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Resümee: Weder Judenfreund noch Judenfeind

Norbert Oellers schreibt, dass Schiller zu Juden weder eine erkennbare Zuneigung noch eine erkennbare Abneigung gehabt habe. Es scheint, dass er die Menschen - im großen und ganzen - unabhängig von ihrem Herkommen, ihrer Religion und ihrem Stand beurteilte. Bedenklich sei jedoch, dass er den speziellen Nöten der Juden keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. "Sollte er nicht gesehen haben, dass es sie gab?" Lobt Schiller das Werk und die Persönlichkeit von Moses, so ist er damit kein Judengönner, so wenig wie er ein Judenfeind ist, wenn er auf die damaligen Juden einen verächtlichen Seitenblick wirft. Wirkliche Verachtung, grundsätzliche Abneigung gegen eine große Glaubensgemeinschaft standen seinem Sinn und Geist fern. "Er ist ein Denker, der kulturhistorische Probleme erwägt, nicht immer ausgerüstet mit gediegener Kenntnis, nicht ganz frei von Vorurteilen, er besitzt weder den andere verdammenden Glaubenseifer noch religiöse Voreingenommenheit. Ihm waren die Juden wie so manchen deutschen Schriftstellern, etwas Besonderes, aber weder Freunde noch Feinde.?

Goethe stand den Juden eher skeptisch gegenüber, während Schiller ihnen gegenüber eher eine gleichgültige Haltung einnahm. Goethe und Schiller waren keine Klassiker des politischen Fortschritts. Sie waren den Juden ihrer Zeit und ihres Landes, deren Probleme ihnen wohl bekannt waren, nicht sonderlich hilfreich-anders als etwa Lessing, Herder, Jean Paul oder Wilhelm von Humboldt. Dennoch hat vor allem das Werk von Goethe und Schiller das Kulturbewusstsein der deutschen Juden in der Folgezeit besonders weit- und tiefgehend geprägt. Dabei wurde Schiller im Westen wie im Osten als Repräsentant liberaler emanzipatorischer Ideen gelesen, während Goethe - allerdings zunächst in einem kleineren Kreis von Autoren und Forschern - als Inbegriff deutscher Dichtung galt. Während in der ostjüdischen Ghettoliteratur überwiegend der "Freiheitsdichter" Schiller Spuren hinterlassen hat, gab man im assimilierten deutsch-jüdischen Kreisen bewusst dem Geistesaristokraten Goethe den Vorzug. Diese Haltung, so Will Jasper, "entsprach

dem Glauben an die Wesensverwandtschaft von Juden und Deutschen als zwei 'auserwählten' Völker, einer Beziehung, die einem 'faustischen' Verhältnis gleichkam."

Selbst am Dritten Reich hielten Juden an 'ihren' Klassikern fest und bekannten sich, solange man sie gewähren ließ, im jüdischen Kulturbund entschlossen, zur humanistischen deutschen Kultur.

Natürlich befassten sich nach 1945 überlebende Juden auch wieder mit Schiller, so Arnold Zweig 1955 anlässlich Schillers 150.Todestag, Ludwig Marcuse im Schillerjahr 1959 ebenso Hans Mayer in vielen seiner Aufsätze und Bücher. Aber eigentlich dürfte heute die Frage nach der Herkunft von Schiller-Rezipienten, ob jüdisch oder nichtjüdisch, keine Rolle mehr spielen.


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