zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Jüdischer Selbsthass

Otto Weininger war keineswegs der Erste, bei dem jüdischer Selbsthass in Erscheinung trat. Beispiele für das Gefühl der Distanzierung vom Judentum und vor allem für die Verzweiflung gegenüber der Unmöglichkeit, sich von ihm zu befreien, lassen sich auch in den Äußerungen und Schriften von Juden aus der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts finden, bei Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Ludwig Börne und Walter Rathenau, der in einem Aufsatz aus dem Jahr 1897 das "weibliche" Wesen der Frau hervorgehoben hatte und Weininger vermutlich charakterologisch benachbart war. Als Theodor Lessing dann 1930 über den jüdischen Selbsthass schrieb, war das Thema im Grunde schon veraltet."

Judenhass und jüdischer Selbsthass, konstitutiv bei Weininger, kehren in den siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts bei Norman Mailer wieder. Auch er sinnt wie Weininger in seinem 1971 erschienenen Buch "Die Prisoner of Sex" (dt."Gefangen im Sexus") einem zweigeschlechtlichem Menschen nach und wagt erneut die Verknüpfung von jüdischer und weiblicher "Unbehaustheit". Mailer vertritt dabei eine deutlich biologistische Weltsicht und glaubt, dass der Mensch im, der Fortpflanzung dienenden Geschlechtsakt gegen die Sinnlosigkeit des Daseins anzukommen und der Mann dabei seine existentiellen Ängste auf Kosten der Frau zu bewältigen versucht.

Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer sieht eine Kontinuität zu Weininger bei Norman Mailer und wertet sein Buch als Kulturkonzept des Antifeminismus und als ein neues subtiles Dokument von jüdischem Selbsthass, auch wenn Mailer selbst kein Misogyn ist, sondern ein mäßig erfolgreicher Frauenlob und zugleich ein Spieler und Literat, während Weininger vor allem ein Moralist war. Doch beiden ist es grimmig ernst mit allen Paradoxien. Beide leugnen die Möglichkeit einer Gesellschaft aus Mann und Weib als gleichberechtigte Partner, wobei sich Mailer als ein neuer Strindberg entpuppt, der die Kämpfe der Geschlechter ernster nimmt als die Klassenkonflikte. Unverkennbar war auch Simone Weil von jüdischem Selbsthass beherrscht. Vielleicht umschließt Weiningers jüdischer Selbsthass auch die Reaktion des Intellektuellen auf seine Ohnmacht.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis