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Theodor Wolff und das Berliner Tageblatt

Sternstunde im liberalen deutsch-jüdischen Journalismus

Alljährlich wird ab 1962 der Theodor-Wolff-Preis an herausragende Journalisten verliehen. Wer aber war Theodor Wolff? Er war Journalist, Schriftsteller, Politiker und zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bis Anfang der 30er-Jahre verantwortlicher Leiter des Berliner Tageblatts, der bedeutendsten Tageszeitung im Rudolf-Mosse-Verlag. Mit seinen Leitartikeln, die von einem hohen freiheitlichen, demokratischen und gesellschaftspolitischen Verantwortungsgefühl zeugen, beeinflusste Wolff die deutsche Politik und darüber hinaus die Literatur und Kultur seiner Zeit. Sein Name steht heute noch für journalistische Qualität und eine beeindruckende Lebensleistung, für Brillanz in Sprache, Stil und Form und anspruchsvolle moralische Massstäbe. Theodor Wolff und seine Zeitung verkörperten geradezu eine Sternstunde im liberalen deutsch-jüdischen Journalismus, die heute noch ihresgleichen sucht.

Schauen wir uns Theodor Wolffs Leben und Werk einmal genauer an. Geboren wurde er, vor hundertvierzig Jahren, am 2.August 1868 als Sohn des wohlhabenden Textilhändlers Adolph Wolff und seiner Frau Recha in Berlin am Dönhoffplatz. Aufgewachsen ist er in einer assimilierten politisch liberalen jüdischen Familie. Er besuchte das Königliche Wilhelmgymnasium in Berlin, konnte aber, da er das Gymnasium nicht mit dem Abitur abschloss, ein reguläres Studium nicht aufnehmen. Gleichwohl hörte er an der Berliner Universität Vorlesungen, insbesondere bei Wilhelm Dilthey und Theodor Mommsen, der sein historisches Urteil stark mitbestimmt hat. Im Sommer 1887 begann Wolff eine kaufmännische Lehre im Zeitungshaus seines Cousins Rudolf Mosse. Hin und wieder schrieb er damals schon kleinere Artikel für das Feuilleton. Im Dreikaiserjahr 1888, in dem der von schwerer Krankheit gezeichnete Friedrich III. für kurze Zeit Kaiser war, musste Wolff täglich über den Zustand des 56-Jährigen berichten und konnte mit seiner Serie einen ersten großen Erfolg verbuchen. Nach dem Tod des Kaisers reiste er nach Skandinavien, nach Italien, kurz auch nach Tunis und telegraphierte als freier Mitarbeiter auf Honorarbasis von allen Orten Artikel in die Redaktion, Nebenbei verfasste er zeitgenössische Theaterstücke, die er später in seinen Erinnerungen selber als nicht bedeutend einstufte.

Zusammen mit dem Publizisten Maximilian Harden. den Dramaturgen und Theaterkritikern Heinrich und Julius Hart, dem Schriftsteller Julius Stettenheim, dem Verleger Samuel Fischer und den Theaterkritikern Paul Schlenther und Otto Brahm gründete Theodor Wolff 1889 die "Freie Bühne". Damit gab er den Startschuss für das glanzvollste Kapitel deutscher Bühnenkunst und trug entscheidend mit dazu bei, dass sich der Naturalismus mit Ibsen, Strindberg und Hauptmann in Deutschland durchsetzen konnte.

Durch Vermittlung seines Cousins, des Zeitungsverlegers Rudolf Mosse, wurde Wolff 1894 Korrespondent des Berliner Tageblatts in Paris, wo er unter anderem die Dreyfus-Affäre kritisch verfolgte und die wohl umfangreichste, durchdachteste Berichterstattung dieser, die politische Stimmung aufwühlenden Justiz- und Staatsaktion lieferte. Von Anfang an unterstützte er die Unschuldsvermutung und deckte zugleich die antisemitischen Tendenzen in der Berichterstattung anderer Zeitungen auf. Obwohl ihm Dreyfus nicht einmal sonderlich sympathisch war, beharrte er, gegen die Meinung vieler anderer großer Blätter, auf der Unschuldsvermutung. Tatsächlich wurde Dreyfus 1906 freigesprochen und rehabilitiert.

