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Religion und Krimi

Was hat der Pfarrer im Krimi verloren?

Geistliche als Detektive, Schurken,Leichen und Krimi-Autoren Vielfältige Verbindungen zwischen Krimi und Theologie Krimis, die im Mittelalter spielen Die ambivalente Rolle der Religion Der Detektiv ein bürgerlich getarnter Erzengel? Der Krimi als Teufelsaustreibung Krimis mit metaphysischer Basis Christliche Kriminalgeschichte im Wettbewerb Kirchenkrimis vom Pastor und der Pastorin Die Kriminalliteratur begann schon mit der Bibel

Vielfältige Verbindungen zwischen Krimi und Theologie

So merkwürdig es auch klingt: zwischen dem Kriminalroman und der Theologie bestehen vielfältige Verbindungen, mehr als man ahnt und vermutet. Immerhin geht es bei beiden um die Verderbtheit des Menschen, um die Abgründigkeit der Welt und um das Verhältnis von Schuld und Sühne. Die meisten Krimis leben von moralisch fragwürdigen Verbrechen. Nirgends zeigen sich die dunklen Seiten des Menschen so deutlich wie hier. So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass in der Kriminalliteratur gelegentlich, mehr oder weniger versteckt, religiöse Probleme auftauchen und dass Krimi-Autoren nicht selten ein Faible für religiöse Fragen und Strömungen an den Tag legen. Edgar Allan Poe beispielsweise neigte dem Mystizismus zu, während Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlok-Holmes, in seinen letzten Lebensjahren dem Spiritismus anhing. Dabei sind Poe und Doyle keineswegs die einzigen, die sich religiös orientierten. Zudem kommen in Krimis auffallend häufig Geistliche vor, und zwar in unterschiedlichen Schattierungen.

Man denke nur an Chestertons Pater Brown, den wohlbeleibten, kleinen Priester, der in etwa fünfzig Fällen mit seelsorgerlicher Weisheit Verbrechern auf die Schliche kam. Mittlerweile hat er in mehreren Konfessionen und Kontinenten Nachfolger gefunden. Katholische Geistliche und evangelische Pastoren von Chicago bis Klein-Hasenberg bei Lübeck bevölkern gegenwärtig die Krimilandschaft, sogar ein waschechter Rabbi ist dabei: David Small. In Harry Kemelmans erfolgreicher Romanreihe waltet er seit mehr als einem Vierteljahrhundert seines Amtes als Schriftgelehrter und Detektiv wider Willen und löst knifflige kriminalistische Rätsel mit talmudischer Spitzfindigkeit. Einen Einblick in die jüdische Glaubenswelt vermittelt ebenfalls Zachary Kleins Krimi "Jenseits von Gut und Böse", in dem bei dem Thorafreudenfest der jüdischen Gemeinde in Boston der liberale Rabbiner Dov Horowitz und der Anführer einer antisemitischen Gruppe bei einer Schießerei ums Leben kommen.

Krimis, die im Mittelalter spielen

In Krimis, die im Mittelalter spielen, gehen Mönche auf Verbrecherjagd: bei Ellis Peters, bei Paul Harding und, wie mittlerweile sogar Fernsehkonsumenten hinlänglich bekannt sein dürfte,in Umberto Ecos "Der Name der Rose". In Margaret Frazers Kriminalromanen verfolgt dagegen eine Klosterschwester die Spuren der Verbrecher. In den historischen Kriminalromanen von Alys Clare klärt die gewitzte und resolute Äbtissin Helewise zusammen mit Ritter Josse geheimnisvolle Morde auf. Auch in den historischen Krimis von Peter Tremayne erweisen sich Schwester Fidelma und der Mönch Eadulf bei oft schwierig gelagerten Mordfällen als gewiefte und bald auch erfahrene Ermittler, einerlei ob es sich dabei um eine Tote im Klosterbrunnen handelt, um den rätselhaften Tod eines Erzbischofs oder um den Mord an der Äbtissin Etain.

Der Autor Ulrich Zehfuss lässt auf Audio-CDS den eloquenten Advokaten aus der Zeit Ludwigs XIV., François Gayot de Pitaval (1673 bis 1743), von seinen "berühmten und interessanten Rechtsfällen" erzählen, die er seit 1734 in insgesamt zwanzig Bänden herausgegeben hat und die häufig auch in mittelalterlichen Klöstern spielen. Im "Tod

des Alchimisten" wird der Mönch Quastius Kreuzlin auf eine schwere Probe gestellt. Wir betreten mit ihm den Vorraum des Audienzraumes des Kardinals, während dumpfe Gesänge aus dem Kloster herüberdringen. Da Quastius in der Kunst der Heilkräuter wohl bewandert ist, soll er der Gehilfe von Odo von Greifenau werden, der ein Anhänger der Alchemie und ihrer dunklen Abarten ist und obendrein noch der Bruder des Kardinals. Odo entpuppt sich als geheimnisvoller, aber durchaus umgänglicher Zeitgenosse, der nachts in seinen Gewölben tief unter der Erde seinen Experimenten nachgeht. Eines Tages oder besser eines Nachts, in der "Nacht der Nächte", kurz nachdem der Kardinal bei Odo vorgefahren ist, geht alles in Flammen auf, und von Odo bleibt nur noch ein Gerippe übrig. Wer war der Täter? Am Ende gar der Kardinal?

