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Juden in Sachsen-Anhalt

Geschichte und Gegenwart

Einleitung

Was haben der Wegbereiter der jüdischen Emanzipation Moses Mendelssohn, die Schriftsteller Ludwig Börne und Heinrich Heine, der Dichter Alfred Wolfenstein, der Komponist Kurt Weill, das Firmenimperium Hirsch, die Philosophen Edmund Husserl und Emil Ludwig Fackenheim, der Romanist Victor Klemperer und der Gegenwartsschriftsteller Edgar Hilsenrath gemeinsam? Sie alle haben oder hatten enge Verbindungen zum heutigen Sachen-Anhalt. Mendelssohn und Weill wurden in Dessau geboren, Wolfenstein und Fackenheim erblickten in Halle das Licht der Welt, Hilsenrath ist dort aufgewachsen, Börne verschlug es in jungen Jahren nach Halle, Heine kam während seiner Harzreise hierhin. "Aron Hirsch & Sohn" machten Halberstadt zum Begriff im internationalen Metallhandel, Husserl las als Privatdozent in Halle über Grundprobleme der Psychologie, und der Enzyklopädie und Klemperer erhielt 1948 eine Professur an der Martin-Luther-Universität in Halle. All diese Namen stehen stellvertretend für das deutsch-jüdische Bürgertum, das seit der Aufklärung die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung nicht nur in Sachsen-Anhalt mitgeprägt hat. Aber nicht erst seit dieser Zeit lebten und wirkten Juden in dem Land an Elbe und Saale, das zu den ältesten jüdischen Siedlungsgebieten in Deutschland gehört. Schon im Jahr 965 kamen die ersten Juden nach Magdeburg und Merseburg. Vor allem Magdeburg verdankt seine wirtschaftliche Bedeutung jüdischen Kaufleuten. Unter dem Datum vom 12.Juni 965 vermerkt die Chronik: "Die Juden in Magdeburg brauchen weder Zoll noch Heeresdienst leisten. Sie sind nur für die Verleihung von Privilegien abgabepflichtig." In einer Urkunde Ottos des Großen, in der er dem Magdeburger Moritzkloster die Gerichtsbarkeit über die Stadt verleiht, werden sowohl die in Magdeburg ansässigen Juden als auch andere dort wohnende Kaufleute der Obrigkeit des Klostervorstehers unterstellt. Sein Sohn Otto II. schenkt 980 in Merseburg ebenfalls alles, was die Mauern der Stadt einschließt, Juden und Kaufleute, der Kirche, genauer: dem Bistum Merseburg. In Halle wiederum werden um 970 jüdische Salzwerke am Fluss Salawa erwähnt. Der Legende nach soll eine jüdische Gemeinde hier sogar schon vor der Geburt Christi bestanden haben. Solch eine Aussage weist zweifellos auf ein hohes Alter der jüdischen Ansiedlung hin. Andererseits haben sich Juden häufig der Schutzbehauptung bedient, ihre Vorfahren seien schon vor der Kreuzigung Jesu in Deutschland ansässig gewesen und folglich, entgegen der Annahme der mittelalterlichen Christenheit, unschuldig an seinem Tod. Urkundlich kommen Juden in Halle allerdings erst im Jahr 1184 vor.

Nach Halberstadt gelangten die ersten Juden wahrscheinlich 1146, und zwar, wie einige Chronisten meinen, von Halle her, weil man sie von dort vertrieben habe. Andere Urkunden wiederum besagen, dass die Juden aus Halle 1207 zum ersten Mal

vertrieben wurden. Erzbischof Albrecht II. von Magdeburg soll darüber erbost gewesen sein und die Vertreibung geahndet haben. Wie freundlich dieser Erzbischof Juden

gesonnen war, zeigt folgende Anekdote: "Als er von einem Besuch aus Rom

heimkehrte, gingen ihm die Juden von Magdeburg entgegen, und er bezeugte ihnen seine Achtung, indem er ihr Gesetzbuch, die Tora, küsste." Aber nicht immer war die hohe christliche Geistlichkeit Juden wohlgesonnen, im Gegenteil. Bischof Ernst

II. beispielsweise betrieb im l5.und 16.Jahrhundert eine extrem antijüdische Politik, und Bischof Heinrich Julius erklärte einige Jahrzehnte später Juden kurzerhand für vogelfrei und gab damit den Anstoß für Verfolgung und Mord. Andere Bischöfe wiederum verkauften und verpfändeten "ihre" Juden wie eine Handelsware an die Stadtherren. So geschehen in Halberstadt und an anderen Orten.

