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Schreiben als Entschleierung

Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar

Die Literatur anderer Länder, insbesondere die anderer Kulturen, nehmen wir nur selten richtig wahr. Das gilt auch für Algerien. Lange Zeit verband man mit diesem Land märchenhafte Vorstellungen. Im letzten Jahrzehnt drangen allerdings von dort in erster Linie Schreckensnachrichten von entsetzlichen Morden zu uns, über die die Medien schließlich nur noch sporadisch berichteten, nämlich immer dann, wenn die Massaker besonders viele Opfer kosteten und von großer Grausamkeit waren. Dabei hat gerade dieser Teil Nordafrikas eine reiche und vielseitige Tradition aufzuweisen, zu der Apuleius,Terenz und Augustinus ebenso beigetragen haben wie andere Repräsentanten der islamischen, jüdischen und christlichen Religion sowie der berberischen, algerischen und französisch-europäischen Kultur. Erinnert sei ferner an Albert Camus, der als Algerienfranzose den algerischen Boden und die Schönheit seiner Bewohner besungen und als erster über die Lage seiner Heimat sozialkritische Reportagen verfasst hat. Gerade sein aus dem Nachlass herausgegebenes Fragment "Der erste Mensch" vermittelt einen anschaulichen Eindruck von dem Land während der zwanziger Jahre, überwiegend aus dem Blickfeld sogenannter kleiner weißer Leute. In den Büchern der Algerierin Assia Djebar werden wir dagegen mit dem Algerien der Gegenwart als auch der Vergangenheit konfrontiert, diesmal indessen aus der Sicht einer privilegierten arabisch-berberischen Frau.

Assia Djebar ist eine bedeutende, mit zahlreichen Preisen bedachte Schriftstellerin des Maghreb, von denen die wichtigste Auszeichnung zweifellos der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist, der ihr im Herbst 2000 als erster Afrikanerin verliehen wurde. Denn bis dahin war dieser Preis erst ein einziges Mal an den afrikanischen Kontinent gegangen: 1968 an den senegalesischen Politiker und Dichter Léopold Sédar Senghor.

Man nennt Assia Djebar gern die Grande Dame der französischsprachigen Literatur Algeriens. Sie ist aber nicht nur Schriftstellerin, sie ist auch Historikerin, Universitätslehrerin und Ehrendoktorin der Universität Wien. Als Filmemacherin hat sie sich ebenfalls internationale Reputation erworben. Vor einigen Jahren schrieb sie sogar eine Oper. Zudem gehört sie zu den afrikanischen Intellektuellen, die ihre Stimme immer wieder für jene erheben, die mundtot gemacht werden sollen.

Assia Djebars eigentlicher Name lautet Fatima-Zohra Imalayene. Sie wählte das Pseudonym, weil sie nicht wusste, wie ihre Familie ihre ersten Romane aufnehmen würde, in denen sie traditionelle Normen in Frage stellt. Geboren wurde sie am 30. Juni 1936 in der algerischen Hafenstadt Cherchell, dem antiken Caesarea, unweit Tipasa an der algerischen Mittelmeerküste. Eine Gegend, die vielen vertraut sein dürfte, die Camus' Werk und seine Liebeserklärungen an die algerische Mittelmeerküste kennen.

Assia Djebar besuchte sowohl die Koranschule als auch die französische Grundschule, an der ihr Vater, ein überzeugter Sozialist, Lehrer war. Er war einer der wenigen algerischen Lehrer, die es während der Kolonialzeit gab. Ihm verdankt Assia Djebar, die einer traditionsgebundenen Familie entstammt, in der Frauen bislang ohne schulische Bildung aufwuchsen, dass ihr Leben nicht in der für Frauen üblichen Bahn verlief.

