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Biblisch inspirierte Lyrikerin

Bei aller Tendenz zur Einfachheit, zu lapidarer Aussage und bisweilen epigrammatischer Kürze sind ihre Verse doch getragen von Musikalität.

Die Bilder, Metaphern, Parabeln und Traumvisionen Rose Ausländers sind nicht schwer auszudeuten. Häufig sind es Versuche, ins dichterische Wort zu bannen, was sich

direkter Schilderung entzieht. Alles kann Motiv sein, sagte sie einmal: "Meine Bäume, meine Sterne, meine Brüder; in diesem Stil rede ich zu ihnen." Sie wagt auch Wortkoppelungen wie "Winterwort", "Fiebergesicht", "Mohnheu", "Halmzeit", Springbrunnensprache".

Ihre Lyrik ist Deutung der Welt, von tragisch anmutender Widersprüchlichkeit. Zeitgeschichtliche Ereignisse werden als mythische Vorgänge verstanden und sind nicht selten auf einen verborgenen teleologischen Sinn ausgerichtet. Den Antagonismus von Welt und Leben bannt sie in Bilder, die sie der biblischen Schöpfungsgeschichte entnimmt. Gott hat mit seiner Strafe, laut Rose Ausländer, für den Sündenfall den Menschen, der auf Erkenntnis des Absoluten ausgerichtet ist, in den Bereich des Begrenzten verbannt, der Zeit, der Sterblichkeit, des Todes.

Rose Ausländer zählt neben Else Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar und Nelly Sachs zu den letzten unter den biblisch inspirierten jüdischen Lyrikerinnen deutscher Sprache.

"Erbarme dich /
Herr /
meiner Leere /
Schenk mir /
das Wort /
das eine Welt /
erschafft."

"Im Umkreis meiner Liebe zum All /
bete ich /
Ich gehe auf und unter im Gebet."

"Gäbe es dich /
Gott der Liebe /
wir lebten noch heute /
im Eden /
Volk an Volk /
du an du /
Gäb es dich nicht /
o Liebesgott /
wir wären nicht /
nichts wäre."

Eva wird für sie zur paradigmatischen Leitfigur, die dank ihres Sündenfalls Sinngewissheit verbürgt und als Drang zur Wahrheit, zur Menschlichkeit und zu selbstbestimmtem Handeln fortlebt und weiterwirkt.

"Lasst uns Sünder sein /
verbotene Worte lieben /
und Menschen /
unter drohendem Himmel."

Mit dieser Verschiebung der männlich geprägten geschichtlichen Erfahrungswelt schafft Ausländer die Basis für ihre neue dichterische Existenz. Sie gründet sich auf der verzweifelten Hoffnung, dass Dichten noch möglich sei.

"Ich sing das verbotene /
Apfellied /
das vor der Geburt erlernte."


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