Aus weiteren Quellen geht hervor, dass sich Juden, die während des dritten Kreuzzuges irgendwo verfolgt worden waren, 1189 in Halberstadt niedergelassen haben. Indes - so viel ist sicher: der erste bischöfliche Schutzbrief für Juden in

Halberstadt stammt aus dem Jahr 1261. Zweifellos waren dem Bischof vom Halberstadt die Ankömmlinge als Einnahmequelle höchst willkommen. Rat und Bürgerschaft von Halberstadt versprachen, die Juden der Stadt vor Unrecht und Gewalttätigkeiten zu schützen. Ganz anders verhielt sich hingegen der Erzbischof Robert von Magdeburg. Als er einmal Geld brauchte, überfiel er zuerst die zum Laubhüttenfest versammelten

Magdeburger Juden, um von ihnen die ihm fehlenden finanziellen Mittel zu erpressen. Er plünderte ihre Häuser und wandte sich danach Halle zu, wo sich der Vorgang wiederholte. Die Halleschen Juden wurden gefangen genommen und um Lösegeld an-

gegangen. Die Bürger aus Halle verteidigten "ihre" Juden, woraufhin Erzbischof Robert die Stadt zwei Jahre lang belagerte. Wie der Streit ausging, ist nicht bekannt. 1310 indessen versuchte die Stadt ihrerseits, die Juden zu besteuern. Die nun doppelte finanzielle Last beschleunigte deren Entschluss, den Ort zu verlassen, zumal man ihnen die große Feuersbrunst, die Halle kurz zuvor schwer heimgesucht hatte, zur Last legen wollte. Erst als sich die Lage beruhigte, kehrten sie zurück. Da die Judengemeinde von Halle weiterhin unter der Schutzherrschaft des Erzbischofs von Magdeburg stand, bildete sie häufig einen Streitgegenstand zwischen dem Erzbischof und dem Rat der Stadt. Je nach der wirtschaftlichen Lage des Erzbischofs wurden sie von ihm bald feindlich behandelt und ausgebeutet, bald wieder gegen die Stadt in Schutz genommen. Während der Pestjahre 1348/49 kam es in Halle zu Ausschreitungen gegenüber Juden. Als diese nach ihrer neuerlichen Vertreibung zurückkamen, vermutlich um 1351, mussten sie für ihre Synagoge und Häuser einen jährlichen Zins von 12 rheinischen Gulden entrichten. 1382 wurden sie abermals verfolgt. Wieder einmal bezichtigte man sie der Brunnenvergiftung.

Jüdische Gemeinden im Mittelalter

Seit Beginn des l4.Jahrhunderts muss es Juden auch an anderen Orten im heutigen Sachsen-Anhalt gegeben haben, zum Beispiel in Aschersleben, Bernburg, Ballenstedt, Calbe, Schönebeck und Stendhal. In der späteren Lutherstadt Wittenberg wohnten ebenfalls Juden - bis zu ihrer Vertreibung 1440. Die Gemahlin des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen, Kurfürstin Margaretha, hatte mit Vehemenz die Austreibung aller Juden aus Wittenberg durchgesetzt. In einer 1508 herausgegebenen Werbeschrift für Besucher der Wittenberger Universität ließ der Verfasser den Fremden fragen: "Und wie heißt die Gasse, durch die der schnelle Bach eilt?" Die Antwort lautete:"Jüdengasse, nach den Juden, die einstmals hier wohnten." Offensichtlich hielten sich um 1500 keine Juden mehr im ehemaligen Judenghetto zu Wittenberg auf. Heute noch ist an der Stadtkirche, in der Luther predigte, an der Südostecke hoch über dem kleinen Kirchenplatz die "Judensau" aus dem Jahr 1305 zu sehen, mit der Juden öffentlich verspottet wurden und mit der man die christliche Verachtung für die "hartnäckigen und unbelehrbaren"Juden zum Ausdruck brachte und ihr "Wiederkommen" verhindern wollte.

Die Geschichte von Halberstadt und Halle lässt sich vom frühen Mittelalter an fast lückenlos verfolgen. Von Halberstadt weiß man, dass hier um die Zeit von 1456 elf Familien gewohnt haben. Sie konnten sich sogar eine von zwei Rabbinern betreute Synagoge leisten, die jedoch 1669 von Halberstädter Handwerkern zerstört wurde. Obwohl sie auch noch im 15.Jahrhundert dem Erzbischof und nicht dem König gehörten, verpflichtete sie König Sigismund, ihm Tribut zu zahlen, da er für seine Hofhaltung, seine Reisen und das Konstanzer Konzil viel Geld brauchte. Später kamen die teuren Kämpfe gegen die Hussiten hinzu und Sigismunds Kaiserkrönung im Jahr 1433, für die sich der Herrscher von den Juden seines Reiches eine Krönungssteuer entrichten ließ.

Mitte des 15.Jahrhunderts begannen in Sachsen und Thüringen heftige Judenverfolgungen. Unter den antisemitischen Predigern tat sich in Halle vor allem Gerhard Dobler hervor. Auf eine Verfügung von Nikolaus Cusanus mussten Juden besondere Abzeichen tragen und, zum Schaden der übrigen Bürger, ihre Geldgeschäfte ganz aufgeben. Ihres Broterwerbs beraubt, verließen sie Halle 1458. Der Rat bekam es daraufhin mit der Angst zu tun und meldete dem kaiserlichen Fiskal in einem Rechtfertigungsschreiben, dass er die Juden nicht vertrieben habe, sondern dass diese vielmehr "unvertrieben" die Stadt verlassen hätten. Der Magdeburger Erzbischof Friedrich III. protestierte, gingen ihm doch mit dem Fortzug der Juden

erhebliche Einnahmequellen verloren. In Merseburg beklagten sich Christen noch 1493 über den Wucher der Juden, obwohl dort nur eine Judenfamilie weilte. Im selben Jahr wurden dann alle Juden aus Halle und dem übrigen Herrschaftsbereich des damaligen Bistums Magdeburg von Erzbischof Ernst verbannt. Erst zweihundert Jahre später bildeten sich, unter den Hohenzollern, in Halle, und, wenige Jahre darauf, auch

in Magdeburg, wieder jüdische Gemeinden.

Die Vertreibungen gehen zurück

Über die erste Niederlassung von Juden im Dessauischen nach den frühmittelalterlichen Vertreibungen gibt der Schutzbrief einiger Juden aus dem Jahre 1621 Auskunft. In einem weiteren Schutzbrief, datiert vom 17.2.1672, wurde zwei Juden, Berend David und Joachim David aus Egeln und Oschersleben, gegen

Zahlung eines hohen Schutzgeldes die Ansiedlung in Dessau erlaubt. Von da an stieg die Zahl der Juden auch hier rasch an. Einzelne Juden wie der 1690 zum Hoffaktor ernannte Wulff aus Dessau standen beim Fürsten in hohem Ansehen. Die meisten

Juden jedoch konnten keine Bürgerrechte erwerben, sondern bekleideten im 17.und 18.Jahrhundert nur untergeordnete Stellungen. Am 12.November 1686 wurde in Dessau die "Gesellschaft der Barmherzigen Brüder" begründet. "Es ist die erste vorhandene Urkunde über jüdisches Gemeinschaftsleben", schreibt der 1910 in Dessau geborene und 1933 aus dem Justizdienst als "Nichtarier" entlassene angehende Jurist Ernst Walter in seiner Dissertationsschrift "Die Rechtsstellung der Israelitischen Kultusgemeinden in Anhalt". Ein Jahr später gestattete der Fürst den Bau der ersten Synagoge, die Anlage eines Friedhofs und die Errichtung eines Armen- und Krankenhauses.

1692 erteilte der Landesherr einigen Familien aus Halberstadt die Erlaubnis, in Dessau ihren Wohnsitz zu nehmen. Spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden Juden auch in Gröbzig, einer Kleinstadt im Kreis Köthen in der Umgebung Halles, ansässig. Die meisten waren von weither nach Gröbzig gezogen - aus Böhmen, Hessen, dem Elsass, Frankfurt am Main und Amsterdam. Der Gröbziger Jahrmarkt mit seinen merkantilen Möglichkeiten dürfte daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.1660 setzten die Gröbziger Juden, die vielfach Pferdehändler, Hausierer oder im Handel tätig

und oft auf Messen in Leipzig, Braunschweig und anderswo anzutreffen waren, die Verlegung des Marktes vom Sonnabend auf einen anderen Wochentag durch, damit der Sabbat nicht entheiligt würde. In den folgenden Jahrhunderten soll die jüdische Einwohnerzahl Gröbzigs so schnell angestiegen sein, dass der Ort im Volksmund

nur noch "Juhn-Jreebz`ch" (Juden-Gröbzig) hieß. In Gröbzig wurde übrigens der später in Berlin berühmt gewordene Sprachwissenschaftler und Philosoph Chaj im Steinthal (1823-1899) geboren. Er war noch hier zur jüdischen Schule gegangen, an der auch Baruch Herzfeld unterrichtete, der eigens zur Hebung des Unterrichts nach Gröbzig berufen worden war und gleichzeitig das Amt des Kantors ausübte.

In Halberstadt, wo mittlerweile über achtzig jüdische Familien wohnten, durften die Juden 1660 eine öffentliche Schule eröffnen. Aber man verbot ihnen, den Handwerkerberuf auszuüben. Die bis dahin fast regelmäßigen Vertreibungen ließen

nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges merklich nach, so dass sich die Halberstädter Gemeinde nun ungestört entwickeln konnte. Friedrich Wilhelm, der spätere Große Kurfürst von Brandenburg(1840-1688), unter dessen Herrschaft der Saalkreis mit der Stadt Halle 1680 gekommen war, sah sich infolge des Dreißigjährigen und des Schwedisch-polnischen Krieges einem zerstörten und verelendeten Land gegenüber. Der Handel lag schwer darnieder. Um die Wirtschaft neu zu beleben, bot er

immigrationswilligen Ausländern (Hugenotten, Pfälzern und Juden) das Wohnrecht in seinem Herrschaftsbereich an. 1688 stellte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm Salomon Israel, dem Stiefsohn seines Hofjuweliers Jobst Liebmann, einen

Schutzbrief aus und erlaubte ihm, sich in der Stadt Halle niederzulassen. Salomon Israel wurde erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde, zu deren Mitbegründern auch Assur Marx gehörte, der offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann war und in der Gemeinde großes Ansehen genoss. Obgleich die Wiederansiedlung in Halle recht mühsam war, so wuchs die jüdische Gemeinde doch stetig weiter und stabilisierte sich zusehends im 18.Jahrhundert. Um 1700 lebten in Halle 12 privilegierte Familie - das waren mindestens 70"Seelen"im damaligen Sprachgebrauch - , nicht im Ghetto, sondern mitten unter der christlichen Bevölkerung. Sie waren auch bemüht, den Armeren unter ihnen beizustehen und gründeten daher 1799 die "Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde". Insbesondere während der Aufklärung und der Industrialisierung bildete die jüdische Gemeinde einen geachteten und integrierten Teil der Einwohnerschaft. Juden durften auch an der 1694 gegründeten Halleschen Friedrichs-Universität studieren, vorerst jedoch nur Medizin. Denn außer dem Arztberuf waren ihnen andere freiberufliche Tätigkeiten nicht erlaubt. Der erste jüdische

Student war Salomon Liebmann, der am 4.Juni 1695 immatrikuliert wurde, aber auf kurfürstlichen Befehl noch im selben Jahr an die Universität Frankfurt an der Oder wechselte. Von 1724 bis 1800 erwarben insgesamt etwa 60 jüdische Studenten

den medizinischen Doktorgrad. Daneben fehlte es in Halle auch nicht an christlichen missionarischen Bemühungen, die von dem durch August Hermann Francke (1663-1727) geprägten Pietismus ausgingen sowie von dem "Institutum Judaicum", das

der Universitätsprofessor Johann Heinrich Callenberg (1694-1760) 1728 ins Leben gerufen hatte, um Juden und Mohammedaner zum Christentum zu bekehren.

Unter Napoleon ändert sich die Lage

In Magdeburg hatten sich Juden über zweihundert Jahre lang, von 1493 bis 1705, nicht aufhalten dürfen. Erst unter König Friedrich I.erhielt 1705 der Schutzjude Abraham Liebmann, trotz Protest des Rates, die Erlaubnis, in der Stadt Handel zu treiben. Ihm folgten weitere Juden. Aber die Zahl der Schutzjuden blieb in Magdeburg lange Zeit begrenzt. Erst unter Napoleon änderte sich die Lage. Von nun an wanderten viele Juden aus Halberstadt, Anhalt und dem Herzogtum Warschau in die Stadt ein.

Um das jüdische Gemeinwesen dort zu regeln, ordnete am 21.März 1808 ein königliches Dekret die Errichtung eines Konsistoriums und die Bestellung von Syndiken zur Aufsicht über den jüdischen Gottesdienst an. Die treibende Kraft des Konsistoriums war der 1768 in Halberstadt geborene spätere Rabbiner Israel Jacobsohn. Die Universität Helmstedt verlieh ihm 1807 sogar den Ehrendoktortitel. In dieser Zeit konstituierten sich die Jacobsohnschule und die Samuelschule als Bildungsstätten für jüdische Kinder.

Unter den Fürsten Johann Georg II. und Leopold I., dem"Alten Dessauer", war in Wörlitz und im übrigen anhalt-dessauischem Gebiet die Aufnahme von Juden begünstigt worden. Nicht nur die Vieh- und Krammärkte zogen jüdische Händler nach Wörlitz. Immerhin konnten hier schon in den 60er Jahren des 18.Jahrhunderts Juden Land erhalten und "einige dieser neuen Landwirte schlugen gut ein" (Erhard Hirsch, Diss.Halle/Saale 1969). 1843 zählte man 126 Juden im Ort. Doch nach der bürgerlichen Gleichstellung und der Aufhebung der Freizügigkeitsbeschränkungen wanderten viele Familien fort, so dass sich 1910 die Gemeinde auflöste. Um die im Wörlitzer Park erbaute Synagoge zu erhalten - Herzog Franz und sein Architekt nannten sie "Vestatempel" wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Vestatempeln in Rom und Tivoli - , kaufte sie die jüdische Gemeinde zu Dessau und hielt hier regelmäßig einmal

im Jahr einen Gottesdienst ab. Heute gehört das Gebäude zu den Sehenswürdigkeiten des Parks.

Als Fürst Leopold Friedrich Franz (1740-1817) im Jahr 1758 die Regierung übernahm, lebten in Dessau 169 jüdische Familien, ein Jahr später bereits 214 Familien. Wenngleich dieser Monarch, der als "Vater Franz" in die Geschichte eingegangen

ist, erkannte, dass es an der Zeit war, das Schutzjudenwesen abzuschaffen, und er den Juden seines Landes tatsächlich manche Verbesserung ihrer Lage bescherte, so konnte er sich doch zur Durchsetzung ihrer bürgerlichen Freiheit und Gleichstellung nicht entschließen. Stattdessen wurde 1760 der jüdische Wohnbereich auf wenige Straßen beschränkt. Erst im Dezember 1834 wurde in Dessau das Ghetto endgültig aufgelöst. Wie viele andere hatte auch der Vater des späteren Hofbankiers Moritz von Cohn, Itzig Hirsch Cohn, seinen bisherigen Wohnort Wörlitz mit der Residenzstadt Dessau vertauscht und eröffnete hier mit herzoglicher Genehmigung 1817 ein Leihhaus. Als erster Jude, dem es gestattet war, außerhalb des Judenviertels zu wohnen, bezog er ein bescheidenes Haus in der Kavalierstraße, das dann Stammsitz der Cohnschen Bank wurde. Jahre später ließ sein Sohn, der Hofbankier Baron