In Paris hat Wolff auch geheiratet: Marie Hickethier im Oktober 1902. Zusammen hatten sie drei Kinder. Trotz mancher Seitensprünge von Wolff währte die Ehe bis zum bitteren Ende im Exil .

Während der Zeit in Frankreich entschied sich Wolff endgültig für den Journalismus, obwohl er ursprünglich Schriftsteller und Dramatiker werden wollte. Seine exzellent geschriebenen Artikel aus Frankreich veranlassten Rudolf Mosse 1906 ihm die Stelle als Chefredakteur des sich zum Flaggschiff des Konzerns mausernden Berliner Tageblatts anzubieten. Obwohl Wolff Paris nur ungern verließ, nahm er das Angebot an und erreichte, nicht zuletzt mit seinem montags erscheinenden Leitartikel "lundi" - sein Kommentarkürzel T.W. "avancierte bald zum Markenzeichen für hochkarätigen linksliberalen Journalismus -, dass die Auflage des Blattes während seiner Amtszeit als Chefredakteur von hunderttausend auf eine viertel Million stieg. Täglich lieferte das Berliner Tageblatt seinen Lesern eine bebilderte Beilage und am Sonntag eine unentgeltliche Illustrierte.

Auch war das Blatt beileibe keine Gesinnungszeitung. Von Anfang an hatte es die Parteipresse alten Stils hinter sich gelassen und war nicht auf eine bestimmte Klientel zugeschnitten, weder auf eine bestimmte soziale Schicht noch auf politische Parteigängerschaft wie es in der damaligen Berliner Zeitungslandschaft üblich war.

Aus Überzeugung förderte Wolff zahlreiche Redakteure mit eigenwilligen Temperamenten, deren Individualität für ihn eine wichtige Basis des liberalen Profils der Zeitung war.

Auf eine Umfrage der "Literarischen Welt" über die Organisation einer großen Tageszeitung antwortete er: "Das Ideal ist, viele verschiedenartige Individualitäten zu sammeln, niemand in der Betonung seiner Persönlichkeit zu behindern und doch aus all den Eigenwilligen und Eigenartigen eine Einheit zu bilden, indem man sie zu einem bestimmten Ziele führt. Ich glaube, dass eine Zeitung nicht gut ist, wenn die in ihr wirkenden Geister in einem Nivellierungsverfahren gleichmäßig abgeplattet sind und einander zum Verwechseln ähnlich sehen, und ich glaube, dass eine Zeitung schlecht ist, wenn sie nicht einen festen einheitlichen Willen erkennen lässt. Sie ist reizlos ohne die Vielfältigkeit der Temperamente, aber sie ist nur ein Papierlappen, wenn ihr der klar ausgeprägte Charakter fehlt."

Das Blatt hatte in der Tat hervorragende Kulturredakteure wie den gefürchteten Theaterkritiker Oskar Blumenthal aus der Wiener Schule Saphirs, und den nicht minder gefürchteten Alfred Kerr, der über das Theaterleben in Berlin wachte. Zu den freien Mitarbeitern gehörten zeitweilig auch Günther Anders, Lion Feuchtwanger, Max Brod. Alfred Döblin, Stefan Zweig, Gerhart Hauptmann, Erwin Kisch und Walther Rathenau. Wolffs Redakteure wiederum waren beeindruckt von seinem politischen Spürsinn und Instinkt, von seiner journalistischen Gewissenhaftigkeit und seinem persönlichen Charme.

Darüber hinaus sorgte ein dichtes Netz von Korrespondenten mit profunder Sachkenntnis vor Ort, dass sich Leser auch aus den Hauptstädten Europas und wenn erforderlich, darüber hinaus, über die politische Lage und aktuelle Vorkommnisse mit Hilfe der neu aufkommenden Kommunikationsformen wie Telegraph und später Telefon informieren konnten. Die oft über Jahre im jeweiligen Land ansässigen und daher mit den dortigen Gegebenheiten vertrauten Journalisten bemühten sich stets um Aktualität, Authentizität und Tiefenschärfe in ihren Reportagen.

