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Die ambivalente Rolle der Religion

Der Glaube hilft bei der Suche nach der Wahrheit. Manchmal aber schafft er selbst erst tödliche Probleme. Welche zerstörerischen, ja dämonischen Kräfte er freisetzen kann und welche mörderischen Auswirkungen religiöse Vorstellungen, insbesondere in Sekten und bei Fanatikern, haben können, auch das wird in etlichen Krimis offenkundig. In Ecos "Der Name der Rose" führt religiöse Verirrung zu einer Reihe tödlicher Anschläge und lässt am Ende ein ganzes Kloster in Flammen aufgehen. Auch der Kriminalroman "Leute, die an die Tür klopfen" von Patricia Highsmith zeigt, dass religiöse Vorstellungen mitunter lebensverengende Konsequenzen haben. Die Geschichte spielt im Milieu einer fundamentalistischen Sekte in den USA. Die Bekehrung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie zu puritanisch frommen Gemeindemitgliedern zerstört die Beziehung zwischen Vater und Sohn und macht den zweiten Sohn zum Rächer eines Ehebruchs durch "Mord aus frommer Überzeugung". In Kate Charles' Kirchen-Krimis und Kurt Weinrichs "Tod unterm Kruzifix" wird ebenfalls geistliches Personal brutal um die Ecke gebracht.

Während für Chestertons Pater Brown die Alternative noch hieß "Verbrecher oder Heiliger", teilte Patricia Highsmith die Menschen in "Mörder und Opfer" ein und weigerte sich, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Denn, so behauptete sie, "weder das Leben noch die Natur kümmern sich je darum, ob Gerechtigkeit geschieht oder nicht." Sie maßte sich darum auch nicht an, über Schuld und Unschuld zu befinden. Stattdessen kreierte sie in ihren Romanen einen sympathischen Verbrecher, dem Reue, Skrupel und Gewissen völlig fremd waren. Meistens ließ die Schriftstellerin das Böse den Sieg davontragen. Seinen Keim, so lautete ihr Credo, tragen wir alle in uns. Das glauben natürlich auch Pater Brown und Rabbi Small. Gleichwohl sind die geistlichen Protagonisten bei Patricia Highsmith, die lächelnden Sektenwerber, eben "die Leute, die an die Tür klopfen", in ihrer rechtgläubigen Selbstgefälligkeit und in ihrer hochmütigen Demut das genaue Gegenbild zu den positiven Vertretern des geistlichen Standes wie Rabbi Small und Pater Brown, da beide, dank ihres Glaubens, das Böse als Teil der gefallenen Schöpfung nüchtern und illusionslos betrachten, wohlwissend,

dass Rettung jederzeit möglich ist.

Der Priester, der Rabbiner oder der Schamane, wie etwa bei Toni Hillerman, sind nicht zuletzt deshalb wichtig, weil sie noch Antworten haben auf die Verbrechen und das Böse in der Welt. Mitunter wird der Geistliche durch das ihm anvertraute Beichtgeheimnis, wie etwa in Carl Zuckmayers "Fastnachtsbeichte", zum Mitwisser eines Verbrechens. Dann wieder gibt es Fälle, in denen der Ermordete allem Anschein nach sein Schicksal verdient hat. Naive Leser neigen dann gern der Ansicht zu, Gott habe den Ermordeten mit Hilfe des Mörders bestraft.


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