Moritz von Cohn, in Dessau zum Gedächtnis von Kaiser Wilhelm I. ein Denkmal errichten. Es ist wohl das einzige von mehr als 370 Wilhelm-Statuen im Deutschen Reich, das von einem Juden finanziert wurde. Aber - Werke und Andenken des 1900

verstorbenen Bankiers überdauerten nur wenige Jahrzehnte. In Dessau entstand außerdem schon 1799 eine der ersten modernen jüdischen Schulen Deutschlands, die sogenannte Franz-Schule, die Herzog Leopold Friedrich Franz finanziell förderte. Ziel der israelitischen Freischule war es, eine Generation heranzubilden, in der sich aufgeklärte deutsche Bildung, Vaterlandsliebe und Treue zur Religion der Väter

vereinten. Ihr erster Leiter war der über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewordene David Fränkel. Er veröffentlichte seit 1806 mit "Shulamit" (hebräisch: die Friedfertige) eine der ersten jüdischen Zeitschriften in deutscher Sprache.

Bekannt geworden ist auch Moses Philippson(1775-l814), der "hebräische Grammatiker" und Verfasser des "Hebräischen Kinderfreund". Dieses Buch erfreute sich in allen israelitischen Schulen großer Beliebtheit. In der hebräischen Druckerei von Philippson, übrigens der zweiten, die in Dessau eingerichtet wurde, erschienen viele Texte in deutscher Übersetzung "zur weiteren Bildung des Judentums". Sein Sohn Ludwig Philippson, der 1811 in Dessau geborene und 1889 in Bonn verstorbene Rabbiner und Schriftsteller, war ebenfalls "ein überzeugter Verfechter humanitärer und

liberaler Ideen" und "ein eifriger Wortführer für die Rechte der Juden".

Das Land Anhalt zählte, laut Ernst Walter, im 19.Jahrhundert etwa 350.000 Einwohner. Der Hundertsatz der in Anhalt wohnenden Juden lag, schreibt Walter weiter, noch unter dem Reichsdurchschnitt. Aber die namhaften jüdischen Männer, deren Wiege in Anhalt stand: Moses Mendelssohn, Hermann Cohen, Heymann Steinthal, Ludwig Philippson, Markus Jost, Gotthold Salomon und die für das gesamte deutsche Judentum grundlegenden und hier ihren Ausgang nehmenden religiösen Einrichtungen hätten immer wieder den Blick der größeren Gesamtheit auf die hohe jüdische Kultur dieses Landes gelenkt.

1807 kam das Gebiet um Halle zum neugebildeten Königreich Westfalen, in dessen Hauptstadt Kassel König Jerôme, ein Bruder Napoleons, residierte. Diese folgenschwere Veränderung brachte den jüdischen Gemeinden entscheidende Verbesserungen ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Lage: Gleichheit vor dem Gesetz und freie Religionsausübung. Im 18.und 19. Jahrhundert entwickelte sich die jüdische Gemeinde in Halberstadt zu einer der bedeutendsten Gemeinden

Europas - mit manchmal über 1000 Mitgliedern.1795 hatte Hirsch Köslin aus eigenen Mitteln eine Elementarschule gegründet, in der "Kindern unbemittelter Eltern" neben Bibel, Religion und Talmud auch die deutsche Sprache, Rechnen und überhaupt die zum gesellschaftlichen Verkehr unumgänglich erforderten Kenntnisse gelehrt werden sollten. Zeitweise hat die Schule noch den israelitischen Kinderhort und die Geschäftsstelle der Synagogengemeinde beherbergt. Zu den Sozialeinrichtungen gehörte später außerdem eine Armenspeisung und ein jüdisches Altersheim.

In Glaubensfragen war die Halberstädter Gemeinde relativ orthodox und entwickelte sich, nicht zuletzt durch die wirkungsvolle Tätigkeit der Rabbinerfamilie Auerbach, geradezu zu einem Bollwerk der Orthodoxie. Verstärkt wurde diese Tendenz durch einen starken Zuzug osteuropäischer Juden ab 1914. Bis 1930 hatte hier der "Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden in Deutschland" seinen Sitz und unterhielt engen

Kontakt zur orthodoxen Austrittsgemeinde Adass Jisroel in Berlin. Nicht von ungefähr, stammte Esriel Hildesheimer, der Leiter des orthodoxen Rabbiner-Seminars in Berlin, doch aus Halberstadt.

Ende des 19.Jahrhunderts siedelten sich auch in Wittenberg und zwar in der Nähe der Jüdengasse wieder zahlreiche Juden an: Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte, Handwerker. Dagegen war in Gröbzig die Zahl der Juden Ende des 18.Jahrhunderts stark zurückgegangen. Bemerkenswert ist, dass die Gemeinde zur Feier der fünfzigjährigen Regierung des Herzogs Leopold Friedrich Franz 1808 eine eigens verfasste Hymne in der Synagoge gesungen hat. Aber zur Israelitischen Kultusgemeinde durfte sie sich erst 1835 konstituieren.

