliziertes Verhältnis zum Judentum eingeht.

Die durch seine jüdische Herkunft bedingte Außenseiterposition, behauptet Marcel Reich-Ranicki in seinem Buch "Ruhestörer", habe Kraus wie auch Carl Sternheim, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky in Aggressivität und Provokation getrieben.

In dem so imponierenden und grausamen Radikalismus dieses Schriftstellers, in seiner schrecklichen Unbedingtheit und in der gerade bei ihm auffallenden Verbindung von leidenschaftlicher und hasserfüllter Zeitkritik mit überwältigendem Gerechtigkeitsfanatismus wird beides zugleich spürbar (davon ist nicht nur Reich-Ranicki überzeugt): jüdische Tradition und jüdisches Ressentiment. Eine Reihe von Kraus-Experten vertritt die Meinung, dass die Wortgläubigkeit von Kraus ihre Wurzeln in der Welt des Alten Testaments habe, vor allem in der des Talmuds, und dass seine Persönlichkeit und sein literarisches Werk sowie Polemiksucht und Sprachbesessenheit vornehmlich durch sein Judesein bestimmt worden seien. Immerhin erfasst ein Jude seit jeher Gott im Wort und nicht im Bild, und diese Vorliebe für das Wort hat sich auch auf nichtreligiöse Juden übertragen. Tatsache ist, dass Kraus 1899 die jüdische Religionsgemeinschaft verlassen hat und 1911 der katholischen Kirche beigetreten ist, von der er sich jedoch 1923 wieder trennte, weil die Kirche dem von ihm verachteten Max Reinhardt erlaubt hatte, in der Salzburger Kollegienkirche das Spiel "Das Salzburger große Welttheater" des von Kraus gleichfalls geschmähten Hugo von Hofmannsthal aufzuführen. Über Juden hat sich der scharfzüngige Wiener Kritiker häufig bösartig und einseitig geäußert. Gleichwohl lehnte er den rassischen Antisemitismus ab, übernahm aber bisweilen sein Vokabular. Nicht selten drückte sich sein Spott über seine Glaubensgenossen in satirischen Bemerkungen über jüdische Schieber, rückständige Galizier, den Zionismus und jüdische Literaten aus. Oft setzte er jiddische Ausdrücke als Mittel der Verhöhnung ein. Wie die Antisemiten so war auch Kraus ein entschiedener Dreyfus-Gegner und bekämpfte die in jüdischem Besitz befindliche liberale "Neue Freie Presse". Doch kam es gelegentlich auch vor, dass er antisemitische Exzesse attackierte oder sich für einzelne jüdische Schriftsteller einsetzte, namentlich für Peter Altenberg und Else Lasker-Schüler. Sein Essay "Er is doch e Jud" von 1933 ist ein gutes Beispiel für seine sehr ambivalente Einstellung zu seinen Ursprüngen. Walter Benjamin, der über Karl Kraus einen längeren Essay verfasst hat und in ihm einen "heroischen Kämpfer auf verlorenen Posten" sah, glaubte, dass dieser keineswegs das "Judentum in sich niedergerungen" habe und bezeichnete seine Verehrung der Gerechtigkeit in Form der deutschen Sprache als "echt jüdischen Salto mortale".

Laut Brod soll Kafka gesagt haben: "Kraus sperrt die jüdischen Autoren in eine Hölle, gibt gut acht auf sie, hält strenge Zucht. Er vergisst nur, dass er in diese Hölle mithineingehört." Wie bei Otto Weininger feierte der jüdische Selbsthass auch in den Schriften von Kraus wahre Orgien.

Doch 1934 hat er in der "Fackel" verlauten lassen, dass er die Kräfte eines unkompromittierbaren Judentums dankbar anerkenne und über alles liebe als etwas, das von Rasse und Kasse, Klasse, Gasse und Masse unbehelligt in sich ruht.

So sehr Kraus' Beziehung zum Judentum auch durch Negation und Widerspruch gekennzeichnet war, so hat er doch seit dem Anwachsen des Antisemitismus in den zwanziger Jahren sich dann weniger zugespitzt über Juden geäußert. In der 1933 entstandenen und 1952 postum veröffentlichten "Dritten Walpurgisnacht" finden sich neben dem Entsetzen über die klar durchschaute nationalsozialistische Gewaltherrschaft auch einzelne Stellen, die vermuten lassen, dass Kraus inzwischen eine positivere Einstellung zur eigenen Verankerung in der jüdischen Tradition gefunden hatte.

