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Konnte Nietzsche seine Ansprüche einlösen?

Nietzsches Philosophie war Kulturkritik und Christentumsattacke. Doch was ist aus seinem Versuch, eine Morgenröte ohne Gott und Kirche mit grenzenlos freien Menschen, mit dem nur der Erde und Natur gehörenden Übermenschen entstehen zu lassen, geworden? Konnte Nietzsche seinen Anspruch einlösen?

"Ich widerspreche wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab. Ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat, erst von mir gibt es wieder Hoffnungen" hatte er in "Ecce homo" geschrieben. Vergebens versuchte er jedoch, das zu beschwören und in das sich hineinzusteigern, was er seiner Natur nicht war und nicht sein konnte. Zuletzt klammerte er sich an die Verheißung der eigenen Philosophie.

Den Raum des Religiösen wollte er mit Diesseitigkeit und Kultur füllen, diesem Auftrag ist kein Mensch gewachsen. Thomas Mann sagte in diesem Zusammenhang: "Mit einer Mischung von Ehrfurcht und Erbarmen steht man vor diesem Versuch und seinem Scheitern."

Es gibt Autoren, die in Nietzsches schließlicher Katastrophe den letzten Akt erblicken, in dem der Teufel seinen Lohn fordert, und schrieben, Nietzsches Zarathustra habe wohl alte Tafeln zerbrochen und neue Tafeln errichtet, doch auf ihnen stünde nichts geschrieben. Folgerichtig bewerteten sie Nietzsches Zusammenbruch als Strafe Gottes. Einige versponnene Nietzsche Jünger wiederum sahen in Nietzsches geistigem Zusammenbruch eine Art Verklärung.

Auch die Haltung der Theologie hat zu einer gewissen Verwirrung beigetragen. Lange Zeit begnügten sich die meisten katholischen Theologen im wesentlichen damit, den Sätzen Nietzsches ihr Anathema entgegenzuschleudern und durch den Hinweis auf ihren "krankhaften" Charakter zu erledigen oder sie als Verkehrung christlicher Thesen zu erweisen. Theologen versuchten häufig, in erster Linie ihn zu widerlegen und zu beweisen, dass Nietzsche Unrecht hat, aber kaum einer bemühte sich, ihn zu verstehen. Außerdem blieb manche ihrer Auseinandersetzungen mit ihm sehr an der Oberfläche. Manche haben nur seine Christentumsfeindschaft in der Sprache übernommen und wissen nicht um seine eigentlich philosophischen Motive. Sowohl die Popularisierung Nietzsches als auch die rein apologetische Abwehrhaltung der Theologie gegenüber Nietzsche - waren der Klärung der Problem wenig dienlich. Die Popularisierung brachte eine außerordentliche Vergröberung von Nietzsches Gedanken mit sich. Von dem, was bei Nietzsche als Frucht höchster geistiger Spannungen und verzehrender Leidenschaften in Gestalt von kritischen Erkenntnissen, von hingeschleuderten Thesen, von Geschichtsideen, von psychologischen Einsichten ausgesprochen worden ist, sind die faustdicken, antichristlichen und antikirchlichen Schlagworte übrig geblieben, mit denen Menschen und Gruppen verschiedener Prägung ihnen Kampf gegen kirchliche Kreise und christliche Anschauungen führen. Diesem Kampf liegt nicht nur eine verkürzte Erkenntnis Nietzsches zugrunde, sondern der Kampf seinerseits führte rückwirkend zu einer Verkürzung der Ideen Nietzsches, indem nur bestimmte Sätze seiner Einwände gegen Kirche und Christentum darin wirksam propagandistisch verwendet werden konnten, während andere sich als ungeeignet erwiesen.

Friedrich Georg Jünger schrieb: "Nietzsche rief mit einer zu lauten Stimme in den Raum hinaus, dass der alte Gott gestorben sei, mit einer Stimme, in der ein Lauschen ist, ob nicht aus dem Raum ein Ruf, ein Echo zurückkomme." Am Ende habe er sich inmitten der Todesahnungen mit der Überzeugung getröstet, sein Lebenswerk getan zu haben. Allem Anschein nach hegte Nietzsche verstohlen die Hoffnung, dass derjenige, der in allem nur die Unwahrheit sucht und der Lüge auf der Spur ist, schließlich doch noch auf einen rettenden Grund positiver Lebenserfahrung stößt.


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