In einer anderen Geschichte sitzt François Gayot de Pitaval, während draussen vor der Bibliothek der Schneesturm tobt, vor seinem Kamin und führt einen imaginären Besucher in die Zeit der Inquisition, in die bekanntlich Hexenverbrennungen an der Tagesordnung waren. Doch zunächst beginnt alles friedlich und harmonisch. Die Hochzeitsglocken läuten für Katharina Unterholzer und ihren Bräutigam Sibelius Fuhrmann. Kaum aber hat die Trauungszeremonie begonnen, da ertönt eine lautes "Halt" durch den Kirchenraum. Vier bewaffnete Männer haben, zusammen mit Vogt Heinrich und Curtius, dem Abt der nahe gelegenen Benediktiner-Abtei, die Kirche betreten und unterbrechen nun rüde die Zeremonie. Es kommt noch schlimmer. Aus heiterem Himmel wird das junge Brautpaar angeklagt, mit dem Antichristen im Bunde zu stehen. Beide werden abgeführt. Scheiterhaufen werden errichtet. Pfarrer Anselmo ist empört, weiß er doch, dass sein Mündel Katharina und ihr Bräutigam unschuldig sind und dass die beiden nur geopfert werden sollen, um die Macht des Abtes zu stärken. Wer weiß, wie das Ganze geendet hätte, wenn nicht das Schicksal oder sonst jemand ein wenig nachgeholfen und den Abt aus dem Weg geräumt hätte, nicht ohne Beichte des Abtes, dass er wider Katharina und ihren Bräutigam falsch Zeugnis abgelegt habe. Vielleicht hat sogar Anselmo, der tapfere Priester mit dem Herz am rechten Fleck, hier ein wenig Schicksal gespielt, wer weiß. Wider Erwarten nimmt die Geschichte auf jeden Fall ein gutes Ende, so dass der Hochzeitsfeier am nächsten Tag nichts mehr im Wege steht. Es folgen tiefsinnige Betrachtungen des Erzählers über Hexenprozesse und Machtspiele im Mittelalter, über Schuld und Wahrheit. - So viel über Krimis, die im Mittelalter spielen.

Angehörige eines geistlichen Standes haben den Kriminalisten vom Fach fraglos manches voraus. Ganz deutlich wird dies in den Geschichten von Gilbert Keith Chesterton. Sein Landpfarrer Pater Brown glaubt - wie könnte es anders sein? - an Sünde und Gnade, an Engel und Teufel und bemüht sich, nicht nur rätselhafte Fälle zu entwirren, sondern auch die überführten Schwerverbrecher zu bekehren. Weiß er doch, dass jeder Mensch zwei Möglichkeiten hat:ein Verbrecher oder ein Heiliger zu werden, und er weiß außerdem, dass sich manchmal Verbrecher zu Heiligen mausern. Denn wie sagte doch Paulus: "Wo die Sünde wuchert, ist auch die Fülle der Gnade." Pater Brown hasst wohl das Böse, da er aber die Hölle als mächtig und den Menschen als verführbar ansieht, liegen ihm Gedanken an Rache oder Verdammnis fern. "Mich wundern die Werke der Hölle nie" sagt er an einer Stelle. Um so mehr hält er von der Nächstenliebe und ist von der Wandlung des Menschen zum Guten ebenso überzeugt wie von der Güte Gottes.

Während Chesterton sein vielseitiges Werk als Kreuzzug im Dienste des Katholizismus verstand, tritt Ellis Peters in ihren Romanen als Kritikerin der festgefügten religiösen, feudalen und ständischen Ordnungen auf. Das Böse entspringt bei ihr fast immer der Habgier jener, die ohnehin schon alles besitzen. Zu diesen zählt sie ehrgeizige Kirchenmänner, intrigante Politiker und raffgierige Lehnsherren. Ihr Held, Bruder Cadfael, erweist sich in allen Situationen als Anwalt der Bedrohten und der Entrechteten. In der früheren Fernseh-Krimiserie "Schwarz greift ein" wiederum

kümmerte sich der katholische Pfarrer Henning Schwarz nicht nur um das Seelenheil seiner Schäfchen in der Frankfurter Gemeinde, sondern auch um das Seelenheil gestrauchelter Menschen sowie um die Aufdeckung dunkler Machenschaften in den oberen Etagen, wozu ihm beinahe jedes Mittel recht war. Zugute kam ihm dabei seine frühere Tätigkeit bei der Polizei. Da habe er versucht, meint er, die Welt etwas gerechter zu gestalten. Das sei ihm damals nicht gelungen. Daher sei er nun bestrebt, schon im Vorraum des Verbrechens tätig zu werden, um Untaten zu verhindern.

