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Otto Weininger - Judenhasser oder ein Heiliger des Judentums?

Einleitung

Was veranlasste den jungen jüdischen Philosophen Otto Weininger, dem schon früh Ruhm und Karriere sicher waren, am 4.10.1903 mit nur 23 Jahren, ausgerechnet im Sterbezimmer Beethovens, aus dem Leben zu scheiden? Spektakulär und skandalös wie sein Ende ist auch sein Buch "Geschlecht und Charakter", mit dem Weininger kurz zuvor seine Zeitgenossen in helle Aufregung versetzt hatte und von dem heute noch Wissenschaftler zehren, insbesondere Kulturphilosophen, Psychoanalytiker und andere Geisteswissenschaftler. Wahrscheinlich hat keine Veröffentlichung im Wien des Fin de siècle so heftige Kontroversen ausgelöst wie jenes schrille Dokument von Frauenhass und Judenhass. Es wurde zum Synonym für jüdischen Antisemitismus und jüdischen Selbsthass.

Wer aber war der lebensmüde junge Mann, und was hat es mit seiner umfangreichen "prinzipiellen Untersuchung" (so der Untertitel) über "Geschlecht und Charakter" auf sich, mit dem er, wie es im Vorwort heißt, "das Verhältnis der Geschlechter in ein neues entscheidendes Licht" rücken wollte und dem noch ein schmales Nachlassbändchen folgte?

Geboren wurde Otto Weininger am 3.4.1880 in Wien als Sohn eines Goldschmieds. Er galt als früh vollendetes Genie. Beherrschte er doch nicht nur viele Fremdsprachen - darunter Norwegisch, um Ibsen im Original studieren zu können - sondern verfügte ebenfalls über eine umfassende, wenn auch eklektizistische und von Vorurteilen geprägte geistes- und naturwissenschaftliche Bildung. Aufgewachsen ist er im Wien Gustav Mahlers und der Neuromantiker, der Empiriokritizisten Richard Avenarius und Ernst Mach, die ihn begeisterten und wohl auch veranlassten, an der Universität Physik und Physiologie zu studieren. Zweifellos sind die Thesen seines Buches über M und W, männliche und weibliche Biofaktoren, aus solchen Studien erwachsen. Später trat Immanuel Kant, der oberste Bürger für Ordnung und Gesetz, immer mehr an die Stelle von Avenarius und Mach. Friedrich Georg Jünger behauptete sogar, dass Weininger erst durch die Schriften Kants wach geworden sei und dass diese sein eigenes Denken in Bewegung gesetzt hätten. Nebenbei entwickelte sich der junge Weininger zum Wagnerianer und wollte daher mit Nietzsche nichts zu tun haben. Im Jahr 1902 promovierte er mit Auszeichnung in Philosophie und konvertierte am 21.Juli 1902, dem Tage seiner Promotion, zum Protestantismus. Damit brach er sowohl mit der eigenen Herkunft als auch mit seiner katholischen Heimatstadt. Denn dort war der Erwerb des protestantischen Religionsbekenntnisses keineswegs mit einem Statusgewinn verbunden, sondern eher mit der Gefahr, als Außenseiter zu gelten. Indem Weininger, so Jacques Le Rider, den Protestantismus wählt, "entscheidet er sich für die 'geistige Nation' Kants. Er verleugnet also nicht nur seine jüdische Herkunft, sondern auch seine Zugehörigkeit zur Wiener Kultur."

Im August desselben Jahres reiste Weininger nach Bayreuth, um den "Parsifal" zu hören, den er über alles schätzte und liebte, weil hier das Weibliche auf Schuld und Magdtum der Kundry reduziert wird.

Allerdings scheint es Weininger, den Judenhasser, nicht gestört zu haben, dass Richard Wagner die Uraufführung des "Parsifal" dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi anvertraut hatte. Anschließend fuhr Weininger nach Christiania, in die Stadt Henrik Ibsens. Nach Erscheinen seines großen Buches im Mai 1903 unternahm er eine weitere große Reise - diesmal nach Italien. Ende September 1904 kehrte er nach Wien zurück und erschoss sich am 4.Oktober.

Seinen Sarg begleiteten namhafte Persönlichkeiten wie Stefan Zweig, Karl Kraus und der damals vierzehnjährige Ludwig Wittgenstein. August Strindberg schickte aus Stockholm einen Kranz und verfasste einen Nekrolog, den Karl Kraus später in der "Fackel" abdruckte und in dem es heißt: "Unabhängig von Ansichten ist wohl das Faktum, dass das Weib ein rudimentärer Mann ist.. es war dieses bekannte Geheimnis, das Otto Weininger auszusprechen wagte; es war diese Entdeckung des Wesens und der Natur des Weibes, die er in seinem männlichen Buche mitteilte, und die ihn das Leben kostete."

Was Weininger über Juden und Frauen dachte

In seinem Hauptwerk offenbarte Otto Weininger eine, trotz seiner jüdischen Abstammung, scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung. Die Werte höheren Lebens seien, behauptete der eigenwillige Philosoph, der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen. Je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine reine geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand. Nicht von ungefähr nannte Ernst Bloch Weiningers Abhandlung "eine einzige Anti-Utopie des Weibes".

Das Judentum wiederum schien Weininger durchtränkt von Weiblichkeit. Daraus leitete er die paranoide Gleichung ab, dass "der Jude" (Weininger sprach von Juden durchweg im Singular und dann auch immer nur vom männlichen Juden) ein Weib sei, eine kommunistische Kupplerin. Da beide, Frauen und Juden, nur Sexualität, nur Körper und Materie seien, bar jeden Geistes, jeder Seele und jeder Sittlichkeit und unfähig zur sexuellen Askese, stellten sie eine Bedrohung dar.

Seiner Meinung nach denken Frauen nicht logisch, eher in Assoziationen. Instinktiv sagten sie nie die Wahrheit und neigten von Natur aus zu Krankheiten und zur Hysterie. Aber auch die Logik von Juden sei mangelhaft. Sie stützten sich vor allem auf den "Pilpul", einer von hebräisch 'Pfeffer' abgeleiteten scharfen Dialektik, die auf reiner Assoziation beruhe und, laut Weininger, nur ein weiteres intuitives Mittel zur Lüge darstelle. Im Grunde sei der Jude noch verderblicher als das Weib und habe wie das Weib keinen "Schwerpunkt" innerhalb seiner Auffassung von der Welt. Darüber hinaus gäbe es für Juden auch keinen Schwerpunkt in der Welt selbst, während für die Frau dieser Schwerpunkt immerhin der Mann sei. Der Jude sei nichts anderes als eine degenerierte Frau. Gleichwohl stellten beide, Juden und Frauen, universelle Möglichkeitsformen menschlicher Existenz dar. Sie seien Erscheinungsformen, die in jedem beliebigen Individuum auftreten könnten. "Der Jude" wie "das Weib" hätten ferner eine materialistische Gesinnung. Beiden fehle der Sinn für Humor, ihre Ausdrucksform sei die Satire. Ferner zeigten beide einen Mangel an Tiefe wie etwa auch der "fast jede Größe entbehrende Dichter Heine." Aber: "Der tiefstehende Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe, so hoch, dass Vergleich und Rangordnung hier kaum mehr statthaft scheinen."

Neben einer geradezu manichäischen Geringschätzung der Frau, die freilich nicht mit ordinärem Weiberhass verwechselt werden darf, drückt sich in Weiningers Werk ein nicht weniger abgründiger jüdischer Selbsthass aus. Diese Verneinung ist gleichfalls weit entfernt von jenem Antisemitismus, der um die Jahrhundertwende in Österreich und in Deutschland das politische Leben bereits zu großen Teilen vergiftet hatte.