"Ein kleines arabisches Mädchen geht zum ersten Mal zur Schule, an einem Herbstmorgen, an der Hand ihres Vaters. Er, den Fez auf dem Kopf, eine große aufrechte Gestalt in einem Anzug nach europäischem Schnitt, trägt eine Schulmappe. Er ist Lehrer an der französischen Schule", schreibt sie in ihrem Roman "Fantasia" und fügt hinzu, dass der Moment, an dem sie, ein kleines arabisches Mädchen in einem Dorf im algerischen Sahel, die Schwelle der Schule überschritten habe, zugleich ihre Geburtsstunde als Schriftstellerin gewesen sei.

Ihrem Vater verdankt Assia Djebar auch, dass sie sich nicht verschleiern musste wie ihre Cousinen, die wie sie in der französischen Schule schreiben lernten, aber dann bis zu ihrer Verheiratung das Haus nicht mehr verlassen durften.

Assia Djebar hatte das Glück, ihren Bruch mit der Tradition, ihre Befreiung aus dem Analphabetentum und der Bevormundung durch die Männerwelt an der schützenden Hand des Vaters zu vollziehen. Darin ist wohl auch der Grund zu sehen, dass ihre Emanzipation nicht in einen männerverachtenden Feminismus mündete. Vielmehr ist ihre Suche nach weiblicher Identität, die ihr literarisches Schaffen und ihre wissenschaftliche Tätigkeit prägen, bestimmt von einem tiefen Verstehen der kulturellen Tradition ihres Landes. Nichtsdestotrotz: der Vater ist streng, er verbietet ihr rigoros jede noch so harmlose junge Liebe, zerreißt Briefe, die sie von einem Unbekannten bekommt. (Solche väterlichen Verhaltensweisen indes waren auch bei uns, als autoritäre Erziehung noch angesagt war, nicht ganz fremd .)

Später besuchte sie als eine von vier oder fünf Algerierinnen unter fünfhundert Französinnen ein Gymnasium im südöstlich von Algier gelegenen Blida und wurde 1955 als erste Algerierin in die Pariser Eliteschule von Sèvres aufgenommen. In Paris beteiligte sie sich im Sommer 1956, aus Solidarität mit dem 1954 begonnenen algerischen Befreiungskrieg, am Streik algerischer Studenten und schrieb ein Jahr später ihren ersten Roman. 1958 heiratete sie den Untergrundkämpfer Walid Garn und folgte ihm nach Tunis, wo sie für die revolutionäre Presse arbeitete und ihr Geschichtsstudium mit einer Arbeit über die mystische Literatur des arabischen Mittelalters abschloss.

1959 wurde sie als Universitätsassistentin für Geschichte an die Universität von Rabat in Marokko berufen. Kurz nachdem Algerien 1962 unabhängig geworden war, kehrte sie nach Algier zurück. Dort lehrte sie an der Universität nordafrikanische Geschichte und Theaterwissenschaft, schrieb für algerische Zeitungen und den Rundfunk, widmete sich der Theaterarbeit, führte Regie und arbeitete nebenbei als Literatur- und Filmkritikerin. 1975 ließ sie sich scheiden und lebt, seit ihrer Heirat mit dem algerischen Dichter Malek Alloula 1980, vorwiegend in der französischen Hauptstadt. Seit dem Attentat auf den Staatspräsidenten Boudiaf 1992 verzichtet sie schweren Herzens auf die alljährliche Heimreise.

Ihr erster Roman "La Soif" (wörtlich "Der Durst", bei uns erschien er unter dem Titel "Die Zweifelnden") wird oft mit Françoise Sagans "Bonjour Tristesse" verglichen. "La Soif" ist die Geschichte eines "verwestlichten" jungen Mädchens, die Identitätssuche einer jungen Frau in der zwischen Tradition und Moderne stehenden islamischen Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges. Die Autorin selbst betrachtete ihren Erstling später als Stilübung. Doch hat sie in dieser "Stilübung" eine Entwicklung in der Mentalität der jungen Frauen beschrieben, die erst etliche Jahre später in der Gesellschaft wirklich sichtbar wurde. Sie versucht hier, die Welt der Gefühle zu erkunden und sich mit sexuellen Problemen auseinander zu setzen.