Das Kloster als Tatort erfreut sich überhaupt großer Beliebtheit - siehe Eco. In Phyllis D.James "Der Beigeschmack des Todes" werden in der Sakristei einer Londoner Kirche zwei Menschen ermordet. In dem vor einigen Jahren ausgestrahlten Fernsehkrimi "Heilig Blut" wird eine schwangere Nonne im Klostergarten tot aufgefunden. Verstrickt in diesen Vorfall ist die Äbtissin des Klosters, gespielt von Maria Schell. Bei einem sonntäglichen Tatort im Frühjahr 2001 geschah ein Mord in der Stuttgarter Stiftskirche. Zeuge war ein Sängerknabe, das Opfer die wenig beliebte Managerin des Knabenchores. Viele waren verdächtig, selbst eine Vikarin und einer junger Pastor, weil beide es mit der Einhaltung der Gebote nicht allzu genau nahmen. Aber zur Beruhigung der Leser sei verraten: gemordet haben sie denn doch nicht. Ein besonderer Clou war das kurze Auftreten der Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin bei einem Kirchenkonzert des Knabenchors. wo sie, wie in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen war, nicht nur glänzend hinpasste, sondern auch genau das spielte, "was sie ist: die Politikerin aus dem pietistischen Milieu."

Die ambivalente Rolle der Religion

Der Glaube hilft bei der Suche nach der Wahrheit. Manchmal aber schafft er selbst erst tödliche Probleme. Welche zerstörerischen, ja dämonischen Kräfte er freisetzen kann und welche mörderischen Auswirkungen religiöse Vorstellungen, insbesondere in Sekten und bei Fanatikern, haben können, auch das wird in etlichen Krimis offenkundig. In Ecos "Der Name der Rose" führt religiöse Verirrung zu einer Reihe tödlicher Anschläge und lässt am Ende ein ganzes Kloster in Flammen aufgehen. Auch der Kriminalroman "Leute, die an die Tür klopfen" von Patricia Highsmith zeigt, dass religiöse Vorstellungen mitunter lebensverengende Konsequenzen haben. Die Geschichte spielt im Milieu einer fundamentalistischen Sekte in den USA. Die Bekehrung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie zu puritanisch frommen Gemeindemitgliedern zerstört die Beziehung zwischen Vater und Sohn und macht den zweiten Sohn zum Rächer eines Ehebruchs durch "Mord aus frommer Überzeugung". In Kate Charles' Kirchen-Krimis und Kurt Weinrichs "Tod unterm Kruzifix" wird ebenfalls geistliches Personal brutal um die Ecke gebracht.

Während für Chestertons Pater Brown die Alternative noch hieß "Verbrecher oder Heiliger", teilte Patricia Highsmith die Menschen in "Mörder und Opfer" ein und weigerte sich, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Denn, so behauptete sie, "weder das Leben noch die Natur kümmern sich je darum, ob Gerechtigkeit geschieht oder nicht." Sie maßte sich darum auch nicht an, über Schuld und Unschuld zu befinden. Stattdessen kreierte sie in ihren Romanen einen sympathischen Verbrecher, dem Reue, Skrupel und Gewissen völlig fremd waren. Meistens ließ die Schriftstellerin das Böse den Sieg davontragen. Seinen Keim, so lautete ihr Credo, tragen wir alle in uns. Das glauben natürlich auch Pater Brown und Rabbi Small. Gleichwohl sind die geistlichen Protagonisten bei Patricia Highsmith, die lächelnden Sektenwerber, eben "die Leute, die an die Tür klopfen", in ihrer rechtgläubigen Selbstgefälligkeit und in ihrer hochmütigen Demut das genaue Gegenbild zu den positiven Vertretern des geistlichen Standes wie Rabbi Small und Pater Brown, da beide, dank ihres Glaubens, das Böse als Teil der gefallenen Schöpfung nüchtern und illusionslos betrachten, wohlwissend,

dass Rettung jederzeit möglich ist.

Der Priester, der Rabbiner oder der Schamane, wie etwa bei Toni Hillerman, sind nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sie noch Antworten haben auf die Verbrechen und das Böse in der Welt. Mitunter wird der Geistliche durch das ihm anvertraute Beichtgeheimnis, wie etwa in Carl Zuckmayers "Fastnachtsbeichte", zum Mitwisser eines Verbrechens. Dann wieder gibt es Fälle, in denen der Ermordete allem Anschein nach sein Schicksal verdient hat. Naive Leser neigen dann gern der Ansicht zu, Gott habe den Ermordeten mit Hilfe des Mörders bestraft.

Der Detektiv ein bürgerlich getarnter Erzengel?

Aber selbst wenn der Detektiv kein Geistlicher ist, so ist er doch schon häufig theologisch interpretiert worden, weil er meistens mithilft, die Bösen zu strafen und die Schwachen zu behüten. Helmut Heißenbüttel hat den Detektiv als theologische Figur, als "bürgerlich getarnten Erzengel" beschrieben, als göttlichen Boten, der die Ordnung der Welt, die durch das Verbrechen aus den Fugen geraten ist, wieder ins Gleichgewicht bringt. Andere Theoretiker vergleichen den Krimi in einer säkularisierten Gesellschaft mit dem Mysterienspiel im Altertum, das bekanntlich das Publikum belehren und bekehren sollte. Der scharfsinnige Kultursoziologe Siegfried Kracauer sah im Detektiv ein "Widerspiel" Gottes, einen säkularisierten Priester. "Das Immanente", schrieb er in den dreißiger Jahren, "das die Transzendenz verleugnet, setzt sich an ihre Stelle", dem Detektiv werde der Schein der Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit verliehen, "wenn er als Vorsehung Begebenheiten zu löblichem Ende verhindern oder herbeiführen darf." Allerdings kann sich der Detektiv nur in einer heillosen und gottverlassenen Welt zum allwissenden Schöpfer aufspielen. Als hochstilisierter Alleskönner greift er in das Weltgeschehen ein, was Gott offensichtlich nicht tut, und stellt durch die Scheidung der Verdächtigen von den Unverdächtigen, der Schuldigen von den Unschuldigen die Gerechtigkeit wieder oder überhaupt erst her, so wie wir es in Gottes Schöpfung gern hätten.