"Weininger war kein Antisemit im gehässigen Sinne des Wortes", glaubte auch Friedrich Georg Jünger. "Vom rohen, vulgären Weiber- und Judenhass war er weit entfernt. Er war kein Täter, kein gewalttätiger Mensch... Das Massive seiner Angriffe entspricht dem Zugriff, dem er sich ausgesetzt fühlt. Seine Polemik ist ein Akt der Selbstverteidigung und Notwehr. Ohne Angst ist der durchdringende Scharfsinn seiner Kombination nicht zu denken, und diese Angst wächst, bis sie Verzweiflung wird."

Judentum war für Weininger keine Schicksalsgemeinschaft, sondern eine Geisteshaltung, eine psychische Anlage, die sich grundsätzlich bei allen Menschen finde. "Frau" und "Jude" werden bei ihm geradezu zum Massstab der Selbstdefinition, an dem sich das Ich misst, und sind zudem, wie es bei Weininger heißt: "Der Abgrund, über dem das Christentum aufgerichtet ist." Damit gehörte er zu den wenigen Antisemiten, die darauf hingewiesen haben, wie sehr das Christentum des Judentums zur Selbstdefinition bedarf. Während fast alle Judenfeinde eine Abhängigkeit des Judentums vom Christentum zu etablieren versuchten, schrieb Weininger: "Das Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu dem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen, jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden ist."

Frau und Jude sind ihm eins - "Das Lachen Kundrys geht aufs Judentum". Der Jude ist genauso wie das Weib, unfähig zum Ergabenen, außerstande, Wagners Parsifal zu verstehen. Das Wesen des Germanentums wird Juden immer verschlossen bleiben, eine These, die der antisemitische Kritiker Paul Fechter dann in den dreißiger Jahren gegen die deutsch jüdischen Schriftsteller verwendet hat.

In "Geschlecht und Charakter" wird die uralte Tradition des in den meisten Zivilisationen verbreiteten Antifeminismus rekapituliert. Neu und originell bei Weininger ist, dass seine Theorien in ein metapsychologisches und kulturkritisches System eingegliedert sind, in dem "das Weib" gemeinsam mit "dem Juden" das absolut Negative und das Ferment der Dekadenz verkörpert.(Le Rider)

Weininger führt sogar Bibelzitate an und betrachtet die "Betrügereien Jakobs" als Beweis dafür, dass es Juden immer schon an echter Moral gemangelt habe. Außerdem beruft er sich auf die Genesis, um die ursprüngliche Unterlegenheit des Weibes zu belegen und bezeichnet die Kabbala als vulgären Aberglauben, der nichts mit echter Mystik zu habe. Christus ist dagegen für Weininger das Modell des Juden, der "die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet", der Mann, der "das Weib von der Weiblichkeit emanzipiert" hat.

Weiningers Erlösungsvorstellungen

Weininger hat dem Judentum, hier ganz auf den Spuren Wagners und Chamberlains, mithin alle nur denkbar schlechten Eigenschaften zugesprochen, Eigenschaften, wie sie seiner Meinung nach ebenfalls dem Weibe anhaften. Wie für Wagner lag für Weininger die einzige Möglichkeit, dem Fluch des Judentums zu entgehen, darin, dass Juden gegen sich selbst kämpfen und das Judentum in sich besiegen - "Erlösung durch Selbstvernichtung" hatte es bei Richard Wagner geheißen. Weininger ging noch einen Schritt weiter und verband den Inbegriff von Männlichkeit, dessen höchste Form der Religionsstifter sei, eine Erlösungsfunktion. Auch Christus "war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden". Daher sei er der größte Mensch, der seine "besondere Erbsünde" - nämlich Jude zu sein - durch die "vollkommene Negation" seines Wesens besiegt habe.

Nichts anderes aber wollte das jüdisch-deutsche Bürgertum, meint Joachim Riedl. "Von jeher hatte es sich von seiner Emanzipation auch die Möglichkeit zu seiner vollkommenen Assimilierung erhofft. Es wollte deutscher als die Deutschen sein; so übernahmen die Juden Sitten, Gebräuche und Vaterlandsliebe von den Deutschen. Jede neue antisemitische Welle, die ihr deutsches Rollenmodell periodisch erfasste, bestärkte die Juden nur noch mehr in ihrem unerbittlichen Wunsch nach Anpassung." Weininger selbst hatte einmal behauptete, nur der Jude, der Christ geworden sei, habe das volle Recht als Arier zu gelten.

Der Erfolg von Weiningers Buch beruhte zweifellos nicht zuletzt auf seiner "Erlösungstheorie", die christlichen wie säkularen Ansprüchen genügte. Der Mensch, so verheißt das Werk, werde die Erlösung finden, wenn er alles Weibliche und alles Jüdische in sich überwunden habe.

Allerdings sollte die Tatsache, dass Weininger auf Grund seines Buches immer wieder als düsteres Beispiel für jüdischen Selbsthass angeführt wird, nicht verdunkeln, dass seine Interpretation des Antisemitismus im Grunde eine Vorwegnahme der 'Pathischen Projektion' ist, die Horkheimer und Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" als Erklärungsmuster für den Antisemitismus vorgeschlagen haben.

Zudem kann Weiningers Verhältnis zur Frau und zum Judentum gewiss nur aus den Nöten verstanden werden, von denen dieser geniale junge Mensch bedrängt wurde. Rudolf Kaßner und Stefan Zweig berichten, wie wenig das Äußere Weiningers dazu angetan war, in ihm einen bedeutenden und vielseitigen Geist vermuten zu lassen. Er hatte das Gebaren eines nervösen Commis und sah meistens aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt..."schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schöne gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt):all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten", berichtet 1926 Stefan Zweig in seinem Aufsatz "Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen: Otto Weininger."

Fremd war Weininger der spielerisch-leichtsinnige Genius der Wiener belle époque. Selten lächelte er. Er war unfähig zu Gemütlichkeit und allem Lässig-Gelösten. Anfänglich noch an Kants Ethik der autonomen Persönlichkeit sich ausrichtend, wurde er zuletzt immer misstrauischer gegenüber der lebendigen Individualität: sie erschien ihm als eine Frucht schuldhafter Eitelkeit. "Der Verbrecher ist eitel, denn er hat den Wunsch zur Einzigartigkeit."

Sexualität als Negation der Ethik

Im Zentrum von Weiningers Werk steht der Gedanke von der Unfreiheit und Unwahrheit aller Erotik, von der Sexualität als Negation des Ethischen und Logischen. Nur Bewusstheit sei sittlich. In seinen letzten Tagebucheintragungen hatte der Frühvollendete bekannt, hinter dem Hass gegen die Frau verberge sich der noch nicht überwundene Hass gegen die eigene Sexualität. Weib und Juden waren mithin für ihn zwei verschiedene Namen für den Naturgrund, den er fürchtete und mied. Hätte der Frauenfeind Weininger, überlegt Nike Wagner, wenigstens Männer geliebt, wäre er gerettet gewesen. "Aber sein Selbsthass, der eine Mischung war aus dem Hass auf das Jüdische und das Weibliche in sich (beide als psychische Kategorien) und dem Hass auf die männliche Sexualität, also auch Homosexualität, verbietet ihm eine Idealisierung des Mannes." Da Weininger im Grunde weder aus dem Judentum noch aus dem Geschlecht austreten konnte, steigerten sich unter dem Zwang seines Systems seine Schuldgefühle bis zur Ausweglosigkeit.

Weininger versuchte, den Juden, der angeblich ganz anders denkt und argumentiert als jedes menschliche Wesen, in sich selbst zu überwinden und scheiterte damit. Nicht von ungefähr wählte er Beethovens Sterbezimmer als Ort für seinen Freitod, denn Beethoven war der Künstler, dessen Werke Anfang des 20.Jahrhunderts mit dem "deutschen Geist" identifiziert wurden.