Zudem achtete Wolff streng darauf, dass die Zeitung Distanz zur Regierung hielt. Mehr noch, er setzte sich kämpferisch für liberale Bürgerrechte ein, forderte die Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems, demokratische Reformen im Innern, eine "Parlamentarisierung" der Reichsverfassung und hielt den Vorrang der militärischen vor den zivilen Gewalten für einen grundlegender Fehler im wilhelminischen Staatswesen. Mitunter führte die kritische Schärfe der Zeitung zu einem Informationsentzug der Regierenden. So gab Reichskanzler Bernhard von Bülow dem Berliner Tageblatt keine Interviews mehr und sein Nachfolger Theobald von Bethmann Hollweg verbot allen Dienststellen, den Redakteuren Nachrichten oder "orientierende Winke" zukommen zu lassen.

Schon vor 1914 hatte Wolff das Vorspiel zur Isolierung Deutschlands in Europa hellsichtig erkannt und vor der preußischen Rüstungs- und Flottenpolitik gewarnt, vor Chauvinismus und falsch verstandenem Nationalismus. Während des Ersten Weltkrieges wurde die Zeitung sogar mehrfach vorübergehend verboten, nachdem sich Wolff in seinen Zeitungsartikeln für einen europäischen Verständigungsfrieden eingesetzt hatte. Der deutsche Kronprinz bemerkte damals über die Berliner Zeitung, "die kann man nur mit der Feuerzange anfassen." Wolffs Protest auf die ihm auferlegte mehrmonatige Schreibpause erwies sich dann als äußerst unangenehm für die Regierung, da diese im Ausland zur Unterstützung der antideutschen Stimmung benutzt werden konnte.

Da sich Wolff schon im Ersten Weltkrieg gegen die annexionistischen Pläne des deutschen Militärs und für eine Stärkung des Parlaments eingesetzt hatte, wundert es nicht, dass er die Abdankung des Kaisers 1918 als "die größte aller Revolutionen" begrüßte. Wolff war zwar Radikaldemokrat, sprach sich aber auch vehement gegen die Bolschewisten und für Friedrich Eberts gemäßigten sozialdemokratischen Kurs aus. Auch trat er in dieser Zeit selbst aktiv in die Politik ein. Inspiriert von der französischen Demokratie und dem dortigen Parlamentarismus gründete er im November 1918 zusammen mit Alfred Weber, Otto Fischbeck, Rudolf Mosse, Martin Cohn, dem Chefredakteur der hauseigenen "Berliner Volks-Zeitung", mit Otto Nuschke und anderen linksliberalen Persönlichkeiten die "Deutsche Demokratische Partei".

In dieser Partei setzte er sich, wie auch in seinen berühmten Leitartikeln, für ein republikanisch ausgerichtetes Bündnis zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft ein und engagierte sich, ohne selbst führende Positionen in der Politik zu übernehmen. Allerdings trat er am 4.Dezember 1926 aus der Partei wieder aus. Anlass dafür war die Zustimmung eines Teiles der DDP- Reichstagsabgeordneten zu verschärften Zensurbestimmungen gegen sogenannte Schmutz- und Schundliteratur.

In der Weimarer Republik entwickelte sich das Berliner Tageblatt nicht nur zu einer der führenden liberalen Zeitungen in Deutschland, sondern auch zu einem Weltblatt und zu einem im Ausland angesehenen Organ des politischen Liberalismus, in dem die publizistische Prominenz der Weimarer Republik zu Wort kam. Bis zur Gleichschaltung 1933 begleitete das Berliner Tageblatt kritisch und beratend die einzelnen Regierungen der Weimarer Republik, wobei Wolff, der ein gern gesehener Gast verschiedenster Minister war, sich weiter vehement für eine Verständigung mit den europäischen Nachbarn, aber auch mit der Sowjetunion einsetzte. Unermüdlich bekämpfte der Chefredakteur den antidemokratischen und antisemitischen Geist der deutschen Rechten und später der Nationalsozialisten und warnte eindringlich vor dem Extremismus von links wie rechts: "Es ist mir egal, ob ich den linken oder rechten Stiefel in meinem Nacken spüre." Wie zu erwarten war, polemisierten gegen das "Flaggschiff jüdisch-liberalen Börsianertums" immer wieder Chauvinisten, alldeutsche Konservative oder Antisemiten. Intellektuelle, Liberale und Sozialdemokraten lobten dagegen das Niveau und die unabhängige, wohltuend antinationalistische Haltung von Wolff und seinem Blatt im Gefecht der Geister.