Die genussvolle Darstellung körperlichen Wohlgefühls aus der Feder einer Frau war ein Novum in der algerischen Literatur und ein Skandal für die muslimische Gesellschaft. Gleichwohl brachte der erste Roman ihr sofort einen Literaturpreis ein und wurde 1959 ins Deutsche übertragen.

In ihrem zweiten Roman "Les impatients" ("Die Ungeduldigen") führt Assia Djebar ihr Thema weiter: die Entdeckung des weiblichen Körpers, die erotische Selbstfindung der arabischen Frau, die einhergeht mit der Eroberung der Außenwelt, der öffentlichen Sphäre und der freien Natur. Beide Romane dokumentieren die Geschichte der Auflehnung junger Frauen gegen Tradition und Heuchelei der moslemischen Gesellschaft.

Diese beiden ersten Romane schildern, wie junge arabische Frauen bemüht sind, ihr privates Glück zu finden, was natürlich nicht ohne Gewissensnöte abgeht, und sich ihre Freiheit nehmen, auch wenn diese Freiheit am Anfang zunächst nur darin besteht, unverschleiert wie eine Europäerin gekleidet durch die Straßen zu gehen. Ist doch der Schleier ein Symbol weiblicher Unmündigkeit und postkolonialer Unterdrückung.

Ihre nächsten, Ende der sechziger Jahre erschienenen Romane beziehen dann stärker als die beiden ersten individuelle und kollektive Geschichte aufeinander. Nach zwei weiteren Büchern "Les enfants du nouveau monde" ("Kinder der Neuen Welt") und "Les Alouettes naives" ("Die naiven Lerchen") hält die Autorin erschrocken inne, weil sie glaubt, zu viel von sich preisgegeben zu haben. "Ich habe wie eine arabische Frau reagiert, die über alles, nur nicht über ihr Innenleben sprechen kann", bekennt sie später über diese Phase ihres Lebens. "Als mir bewusst wurde, dass das Schreiben zur Entschleierung, zur Entblößung führt, bin ich zurückgeschreckt und habe mich in Frage gestellt." Wenn sie weiter schriebe, so fürchtete sie, würde sie ihr Leben zerstören. Eine Zeitlang überlegte sie, ob sie nicht auf arabisch ihre Zeilen zu Papier bringen sollte. Immerhin ist die französische Sprache für Djebar auch die Sprache der Unterdrückung und der Fremdherrschaft. Gleichzeitig aber hat ihr diese Sprache die Freiheit gebracht und den Prozess ihrer Bewusstwerdung. Erst der Einbruch der Franzosen in Algerien, der für das Land eine verheerende Niederlage bedeutete, schuf Voraussetzungen dafür, dass Frauen wie sie außerhalb des Harems leben und sich in der Öffentlichkeit äußern können.

In ihrer eigenen Kultur wäre sie niemals zu Wort gekommen: Ihr Los wäre das ihrer Schwestern gewesen, ihr Ort das Gefängnis der arabischen Bräuche. Aber zunächst trägt Assia Djebar schwer daran, dass sie ihre intellektuelle und literarische Profilierung dem Feind danken muss, und verstummt für über ein Jahrzehnt. Allerdings wechselt sie das Medium und dreht in den siebziger Jahren zwei erfolgreiche Dokumentarfilme in arabischer Sprache, um das algerische Publikum zu erreichen. Was ihr nach ihren eigenen Worten nicht recht gelang: arabische Werke zu produzieren, schaffte sie mit ihren Filmen, der eine wurde 1979 auf der Biennale in Venedig ausgezeichnet, der andere wurde 1983 auf dem Berliner Filmfestival gezeigt.