Das Scheitern des unschuldig-schuldigen Helden, folgert Nike Wagner, aber habe das Scheitern jener deutschen Geistesgeschichte antizipiert, "die sich auf Hitler einpendelt - aus der sendungsbewussten deutschen Kultur wird arische Ideologie und aus dem Männlichkeitskult, der nicht erst mit Nietzsche angefangen hat, entsteht der psychische, erotische und geistige Krüppel, der als 'soldatischer Typ' (Theweleit) über zwei Weltkriege hinaus zu einer unguten Stütze der deutschen Gesellschaft geworden ist."

Der Jude ist nicht fromm, er lächelt über Gott

Der Jude, hatte Weininger weiter behauptet, sei nicht eigentlich fromm, denn er "kann gar nicht glauben." Ja, Weininger verstieg sich in dem Nachlassbändchen "Über die letzten Dinge" sogar zu dem Satz: "Das Judentum ist das Böseste überhaupt", und in "Geschlecht und Charakter" findet sich der Satz: "Die metaphysische Schuld des Juden ist Lächeln über Gott" - eine Sentenz, die sich nicht auf das Volk des Alten Bundes, auch nicht auf die Kabbalisten und Chassidim, beziehen kann, wohl aber auf einen Menschentypus, der geradezu konstitutionell gottunfähig ist und das repräsentiert, was der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr "Verschließung gegen die Transzendenz" genannt hat. Verschließung gegen die Transzendenz meint aber auch Unfähigkeit, sich seiner Schuld bewusst zu sein. Weininger hat viel und intensiv über das Schuldproblem nachgedacht und unter einem radikalen Schuldbewusstsein gelitten. Der einzelne sei, so seine Überzeugung, schon durch seine Geburt schuldig. "Jedes wahre, ewige Problem aber ist ebenso wahre, ewige Schuld; jede Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis eine Besserung." Damit setzte er sich entschieden ab vom Positivismus der damaligen Universitätsphilosophie, dem er anfänglich verpflichtet war, als auch von Kant, in dem er eine Zeitlang seinen philosophischen Leitstern gesehen hatte. Gewiss musste Weininger seine Philosophie, die den Willen zur Wahrheit und zum Wert zum ausschließlichen Lebensziel setzte, den Genuss des Ruhms als Eitelkeit verderben. Jeder sittliche Mensch fühle sich schuldig, meinte er und verdammte Frauen und Juden dafür, kein Schuldbewusstsein zu haben. (Gertrud Kolmar und Simone Weil sind freilich dafür der beste Gegenbeweis, aber nicht nur sie.)

Weininger über Schuld und Strafe

Krankheiten sah Weininger als Schuld und Strafe an, die jeder selbst durch seinen Willen heilen müsse und vertrat die von Freud beeinflusste Auffassung, dessen "Studien zur Hysterie" er kannte: "Alle Medizin muss Psychiatrie, muss Seelsorge werden."

Für Weininger war die Philosophie somit mehr als eine interessante Art von Geistesübung oder literarischem Zeitvertreib, vielmehr war sie ihm eine innere Notwendigkeit, ein unerbittliches Ringen um Sein oder Nichtsein, ähnlich wie bei Platon, Augustinus, Kant und Nietzsche, denen er sich am meisten verbunden fühlte. Auch an Kierkegaard könnte man in diesem Zusammenhang denken, obgleich der junge Österreicher den dänischen Existenzphilosophen nur dem Namen nach kannte, jedoch wie dieser von einem tiefen Gefühl der Sündhaftigkeit und Verworfenheit gequält wurde. Kierkegaards Prophezeiung, die Zeit sei nicht mehr fern, da man die Erfahrung machen werde, "dass der Weg zum Absoluten nicht durch den Zweifel, sondern durch die Verzweiflung geht", hat sich in Weiningers Schicksal auf erschütternde Weise erfüllt.

Weiningers zwanghafte grüblerische Suche nach Selbsterkenntnis verstrickte sich alsbald in einen tödlichen Glaubenskampf mit der eigenen Existenz. Mit steigendem Entsetzen meinte er, in sich selbst verbrecherische Züge zu entdecken.

Allem Anschein nach hat er in seiner Seele, wie wohl auch sein Zeitgenosse Georg Trakl, einen ungeheuren Drang zu Lüge, Grausamkeit und Mord gefühlt. Jedenfalls vermochte er sich, hierin Dostojewski ähnlich, auf beklemmende Weise in das Innere des Verbrechers hineinzuversetzen. Diese sympathetische Fähigkeit mochte er schließlich als Beweis für seine eigenen verbrecherischen Instinkte empfinden. So fühlte er sich von den Dämonen in seiner eigenen Brust mehr und mehr bedrängt und wähnte sich verfolgt von einem allwissenden Doppelgänger. "Er, der rigoros alle Dinge", schreibt Gerd-Klaus Kaltenbrunner, "sogar die grundlegenden ontologischen Konstituenten Raum und Zeit, aus dem Blickwinkel der Ethik betrachtet hatte, stand in steigendem Maße unter dem Bann des Bösen, des Rätsels menschlicher Schuld und Sühne." In seinem Nachlass fand sich auch folgender Aphorismus: "Der anständige Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, dass er endgültig böse wird", und wenige Tage, bevor er Hand an sich legte im Wiener Sterbehaus Beethovens, den er gleichfalls als eine geborene Verbrechernatur ansah, schrieb er: "Ich morde mich selbst, um nicht einen anderen morden zu müssen."

Weiningers geistiger Hochmut wuchs zweifellos aus einer Überspannung sittlicher Ideale, aus der Überzeugung ein gottgesandter Künder und Jünger zu sein.

Hervorgehoben werden muss aber auch, dass Weininger der erste war, der die androgyne Natur des Menschen erkannt, untersucht und eine Theorie der körperlichen und seelischen Bisexualität ausgearbeitet hat, die von der relativen Gemischtgeschlechtlichkeit eines jeden Individuums ausging.

Weininger kommt in diesem Zusammenhang auf eine Rede des Aristophanes zurück: "Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden .. ist uralt."

Durch seinen Freund Hermann Swoboda, der zu Weiningers Zeit Psychologie studierte, aber auch Patient Freuds war, lernte Weininger den Begriff der menschlichen Bisexualität kennen.

Die grundlegende Idee seines Buches ist, dass der Mensch bisexuell angelegt ist, dass jedes menschliche Individuum aus männlichen und weiblichen Teilen besteht.

Sein Buch "Geschlecht und Charakter" trug dem Autor sogar den Ruhm ein, die Bisexualität des Menschen entdeckt zu haben, obwohl diese Fragestellung schon mehr als zwanzig Jahre zuvor aktuell geworden war und als philosophische Idee schon in Platos Symposion eine erste Darstellung fand.

Der Autor von "Geschlecht und Charakter" gibt sich als großer Entdecker, erfüllt von der Gewissheit, dass er die Wissenschaft und ihre möglichen Anwendungen vorantreiben werde. Weininger glaubt beispielsweise, dass sein "Gesetz der menschlichen Bisexualität" in der Medizin für Bluttrransfusionen und Organtransplantation Verwendung finden werde; es sollte auch eine Reform des Erziehungswesens herbeiführen.

Sexualität, Charakter, Liebe: Weininger möchte die Elemente des menschlichen Schicksals auf einem Gebiet wissenschaftlich erforschen, das bisher den Künstlern und Schriftstellern überlassen war. Chinesische und griechische Mythen, Aristophanes in Platons Gastmahl und die Sekten der Ophiten hätten das Gesetz der Bisexualität vorausgeahnt; Schopenhauer in seiner "Metaphysik der Sexualität" und Goethe in den "Wahlverwandtschaften" das Gesetz der sexuellen Anziehung bereits vage erfasst. Für Weininger ist die Bisexualität ein im pflanzlichen, tierischen und menschlichen Bereich gültiges, universelles Prinzip.