Der Krimi als Teufelsaustreibung

Man könnte im Krimi auch eine Art Teufelsaustreibung sehen mit kathartischer Wirkung, weil er, nach Meinung kluger Leute, unsere Gefühle von Schuld und Schrecken reinigt. Die Braunschweiger Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann hat einmal gesagt: "Kriminalromane werden nicht nur aus Unterhaltungsbedürfnis gelesen, sondern auch aus einem unbewussten Schuldgefühl. Es ist das Schuldgefühl der Etablierten gegenüber den Gestrandeten, Gestrauchelten. Indem wir uns mit dem Verbrechen konsumierend beschäftigen, mit dem fiktiven Verbrechen wohlgemerkt, bilden wir uns ein, mit den Missständen der Gesellschaft beschäftigt zu haben, an denen wir auch als Einzelne mitschuldig sind, weil wir nicht genug tun, sie zu mildern und sie zu tilgen."

Doch wenn der Detektiv zum Richter erhöht wird, gleichsam zum Ersatz-Erlöser wird, dann bedeutet dies zweifellos eine unmenschliche Überforderung. Eine fromme Autorin wie Dorothy Sayers hat ihren Detektiv, den exzentrischen Lord Peter Wimsey, durch tiefe Selbstzweifel vom göttlichen Podest wieder herunterholt. Sie lässt ihn nicht nur unter der Dusche Bach-Arien aus der H-Moll-Messe pfeifen. Sie verwickelt ihn darüber hinaus immer wieder in moraltheologische Grundsatzfragen, die aus dem bloßen Standesethos des Detektivs heraus kaum lösbar scheinen. Schon in ihrem ersten 1923 erschienenen Roman "Ein Toter zu wenig" fragt sich Lord Peter, was ihn eigentlich berechtigt, nicht nur knifflige Ermittlungen anzustellen, sondern dadurch vielleicht auch Menschen an den Galgen zu bringen. Noch massiver stellt Sayers diese Frage in dem vier Jahre später erschienenen Roman "Keines natürlichen Todes". Lord Peter ist dort einem mutmaßlichen Mord auf der Spur. Der noch unbekannte Täter tötet allem Anschein nach weitere Menschen, um die erste Tat zu verdecken. Diese Verbrechen wären vermutlich nie begangen worden, hätte nicht Lord Peter die Diskussion um den bereits vergessenen ersten Mord neu aufgewühlt. Dieser Gedanke lässt dem Lord keine Ruhe. Für die Erörterung solch diffiziler Skrupel reicht ihm als Gesprächspartner der ansonsten zuverlässige Inspektor Parker von Scotland Yard freilich nicht aus, auch wenn dieser in seiner Freizeit die neuesten Bibelkommentare studiert. Stattdessen fragt Wimsey einen Geistlichen um Rat. Der beruhigt den Lord, er solle sich nicht zu sehr quälen, "wahrscheinlich wäre der Mörder dann durch seine eigenen Schuldgefühle und Ängste zu neuen Verbrechen getrieben worden, auch ohne Ihr Eingreifen. Ich rate Ihnen, tun Sie, was Sie für das Richtige halten und zwar in Übereinstimmung mit den Gesetzen, die zu respektieren wir erzogen wurden. Alles weitere überlassen Sie Gott. Übergeben Sie den Missetäter der Gerechtigkeit. Aber vergessen Sie dabei nie, dass auch Sie und ich nicht davon kommen würden, wenn uns allen recht geschähe."

Der frommen Pfarrerstochter Dorothy Leigh Sayers aus Exford, die die tiefe Religiosität, in der sie aufwuchs, nie ganz abgelegt hat - ihre ersten schriftstellerischen Arbeiten waren religiöse Gedichte, ihre letzten religiöse Versdramen -, hat es gewiss gefallen, dass ein einfacher Dorfgeistlicher dem weltläufigen Lord in letzten Fragen offenbar überlegen war.

Krimis mit metaphysischer Basis

Dem klassischen Kriminalroman liegt indirekt und säkular verwandelt eine metaphysische Basis zugrunde, ein Vorsehungsglaube im weltlichen Gewand, der in einer Zeit zunehmender Glaubenslosigkeit und religiöser Entwurzelung profanen Ersatz bietet. Dieser Krimi lebt noch von der Zuversicht, dass Verbrechen weder verborgen bleiben noch sich auszahlen und dass ihre Verursacher eines Tages der gerechten Strafe zugeführt werden. In den moderneren Krimis bleibt das Unrecht hingegen nicht selten bestehen so wie im täglichen Dasein, in dem wir ebenfalls, wohl oder übel, mit einem gewissen Quantum an Ungerechtigkeit leben müssen. Schon Wimsey musste nach der Aufklärung eines Falles manchmal resigniert feststellen, dass die Welt dadurch um keinen Deut besser geworden sei. In Spangenbergs "Der Lachs tanzt Blues" meint ein englischer Geistlicher, genannt der Dean: "Ich kann nur einzelne Täter möglicherweise hindern, noch mehr Schaden anzurichten. Ich habe aber keinen Einfluss auf den positiven Fortgang des Lebens", und er zitiert Peter Wust mit den Worten: "Die Welt, dividiert durch die Vernunft, geht nie ohne Rest auf."

