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Sokrates hier und Sokrates dort - Sokrates allerorten

Nicht alle Bücher über Sokrates haben philosophisches Gewicht

Sokrates muss für vieles herhalten - nicht nur in der Philosophie, sogar für Fußball und sei es auch nur für verkaufsfördernde Titel, zum Beispiel für Bücher wie: "Vorne fallen die Tore. Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler" und "Sokrates flankt! Eine kleine Philosophiegeschichte des Fußballs" .

Wer aber war Sokrates, der unablässig die Wahrheit gesucht hat und gleichzeitig von sich bekannt hat:"Ich weiß, dass ich nichts weiß"? Die Unergründlichkeit dieses Mannes beginnt bereits mit der Frage nach der Geschichtlichkeit seiner Gestalt. Von ihm selbst ist nichts Schriftliches überliefert worden. Wir kennen ihn und seine Gedanken nur aus den Berichten anderer Philosophen.

Diogenes Laertios fasste die Vita des Philosophen in seiner Geschichte der griechischen Philosophie ungefähr so zusammen: Sokrates, Sohn des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme Phainarete, war Athener und stammte aus dem Demos Alopeke. Geboren wurde er im Jahre 469. Im Jahr 399 vor der Zeitwende ist er im Alter von 70 Jahren gestorben, wie wir wissen, keines natürlichen Todes. Ist er doch wegen angeblicher Gottlosigkeit dazu verurteilt worden, den Schierlingsbecher zu leeren.

Sokrates war - auch das ist hinreichend bekannt - mit Xanthippe verheiratet und hatte mit ihr drei Söhne. Heute gilt Xanthippe als das Urbild eines bösen zänkischen Weibes. Viele Anekdoten handeln von ihr und auch etliche Bücher. Gerald Messadié lässt in "Ein Mann namens Sokrates" Xanthippe einen Mord aufklären. Gordian Robert rückt sie in "Die Frau des Philosophen" ebenfalls in den Mittelpunkt des Geschehens und charakterisiert sie als streitsüchtiges Eheweib. Aus Platons und Xenophons Schilderungen ergibt sich dagegen ein durchaus freundliches Bild dieser Ehe.

Bis in die Gegenwart hinein hat Sokrates Philosophen provoziert, wie etwa Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Georg Hamann, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Viele haben in der Auseinandersetzung mit ihm ihre eigene Position gefunden. Dabei entstanden unterschiedliche Sokrates-Bilder.

Später kristallisierten sich drei Interpretationsrichtungen heraus. Die erste arbeitet einen Gegensatz zwischen Platon und Sokrates heraus. Danach ist Sokrates mit der Mehrzahl der Sophisten der Demokratie verbunden, wohingegen Platon, vor allem in der "Politeia" ein autoritäres und totalitäres Staatsmodell entworfen habe. Das ist die These von Karl Raimund Popper und André Glucksmann. Beiden Darstellungen mangelt es an historischer Reflexion, da ungeprüft politische Konzepte des 20.Jahrhunderts auf das vierte vorchristliche Jahrhundert übertragen werden. Eine andere Richtung untersucht die dialogische Struktur des sokratischen und platonischen Denkens, zum Beispiel Jürgen Mittelstraß. Für eine dritte Richtung steht Sokrates als Repräsentant einer spezifischen philosophischen Lebensform im Mittelpunkt des Interesses. Hier ist es die anthropologisch-ethische Fragestellung, die sich im Kontext eines Versuchs philosophischer Neuorientierung mit dem sokratischen Modell eines gelungenen Lebens auseinander setzt, wie sie vor allem von Gernot Böhme in seinem Buch "Der Typ Sokrates" aufgeworfen wird.

Andere Autoren wie Udo Marquardt unternehmen Spaziergänge mit Sokrates oder frühstücken mit ihm - so der Pariser Philosophiedozent und Redakteur einer satirischen Zeitschrift, Frédéric Pagès Brigitte Hellmann zieht es dagegen vor "Mit Sokrates im Liegestuhl" zum Nachdenken anzuregen. Klaus Bartels wiederum vergnügt sich "Mit Sokrates im Supermarkt" und unterhält seine Leser mit Streiflichtern aus der Antike. Er liefert Berichte über Politik, Gesellschaft, Literatur, Kunst und den Alltag der Griechen und Römer mit ironischen Bezügen zur Gegenwart. Den Reigen eröffnet Sokrates mit seinem Ausspruch:" Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche!"

Eva-Maria Kaufmann bietet eine anschauliche und lebendige Einführung in Sokrates' Leben und Werk. Dem philosophisch Kundigen bringt sie allerdings wenig Neues. Schüler und Erstsemester indessen macht sie mit Sokrates' historischem Umfeld, seinem Leben und seinem Denken in verständlicher Weise vertraut.

Andere philosophisch gebildete Zeitgenossen bemühen sich dagegen, das Bürgergespräch nach sokratischem Vorbild neu zu beleben, so Marc Sautet mit "Ein Café für Sokrates" und Lou Marinoff mit Sokrates' Couch.

Kay Hoffmann empfiehlt ebenfalls Sokrates und zwar "Bei Liebeskummer". Dies Oeuvre ist freilich weniger eine Anstiftung zum Philosophieren, sondern eher eine Einführung in Psychohygiene, wobei es nicht so sehr um disziplinierte Denkanstrengung oder vernunftgesteuerte Lebensführung geht, sondern um den je persönlichen Weg zum Glück durch vielfältige Übungen. Ob Sokrates mit all diesen Bemühungen, die in seinem Namen angestellt werden, einverstanden wäre, dünkt fraglich. Wahrscheinlich würde er sich wegen des ein oder anderen Druckerzeugnisses, die sich auf ihn beziehen, wohl eher im Grabe umdrehen.

Höchste Zeit, dass wir uns jetzt den Büchern zuwenden, die sich ernsthaft und dezidiert mit Sokrates auseinanderzusetzen vorgeben.


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