Weiningers Buch gehört ebenso wie Freuds Traumdeutung zu jenen Werken, die nach dem Verbot in der nationalsozialistischen Zeit sehr rasch wieder aufgelegt wurden.

Weininger benutzte die Vorstellungen einer genuinen Bisexualität des Menschen, um eine Reihe persönlicher Problem lösen zu wollen. Dabei scheiterte er tragisch.

Freud hat unter dem Einfluss des Freundes Wilhelm Fließ den Begriff der Bisexualität in die psychoanalytische Theorie eingeführt. Für ihn hat jedes menschliche Wesen angeborene, zugleich männliche und weibliche sexuelle Anlagen, die sich in seinen Konflikten und Schwierigkeiten, das eigene Geschlecht zu akzeptieren, wiederholen.

Das ursprüngliche psychoanalytische Konzept der Bisexualität ist heute weit über die biologische Dimension hinaus entwickelt. In der modernen Psychoanalyse ist die Bisexualität ein Faktor von geringerer Wichtigkeit als die frühe Psychoanalyse und Freud angenommen haben. Niemand wird heute die Frage der Bisexualität als ein besonderes Problem sehen. Psychologische Bisexualität ist ein Faktum.

Hermann Swoboda berichtet, dass Weininger um 1900 auf das Faktum der Bisexualität aufmerksam geworden sei und alsbald mit Feuereifer Material darüber zu sammeln begonnen habe, zur Unterstützung der These, dass es eigentlich keine Männer und Frauen gibt, sondern nur männliche und weibliche Substanz, und dass jedes Individuum eine Mischung aus diesen beiden Substanzen ist.

Er bekam einen Plagiatsprozess über das Urheberrecht des Begriffs der Bisexualität an den Hals. Leider, bedauert Nike Wagner, habe der Philosoph (oder Psychopath) Weininger immer wieder dem Forscher Weininger ins Handwerk gepfuscht. "Statt die Möglichkeit der Freiheit von Geschlechterrollen und ihren Zwängen wahrzunehmen, flieht er rückwärts heim ins Reich des patriarchalischen Prinzips."

Wäre er dazu gekommen, wie beabsichtigt, vom Menschen als Mikrokosmos eine metaphysische Symbolik vorzulegen, vermutet Gerd-Klaus Kaltenbrunner, die den unsichtbaren Zusammenhang alles einzelnen im Universum entziffern sollte, wäre dies wohl ein gnostisches System geworden. Doch lägen uns nur Fragmente vor, deren Reichtum an Intuitionen, Vermutungen und Einsichten, oft in aphoristischer Kürze formuliert, "auch dann nicht geleugnet werden kann, wenn man die extrem antifeministische Sexualmetaphysik von "Geschlecht und Charakter" für unheilbar verfehlt, im besten Falle für ein bemerkenswertes pathologisches Dokument hält."

Vielleicht sollten wir, wenn auch nicht in dem übertriebenem Maße, wie Weininger es getan hat, menschliche Phänomene wieder mehr in Kategorien von Schuld und Strafe erfassen.

In den letzten zwei Jahren seines Lebens hat Weiningers Streben nach Wahrheit eine ethische Richtung angenommen, da die Wissenschaften 'immer nur Wahrheiten' suche, aber nicht 'die Wahrheit'.

Mit der inneren Umwandlung seiner geistigen Interessen setzten eine steigende Verachtung für seine früheren wissenschaftlichen Arbeiten und eine Neigung ein, jede Einzelheit seines eigenen Lebens in den Kategorien von Gut und Böse, Schuld und Erlösung zu interpretieren. Diese philosophische Wandlung führte zu seinem Übertritt zum Protestantismus am Tag seiner Promotion.

Kontroversen um Weininger und Freud

Als Weiningers erweiterte Doktorarbeit unter dem Titel "Geschlecht und Charakter" 1903 erschien und auf Anhieb zum Bestseller wurde, bekam Sigmund Freud mit seinem Berliner Kollegen Wilhelm Fließ großen Ärger, weil dieser die Theorie der unbedingten Bisexualität aller Lebewesen im stillen Kämmerlein entwickelt und seinem Wiener Freund Freud unter dem Siegel höchster Verschwiegenheit anvertraut hatte. Weininger wiederum wurde des Plagiats bezichtigt, weil er in in seinem Buch Freuds "Studien über Hysterie " ausführlich zitiert und für die eigenen Thesen nutzbar gemacht hatte, Das bewirkte das merkwürdige Phänomen, dass Weininger lange Zeit als Freud-Schüler und Dissidenten angesehen wurde.

Dabei war der berühmte Doktor Freud von dem noch namenlosen Studenten Weininger sehr verehrt worden und hatte dem wissbegierigen Neuropathen, wie sein letzter Befund lautet, sogar ein paar Tipps zu dessen Arbeit gegeben, sowie später über diesen, in dem er dann nur noch einen unangenehmen Denker sah, geurteilt: "Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte Philosoph, der die Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft und den gleichen männlichen Schmähungen überhäuft hatte, stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexer". Wäre also Weiningers Wahnsinn schließlich als Freuds Wahrheit zu begreifen, fragt Jacques Le Rider, und somit Weininger "als Ultra-Freud?"

Nike Wagner erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass man die "allgemeine psychopathia sexualis & mentalis" bedenken müsse, "welche die Unterdrückung oder Vernebelung der 'Frauenfrage' - die identisch war mit der 'sexuellen Frage' - im Bürgertum des Viktorianismus hervorrief. Verlust des Seelenheils oder Verlust des Rückenmarks, Syphilis oder Duelle: das waren, grosso modo, die Alternativen für den jungen Mann. Geehelichte oder Gefallene, das war das magere Angebot für die Frau. Bis zu Freuds, zwei Jahre nach Weiningers Werk erschienenen 'Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie' war das Sujet Sexualität in den Händen von Sittlichkeitsanwälten und Angstmachern, wobei Kirche, Staat und Naturwissenschaft in einmütiger Verlogenheit zusammenhalfen."

Tatsächlich hat die römisch-katholische Kirche während ihrer bald zweitausendjährigen Geschichte mit Erotik oder gar mit sexueller Lust nie viel im Sinn gehabt, im Gegenteil, was Gott dem Menschen an natürlichen Freuden geschenkt hat, wurde von ihr als naturwidrig, böse und sündhaft verteufelt. Nicht die eigentlichen Sünden, nämlich Verstöße gegen die Gottes- und Nächstenliebe hat sie angeprangert und geahndet und in den Mittelpunkt von Beichte und Buße gestellt, sondern in erster Linie den weiten Komplex des Sexus.

Erst der dann von der Kirche geschmähte Freud hat fundamentale Erkenntnisse über die Vielschichtigkeit und Ganzheit der menschlichen Sexualität gewonnen und damit indirekt ein negatives Urteil über die Haltung der Kirche zur Sexualität gefällt.

In jedem Fall habe Weininger, so Nike Wagner, in der Wirkungsgeschichte noch vor Freud tabula rasa gemacht mit den anästhetisierenden Glorienscheinen und Putzlumpen, die der Frau umgehängt worden seien. Letztlich sei er zu psychologischen Einsichten und Beobachtungen gekommen, die dem frühen Freud ebenbürtig seien.