Zunächst entsteht 1977, nach langen Aufenthalten beim Stamm ihrer Mutter, ihr erster Film für das algerische Fernsehen "Die Nouba der Frauen vom Berg Chenoua".(Nouba, eine Gruppe Musiker, eine Reihenfolge von Musikstücken.) Bald darauf folgt der zweite Film "La Zerda ou les chants de l'oubli" (Das Fest Zerda oder die Lieder des Vergessens). In kunstvoller Montagetechnik verbindet Djebar hier Erinnerungen und Gesänge von Algerierinnen mit ausgelagertem Filmmaterial aus französischen Wochenschauen der Kolonialzeit. Aus der engen Verflechtung des vertrauten Terrains der Kindheit mit dem der kollektiven Vergangenheit erwuchsen Fragen wie die folgenden: "Wer bin ich eigentlich? Eine Berberin? Eine Araberin? Ich war eine französischsprachige Schriftstellerin, aber wer oder was war ich im wirklichen Leben?"

Ihr cineastisches Werk entstand, wie schon erwähnt, in arabischer Sprache. Der arabo-berberische Dialekt hat jedoch nicht den Rang einer Schriftsprache, aber als einziger kann er Momente von Vertrautheit und Zärtlichkeit aus der Kindheit zurückrufen. Die"Schattensprache" der algerischen Frauen - mit dem Begriff meint Djebar den berberischen Dialekt ihrer Heimat und auch die Beredtheit des Körpers - konnte sie erst in ihren Filmen unmittelbar einfangen.

Durch die Filmarbeit kommt die algerische Schriftstellerin schließlich zu den Themen, die ihr jetziges literarisches Schaffen bestimmen: die Suche nach der weiblichen Stimme, nach Zeugnissen von Unterdrückung und Emanzipation der Frau in Vergangenheit und Gegenwart. Ein starkes Moment der Mündlichkeit sowie aus der Filmsprache übernommene Techniken prägen seitdem ihren Stil. An die Stelle des konventionellen linearen Erzählens ist eine Vielzahl von Stimmen getreten. Filmische Vor-, Rück- und Überblendungstechniken werden kunstvoll miteinander kombiniert und mit epischen, poetischen und essayistischen Passagen verwoben.

Außerdem fand die Autorin durch ihre Filmarbeit ein neues Verhältnis zur französischen Sprache, ein distanzierteres und eigenwilliges. "Ich habe meine eigene Revolution gemacht", sagt sie, "indem ich ganz bewusst akzeptiere, in der Sprache des einstigen Feindes zu schreiben." Dafür muss sie freilich eine gewisse Entfremdung in Kauf nehmen. Noch immer verfasst Djebar ihre Romane und Essays in der französischen Sprache, in der Sprache der Fremden, doch inzwischen ohne Komplexe. Seit 1980 experimentiert sie also mit neuen Stilmitteln, in denen sie wie in "Die Frauen von Algier" den Maghreb in seiner Geschichte und Gegenwart einfängt. Mit diesem Buch beginnt Assia Djebars Weltruhm.

In "Fantasia", einem nicht einfach zu lesenden, doch faszinierenden literarischen Text, verknüpft die Schriftstellerin Schilderungen ihrer Kindheit mit Berichten aus dem ersten Algerischen Krieg (1830-1871) sowie mit Erinnerungen von Frauen an ihre schrecklichen Erfahrungen im Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich(1954-1962). Das Thema der Entschleierung und der Selbstfindung einer algerischen Frau aus eigener Kraft steht im Zentrum des Romans " Die Schattenkönigin". Das Motiv des schwesterlichen Füreinanderdaseins, des Angewiesenseins arabischer Frauen aufeinander durchzieht wie ein roter Faden nicht nur diese Erzählung, sondern das gesamte Werk Assia Djebars. Mit "Fern von Medina" wiederum, einem Roman über die Zeit des Propheten Mohammed aus weiblicher Sicht, antwortet sie auf frauenfeindliche Parolen der islamischen Heilsfront und plädiert gleichzeitig für eine differenzierte und gerechte Beurteilung islamischer Werte und Traditionen, während sie in "Weißes Algerien" Zwiesprache mit ihren ermordeten Freunden hält. Auf den Terror der algerischen Islamisten, dem schon viele ihrer Landsleute zum Opfer gefallen sind, reagiert Assia Djebar nicht selten mit Trauer und Hilflosigkeit.