Doch für Antisemiten repräsentierte Theodor Wolff, der sein Schreiben ausdrücklich gegen "Dummheit, Rückgratschwäche und Furcht" gerichtet hatte, den Typus des großbürgerlichen, assimilierten und kosmopolitischen Juden und sein Tageblatt die "verjudete" Berliner Presse wie auch das "jüdisch-demokratische Kosmopolitentum". Früh fand sich sein Name, gemeinsam mit den Namen Walter Rathenaus und Rosa Luxemburgs auf den schwarzen Listen völkischer Gruppierungen, dem die alldeutsche Rechte letztlich die Schuld an der Niederlage Deutschlands zuschob. Die Tatsache, dass sein Name auf Mordlisten verschiedener rechtsradikaler und völkischer Gruppen auftauchte, ließ in Wolff die Angst wachsen, dass er wie Walther Rathenau Opfer eines Attentats werden könnte. Diese Angst begleitete ihn bis an sein Lebensende.

Wie intensiv Name und Person Wolffs mit der Behauptung von der jüdischen Unterwanderung der deutschen Presse verknüpft waren und in welchem Maß Polemik und Propaganda von diesem hohen Bekanntheitsgrad ausgingen, zeigt sich auch darin, das die Nazis 1940 davon überzeugt waren, es genüge, in ihrem antisemitischen Hetzfilm "Der ewige Jude" von Fritz Hippler lediglich eine kurze historische Filmsequenz mit Theodor Wolff einzufügen, um damit dem Publikum das Thema verständlich und einprägsam anschaulich zu machen.

Vor den Septemberwahlen 1932 warnte Wolff in seinem Essay "Um Alles" vor dem "Absturz in die Finsternis" und beschwor die Wähler eindringlich, sich nicht zu schweigender Unterwerfung zwingen zu lassen. Klar, dass ein solcher Mann dann auch gerade den Nationalsozialisten als der Feind erscheinen musste, der er tatsächlich war.

So sehr Theodor Wolff die Bestrebungen des politischen Liberalismus der Weimarer Republik stützte, so konnte er doch nicht dessen Niedergang verhindern. Sogar nach der Machterschleichung Hitlers war sein letzter Leitartikel "Es ist erreicht" tapfer und kompromisslos gegen die neue Diktatur gerichtet, in der Hoffnung, dass sich im Volk doch noch der Widerstand regen würde.

Man erzählt sich, Goebbels habe Wolff ins Exil das Angebot geschickt, er könne bei einer Rückkehr nach Berlin über einen großen Freiraum verfügen. Wolff lehnte ab. "Ehrenarier" von Goebbels Gnaden zu werden, war seine Sache nicht. Als eines Tages sogar der Propagandaminister die gleichgeschaltete Presse zu langweilig fand, riet er den Teilnehmern einer innerdeutschen Pressekonferenz: "Lesen Sie sich im Berliner Tageblatt die Leitartikel Theodor Wolffs durch. Der ist zwar Jude. Aber er kann schreiben."

Offenbar war Theodor Wolff noch in der Nacht des Reichstagsbrandes von Mitarbeitern, die seinen Namen auf einer Verhaftungsliste der Nazis entdeckt hatten, zur Abreise aus Berlin bewogen worden. Seine Emigration führte ihn zunächst über München nach sterreich - hier erreichte ihn die Mitteilung von seiner Entlassung durch Hans Lachmann-Mosse, der nach Rudolf Mosses Tod dessen Nachfolge angetreten hatte -, dann nach Frankreich, wo er das allerdings finanzschwache Pariser Tageblatt ins Leben rief.

In Deutschland brannten unterdessen im Mai 1933 Wolffs Schriften auf dem Scheiterhaufen. Mit der Begründung "Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung.." waren sie mit anderen Büchern und Aufzeichnungen ins Feuer geworfen worden. Ein Jahr später erkannten ihm die Nationalsozialisten die deutsche Staatsbürgerschaft ab.

Die nächsten Jahre verbrachte Wolff in Nizza und bot von hieraus den Zeitungen Artikel an, die dann nicht nur an einer Stelle gedruckt wurden. Auch im Exil hat er sich mit Disziplin jeden Morgen an den Schreibtisch gesetzt und geschrieben. Das Berliner Tageblatt freilich soll er kaum noch gelesen haben. Nachdem dieses die Nacht des sogenannten "Röhm-Putsches" 1934 mit der Überschrift "Durchgegriffen" gefeiert hatte, legte Wolff es für immer zur Seite. Das Berliner Tageblatt, das jetzt ohne die Nennung Wolffs als Chefredakteur erschien, verlor zusehends an Gewicht und Bedeutung und degenerierte "zu einem reizlosen Blatt". Am 31.Januar 1939 stellte es dann sein Erscheinen ganz ein.