Hin und wieder ist der Detektiv auch mit dem Teufel im Bunde. Aber vielleicht hat ja Werner Bergengruen Recht, wenn er in seinem Roman "Der Großtyrann und das Gericht", den man durchaus als Kriminalroman mit unübersehbaren theologischen Aspekten lesen kann, schreibt, dass der Teufel "nicht ohne Gottes Zulassung handeln" könne. So verschieden die Motive und die Charaktere der Detektive auch sein mögen, einerlei ob sie nun gottesfürchtig sind oder nicht, auf die Suche nach dem Übeltäter begibt sich kaum einer von ihnen nur für Gotteslohn. Zuweilen rufen Krimi-Schriftsteller oder ihre Stellvertreter, die Kommissare, wie etwa Herbert Reinecker und sein in aller Welt berühmt gewordener unvergesslicher Fernseh-Oberinspektor Stefan Derrick, ob der vielen Untaten, mit denen er und sein Gehilfe Harry tagtäglich konfrontiert wurden, protestierend in die Welt hinein, ärgerlich oder ironisch, und klagen Gott an in Wut und in Schmerz über die Unvollkommenheit seiner Kreaturen.

Nicht jede Tat wird gesühnt. Nicht jede Tat findet einen Richter. Ein Kemelman-Krimi endet damit, dass der Täter davonkommt, weil die Polizei bei den Ermittlungen Fehler gemacht hat und weil dem Verdächtigen die Tat nicht lückenlos nachgewiesen werden

kann. Rabbi Small tröstet sich damit, dass der Täter die Strafe sozusagen in sich trägt. Denn wer gegen göttliche Gebote verstößt, verstößt im Grunde gegen sein eigenes Menschsein und ist damit bestraft genug, wobei indessen offenbleibt, wie diese Bestrafung im einzelnen aussieht. Gleichwohl ist dies ein Gesichtspunkt, der den Leser über die Lektüre des Buches hinaus beschäftigen kann und ihn vielleicht über die Widersprüche des menschlichen Daseins ein wenig hinwegtröstet.

Fragen nach Schuld, Reue, Sühne, Gnade und Vergebung werden indessen auch in Krimis aufgeworfen, in denen der theologische Background nicht offen zutage tritt. Phyllis Dorothee James zum Beispiel, die wie Dorothy Sayers tief religiös ist, lotet die Abgründe menschlicher Gefühle genau aus und vernachlässigt, im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen und Kolleginnen, niemals die moralische Dimension. Eine ihrer Botschaften lautet: Mord ist ein Verbrechen, dass das Leben aller, die mit ihm in Berührung kommen, verändert. Eisern hält sie wohl an den Prinzipien von Schuld und Sühne fest, sieht aber zugleich in Verbrechern verzweifelte Menschen, die Halt und Hoffnung verloren haben, was sie allerdings von ihrer Schuld nicht befreit. Wie einst Judas habe auch der Mörder, glaubt sie, die Wahl zwischen Reue und Verdammnis, zwischen Umkehr und Untergang.

Der 1957 in Freiburg im Breisgau geborene und seit 1975 in Los Angelos lebende deutsche Autor und Regisseur Patrick Roth schreibt in sogenannten biblischen Krimis mit Vorliebe über religiöse Erfahrungen und religionsgeschichtliche Episoden. Nach seiner Christusnovelle "Riverside" und "Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" hat Roth in seinem dritten Bibel-Krimi "Corpus Christi", in dem Thomas, der Zweifler im Mittelpunkt steht, subtil die in den früheren Büchern angeschnittenen Themen und Fragen weitergeführt, während er in seinem neuesten Band "Die Nacht der Zeitlosen" den Schauplatz zwar in die Gegenwart verlegt, in die aber eine mythische Zeit hineinragt, wobei Heilsgeschichte und Hollywood miteinander verzahnt werden.

Christliche Kriminalgeschichte im Wettbewerb

Die Evangelische Buchhilfe, Vellmar schrieb 1992 zusammen mit dem Claudius Verlag einen Wettbewerb zum Thema "Christliche Kriminalgeschichte" für junge Autoren aus. Der beste evangelische Schreibtischtäter war der damals dreißigjährige Stefan Arndt. Er gewann den bundesweiten Wettbewerb mit seiner Kurzgeschichte "Auf den Flügeln der Morgenröte", in der ein Anti-Held in eine fundamentalistisch christliche Jugendgruppe gerät. Bei dem ebenso vergnüglichen wie gruseligen Berg von neunzig eingereichten Manuskripten habe sich gezeigt, dass für viele Jungautoren "das Christliche nur pathologisch denkbar" sei, so etwa beim Mord aus religiösem Wahn, stellte die Lektorin des Claudius-Verlags, Marion Küstenmacher, bei der Preisverleihung bedauernd fest. Die Hoffnung der Initiatoren, dass im christlichen Krimi auch die heilsamen und tröstlichen Seiten des Christentums zur Sprache kämen, hätten sich leider nicht erfüllt.