Drastisch hat er indes den Zionismus zurückgewiesen und sich In seinem Pamphlet "Eine Krone für Zion" (1898) massiv gegen Herzls bürgerlich-westliche Bewegung gewandt, da diese die vordringliche Rettung der verelendeten jüdischen Massen des Ostens nur vernachlässige und verschiebe. Herzls Anhängern warf er vor, den antisemitischen Schlachtruf "Hinaus mit Euch, Juden!" mit der Antwort: "Jawohl, hinaus mit uns Juden" zu erwidern.

Herzl und den Zionismus habe Kraus, schreibt Margarita Pazi in ihrem Aufsatzband zur deutsch-jüdischen Literatur, der unter dem Titel "Staub und Sterne" erschienen ist, nicht auf Grund von Tatsachen beurteilt, sondern aus Gefühlsgründen und damit wider die richtigen Prinzipien gehandelt, deren Fehlen er bei anderen bloßgestellt hat.

Und wie hat Karl Kraus auf Hitler reagiert?

Hermann Broch, der stets Partei für den ethischen Satiriker Kraus gegen den dem Ästhetizismus seiner Zeit verhafteten Hofmannsthal genommen hatte, vertrat die Überzeugung, dass von Kraus die österreichischen Missstände als "Symptome der Epoche" früh durchschaut worden seien, in der "das kommende Unheil, das kommende Menschenleid bereits "gelauert habe.

Schon 1933 hatte Kraus gedichtet:

"Man frage nicht, was all die Zeit ich machte,

Ich bleibe stumm;

und sage nicht warum,

Und Stille gibt es, da die Erde krachte;

Kein Wort, das traf;

man spricht nur aus dem Schlaf.

Und träumt von einer Sonne, welche lachte.

Es geht vorbei;

Nachher war's einerlei.

Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte".

Das Gedicht sei, so, lesen wir in Paul Schlicks Kraus-Monographie, damals kaum verstanden und von vielen verhöhnt worden. Nur Bertolt Brecht habe seine Bedeutung erkannt:

"Als der Beredte sich entschuldigte,

dass seine Stimme versage

trat das Schweigen vor den Richtertisch

nahm das Tuch vom Antlitz und

gab sich zu erkennen als Zeuge."

Auch Sidonie Ndhern hat sich später daran erinnert, wie verzweifelt Karl Kraus einige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1936 wegen Hitler gewesen war. "Er konnte es nicht mehr aushalten, was unter Hitler geschah, er sah keine Zukunft mehr, .. er sah nur noch Zerstörung und Untergang."

Auf die Machtübernahme Hitlers antwortete Kraus zunächst mit Schweigen und gab 1934 keine Nummer der Fackel heraus, sondern erklärte lediglich in seiner Verlautbarung "Warum die Fackel nicht erscheint", dass er an eine Grenze geraten sei, weil "Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire" sein könnten. Zweifellos entsprang der Text einer großen persönlichen Erschütterung und ist deshalb subjektiver als die der früheren Texte. Noch in den "Letzten Tagen der Menschheit", das dem Albtraum des Ersten Weltkrieges widerspiegelt, glichen die Akteure Operettenfiguren, die die Tragödie der Menschheit aufführten, zum größten Teil satirisch und humorvoll. "Die Dritte Walpurgisnacht" aber ist ein einziger Aufschrei und zugleich eine exemplarische Darstellung eines scheinbar übermächtigen Elementargeschehens. In dieser findet sich eine schonungslose und in manchem erstaunlich scharfsichtige Abrechnung mit den Nationalsozialisten.

Zwei Jahre später ist Karl Kraus am 12. Juni 1936 einem Herz- und Gehirnschlag erlegen. Doch blieb er bis zum letzten Tag streitbar. Noch auf dem Totenbett gab er dem behandelnden Arzt die Schuld an seinen Krankheiten. Seine gute Bekannte Helene Kann, die bei dem Junggesellen wachte, widersprach ihm: "Ach, Karl, dem tust du auch Unrecht." Da richtete sich der Sterbende zu seiner letzten Frage auf: "Wem habe ich denn jemals Unrecht getan?"

Der Wiener Maler Oskar Kokoschka schrieb nach seinem Tod: "Karl Kraus ist abgestiegen zur Hölle, zu richten die Lebendigen und die Toten."

Dieser Aufsatz erschien in der Zeitschrift "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums". Heft 191 3.Quartal 2009.


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