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Kontroversen um Weininger und Freud

Als Weiningers erweiterte Doktorarbeit unter dem Titel "Geschlecht und Charakter" 1903 erschien und auf Anhieb zum Bestseller wurde, bekam Sigmund Freud mit seinem Berliner Kollegen Wilhelm Fließ großen Ärger, weil dieser die Theorie der unbedingten Bisexualität aller Lebewesen im stillen Kämmerlein entwickelt und seinem Wiener Freund Freud unter dem Siegel höchster Verschwiegenheit anvertraut hatte. Weininger wiederum wurde des Plagiats bezichtigt, weil er in in seinem Buch Freuds "Studien über Hysterie " ausführlich zitiert und für die eigenen Thesen nutzbar gemacht hatte, Das bewirkte das merkwürdige Phänomen, dass Weininger lange Zeit als Freud-Schüler und Dissidenten angesehen wurde.

Dabei war der berühmte Doktor Freud von dem noch namenlosen Studenten Weininger sehr verehrt worden und hatte dem wissbegierigen Neuropathen, wie sein letzter Befund lautet, sogar ein paar Tipps zu dessen Arbeit gegeben, sowie später über diesen, in dem er dann nur noch einen unangenehmen Denker sah, geurteilt: "Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte Philosoph, der die Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft und den gleichen männlichen Schmähungen überhäuft hatte, stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexer". Wäre also Weiningers Wahnsinn schließlich als Freuds Wahrheit zu begreifen, fragt Jacques Le Rider, und somit Weininger "als Ultra-Freud?"

Nike Wagner erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass man die "allgemeine psychopathia sexualis & mentalis" bedenken müsse, "welche die Unterdrückung oder Vernebelung der 'Frauenfrage' - die identisch war mit der 'sexuellen Frage' - im Bürgertum des Viktorianismus hervorrief. Verlust des Seelenheils oder Verlust des Rückenmarks, Syphilis oder Duelle: das waren, grosso modo, die Alternativen für den jungen Mann. Geehelichte oder Gefallene, das war das magere Angebot für die Frau. Bis zu Freuds, zwei Jahre nach Weiningers Werk erschienenen 'Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie' war das Sujet Sexualität in den Händen von Sittlichkeitsanwälten und Angstmachern, wobei Kirche, Staat und Naturwissenschaft in einmütiger Verlogenheit zusammenhalfen."

Tatsächlich hat die römisch-katholische Kirche während ihrer bald zweitausendjährigen Geschichte mit Erotik oder gar mit sexueller Lust nie viel im Sinn gehabt, im Gegenteil, was Gott dem Menschen an natürlichen Freuden geschenkt hat, wurde von ihr als naturwidrig, böse und sündhaft verteufelt. Nicht die eigentlichen Sünden, nämlich Verstöße gegen die Gottes- und Nächstenliebe hat sie angeprangert und geahndet und in den Mittelpunkt von Beichte und Buße gestellt, sondern in erster Linie den weiten Komplex des Sexus.

Erst der dann von der Kirche geschmähte Freud hat fundamentale Erkenntnisse über die Vielschichtigkeit und Ganzheit der menschlichen Sexualität gewonnen und damit indirekt ein negatives Urteil über die Haltung der Kirche zur Sexualität gefällt.

In jedem Fall habe Weininger, so Nike Wagner, in der Wirkungsgeschichte noch vor Freud tabula rasa gemacht mit den anästhetisierenden Glorienscheinen und Putzlumpen, die der Frau umgehängt worden seien. Letztlich sei er zu psychologischen Einsichten und Beobachtungen gekommen, die dem frühen Freud ebenbürtig seien.

Zudem war für viele, die keinen Zugang zu Freuds wissenschaftlichen Arbeiten fanden, "Geschlecht und Charakter" eine Art Einführung in bestimmte Kapitel der Psychoanalyse. Für den engeren Kreis der Weiningerianer, an deren Spitze Karl Kraus stand, wurde dagegen Weiningers Werk zu einem Anti-Freud-Kompendium, zu einem Gegengift gegen die Psychoanalyse. Während es beispielsweise neun Jahre dauerte, bis die 600 Exemplare der ersten Auflage von Freuds im Jahr 1900 erschienener "Traumdeutung" verkauft waren, lag 1909 "Geschlecht und Charakter" bereits in elfter Auflage vor. Bis 1932 folgten siebzehn weitere. Erst der Nationalsozialismus beendete den Siegeszug des Buches.


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