In einigen Krimis fällt Pfarrern, Mönchen und Nonnen die Rolle des ermordeten Opfers zu. In anderen Krimis droht die Kirche selbst zum Objekt ruchloser Täter zu werden. Ein Kommando "Jan van Leiden" versucht zum Beispiel in Jürgen Kehrers "Wilsberg und die Wiedertäufer", die Katholische Kirche durch Anschläge zu erpressen. In Jon Durscheis kirchenkritischem Krimi "Mord am Walensee" gerät ein Pater sogar in den Verdacht, einen Mord begangen zu haben. Selbst Donna Leons wackerer Commissario Brunetti verfolgt in "Sanft entschlafen" üble Tricks und teuflische Ränkespiele im kirchlichen Bereich im allgemeinen und in der kirchlichen Altenpflege und "Sterbehilfe" im besonderen und findet sich alsbald in einem Spiegelkabinett aus Irrwitz, Glauben und Scheinheiligkeit wieder, bevölkert unter anderem von einer Nonne, die ihr Habit abgelegt hat, einem Religionslehrer, der alles andere als ein guter Hirte seiner Schäfchen ist und einer fanatisch gläubigen alten Jungfer, die Gott mehr liebt als ihren leiblichen Vater. Kein Wunder, dass Brunettis Voreingenommenheit und Abneigung gegenüber Kirche und Religion durch diese Vorfälle eher zugenommen als abgenommen haben.

Auch in Martina Bicks "Tödliche Prozession" - hier stürzt in einer kleinen polnischen Stadt eine junge Deutsche vom Gerüst der Kirche, die gerade renoviert wird - gibt es ungeklärte Fragen: Woher kam das Geld für die Renovierung der Kirche? Welche Rolle spielt ein attraktiver katholischer Geistlicher?

Nicht alle Romane, in deren Titeln himmlisches Personal oder außerirdische Religionen vorkommen, haben theologischen Tiefgang. Teufel, Engel, Himmel, Hölle werden häufig bemüht. Doch sind sie oftmals nicht mehr als allegorisches, dekoratives oder gar reißerisches Beiwerk wie etwa in Marek Lawrynowicz' "Der Teufel auf dem Kirchturm" und Kirsten Holstens "Du sollst nicht töten".

Die israelische Literaturwissenschaftlerin Batya Gur hat die Titel für ihre Kriminalromane, die jedoch in der Universität oder im Kibbuz spielen, der Bibel entnommen wie: "Du sollst nicht begehren", "Denn am Sabbat sollst du ruhen", "Am Anfang war das Wort" - sicherlich mit gutem Grund, gelten doch Gottes Gebote für alle gesellschaftlichen Bereiche, auch wenn kirchliche Amtsträger hier mit gutem Beispiel vorangehen sollten.

Bei modernen Kriminalromanen hingegen, die Kriminalität ausschließlich als Teil der gesellschaftlichen Struktur darstellen, ist der Umgang mit dem Verbrechen eher soziologisch als metaphysisch bestimmt. Diese Romane hinterlassen nur selten ein Gefühl der Befreiung, weil in ihnen Recht und Gesetz nicht ausreichen,um die Schwachen zu schützen. Das Detektivsein ist in diesen Büchern keine Mission mehr, sondern ein Job. Der Unterschied von Täter und Opfer verwischt sich, ebenso von Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht. Ein solcher Krimi leistet nicht mehr die Bewältigung von Schuld und Sühne, sondern fordert den Leser zur Stellungnahme heraus.

Überdies werden nicht in jedem Kirchenkrimi, wie etwa bei Eco und bei Spangenberg, theologische Fragen erörtert, vor allem dann nicht, wenn der jüdische oder christliche Geistliche austauschbar ist mit einem Polizei-Kommissar oder einem gewöhnlichen Detektiv.

Kirchenkrimis vom Pastor und der Pastorin

Der im nordfriesischen Leck lebende Autor Peter Spangenberg ist nicht nur Verfasser von Kriminalgeschichten mit theologischem Flair. Spangenberg ist selber Pfarrer wie Christian Uecker und Ulrich Knellwolf. (Etliche Bücher von Spangenberg und Uecker erschienen übrigens bei der Lutherischen Verlagsgesellschaft in der Reihe "Kirchenkrimis".)

In Christian Ueckers "Wenn der Tod tanzt" wird Pastor Frank Falke zum Kriminalisten gegen seine Absicht, nachdem man in seiner Kirche das Skelett eines Erschlagenen gefunden hatte. In "Wer einmal brennt" muss Pastor Falke in seinem Heimatdorf Brände aufklären und einen Mord noch dazu. In Ueckers drittem Roman "Gut-Besser-Tot" wird der Pastor ausgerechnet auf dem Hamburger Kirchentag in einen neuen Kriminalfall mithineingezogen.

