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Die Vertreibungen gehen zurück

Über die erste Niederlassung von Juden im Dessauischen nach den frühmittelalterlichen Vertreibungen gibt der Schutzbrief einiger Juden aus dem Jahre 1621 Auskunft. In einem weiteren Schutzbrief, datiert vom 17.2.1672, wurde zwei Juden, Berend David und Joachim David aus Egeln und Oschersleben, gegen

Zahlung eines hohen Schutzgeldes die Ansiedlung in Dessau erlaubt. Von da an stieg die Zahl der Juden auch hier rasch an. Einzelne Juden wie der 1690 zum Hoffaktor ernannte Wulff aus Dessau standen beim Fürsten in hohem Ansehen. Die meisten

Juden jedoch konnten keine Bürgerrechte erwerben, sondern bekleideten im 17.und 18.Jahrhundert nur untergeordnete Stellungen. Am 12.November 1686 wurde in Dessau die "Gesellschaft der Barmherzigen Brüder" begründet. "Es ist die erste vorhandene Urkunde über jüdisches Gemeinschaftsleben", schreibt der 1910 in Dessau geborene und 1933 aus dem Justizdienst als "Nichtarier" entlassene angehende Jurist Ernst Walter in seiner Dissertationsschrift "Die Rechtsstellung der Israelitischen Kultusgemeinden in Anhalt". Ein Jahr später gestattete der Fürst den Bau der ersten Synagoge, die Anlage eines Friedhofs und die Errichtung eines Armen- und Krankenhauses.

1692 erteilte der Landesherr einigen Familien aus Halberstadt die Erlaubnis, in Dessau ihren Wohnsitz zu nehmen. Spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden Juden auch in Gröbzig, einer Kleinstadt im Kreis Köthen in der Umgebung Halles, ansässig. Die meisten waren von weither nach Gröbzig gezogen - aus Böhmen, Hessen, dem Elsass, Frankfurt am Main und Amsterdam. Der Gröbziger Jahrmarkt mit seinen merkantilen Möglichkeiten dürfte daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.1660 setzten die Gröbziger Juden, die vielfach Pferdehändler, Hausierer oder im Handel tätig

und oft auf Messen in Leipzig, Braunschweig und anderswo anzutreffen waren, die Verlegung des Marktes vom Sonnabend auf einen anderen Wochentag durch, damit der Sabbat nicht entheiligt würde. In den folgenden Jahrhunderten soll die jüdische Einwohnerzahl Gröbzigs so schnell angestiegen sein, dass der Ort im Volksmund

nur noch "Juhn-Jreebz`ch" (Juden-Gröbzig) hieß. In Gröbzig wurde übrigens der später in Berlin berühmt gewordene Sprachwissenschaftler und Philosoph Chaj im Steinthal (1823-1899) geboren. Er war noch hier zur jüdischen Schule gegangen, an der auch Baruch Herzfeld unterrichtete, der eigens zur Hebung des Unterrichts nach Gröbzig berufen worden war und gleichzeitig das Amt des Kantors ausübte.

In Halberstadt, wo mittlerweile über achtzig jüdische Familien wohnten, durften die Juden 1660 eine öffentliche Schule eröffnen. Aber man verbot ihnen, den Handwerkerberuf auszuüben. Die bis dahin fast regelmäßigen Vertreibungen ließen

nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges merklich nach, so dass sich die Halberstädter Gemeinde nun ungestört entwickeln konnte. Friedrich Wilhelm, der spätere Große Kurfürst von Brandenburg(1840-1688), unter dessen Herrschaft der Saalkreis mit der Stadt Halle 1680 gekommen war, sah sich infolge des Dreißigjährigen und des Schwedisch-polnischen Krieges einem zerstörten und verelendeten Land gegenüber. Der Handel lag schwer darnieder. Um die Wirtschaft neu zu beleben, bot er

immigrationswilligen Ausländern (Hugenotten, Pfälzern und Juden) das Wohnrecht in seinem Herrschaftsbereich an. 1688 stellte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm Salomon Israel, dem Stiefsohn seines Hofjuweliers Jobst Liebmann, einen

Schutzbrief aus und erlaubte ihm, sich in der Stadt Halle niederzulassen. Salomon Israel wurde erster Vorsteher der jüdischen Gemeinde, zu deren Mitbegründern auch Assur Marx gehörte, der offenbar ein tüchtiger Geschäftsmann war und in der Gemeinde großes Ansehen genoss. Obgleich die Wiederansiedlung in Halle recht mühsam war, so wuchs die jüdische Gemeinde doch stetig weiter und stabilisierte sich zusehends im 18.Jahrhundert. Um 1700 lebten in Halle 12 privilegierte Familie - das waren mindestens 70"Seelen"im damaligen Sprachgebrauch - , nicht im Ghetto, sondern mitten unter der christlichen Bevölkerung. Sie waren auch bemüht, den Armeren unter ihnen beizustehen und gründeten daher 1799 die "Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde". Insbesondere während der Aufklärung und der Industrialisierung bildete die jüdische Gemeinde einen geachteten und integrierten Teil der Einwohnerschaft. Juden durften auch an der 1694 gegründeten Halleschen Friedrichs-Universität studieren, vorerst jedoch nur Medizin. Denn außer dem Arztberuf waren ihnen andere freiberufliche Tätigkeiten nicht erlaubt. Der erste jüdische

Student war Salomon Liebmann, der am 4.Juni 1695 immatrikuliert wurde, aber auf kurfürstlichen Befehl noch im selben Jahr an die Universität Frankfurt an der Oder wechselte. Von 1724 bis 1800 erwarben insgesamt etwa 60 jüdische Studenten

den medizinischen Doktorgrad. Daneben fehlte es in Halle auch nicht an christlichen missionarischen Bemühungen, die von dem durch August Hermann Francke (1663-1727) geprägten Pietismus ausgingen sowie von dem "Institutum Judaicum", das

der Universitätsprofessor Johann Heinrich Callenberg (1694-1760) 1728 ins Leben gerufen hatte, um Juden und Mohammedaner zum Christentum zu bekehren.


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