Der Titel eines ihrer Bücher "Weit ist mein Gefängnis" geht auf ein altes Berberlied zurück: "Weit ist das Gefängnis, das mich erdrückt. Woher Befreiung, wirst Du zu mir kommen?" In diesem Roman fasst sie die wichtigsten Themen und Motive ihrer bisherigen Bücher zusammen: Die Identität der Frau in der islamischen Gesellschaft, die Suche nach einer anderen Tradition in der arabischen Geschichte, das Hohelied weiblichen Aufbegehrens, die algerische Problematik einer Existenz zwischen den Sprachen. In aller Breite erinnert Assia Djebar hier an die ursprüngliche nordafrikanische Kultur vor dem Islam und der arabischen Eroberung des Landes um 700 nach Christus sowie an die berberisch-libysche mündlich tradierte Volkssprache.

Ihre Bücher sind vielschichtig und faszinierend, fern von jeder individualistischen Kleinkrämerei und selbstverliebten Bespiegelung moderner europäischer Autobiographien. Djebar, die selbstbewusst aus einer Position unangreifbarer Stärke die subtilen Wirkungen des Patriarchats aufdeckt, gebührt zweifellos das Verdienst, erstmals emanzipierte Frauen in die maghrebinische Literatur eingeführt zu haben. Vieles in ihren Büchern, insbesondere ihre poetische Sprache und ihr blumiger Stil, angereichert mit arabischen Wendungen und Bildern, gemahnen an die Märchen aus Tausendundeinenacht. Häufig begegnen uns in ihren Büchern Menschen mit merkwürdigen Ansichten und Verhaltensweisen. Es fällt daher nicht immer leicht, gedanklich oder gefühlsmäßig, die Autorin zu verstehen. Manches ist und bleibt rätselhaft. Doch bekommt man durch die Lektüre ihrer Bücher ein Gespür für die Atmosphäre und das Klima einer uns fremden Welt, insbesondere für das Schicksal islamisch-arabischer Frauen. Auch wenn Polemik und Provokation Assia Djebars Sache nicht sind, so ist dennoch ihr Werk indirekt eine Aufforderung zum Dialog zwischen den Kulturen, der jedoch erst entstehen kann, wenn fundamentalistische, , hegemoniale sowie ethnozentrische Bestrebungen überwunden sind. Den Bedürfnissen westlicher Leser nach Klischees à la "Nicht ohne meine Tochter" (Betty Mahmoody) kommt die Schriftstellerin indessen nicht entgegen. Die komplexe Komposition ihrer Romane zielt nicht auf Polarisierungen, vielmehr bewegen sich diese im Zwischenbereich der uns vertrauten europäischen und der uns weniger vertrauten orientalischen Kultur. Ihre Romane spiegeln die Zerrissenheit vieler Nordafrikaner, die zwischen zwei Kulturen stehen, zwischen Orient und Okzident, zwischen arabischer Herkunft und französischer Kolonialtradition. Djebars Romane liefern keine soziologischen oder politischen Analysen, sondern zeichnen anhand privater Konflikte in Ehe und Familie mit literarischen Mitteln ein realistisches Bild der tief greifenden Veränderungen in der Mentalität junger Frauen und wenden sich gegen reaktionäre, dogmatisch religiös geprägte Entwicklungen. Gleichwohl ist Assia Djebar eine kämpferische und kunstreiche Dichterin, getrieben von der Sorge, die sie im Epilog ihres Romans "Die Schattenkönigin" der Protagonistin Isma in den Mund legt. "Ich habe Angst, dass wir (_) von neuem gefesselt werden, hier, in diesem "Okzident des Orient", diesem Ort auf Erden, wo die Morgenröte für uns so langsam aufgegangen ist, dass uns die Dämmerung schon wieder von allen Seiten umschließt." Die Chancen für einen wahren und dauerhaften Dialog zwischen den Generationen, Geschlechtern und unterschiedlichen Lebenseinstellungen beurteilt sie durchaus skeptisch. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich mich angesichts dessen, was in meinem Land geschieht, ohnmächtig fühle. Ich kann mich nur durch die Flucht in die Phantasie, in die Literatur von diesem Schmerz befreien. Der Ton in ihren Büchern ist elegisch. Ohne Eifer oder Larmoyanz bewahren sie die Erinnerung an das, was einmal möglich war. Sie mischt autobiografische und fiktionale Elemente und prangert das Empörende der Unterdrückung an, ohne selbst dabei zu verhärten.