In Spangenbergs Krimi "Der Lachs tanzt Blues" löst Kommissar Lachsien, genannt der Lachs, zusammen mit seinem englischen Freund, der in Epsom Gemeindepfarrer ist, von Schottland aus eine Mordserie in einem Hamburger Altenheim, wobei theologische Reflexionen, mit Rückgriff auf Martin Heidegger und Peter Wust, über das Böse und seine Gewalt über Menschen und über ähnliche Themen nicht zu kurz kommen. Die Morde im Altenheim haben überdies ihre Wurzeln in der Nazizeit wie auch die Unglücksfälle in Ulrich Knellwolfs "Klassentreffen".

Von Ulrich Knellwolf, Pfarrer in Zürich, liegen ebenfalls etliche Krimis vor. Der Erstling "Roma Termini" handelt von Kirche, Macht und Moral, der zweite "Tod in Sils Maria" von Mord, Totschlag und menschlicher Niedertracht und macht deutlich, gemäß der Intention des von Camus und Dürrenmatt beeinflussten Verfassers, dass die Welt in Unordnung ist und wohl auch fürderhin bleibt. Letztlich sei die Kirche nicht in erster Linie dazu da, das Böse zu ersticken, vielmehr sei sie berufen, die Welt post peccatum zu verhandeln, meint Knellwolf und fügt hinzu, dass selbst Göttliches, wenn es uns Sünder erreichen solle, unterhalten müsse. Er selbst habe bei Georges Simenon mehr über die Sünde erfahren als in theologischen Werken und bei Graham Greene mehr über die Kirche gelernt als in jeder Ekklesiologie-Vorlesung. Graham Greene und Friedrich Dürrenmatt hätten ihre Schwäche für Theologisches kriminaliter ausgelebt, während Karl Barth seine Englischkenntnisse aus den Kriminalgeschichten von Dorothee Sayers bezogen habe. Letztlich, so Knellwolfs These, überdauere im Kriminalstoff, einerlei ob er priesterlicher oder weltlicher Phantasie entsprungen sei, ein theologisches Weltbild. Nun ja, bei vielen Krimis heutzutage, in der Literatur und erst recht im Fernsehen, ist davon freilich herzlich wenig zu spüren. Nicht wenige begnügen sich mit der Darstellung von Rabaukentum und "action", sind oberflächlich, banal und ganz ohne Tiefgang. Aber zurück zu den ernsthafteren, von denen hier die Rede ist.

Die religiösen Erörterungen sind bei dem Schweizer Pfarrer Knellwolf wohl nicht so unmittelbar greifbar und werden nicht so direkt angesprochen und ausgesprochen wie bei Spangenberg, sogar die Vokabel Gott kommt kaum vor. Dennoch geht es untergründig auch bei Knellwolf um nichts anderes als um die Verstrickungen und um die Schuldhaftigkeit des Menschen, um sein Angewiesensein auf Gnade und Erlösung. Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren hat, zu hören, der merkt sehr schnell, dass Knellwolf seinen Lesern nichts anderes sagen will, als dass sich die Welt nicht einfach in gut und böse einteilen lässt, dass man Schuld grundsätzlich nicht immer vermeiden und nicht alles Leid auf menschliches Versagen und menschliches Unvermögen zurückführen könne. Bei Lesungen sei er immer wieder überrascht, bekannte Knellwolf in einem Spiegel-Gespräch, wie schnell die Diskussion jeweils zu theologischen Fragen vorstößt - gerade bei Leuten, die nie daran dächten, in einen Gottesdienst zu gehen.

Glaube und Religion sind vielleicht doch nicht ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden, wie bei oberflächlicher Betrachtung die Kirchenaustrittszahlen suggerieren. So viel steht freilich fest: Wenn Geistliche plötzlich zu Protagonisten im Kriminalfall werden oder sich als Krimi-Schriftsteller entpuppen,dann bedeutet dies zweifellos eine Bereicherung des Kriminalromans um Themen, die selbst jene brennend interessieren, die mit den offiziellen Kirchen nichts mehr im Sinn haben. Heute scheint erst recht zu gelten,was der Literaturkritiker Willy Haas schon 1929 beobachtet hat, dass sich das Theologische in unserer Welt nicht mehr offen äußert. In einem gewissen Sinn wird so mancher Kriminalroman zum Ersatz für den fehlenden religiösen Glauben, obwohl die meisten Leser, die Krimis in die Hand nehmen, von diesen Büchern zunächst wohl kaum Antworten auf religiöse Probleme erwarten.

Keine religiösen Probleme, aber handfeste Missstände im kirchlichen Bereich behandelt dagegen die Dortmunder Theologin Anne- Kathrin Koppetsch in ihrem Roman "Blei für den Oberkirchenrat", den man sowohl als Milieusatire, als Krimi und als Frauenroman lesen kann. Er spielt in Berlin in den Jahren nach der Wende.

Zunächst dreht sich alles um die Frage: wer hat den Oberkirchenrat Otto Rauhbach - er wurde neben einer Parkbank im Berliner Tiergarten mit einer Schusswunde in der Brust tot aufgefunden - umgebracht? Ein abgewiesener Theologe? Immerhin war Rauhbach seit 1996 Ausbildungsreferent der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Ein brotlos gewordener Vikar, der den Herren der Kirchenleitung zu schwul war? Oder hatte der Mord etwas mit der Stasi zu tun? Rauhbach hatte nämlich zu DDR-Zeiten an der Uni Humboldt unterrichtet. Vielleicht war er selbst ein Stasi-Mann gewesen? Oder lagen die Probleme ganz woanders? Womöglich im privaten Sektor?