Zudem war für viele, die keinen Zugang zu Freuds wissenschaftlichen Arbeiten fanden, "Geschlecht und Charakter" eine Art Einführung in bestimmte Kapitel der Psychoanalyse. Für den engeren Kreis der Weiningerianer, an deren Spitze Karl Kraus stand, wurde dagegen Weiningers Werk zu einem Anti-Freud-Kompendium, zu einem Gegengift gegen die Psychoanalyse. Während es beispielsweise neun Jahre dauerte, bis die 600 Exemplare der ersten Auflage von Freuds im Jahr 1900 erschienener "Traumdeutung" verkauft waren, lag 1909 "Geschlecht und Charakter" bereits in elfter Auflage vor. Bis 1932 folgten siebzehn weitere. Erst der Nationalsozialismus beendete den Siegeszug des Buches.

Posthumer Nachruhm

Dem Tod Weiningers folgte schnell posthumer Nachruhm. "Geschlecht und Charakter" wurde zum begehrten Kultbuch und der Autor zur Legende. Sein Weltkonzept faszinierte und beeinflusste nachhaltig nicht nur seine Zeitgenossen, sondern auch die nachfolgende Generation. Kaum einer konnte sich dem entziehen. Unbestritten war Weininger ein Modedenker seiner Zeit. Lieferte er doch der vorherrschenden Meinung ein kühnes metaphysisches und zugleich philosophisch-psychologisches Amalgam, das er sogar mit dem hohen sittlichen Ideal Kants krönte. Jedermann konnte sich da nach Belieben bedienen.

Mit ihm geistesverwandt erwies sich alsbald der Leipziger Arzt Paul Julius Möbius, dessen bekanntestes Werk "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" sich ebenfalls als überaus erfolgreicher Publikumsrenner herausstellte. Dem Treuesten unter Weiningers Epigonen, dem Schriftsteller Arthur Trebitsch, gelang es sogar, seine jüdische Abstammung beinahe vollkommen zu verheimlichen. Er war stolz auf sein "arisches" Erscheinungsbild und biederte sich bei Erich von Ludendorff und Ernst von Salomon an, mit denen er die Welt vor der "semitischen" Gefahr retten wollte.

Wie Otto Weininger wollte auch Trebitsch das die Welt bedrohende Unheil an der Wurzel packen, deswegen konnte er Weiber und Juden nicht ausstehen.

Die Liste illustrer Verehrer und Bewunderer ist lang. August Strindberg ehrte "sein Gedächtnis als das eines tapferen männlichen Kämpfers" und sprach von dem unverrückbaren Faktum, dass das Weib nichts als ein rudimentärer Mann sei.

In seinem Briefwechsel mit Weiningers Freund Artur Gerber betrachtete Strindberg das sogenannte Frauenproblem durch Otto Weininger als gelöst und bekannte am 8. Dezember 1903: "Ich glaube jetzt, dass ich Böses getan, bevor ich geboren war. Ich bin auch wie Weininger religiös geworden aus Furcht, ein Unmensch zu werden. Ich vergöttere auch Beethoven, habe sogar einen Beethoven-Klub gestiftet, wo man nur Beethoven spielt. Aber ich habe bemerkt, dass sogenannte gute Menschen Beethoven nicht vertragen. Er ist ein Unseliger, Unruhiger, der nicht himmlisch genannt werden kann: überirdisch gewiss." Heimito von Doderer pries Weininger noch 1963 als den "Glorreichen" und verewigte ihn in seinen Romanen. In der "Strudelhofstiege" heißt es: "Er repräsentierte einen Gelehrten-Typus, der hoffentlich wieder einmal zeitgemäß werden wird." Jacques Le Rider wiederum bekennt, dass sein Interesse an Weininger sich aus der Beschäftigung mit dem Werk Heimito von Doderers während seines einjährigen Studienaufenthaltes in Wien 1974 bis 1975 ergeben habe.

Italo Svevo erwähnte Weininger ebenso wie Isaac Bashevis Singer, Alban Berg, Robert Musil und Walter Serner. Für Alfred Kubin war Weininger "der größte Mensch dieses Jahrhunderts". Selbst Wittgenstein blieb ihm treu und befand noch 1931 gegenüber seinem Mentor, dem Philosophieprofessor George Edward Moore, dem misogynen Kasuisten aus Wien, über Weininger:"Es stimmt, er ist verschroben, aber er ist großartig großartig verschroben .... Sein gewaltiger Irrtum, der ist großartig."

Auch Hermann Broch hat sich neben Nietzsche und Schopenhauer intensiv mit Weininger befasst, sich jedoch später von beiden zu Gunsten von Kant distanziert. In Arthur Schnitzlers "Der Weg ins Freie" (zwischen 1905 und 107 geschrieben) beschuldigen sich die Juden einander des Selbsthasses.

Weininger war ferner Gegenstand einer Fallstudie in Theodor Lessings Buch von 1930 "Der jüdische Selbsthass", in dem zum ersten Mal dieses Phänomen zusammenhängend gedankenreich, wenn auch eher unsystematisch, behandelt wurde.

Der Erfolg des "wildbewegten" Buches, wie Lessing Weiningers Werk nannte, war erstaunlich. Die bedeutenden Denker jener Tage: Georg Simmel, Henri Bergson, Fritz Mauthner, Alois Höfler lasen es und setzten sich in Kollegs und Gegenschriften mit Weiningers scharfsinnigen Gedanken auseinander. Alle waren sich einig, dieser dreiundzwanzigjährige Student müsse ein Genie sein. Viele Schriften sind über Weininger und sein System geschrieben worden, viele versuchten Weiningers Lehre zu rechtfertigen, "welche doch nichts ist", so legt Lessing in seinem Essay dar, "als ein tolles Naturspiel von krankhafter Verstiegenheit und von brutaler Willkür. Ich meine die krüde und rüde Lehre vom Judentum." Sie ist der Schlüssel zu dem ungeheuren Schicksal eines tragischen Selbsthasses. Jüdischer Ödipus und herakliteische Natur in einem, nennt Lessing den Philosophen.

Karl Kraus hat die Bedeutung von Weiningers Werk sofort erkannt, obwohl Kraus "Weib und Lust" durchaus bejahte. "Ein Frauenverehrer stimmt den Argumenten Ihrer Frauenverachtung mit Begeisterung zu", hatte Kraus Weininger wissen lassen. Er widmete ihm einen ergreifenden Nachruf, in dem er schrieb: "Dieser Selbstmord war in einem Anfall von geistiger Klarheit begangen...Weininger hatte Gründe, metaphysische und religiöse, im Beginn einer großen Laufbahn das Leben wegzuwerfen.

Der Schriftsteller Karl Bleibtreu äußerte sich ähnlich: "Philosophische Gewissheit der Unsterblichkeit jeder Seelenmonade kann dazu verführen, lieber sofort das unbekannte Land jenseits der Bewusstseinsschwelle aufzusuchen als sich länger in unsrer Kleinlichkeit und Niedrigkeit herumzuschlagen." Im Grunde sei Weiningers Tod, so Bleibtreu, eine "höhnische Absage an unser Zeitalter" gewesen.

Nicht nur Karl Kraus und die "Fackel-Leser" bejahten Weiningers Genietheorie. Sein Antifeminismus wurde zur modernen Charakterologie der "neuen Frau". Für viele wurde später ihre Weininger-Verehrung zur Ausgangsposition für den Kampf gegen Psychoanalyse, wie etwa bei Heimito von Doderer und Ernst Jünger.

Oswald Spengler bezeichnete ihn als einen Heiligen des Judentums, "dessen Tod in einem magisch durchlebten Seelenkampf zwischen Gut und Böse einer der erhabensten Augenblicke später Religiosität ist", und Friedrich Jünger meinte: "Inmitten der Moderne, deren transzendente Leere er erkennt, ist er der transzendente Mensch, der untergeht." Eine junge Verehrerin gemahnt Weininger sogar an "Jesus Christus".

Elias Canetti berichtet in seinen Memoiren, dass selbst zwanzig Jahren nach Weiningers Selbstmord noch immer an den meisten Wiener Kaffeehaustischen über das frauen- und judenfeindliche Traktat diskutiert worden sei.

