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MATHIAS JUNG: Sokrates. Tod, wo ist dein Stachel? Perspektiven der Menschlichkeit. 172.S., emu verlag, Lahnstein 2001; ISBN 3-89189-080-X, EUR 11,-

Der Philosoph und Psychotherapeut Mathias Jung beginnt sein Sokratesbüchlein mit einem Zitat von Ernst Bloch. Dieser schrieb über Sokrates: "Er war ein absoluter Hallodri, hatte keinen Schreibtisch, keine Bücher, hielt sich nirgends ständig auf, war sozusagen ein Faulenzer der schöpferischen Art; das Faulenzen war seine einzige Tätigkeit. Trotzdem hatte er die machtvollste Nachwirkung ausgeübt, weil seine Freunde mit den Lehren des Sokrates zugleich eine einzigartige, bezaubernde Person überliefert haben"(9).

Sokrates war, fährt Jung fort, weder ein systematischer Philosoph noch besaß er einen Lehrstuhl. Vielmehr war er ein peripathetischer Denker, ein umherwandelnder Philosoph, "der größte Flaneur in der Weltgeschichte des Denkens"(9), die zentrale Leitfigur nicht nur des griechischen Denkens, sondern der gesamten westlichen Philosophie, der das Denken im ununterbrochenen Dialog und der öffentlichen Kommunikation geschärft habe, und, wie Cicero über den geistigen Provokateur sagte, als Erster die Philosophie vom Himmel heruntergeholt hat, "in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser eingeführt und sie (die Philosophie) gezwungen (hat), nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Bösen zu fragen"(14).

Jung sieht, wie viele andere auch, in Sokrates das Urbild eines Philosophen. Er zentrierte die Philosophie auf den Menschen, während die vorsokratischen Philosophen von Thales bis Demokrit, den Ursprung der Welt zu bestimmen versucht hatten. Für Sokrates indessen waren dies unlösbare Fragen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Frage nach den Tugenden im Gespräch mit seinen Mitbürgern. So holte er die Philosophie nicht nur vom Himmel, sondern auch aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften und brachte sie unter die Leute. Das Neue an Sokrates und seiner Methode war die Erkenntnis, betont Jung, dass keine Religion, kein Staat und keine Gemeinschaft dem einzelnen das Denken abnehmen könne und dürfe. Er selbst erlebe es als Psychotherapeut immer wieder, wie sehr Menschen oft in einem Weltbild der Zwänge leben, das von anderen Menschen errichtet wurde. "Meist haben diese Zwangsbotschaften nichts mit unserer inneren Wahrheit zu tun" (59). Bei Sokrates aber wird das Denken zum Ereignis und zur Lebenshilfe. Für ihn, den Aufklärer, bestand das menschliche Gutsein im Wissen. Er plädierte darum "für die Bewusstheit des Menschen, seine Fähigkeit, nüchtern abwägen zu können"(69).

Der Autor veranschaulicht die Bedeutung des Wissens für unser Leben an einigen Beispielen aus seinem psychotherapeutischen Alltag und meint, dass bei Ess-, Arbeitssucht, Apparatemedizin die sokratische Begriffsklärung besonders gefragt sei, ebenso sei sie unerlässlich in der gegenwärtig boomenden Transplantationschirurgie. Hier gäbe es Fragen über Fragen. "Moral und Wissen - das ist, nicht nur bei der Begriffsverwirrung über den Gehirntod des Menschen, ein nie endendes Forschungsfeld für die sokratische Gesinnung eines Menschen und der Gesellschaft" (80).

Der Satz "Ich weiß, dass ich nichts weiß" wurde gleichsam zum Markenzeichen des Sokrates. Dabei geht es dem Philosophen vor allem um den Verlust der naiven Selbstsicherheit und Selbsttäuschung. Denn erst in dem Wissen des Nichtwissens besteht nach Sokrates die wahre Weisheit, das bedeutet die Aporien der menschlichen Erkenntnis zu kennen und ihre grundsätzliche Unabschließbarkeit und Irrtumsanfälligkeit zu akzeptieren.

Dem Menschen falle es schwer, gibt Jung zu, die Fragezeichen des Lebens auszuhalten. Doch Sokrates sei ein gutes Gegenmittel gegen jede Art von Fundamentalismus, mag er nun Katholizismus, Marxismus oder sonst wie heißen. Denn Sokrates lehnte geschlossene Denksysteme, Totalitarismen ab und befreite den Menschen von Besserwisserei. Schwache Menschen klammern sich dagegen an Systeme, simple Welterklärungen oder Führer, die alles zu wissen vorgeben.

Auch Mathias Jung hat, wie die Ausführungen sicher ahnen lassen, Sokrates nicht so sehr als Philosophen, sondern in erster Linie als Therapeuten gelesen und hat beim Studium der sokratischen Dialoge eine Fülle psychotherapeutischer Grundvoraussetzungen, Techniken und Anregungen entdeckt. Schließlich ist Sokrates, "was ein guter Therapeut sein sollte, eine Persönlichkeit von Ausstrahlung, flinkem Geist und Herzenswärme" (112). Er pathologisiert seine Gesprächspartner nicht, erklärt sie nicht für seelisch krank, sondern akzeptiert sie in ihrer Widersprüchlichkeit und in ihrem Reichtum.

Nebenbei geht der Autor auf Sokrates Leben ein, beschreibt detailliert den Prozess, durch den Sokrates zum Tod verurteilt wurde, und erläutert, was Sokrates über die Liebe und den Tod gedacht hat.


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