Aufstieg und Niedergang im 20.Jahrhundert

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten die jüdischen Gemeinden im heutigen Sachsen-Anhalt in relativ gesicherten, wenn auch bescheidenen Verhältnissen. Der beginnende Eintritt ins deutsche Kulturleben war auch in Sachsen-Anhalt mit einem teilweisen Verlust traditioneller Werte verbunden. Aber selbst in dieser Zeit kam es immer wieder zu judenfeindlichen Übergriffen, vor allem nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms

II. im Jahre 1890. In Halle existierte ein "Deutschsozialer antisemitischer Verein für Halle und Saalkreis",der sich lautstark und aggressiv bemerkbar machte. Um den Unsinn wirksam zu bekämpfen, den dieser Verein verbreitete, entstand in Halle ein "Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Ein besonders schlimmer Antisemit kam aus Halberstadt: der kaiserliche Hofprediger Adolf Stoecker, der in Berlin eine antisemitische Vereinigung ins Leben rief. Dabei hätte er allen Grund gehabt, dankbar zu sein, meint der Autor W. Hartmann, "denn Joseph Hirsch hatte für seine Ausbildung

(1847-1854) im Domgymnasium gesorgt." Als um 1890 einer von Stoeckers

Propagandisten, Professor Bernhard Förster, in Halberstadt öffentlich auftrat, kam es zu einem Eklat. Halberstädter Arbeiter trugen den Redner einfach aus dem Saal und beendeten so kurzerhand seine provokatorische Rede. Leider trat die hier offen geübte Solidarität mit den diffamierten Juden nur sporadisch und sehr selten auf.

Denn selbst in der Zeit der Weimarer Republik blieb der Antisemitismus im heutigen Sachsen-Anhalt weiterhin virulent. Der Theaterintendant Leopold Sachse, der das Stadttheater in Halle seit 1915 leitete und weithin beachtete Inszenierungen herausbrachte, wurde wegen seiner jüdischen Herkunft immer wieder verunglimpft, so dass er schließlich Anfang der zwanziger Jahre an die Hamburger Staatsoper ging.

Antijüdische Boykottbewegungen waren in Halle schon vor der nationalsozialistischen Machtübernahme zu beobachten. In Magdeburg entwickelte sich in den zwanziger Jahren ein Justizskandal um den Juden Rudolf Haas, der des Mordes beschuldigt wurde. Haas wurde zwar freigesprochen. Gleichwohl hat dieser Vorfall viele Juden sehr beunruhigt. Nach dem Machtantritt Hitlers nahm auch in der sächsisch-anhaltinischen Region die antisemitische Hetze weiter zu. In Dessau schleiften die dortigen Nazis das Mendelssohn-Denkmal und tilgten am Wilhelm-Standbild die rückseitige, goldene

Inschrift, die auf den jüdischen Stifter hinwies. Im November 1938 wurde in Dessau das jüdische Gotteshaus, das mit dem Geld der Familie Cohn 1908 erbaut worden war, zerstört, ebenso die Synagogen in Halle und in vielen anderen Orten dieser Region. Zudem wurde in Dessau die einst repräsentative Friedhofshalle, gekrönt mit einem Davidstern, ein Raub der Flammen. Ganz ungeniert druckte am 9.November 1938 die

Zeitung "Der Mitteldeutsche": "Wir leuchten in Judennester. In Dessau leben noch 204 Juden. Hier sind ihre Namen... Haltet die Augen offen. Nun ist es genug... Unsere Geduld ist hier zu Ende! Wir werden ihnen die Quittung geben."

In Halle konnten knapp 600 jüdische Bürger bis 1939 auswandern, die meisten nach Shanghai. Viele begingen Selbstmord, die übrigen wurde in Konzentrationslager verschleppt. Am Tag des Einmarsches der Alliierten in Halle gab es noch 49 Juden

in der Stadt, die allein wegen ihrer nichtjüdischen Ehepartner überlebt hatten. Von den 2.300 Juden, die vor der Machtübernahme in Magdeburg wohnten, überstanden nur 119 die Deportationen und Vernichtungslager. Ähnlich traurig verliefen die Schicksale vieler Juden in den übrigen sächsisch-anhaltinischen Städten.

Die Entwicklung nach 1945

Von den mehr als dreißig Gemeinden, die es mit etwa zwölf tausend Juden vor 1933 in Sachsen-Anhalt gegeben hat, wurden zunächst nur zwei wiedergegründet:Halle und Magdeburg. In Halberstadt erfuhr die 800-jährige Geschichte dagegen nach dem

Krieg keine dauerhafte Fortsetzung, obgleich hier 1945 von etwa 150 Juden aus verschiedenen Herkunftsländern, die aus dem KZ entlassen waren, am 3.August 1945 kurzfristig eine Gemeinde neu ins Leben gerufen worden war. "Stellt Euch vor:",schrieb der ehemalige Oberkantor der alten Gemeinde, Justin Berliner, der dabei war und als einziger seiner Familie überlebt hatte, "200 junge Menschen haben sehr laut die `Techesakna` und `Hatkwa` im Freien gesungen und kein Mensch hat daran Anstoß genommen." Doch bald darauf kehrten die ehemaligen Häftlinge in ihre Heimat zurück, so dass die Gemeinde wahrscheinlich noch im Jahr ihrer Gründung wieder aufgelöst worden ist.