Kirsten Kerner, ausgebildete Theologin und Moderatorin beim christlichen Radiosender "Balsam", recherchiert mit seelsorgerlichem Einfühlungsvermögen im Berliner Kirchenklüngel und fördert dabei haarsträubende Dinge zutage. Am Ende gerät sie selbst in Bedrängnis und wird von ihrem Bischof nahezu erpresst.

Nebenbei wird der Leser mit der derzeitigen Situation in der Kirche konfrontiert, etwa mit der Misere, dass für viele Theologen die Kirche nach deren Ausbildung keine Verwendung hat, so dass sie sich nach einem anderen Beruf umsehen müssen, ferner mit den allgemeinen finanziellen Engpässen in der Kirchenkasse, mit Macht- und Amtsmissbrauch sowie mit der Vorherrschaft "mordsmäßiger" Konkurrenz statt Nächstenliebe. Überdies geht es in der kirchlichen Branche zu wie in der übrigen Gesellschaft. Da wird getrunken, gekifft und einiges andere mehr. Selbst in christlichen Familien im allgemeinen und in Pastorenfamilien im besonderen, so erfährt der erstaunte Laie, ist manches faul. Sogar Kindesmissbrauch durch hohe Amtsträger kommt vor. Doch was im katholischen Raum passiert, warum sollte es nicht auch im evangelischen Sektor möglich sein?

Die Autorin, die in Berlin studiert und dort nebenher als freiberufliche Journalistin gearbeitet hat, hat sich zweifellos in ihrem Erstling manches von der Seele geschrieben: ihre Berliner Erfahrungen und sicherlich auch ihren Unmut über unchristliche Zustände in der christlichen Kirche. Sie bedient sich dabei einer schnoddrige Sprache und trägt mitunter etwas dick auf. Nicht von ungefähr erinnert ihre Darstellungsweise an die Schreibe von Pieke Biermann.

Wer aber war schließlich der Mörder oder die Mörderin? Ausnahmsweise sei es hier verraten. Es war, sage und schreibe, eine Pfarrerin, und das Schlimme ist, sie hatte allen Grund für ihre mörderische Tat. Wir können es ihr noch nicht einmal übelnehmen.

Die Kriminalliteratur begann schon mit der Bibel

Bei Licht betrachtet, sind Religion und Kriminalliteratur eng miteinander verquickt. Spiegelt doch die tägliche Verletzung der zehn göttlichen Gebote, insbesondere des Gebotes "Du sollst nicht töten " die Realität unserer Welt. Bekanntlich dauerte das Paradies nur bis zum dritten Kapitel der Genesis. Dann kommt es zum Sündenfall, "dem Nukleus jedes Kriminalstoffes", wie Knellwolf hervorhebt. Für den Sündenfall freilich, mit dem die Menschwerdung erst richtig einsetzt und mit dem es, wie Knellwolf freimütig eingesteht, auf Erden erst richtig spannend wird, gibt es keine juristische Handhabung. Ungehorsam gegen Gott ist nun einmal kein Thema, weder für den Krimi noch für die Justiz, eher schon ein Brudermord, wie der von Kain an Abel, auch wenn der erste, wie Spangenberg seine Hauptpersonen sagen lässt, sich mehr gegen Gott als gegen den Ermordeten richtet. Kaum sind nämlich, wie jeder weiß, Kain und Abel, die Söhne von Adam und Eva, erwachsen, geschieht das erste Kapitalverbrechen, das viele andere nach sich zieht. Das Alte Testament ist voll von derartigen Geschichten, von Geschichten über Liebe, Leidenschaft, Unglück, Schmerz, Versuchung, Vergehen, Strafe und Tod. Da kämen nach dem Strafgesetzbuch, fand vor Jahren ein findiger Mitarbeiter einer Literaturzeitung heraus, "mühelos ein paar tausend Jahre Haft zusammen, zum Teil vermutlich mit anschließender Sicherheitsverwahrung." Der Verfasser dieser Zeilen vermerkt am Rande: "Es gibt moderne Krimis, bei deren Lektüre man seufzend wünscht, der Verlag hätte einen auch nur halb so guten Übersetzer gefunden wie Junker Jörg alias Martin Luther."

Kurzum, das Verbrechen ist fast so alt wie die Menschheit und stirbt sicherlich erst mit ihr aus. Morde und andere Straftaten werden uns also auch weiterhin in Angst und Schrecken versetzen und viel Kopfzerbrechen bereiten. Sie werden unsere Schriftsteller, wie gehabt, zu unterhaltsamen und aufregenden Krimis anspornen, die sich ihre Leser dann, wie bisher, mit einer wohlig-gruseligen Mischung aus Spannung

und Gänsehaut zu Gemüte führen und die vielleicht den ein oder anderen zu religiösen Grübeleien verleiten.

Quellen:

(Der Bericht erschien in den "Lutherischen Monatsheften" Ausgabe 3/1997. Ich habe ihn ergänzt und aktualisiert.)


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