Weininger hat auf Hitler und Mussolini gewirkt

Doch hat Weiningers asketischer Reinlichkeitswahn nicht nur Moralisten wie Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein und Arnold Schönberg im Fin de siècle angezogen, sondern auch auf Adolf Hitler und Benito Mussolini gewirkt, nicht zuletzt deshalb weil sich aus seiner Theorie von der menschlichen Bisexualität leicht eine manichäische Weltanschauung vom Kampf der Geschlechter zimmern ließ, der angeblich dem Kampf der Arier gegen das Judentum entspricht. Damit hat Weininger, gewollt oder ungewollt, dem faschistischen Männlichkeitskult Tür und Tor geöffnet. "In den langen Monologen im Führerhauptquartier Wolfsschanze erzählt Hitler eines Abends, sein väterlicher Freund Dietrich Eckart habe ihm versichert es gebe "einen anständigen Juden..., den Otto Weininger, der sich das Leben genommen hat, als er erkannte, dass der Jude von der Zersetzung anderen Volkstums lebt" berichtet Joachim Riedel und bemerkt weiter: "Doch Weininger übte indirekt auch folgenschweren Einfluss auf Hitler aus. Während seiner "Wiener Lehrjahre" war der meist mittellose Kunstmaler ein emsiger Leser der wütend-antisemitischen Zeitschrift "Ostara", die ein grotesker Weininger-Epigone edierte. Georg Lanz von Liebenfels (ein Künstlername) war ein abgefallener Zisterzienser-Mönch, der 1905 begonnen hatte, seine wahnwitzige Rassenideologie zu publizieren. Seine wesentliche programmatische Schrift 'Theozoologie' liest sich wie eine von den letzten logischen Ankern befreite Kopie der Weiningerschen Lehre." Er war der Mann, "der Hitler die Ideen gab." (Gerald Stieg mit Hinweis auf das gleichnamige von ihm und Wilfried Daim verfasste Buch, München 1958.)

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten wurde das Bild des "selbsthassenden", des selbstkritischen Juden zu einem Eckstein im Gedankengebäude der politischen Antisemiten und Weininger selbst zur Legitimierung des nationalsozialistischen Antisemitismus herangezogen. Gleichwohl war sein Buch "Geschlecht und Charakter" im Dritten Reich verboten, aus keinem anderen Grunde als den, dass sein Verfasser ein Jude war.

Der Faschismus (Alberto Cavaglion) liebte einfache Formeln: Das einfache binäre Schema Weiningers wirkte anziehender als die verschlungenen Wege des Freudschen Unbewussten. Mussolini hatte Weininger gelesen ("Er hat mir viele Dinge klargemacht", sagte Mussolini). Hier fand er den Widerhall der "Männlichkeitstheorien" und des Antisemitismus, dieser zwei ideologischen Elemente, die dann für die faschistische Doktrin von so großer Bedeutung sein sollten.

Doch erstaunlich ist die Tatsache, dass der in Lehrbüchern über Charakterologie und Sexualwissenschaften nicht einmal zitierte Name Weininger in den Debatten der Neuen Rechten wieder auftaucht.

War Weiningers Psychopathologie die Ratio seiner Zeit?

Nach Meinung von Nike Wagner hält die psychiatrische Fachwelt Weininger "für geistesgestört, für dubios die philosophische, für genial die literarische". Der französische Germanist Jacques Le Rider wiederum meint, Weininger sei zwar kein Genie gewesen, aber ein geniales Symptom; es stelle sich deshalb die Frage, inwieweit seine Psychopathologie nicht gleichzeitig die Ratio seiner Zeit gewesen sei. Vielleicht ließe sich auch die Pathologie eines ganzen Jahrhunderts entschleiern. Denn "bei Weininger stoßen wir auf das Resumee der Dämonie dieser Epoche."

Mittlerweile sei aus dem Traktat gegen die Weiber ein Dokument zum Verständnis von Männerwünschen und Männerängsten geworden, meint Nike Wagner, "ein Dokument, das die Emanzipation des Mannes noch dringlicher nahelegt als die der Frau."

Weininger beschrieb und fürchtete die Befreiung der Sexualität von der Ethik. Theodor Lessing sagte von ihm, er sei "an Ethik und Moral" erkrankt. Hat sich inzwischen Weiningers Befürchtung bestätigt? Nach Meinung des italienischen Autors Manlio Sgalambro ganz offensichtlich. Meint er doch im Hinblick auf Weiningers Hauptwerk: "Von den beiden Frauentypen, die Weininger unterscheidet, die absolute Mutter und die Hure, ist es in der aktuellen Phase unserer Kultur der zweite, der sich durchsetzt, in einem Grade, dass man ganz folgerichtig den Zeitpunkt vorausahnen kann, zu dem die 'Mutter' verschwunden sein und die andere an ihrer Stelle triumphieren wird als die Unfruchtbare, in der die Idee der Mutterschaft erloschen ist. Was hierbei die Lust repräsentiert, ist genau das Gegenteil von dem, was die Mutterschaft repräsentiert. Die vom Mütterlichen befreite Sinnlichkeit. Eine Frau, die sich jedermann ganz 'hingibt', befreit mit einem Schlag die Gesellschaft von zwei Relikten: vom Mann als Vater und von der Frau als Mutter." Hat Sgalambro Recht? Ich denke, die Wirklichkeit hat seine Ansichten längst widerlegt.

Für den Zürcher Psychoanalytiker Mario Erdheim ist dagegen alles ebenso schwer verständlich, was wir von Weininger über die Frauen vernehmen "wie die aztekischen Mythen, wo wir lesen, dass Menschen geopfert wurden, um die Sonne zu speisen."

Wir müssen uns in Weiningers Zeit versetzen, in das Wien des beginnenden 20.Jahrhunderts, das ganz dazu angetan war, einem Menschen wie Otto Weininger durch die zunehmende Unverbindlichkeit der Werte Schwindel und Angst zu machen, einem Menschen, der als "Mann ohne Eigenschaften" nicht zu leben vermochte, weil er fest daran glaubte, dass "der Wille zum Wert" den Menschen als solchen konstituiert. (Über die letzten Dinge" S.15)

Weininger schreibt als Zeitgenosse sowohl des "Kreises um Stefan George" wie der deutschen Wandervogelbewegung mit ihrer von Anfang an dominierenden Homoerotik und Antifeminität. Weininger ist als gesellschaftliche Erscheinung nicht abseitig, sondern repräsentativ. Er steht dem geistigen Range nach zwischen Nietzsche und Spengler und ist in seiner Nostalgie auch ein Zeitgenosse des "Peter Camenzind" von Hermann Hesse.

Sein Anschauungsmaterial über das Weib hat er der städtischen Bürgerwelt entnommen, wo die Antithese "Magd oder Megäre" bisweilen anzutreffen sein mochte mitsamt der "Erziehungsdiktatur durch den bürgerlichen Mann." Zumindest waren Bauern- und Arbeiterfrauen für Weiningers Analysen nie in Betracht gekommen. Er war ein Repräsentant etablierter Bildungstradition, die er bedroht wähnte vom Weib, vom Juden und vom kapitalistischen England.

