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Dem Tod Gedichte abgetrotzt

Das Haus, in dem sie, von 1978 an bis zu ihrem Tod am 3. Januar 1988 ans Bett gefesselt, wohnt, heißt mehr denn je, ähnlich wie in den Jahren im Ghetto und im Versteck, Sprache. Viele Gedichte sprechen davon. Trotz Todesnähe und Leiden gibt sie den Worten und Bildern Schönheit, Leuchten, und Hoffnung.

"Ich schreibe mich /
ins Nichts /
Es wird mich /
ewig aufbewahren."

Mühelos stellen sich bei ihr die Worte ein, die andere scheuen, wie Schönheit und Welthaftigkeit. So trotzt sie dem Tod noch in ihrer Bettlägrigkeit viele Gedichte ab.

"Das Zimmer behütet mich /
da ich es hüten muss /
Kommt stückweis die Welt /
an mein Fenster /
Pappeln Sperlinge Wolken /
Briefe von alten und fremden Freunden /
besuchen mich täglich /
Die Zeit /
ein Gespräch /
Wirklichkeit /
sagst du /
ich sage /
Traum."

Und:

"Auf meinen Wänden /
blühen Bilder /
Poeten dichten /
im Regal /
Ich schaue, lese /
spreche mit den /
schaffenden Gefährten /
Mein kleines Zimmer /
ist ein Riesenreich /
Nicht herrschen will ich /
Dienen."

Und:

"Ich öffne /
alle Türen /
Die Welt /
flutet herein /
flutet mit mir hinaus /
zu blühenden Bäumen /
leidenden Brüdern."

Selbst im Alter, als ihre Welt auf Krankenzimmer und Bett geschrumpft ist und sie den Wechsel der Jahreszeiten im Park nur noch durch das Fenster erlebt, hilft ihr das Dichten. Sie richtet sich jetzt ganz ein im dichterischen Wort, es wird ihr nun vollends zur Wohnung. "Warum ich schreibe? Weil ich meine Identität suchend, mit mir deutlicher spreche als auf dem wortlosen Bogen." "Ich denke viele Gedichte und schreibe nur einen kleinen Bruchteil davon", bekennt sie einmal. Vertrauend auf die Kraft des gesprochenen Wortes bringt sie bis fast zuletzt das persönliche Schicksal tastend zur Sprache, frei von Larmoryanz, Lautem und Schrillem.

"In meinen Tiefträumen /
weint die Erde /
Blut. /
Sterne /
lächeln in meine Augen /
Kommen Kinder zur mir /
mit vielfarbenen Fragen /
Geht zu Sokrates /
antworte ich /
Die Vergangenheit /
hat mich gedichtet /
ich habe /
die Zukunft geerbt. /
Mein Atem heißt es JETZT."

Das dichterische Wort schlägt nicht nur die Brücke zur Welt, sondern wird auch zum Schutzraum für die eigene Existenz.

"Ich wohne im Wort":

"Und Gott gab uns /
das Wort /
und wir wohnen /
im Wort /
Ist es bewohnbar /
nehm ich es auf."

"Wenn ich verzweifelt bin, schreibe ich Gedichte /
Bin ich fröhlich /
schreiben sich Gedichte /
in mich."

Am Ende hat Ausländer, sich der Sprache hingebend, den Deutschen ein Wortkunstwerk geschenkt, wie es stärker im Ausdruck, besser in der Form und präziser in der Aussage kaum zu denken ist.

"Noch bist du da /
Wirf deine Angst /
in die Luft /
Bald /
ist deine Zeit um /
Bald /
wächst der /
Himmel /
unter dem Gras /
fallen deine Träume /
ins Nirgends /
Noch /
duftet die Nelke /
singt die Drossel /
noch darfst du /
lieben /
Worte /
verschenken /
noch bist du da /
Sei was du bist /
Gib was du hast."

So gelingt ihr noch im hohen Alter das Schwerste, nämlich dem Schweren Leichtigkeit zu geben.

"Ein Wunder /
Wir starben /
und leben doch"

oder:

"Der letzte Tod /
hat mich fast umgebracht-Ich warte /
auf das neue Sterben."

Vergeblichkeit des dichterischen Sprechens, meint Bernd Witte im Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur, konstatierten jedoch folgende Zeilen, Ausländer habe sie wahrscheinlich bewusst an den Schluss ihres letzten Gedichtbandes und damit ihres Lebenswerks gesetzt:

"Gib auf /
Der Traum /
lebt /
mein Leben /
zu Ende."

Das im "Gib auf" formulierte Eingeständnis lässt sich auch so lesen: "Der Traum lebt - mein Leben ist zu Ende", glaubt Witte und variiert diese Aussage mit dem Kafkaschen Satz "So ist denn unendlich viel Hoffnung vorhanden, aber nicht für uns." Der Trost liegt also letztlich nur noch im Wort, im Gedicht, in der Fähigkeit, sprechen zu können. Was dann kam, Paradies und Gott oder das Nichts - wir wissen es nicht.


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