1954 wurde in Bernburg auf dem jüdischen Friedhof als Letzter Eugen Madelong beigesetzt. Er war, bevor die Nazis an die Macht kamen, Vorsteher des Israelitischen Kranken- und Beerdigungsvereins und Besitzer eines Herrenkonfektionsgeschäfts gewesen. Nach Kriegsende kehrte er als einziger Überlebender seiner Familie aus dem KZ nach Bernburg zurück. Eine Entschädigung hat er nie erhalten.

In Halle wurde am 2.Juni 1947 die erste Vorstandssitzung der neubegründeten Jüdischen Gemeinde einberufen. Zunächst umfasste sie 50 Mitglieder. Im September 1947 erfolgte die Repatriierung der ausgewanderten und zurückkehrten Juden. Nach

langwierigen Verhandlungen und Prozessen kam die Gemeinde auch wieder in den Besitz ihres Gemeindehauses. Bis dahin hatten die Sitzungen abwechselnd in den Wohnungen der Vorstandsmitglieder stattgefunden. Halle wurde zugleich Sitz

des Verbandes der Jüdischen Gemeinde in der DDR von 1952 bis 1962. Dann ging dieser an Dresden über. Seit 1953 besitzt die Gemeinde auch wieder eine Synagoge, für die eine Friedhofskapelle umgebaut werden musste.

Über die letzten Jahrzehnte der DDR-Zeit liegt ein Schatten über der Gemeinde Halle. Lange Jahre wurde sie von einer Frau namens Karin Mylius geborene Lobel geführt, die sich als Tochter eines von den Nazis ermordeten Ehepaares ausgegeben und sich das Vertrauen des damaligen Gemeindevorsitzenden erschlichen hatte. In Wahrheit aber war sie die Tochter eines Polizisten, der in der NS-Zeit gegen Juden vorgegangen war. Vermutlich war Karin Mylius von gewissen Staatsorganen gezielt in die jüdische Gemeinde eingeschleust worden. Juden, die der Gemeinde beitreten wollten, hat sie,

aus Angst vor Entdeckung abgewiesen. Während ihrer Amtszeit von 1968 bis 1986 verfielen die mühsam aufgebauten Gemeindestrukturen. Am Ende hatte die Gemeinde nur noch drei Mitglieder.

Auch die Gemeinde in Magdeburg ist in der DDR-Zeit bis auf wenige Mitglieder geschrumpft. Unmittelbar vor der politischen Wende lebten in der Stadt nur noch etwa zwölf und in ganz Sachsen-Anhalt ungefähr sechzig praktizierende Juden.

Heute ist man durch den Zuzug russischer Juden wieder in der Lage, den Gottesdienst mit den nach der jüdischen Glaubenslehre erforderlichen zehn männlichen Gemeindemitgliedern zu begehen. Mittlerweile ist die Magdeburger Gemeinde mit ihren

720 Mitgliedern - zwei kommen aus Israel, vier sind Deutsche und die übrigen sind aus dem Ostblock eingewandert - die größte Gemeinde von Sachsen-Anhalt und, allem Anschein nach, auch von den neuen Bundesländern überhaupt. Für die Vorstandsmitglieder grenzt es fast an ein Wunder, dass die jüdische Gemeinde in Magdeburg so angewachsen ist, dass der bisherige Saal für die Chanukkafeier viel zu klein geworden ist. Auch die Synagoge soll ganz neu umgestaltet werden, da der für etwa 55 Personen konzipierte Gemeinderaum inzwischen nicht mehr ausreicht.

Lange Zeit hatte die Gemeinde und ganz Sachsen-Anhalt keinen Rabbiner, um so glücklicher schätzt man sich, dass seit einigen Jahren David Benjamin Soussan aus Freiburg/Brsg. das Amt des Landesrabbiners versieht. An den hohen Feiertagen

wurde in der Vergangenheit oft zusätzlich ein Kantor aus Israel eingeflogen, jetzt kommt regelmäßig einer aus Berlin angereist. Vorsitzender des Landesverbandes von Sachsen-Anhalt war bis Ende Juli 1999 der heutige Geschäftsführer der Magdeburger Gemeinde, Peter Ledermann. Jetzt hat Herr Jakow Li das Amt inne. Auch wenn die Integration der Einwanderer oft schwierig und konfliktreich ist - viele, insbesondere jüngere Familien wandern oft nach kurzer Zeit in die neuen Bundesländer ab -, so

sichern die Zuwanderer doch die Zukunft der ostdeutschen Gemeinden, zumal immer wieder neue Menschen nachkommen. So entstand am 1.August 1994 auch in Dessau mit 130 russischen Juden eine neue Zuwanderergemeinde, in der es recht lebendig

und munter zugeht. Noch vor etwa fünf Jahren hat die Landesregierung die Kontingentflüchtlinge nur auf die drei Städte Halle, Magdeburg und Dessau verteilt. Jetzt werden die jüdischen Immigranten auch in kleinere Ortsgemeinden und Kommu-

nen eingewiesen. Sie können zwar nicht regelmäßig am religiösen Leben teilnehmen, gleichwohl ist man in den drei Gemeinden bemüht, die Flüchtlinge, die nicht am Ort wohnen, gut zu betreuen. Von großer Hilfe wird sicher dabei auch der im März 1994 unterzeichnete Staatsvertrag sein - der bisher umfassendste Staatsvertrag mit einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland-, der den Gemeinden Schutz und finanzielle