Wolff nahm fortan an Zeitungspolemik und propagandistischer Tätigkeit nicht mehr teil und widmete sich stattdessen seinen vielfältigen literarischen Neigungen. Die erzwungene Flucht aus Deutschland und die "Ausbügerung" regten ihn im Exil dazu an, sich mit dem "jüdischen Problem" und dem eigenen Verhältnis zum Judentum auseinander zu setzen.

Im Frühjahr 1943 schloss er das Manuskript "Die Juden" ab. Es ist der erste Teil - nur dieser konnte ausgeführt werden - einer Trilogie, in der "Die Franzosen" und "Die Deutschen" ebenfalls behandelt werden sollten. Neben allgemeinen Betrachtungen zum Schicksal der Juden enthält es auch eigene Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken, die der Schrift eine deutlich autobiographische Note geben. Beim Schreiben bewegte Wolff nicht zuletzt auch die Frage, wie es zur Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten kommen konnte und welche Gründe zur Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft geführt haben.

Zugleich wollte er mit der Trilogie die Grundlagen und die Möglichkeiten eines neuen Dialogs zwischen Juden und Deutschen erkunden. Denn den Abgrund zwischen beiden hielt er selbst noch im Exil für überbrückbar. Immerhin war sein Denken von der Idee erfüllt, dass die überlebenden Juden in einem freien Deutschland wieder und weiterhin leben könnten. In dieser Überzeugung spiegelt sich das Weltbild eines liberalen Juden, der nicht nur in der deutschen Sprache und Kultur verwurzelt war, sondern diese auch im vornationalsozialistischen deutschen Staat mitgestaltet hat. Trotz all seiner schlimmen Erfahrungen mit Deutschen, hat Theodor Wolff als Jude für die Aussöhnung von Juden und Deutschen nach dem Krieg plädiert. Daneben erzählt er auch von den Spannungen innerhalb des Exils, von dem "ganzen unübersehbaren, unübersichtlichen Menschengemisch, das in der Emigration durch die Länder irrt, hie und da festen Fuß gefasst hat, oder doch glaubte, festen Fuß fassen zu können. " Der Leser erfährt ferner von der Verfolgung jüdischer Emigranten in Südfrankreich und der judenfeindlichen Politik des dortigen Vichy-Regimes.

Am 26.August 1942 wurden die Juden abtransportiert. Wolff notiert: "So unpathetisch wie möglich schreibe ich das Datum: 26.August 1942 in Frankreich. 153 Jahre nach der Verkündung der Menschenrechte, 135 nach der Bestätigung der Gleichberechtigung durch Napoleon, dem jüdischen Edikt von Nantes."

Im Mai 1943 wird Theodor Wolff im Alter von 75 Jahren von italienischen Beamten verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Möglicherweise haben die Schergen ihn nur deshalb nicht gleich ermordet, um ihn als Geisel benutzen zu können. Nach einer Odyssee durch Lager und Gefängnisse in Marseille, Drancy und Sachsenhausen wird er in Berlin ins Polizeigefängnis gebracht. Kurz darauf stirbt er, am 23. September 1943, im Jüdischen oder Israelitischen Krankenhaus in Berlin Moabit "an Herz- und toxischer Kreislaufschwäche", wie es heißt. Seine letzte Ruhestätte erhält er in der Ehrenallee des Jüdischen Friedhofs Berlin-Weißensee. Als später einer seiner Söhne als Angehöriger der amerikanischen Besatzungsmacht nach Berlin kommt, lässt er ihm ein würdiges Denkmal setzen.