Ihr Buch "Nächte in Straßburg" spielt dagegen im europäischen Raum. Es geht um menschliche Begegnungen, die von der Erinnerung an Krieg, Vertreibung und Migration überschattet sind, um Liebe und Freundschaft im Zeichen von Vergangenheitsbewältigungen. Die junge Algerierin Thelja, die Mann und Kind verlassen hat und als Doktorandin der Kunstgeschichte in Paris weilt, hat sich in den fünfundzwanzig Jahre älteren Elsässer François verliebt, obwohl es ihrer politischen Überzeugung widerspricht, sich mit einem Franzosen einzulassen. Nicht anders ergeht es ihrer in Straßburg lebenden Jugendgefährtin, der jüdisch-algerischen Fotografin Eve, die in dem blonden Hans aus Heidelberg die "Liebe ihres Lebens" gefunden hat. Thelja fährt nach Straßburg, um neun Liebesnächte mit François zu verbringen - neun Liebesnächte voll sinnlicher Trunkenheit, aber auch geteilter Erinnerungen. Bei ihren Spaziergängen taucht sie in Gedanken immer tiefer hinein in die Geschichte ihrer Heimat. Algerien und Nordafrika sind folglich auch hier präsent. Sich voneinander erzählend und sich der Geschichte ihrer Länder und Städte versichernd, öffnen die Liebenden sich voller Zärtlichkeit füreinander. Die Autorin verknüpft die Geschichte der beiden mit einer Reihe weiterer Migrantenschicksale und erweitert den Roman so zu einer Art vielstimmigen Chorgesang, wobei dem Zeitpunkt und dem Ort der Handlung eine besondere Bedeutung zukommt. Spielt doch die Geschichte im Jahr 1989, als Europa neu geordnet wird, und zwar in Straßburg, der Hauptstadt des Elsass, wo Frankreich und Deutschland sich anschicken, zur freiheitlich-multikulturellen Synthese zu finden.

Seit 1997 ist Assia Djebar Professorin am Zentrum für französische und frankophone Studien der Louisiana State University und seit 1999 Mitglied der Königlichen Belgischen Akademie für französische Sprache und Literatur. Im Jahr 2000 überraschte die algerische Schriftstellerin ihr Publikum sogar mit einer dramatischen Arbeit, einer sogenannten Opera seria. "Das tragische Singspiel um Tod und Erbe des Propheten Mohammed" berichtete Sabine Kebir in einem Zeitungsartikel der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 22.10.2001, " wurde im Herbst 2000 erfolgreich im römischen Teatro India aufgeführt. Die vorwiegend im andalusischen Stil gehaltene Musik schrieb Jean-Raymond Gelis." Es war in vielfacher Hinsicht ein Wagnis, gilt doch das Genre der Oper, die Darstellung von Menschen, insbesondere von Gestalten aus dem Bereich des Sakralen, vielen Muslimen heute noch als verboten. Aber offensichtlich ist dieses Wagnis in Rom geglückt.

Literaturempfehlung:

Über Assia Djebar schrieb ich für "Die Zeichen der Zeit", Lutherische Monatshefte November 1998 einen Bericht unter dem obigen Titel:"Schreiben als Entschleierung. Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar"

und für die Fachzeitschrift für Literatur und Kunst "Der Literat" September 9/2000 unter der Überschrift "Friedenspreisträgerin zwischen den Sprachen und Traditionen".


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