Doch so viel steht wohl fest: Weininger gehörte zu jenen seismographischen Autoren der vorletzten Jahrhundertwende, in deren Werk sich die kommenden Umwälzungen, Krisen und Untergänge bereits ankündigten. Als apokalyptischer Fanatiker der Wahrheit und des ethischen Willens wollte er das Höchste und stand gegen ein Zeitalter, das ihm als das niedrigste erschien. Außerdem verkörperte er die Kierkegaardsche Kategorie des "Einzelnen", der sich der "nivellierenden Herrschaft des Sozialen" widersetzte, weil er in ihr eine existenzverkürzende Trivialisierung der Berufung des Menschen selbst, theologisch gesprochen, die Sünde erkannt hat. Auch wenn seine Sexualmetaphysik auf hybride Weise naturwissenschaftliche Befunde mit philosophischen Aussagen vermengt und von pubertären Verallgemeinerungen nicht frei ist, so bleibt Weininger, laut Kaltenbrunner, dennoch hochbedeutsam als unerbittlicher Kritiker einer aphrodisischen Zivilisation, die sich mit einer zur Wut gewordenen Emanzipierung des Fleisches über die Einsicht hinweg zu schwindeln versucht, dass Liebe das Unbehauste schlechthin auf dieser Erde ist.

Weiningers Fall ist ein Beitrag zum österreichischen Identitätsproblem und ganz gewiss zur Identität der österreichischen Literatur im 20.Jahrhundert. Natürlich eignet er sich nicht als Vorbild, da seine radikale Position allzu sehr der uns vertrauten menschlichen Normalität widerspricht. Gleichwohl verkörpert er die Möglichkeit als Asket des Lebens zur Welt "nein" zu sagen.

Weininger stand durchaus nicht genialisch einsam in seiner Zeit, wie er vermutet hatte.

Norbert Leser meint, dass es sich bei Weininger um ein antizipierendes Wesen gehandelt habe, "das modernen Erkenntnissen vorgearbeitet hat."

Er war nicht nur weit entfernt von einem flachen Fortschrittsoptimismus, er war zutiefst von der Tragik der menschlichen Existenz und vom 'radikal Bösen' in der menschlichen Natur und in sich selbst überzeugt. Doch blieb Weininger bei der Bejahung des 'radikal Bösen' im kantschen Sinne nicht stehen. Er schreckte nicht davor zurück, wiederholt den theologischen Begriff von der 'Erbsünde' heranzuziehen, um die metaphysische Dimension des Bösen, das in der Welt ist und in der eigenen Brust lauert, zu beschreiben. Im Grunde ist ja, meint Leser, das 'radikal Böse" eine säkularisierte Variante und philosophische Umschreibung des Ur-Tatbestandes, den die christliche Theologie als 'Erbsünde' bezeichnet. Weininger hielt die Erbsünde eben so wenig für etwas Punktuelles und in einer grauen Vorzeit Liegendes, wie die christliche Theologie die Schöpfung für einen bereits abgeschlossenen Vorgang hält, sondern für eine creatio continua. So heißt es bei Weininger:"Die Erbsünde erfolgt fortwährend: Ewiges und Zeitliches sind nebeneinander da. Unter den zeitgenössischen Philosophen ist es vor allem Leszek Kolakowski, der gleich Weininger die Lehre von der Erbsünde zum Angelpunkt seiner Philosophie macht. Er meint, dass einer jeden Utopie von der vollkommenen Erlösung eine kulturelle Gefahr innewohnt und .. uns die Lehre von der Erbsünde einen durchdringenden Einblick in das Schicksal des Menschen gewährt."

Kolakowski warnt davor, die Erbsünde zum alten Eisen zu werfen und so den wertvollen Vorsprung, den die Religion gegenüber den Allerweltsphilosophen unserer Tage hat, preiszugeben. Kolakowski bekennt sich dezidiert zur Lehre von der Erbsünde und damit zur Annahme einer metaphysischen Vorbelastung der Menschheit und des einzelnen Menschen. (Kann der Teufel erlöst werden in: "Leben trotz Geschichte". München -Zürich 1977.)

Weininger hat die Erbsünde nicht nur als metaphysische Realität anerkannt, sondern auch als moralische Last und Herausforderung empfunden. "Je größer die Gnade, die ein Mensch von Gott empfängt, desto größer das Opfer, das er Gott dafür bringen wird." (Über die letzten Dinge.)

Sein Denken war mit seiner Zeit nicht nur als Tagespolemik, sondern als Symptom und Symbol geistiger Werte verbunden (David Luft). Neben Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Karl Kraus, Robert Musil und Heimito von Doderer war es Weininger, der bedeutende Kritiken des Sexuallebens vorgetragen hat.

Die Originalität Weiningers beruht hauptsächlich auf der Fähigkeit, die Ängste seiner Zeit so intensiv als seine innersten Aufgaben zu fühlen und durch seine metaphysische Rationalisierung Abwehrmechanismen zu entwickeln, die niemand vor ihm in solchem Ausmaß konstruieren konnte.

Das Werk Weiningers lässt sich nicht nur durch den Wiener Kontext erklären. Ein Vergleich zwischen österreichischen, deutschen, französischen und italienischen Werken wäre diesbezüglich aufschlussreich. Nicht nur Wien, sondern ganz Europa wird um 1900 von dieser Frage nach der Sexualität verfolgt. Das Problem der Weiblichkeit, der Frau, ihrer Natur und ihrer Sensibilität alle männlichen Ängste in der Zeit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Jüdischer Selbsthass

Otto Weininger war keineswegs der Erste, bei dem jüdischer Selbsthass in Erscheinung trat. Beispiele für das Gefühl der Distanzierung vom Judentum und vor allem für die Verzweiflung gegenüber der Unmöglichkeit, sich von ihm zu befreien, lassen sich auch in den Äußerungen und Schriften von Juden aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts finden, bei Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Ludwig Börne und Walter Rathenau, der in einem Aufsatz aus dem Jahr 1897 das "weibliche" Wesen der Frau hervorgehoben hatte und Weininger vermutlich charakterologisch benachbart war. Als Theodor Lessing dann 1930 über den jüdischen Selbsthass schrieb, war das Thema im Grunde schon veraltet."

Judenhass und jüdischer Selbsthass, konstitutiv bei Weininger, kehren in den siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts bei Norman Mailer wieder. Auch er sinnt wie Weininger in seinem 1971 erschienenen Buch "Die Prisoner of Sex" (dt."Gefangen im Sexus") einem zweigeschlechtlichem Menschen nach und wagt erneut die Verknüpfung von jüdischer und weiblicher "Unbehaustheit". Mailer vertritt dabei eine deutlich biologistische Weltsicht und glaubt, dass der Mensch im, der Fortpflanzung dienenden Geschlechtsakt gegen die Sinnlosigkeit des Daseins anzukommen und der Mann dabei seine existentiellen Ängste auf Kosten der Frau zu bewältigen versucht.

Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer sieht eine Kontinuität zu Weininger bei Norman Mailer und wertet sein Buch als Kulturkonzept des Antifeminismus und als ein neues subtiles Dokument von jüdischem Selbsthass, auch wenn Mailer selbst kein Misogyn ist, sondern ein mäßig erfolgreicher Frauenlob und zugleich ein Spieler und Literat, während Weininger vor allem ein Moralist war. Doch beiden ist es grimmig ernst mit allen Paradoxien. Beide leugnen die Möglichkeit einer Gesellschaft aus Mann und Weib als gleichberechtigte Partner, wobei sich Mailer als ein neuer Strindberg entpuppt, der die Kämpfe der Geschlechter ernster nimmt als die Klassenkonflikte. Unverkennbar war auch Simone Weil von jüdischem Selbsthass beherrscht. Vielleicht umschließt Weiningers jüdischer Selbsthass auch die Reaktion des Intellektuellen auf seine Ohnmacht.

Weininger in der Gegenwart

In den dreißiger Jahren und in den Jahrzehnten danach geriet Weininger eine Zeitlang in Vergessenheit, obgleich noch 1953 sein Buch ins Hebräische übersetzt wurde.