Am Wiederaufbau von Deutschland nach Hitler hat Theodor Wolff nun nicht mehr, wie er gehofft und gewollt hatte, mitwirken und, wie beabsichtigt, seinen Beitrag leisten können, um die Moral, ein klares Rechtsgefühl, die Achtung vor dem Lebensrecht und die Freiheit aller sowie eine objektive Justiz wiederherzustellen. Zu einer Kollektivschuldthese hat er sich nicht verleiten lassen. Selbst nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, glaubte er weiter an eine mögliche "deutsch-jüdische Symbiose". Hatte er sich doch als bürgerlicher Intellektueller bis 1933 vollkommen in die deutsche Gesellschaft jüdischer Konfession integriert gefühlt. In seinem publizistischen und literarischen Schaffen hatte seine religiöse Zugehörigkeit bis dahin kaum eine Rolle gespielt. Er hatte eine Nichtjüdin geheiratet und seine drei Kinder taufen lassen. Allerdings erwog er auch zu keiner Zeit, dem Judentum den Rücken zu kehren. Er verabscheute zwar die innerjüdische Identitätsdebatte mit ihrer religiösen "Kleinstaaterei" und des orthodoxen Beharrens auf "Gesetz" und Ritual, das Juden über Jahrhunderte von kultureller Partizipation ausgeschlossen hatte. Doch liebte er mit Herz und Geist das Alte Testament als Zeugnis der Wahrheit über das Wesen des Menschen. Sein Verhältnis zum Judentum beschrieb er selbst mit den schönen Worten "Wenn hinter den Fenstern einer benachbarten Wohnung ein frommes Ehepaar die Sabbathlichter anzündet, so sind das zwar nicht meine Kerzen, aber ihr Licht ist warm."

Anders als Theodor Herzl, der Begründer des modernen Zionismus, den er in Paris kennen lernte, hatte Wolff aus der Dreyfus-Affäre nicht den Schluss gezogen, dass die Idee der Assimilation gescheitert sei, vielmehr verteidigte er nur umso stärker "liberale und demokratische Grundsätze gegen Antisemitismus und Klerikalismus." Bis zu seinem Ende war Wolff dem Zionismus gegenüber ablehnend eingestellt. Dessen Zukunft beurteilte er skeptisch, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass in Palästina einmal Millionen europäischer Juden leben sollten. Er erkannte wohl ausdrücklich Herzls "idealistisches Wollen" an, war indes der Meinung, dass das assimilierte westeuropäische Judentum von einer jüdischen Nation und einem jüdischen Staat nichts wissen sollten, weil sie sich als Deutsche, sterreicher, Tschechen oder Franzosen jüdischen Glaubens verstehen würden. Seine Zurückhaltung in der Kritik gegenüber dem Zionismus hing vermutlich damit zusammen, dass er Theodor Herzl noch persönlich gekannt hat. Immerhin hatten beide als Korrespondenten in Paris gearbeitet, Herzl ab 1891, Wolff ab 1894, Beide hatten über die Dreyfus-Affäre berichtet, aber aus dieser Erfahrung unterschiedliche Konsequenzen gezogen.

Den Ostjuden hingegen warf Wolff vor, sie hätten durch ihre Erscheinung und ihr Auftreten den Antisemitismus provoziert. "Wolffs Bemerkungen sind kein Ruhmesblatt für ihn, auch wenn er mit seinen Ansichten in dieser Frage der Einstellung der Mehrzahl der deutschen Juden entsprach, die in der Zeit der Weimarer Republik sich gegen den Zustrom von Ostjuden nach Deutschland sperrten", urteilt Julius H.Schoeps in seinen historisch-politischen Betrachtungen "Über Juden und Deutsche".

Mehr als zwanziger Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes ehrte Nizza Theodor Wolff am 10.November 1969 mit einer Gedenktafel in der Promenade des Anglais, während die Stadt Berlin fast zwanzig Jahre später,1993 aus Anlass seines fünfzigsten Todestag, einer Grünanlage in Kreuzberg in der Nähe des Mehringsplatzes, den Namen "Theodor-Wolff-Park" gab.

Festzuhalten bleibt: es lohnt sich auch heute noch, den einstigen Chefredakteur des Berliner Tageblatts neu zu entdecken, um die Bekanntschaft mit einem politisch unabhängigen und europäisch denkenden Kopf und klar urteilenden und glänzend formulierenden Journalisten zu machen, von dem nicht nur die schreibende Zunft viel lernen kann.

Der Aufsatz erschien in der Zeitschrift "Tribüne. Zum Verständnis des Judentums."

47.Jg. Heft 185 1.Quartal 2008

und in "literaturkritik.de" Nr.5 Mai 2008, 10.Jahrgang

unter meinem Pseudonym Hanna Struck


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