Hilfe zusichert. Die Gemeinde zu Halle, die im Juli 1992 die 300jährige Wiederkehr der Gründung ihrer ursprünglichen Gemeinde feiern konnte, hat augenblicklich etwa fünfhundert Mitglieder, die, bis auf sieben deutschsprachige Juden, überwiegend aus

der Ukraine, aus Moldawien, Russland oder den Baltischen Staaten eingewandert sind. Die meisten von ihnen versuchen, nach Aussage ihres neuen Vorsitzenden Max Privorozki, sich mit der dreihundertjährigen Geschichte der Halleschen Gemeinde zu identifizieren und ein Bestandteil der Kultur dieser Stadt zu werden. Dabei müssen die meisten von ihnen selbst erst einmal mit den Lehren des Judentums vertraut

gemacht werden.

Sogar nach der Wende hat die Jüdische Gemeinde zu Halle nochmals für eine kurze Weile in den Jahren 1996 und 1997 durch Misswirtschaft, Veruntreuung und Schulden für negative Schlagzeilen gesorgt. Nun aber ist es um die skandalgebeutelte Glaubensgemeinschaft in der Saalestadt wieder ruhiger geworden. Zur Zeit verfügt sie über eine gut funktionierende Sozialabteilung sowie über eine rege Senioren- und Kindergruppe. Regelmäßig findet, neben dem täglichen Deutschunterricht, ein Gottesdienst statt und zwar mit Hilfe von zwei Studenten der Chabad-Lubawitsch-Bewegung.

Was den Mitarbeitern der Gemeine jedoch am meisten Kopfzerbrechen bereitet, sind Arbeitslosigkeit und die Beschaffung von Wohnraum für die Einwanderer. Um so dankbarer sind diese, wenn es geklappt hat. Als einer der Neuankömmlinge, der schon weit über achtzig Jahre alt ist, vor zwei Jahren zum ersten Mal in seinem Leben gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin eine eigene 3-Zimmer-Wohnung mit Balkon und Bad erhielt, hat er vor Freude geweint. Erfreulicherweise ist die Gemeinde nicht auf sich allein gestellt. Nichtjüdische Bürger unterstützen sie und helfen bei der Bewältigung wichtiger Gemeindeaufgaben tatkräftig mit. Sie haben darüber hinaus einen Förderverein zur Erhaltung wichtiger jüdischer Stätten gegründet und kümmern sich um die Aufarbeitung der lange vernachlässigten jüdischen Stadtgeschichte, wozu auch

Einladungen von Zeitzeugen und ehemaligen Gemeindemitgliedern gehören, von denen nur wenige noch leben. Josef Kahlberg zum Beispiel, der Sohn des letzten Halleschen Rabbiners, ist einer von ihnen und gelegentlich Gast in Halle, ebenso der bekannte Philosoph Emil Ludwig Fackenheim. Am 12.5.1999 wurde Fackenheim, nachdem ihn die Nazis vor genau sechzig Jahren aus der philosophischen Fakultät ausgeschlossen hatten, in Halle zum Ehrendoktor der Philosophie ernannt und feierlich geehrt.

Derweil hat sich auch in Halberstadt eine Arbeitsgruppe "Jüdisches Kulturerbe in Halberstadt" gebildet, die das Andenken an ehemalige Halberstädter Juden pflegt und kleine Hefte und Bücher über ihre Geschichte herausgibt. Im Dom der Stadt befindet sich seit 1982 eine Menora zum Gedächtnis an jene Juden, die 1942 aus Halberstadt deportiert wurden, während auf drei Friedhöfen der Stadt rund tausend jüdische Grabsteine von einem einst blühenden Gemeindeleben zeugen.

Hervorzuheben sind aber auch zwei neue Einrichtungen. 1995 entstand in Halberstadt die neue Moses-Mendelsohn-Akademie, zu der Julius H.Schoeps vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum den Anstoß gab, und an der Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg kann man seit einigen Jahren Judaistik studieren. Wie man sieht, auch in Sachsen-Anhalt blüht und gedeiht wieder jüdisches Leben, und wenn man etwas über Judentum und jüdische Geschichte erfahren will, dann ist man längst nicht mehr nur auf Gedenksteine und jüdische Grabstätten angewiesen.

Quellen:

Der Beitrag erschien erstmals in "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums",

39.Jahrgang, Heft 154. 2.Quartal 2000 und entspricht dem damaligen Stand)


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