In der Postmoderne, in der die Dekadenz der Epoche Weiningers und ihr irrationaler Lebensschmerz neuerlich studiert und empfunden wurden, erfreute sich Otto Weininger gleichfalls eines erneuten Interesses, zuerst in Italien, dann in Frankreich und in den achtziger Jahren auch in der Bundesrepublik. Allerdings blieb die vor drei Jahren in Amerika erschienene umfassende Studie über den Anti-Feministen Otto Weininger von Chandak Sengoopta in Deutschland bisher ohne Pendant.

Nicht unterschlagen werden soll jedoch, dass der israelische Dramatiker und "Ghetto"-Dichter Yehoshua Sobol ein Theaterstück mit Weininger als Theaterfigur verfasst hat mit dem Titel:"Die Seele eines Juden - Weiningers letzte Nacht". Am Stadttheater Haifa hatte seine Präsentation Anfang der achtziger Jahre für einige Aufregung gesorgt. 1985 wurde es in Düsseldorf und 1986 in Hamburg aufgeführt, hier jedoch mit beachtlichem Erfolg.

Nach Meinung von Joachim Riedl ist dieses Stück ein "Melodram", "eine etwas eilige und vulgäre Traumreise durch Weiningers Lebenstraumata, angefüllt mit lauthalsen Tiraden, für die Sobol ungeniert Bruchstücke aus Weiningers Oeuvre gerissen habe. Bestenfalls eine tragische Travestie, spekuliere das Stück mit dem Antisemitismus seiner Hauptfigur. "Verglichen damit empfinde ich das Frankfurter Fassbinder-Stück als geradezu harmlos", meint der Weininger-Forscher Jacques Le Rider: "Zum ersten Mal wird in Deutschland eine Judenschelte durch einen Israeli an Hand deutschen Kulturgutes auf die Bühne gebracht."

In der Bundesrepublik kommt Weininger in verschiedenen Studien eher am Rande vor, wie etwa in Melanie Unselds Untersuchung "Man töte dieses Weib! Weiblichkeit und Tod in der Musik der Jahrhundertwende"(2001), in der die Autorin nachweist, welche unheilvollen Auswirkungen die frauenfeindliche und protofaschistische Schrift von Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter" auf viele Künstler gehabt hat, zum Beispiel auf Arnold Schönberg und Alban Berg, der Weiningers Werk gründlich studiert und viele Passagen in eine Zitatensammlung aufgenommen hat, die dann wiederum in seine Oper "Lulu" eingeflossen sind.

Schönberg seinerseits muss vieles von dem vorausgeahnt haben, was unsere Gegenwart erst in den letzten Jahrzehnten wirklich geprägt hat, als er schrieb: "Unsere Zeit sucht vieles. Gefunden aber hat sie vor allem etwas: den Komfort. Der drängt sich in seiner ganzen Breite sogar in die Welt der Ideen und macht es uns so bequem, wie wir es nie haben dürften....die Voraussetzung der Bequemlichkeit ist: die Oberflächlichkeit. Aber der Denker, der sucht, tut das Gegenteil. Er zeigt, dass es Probleme gibt, und dass sie ungelöst sind. Wie Weininger und alle anderen, die ernsthaft gedacht haben."

Auch der italienische Schriftsteller Alberto Savinio (eigentlich hieß er Andrea Chirico, lebte von 1891 bis 1952 und war der Bruder des Malers Giorgio de Chirico) sah in Weininger neben Nietzsche und Schopenhauer seinen intellektuellen Ahnherr, wie Andrea Grewe in ihrer Schrift "Melancholie der Moderne, Studien zur Poetik Alberto Savionis" (2001) herausgestellt hat.

Christina von Braun kommt in ihrem voluminösen Werk "Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht (2001) ebenfalls immer wieder auf Otto Weininger zu sprechen ebenso der englische Autor Peter Watson in seinem gleichfalls recht umfangreichen Band "Das Lächeln der Medusa. Die Geschichte der Ideen und Menschen, die das moderne Denken geprägt haben"(2000). Watson bescheinigt Otto Weininger, dem "Sohn eines antisemitischen, wenngleich jüdischen Kupferstechers", ein arroganter 'Kaffeehaus-Geck' und als Kind noch frühreifer als Hoffmannsthal" gewesen zu sein. Auch Nike Wagner zeigt sich in "Traumtheater" (2001) mit Leben und Werk Otto Weiningers wohl vertraut.

Abschließende Bewertung

Weininger, ein Schüler der Wiener Philosophen Laurenz Müller und Friedrich Jodl, wollte, wie angedeutet, eine Biologie der menschlichen Sexualität mit einer Philosophie der geschlechtlichen Identität verbinden.

Doch darf man die Thesen dieses genialischen jungen Menschen keineswegs isoliert betrachten. Was Weininger über Mann und Frau sagt, muss nämlich verstanden werden als Bestandteil eines in sich geschlossenen, man kann sagen, fast monadeischen Systems, worin mit ähnlicher Schroffheit wie von Juden und Deutschen auch von Talent und Genie, Vätern und Söhnen, Selbstliebe und Selbsthass gesprochen wird. Jede einzelne These Weiningers wirkt, isoliert, als Spinnerei. Die Gesamtheit des Buches "Geschlecht und Charakter" ist indes aktuell geblieben.: auch dann, und gerade dann, wenn man dem Autor nirgendwo Recht geben mag.

Literatur:

Sekundärliteratur:

  • Christina von Braun:"Versuch über den Schwindel.

    Religion, Schrift, Bild, Geschlecht".

    Pendo, Zürich-München 2001,

    ISBN 3-85842-406-4

  • Jens Malte Fischer: "Jahrhundertdämmerung.

    Ansichten eines anderen Fin de siècle".

    Insel-Verlag, Wien 2000,

    ISBN 3-458-34317-2

  • Sander L.Gilman: Jüdischer Selbsthass.

    Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden."

    Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1993,

    ISBN 3-633-54082-2

  • Andrea Grewe:"Melancholie der Moderne,

    Studien zur Poetik Alberto Savionis".

    Analecta Romanica, Frankfurt am Main 2001,

    ISBN 3-465-03156-3

  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: "Ein gewisses Lächeln über Gott"-

    Erinnerung an Otto Weininger den Philosophen der Belle Epoque.

    In: "Die Welt" vom 6.Oktober 1973

  • Werner Kraft: "Karl Kraus".

    Otto Müller, Salzburg 1956

  • Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass.

    Matthes & Seitz, München 1984,

    ISBN 3-88221-347-7

  • Hans Mayer: "Der Widerruf. Über Deutsche und Juden."

    Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994,

    ISBN 3-518-40582-9

  • Jacques Le Rider: Der Fall Otto Weininger.

    Wien-München 1955,

    ISBN 385409044

  • Jacques Le Rider und Norbert Leser: Otto Weininger.

    Werk und Wirkung. Quellen und Studien zur österreichischen

    Geistesgeschichte im 19. und 20.Jahrhundert.

    Österreichischer Bundesverlag, Wien 1984,

    ISBN 3-215-0565-18

  • Joachim Riedl:"Weib, Jude, Ich - weg mit allem!"

    in: Die Zeit vom 6.Dezember 1985

  • Melanie Unseld: "Man töte dieses Weib!

    Weiblichkeit und Tod in der Musik der Jahrhundertwende".

    Metzler, Stuttgart 2001,

    ISBN 3-476-01809-1

  • Shulamit Volkov: "Jüdisches Leben und Antisemitismus

    im 19. und 20.Jahrhundert".

    C.H.Beck, München 1990,

    ISBN 3-406-34761-4

  • Nike Wagner: "Wo Lulu war, muss Kant werden.

    Otto Weininger: 'Geschlecht und Charakter' und

    'Über die letzten Dinge'.

    In: Die Zeit vom 21.November 1980

  • Peter Watson: Das Lächeln der Medusa.

    Die Geschichte der Ideen und Menschen,

    die das moderne Denken geprägt haben.

    C.Bertelsmann, München 2000,

    ISBN 3-570-00503-8


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