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Zentren jüdischer Gelehrsamkeit

Die Blütezeit des jüdischen Mainz begann mit der aus Lucca zugewanderten Familie Kalonymos. Moses der Ältere - er lebte um 980 und ist der Begründer der deutschen Kalonymos-Familie - brachte die palästinensisch-italienische Tradition der liturgischen Dichtung nach Deutschland. Auf ihn folgten der Gesetzeslehrer und Dichter Meschullam ben Kalonymos (sein Grabstein aus dem Jahr 1020 ist der älteste in Mainz) und der durch seine Festgesänge bekannt gewordene Rabbi Simon ben Isaak ben Abun. Unter dem Einfluss dieser Familie, die die Geschicke der Mainzer Gemeinde viele Jahrzehnte mitbestimmte, wurde Mainz ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, insbesondere jüdischer Rechts- und Gesetzeskunde. Ende des 10.Jahrhunderts gründeten die Rabbinen Jehuda ben Meir, genannt Leontin, und Gerschom ben Jehuda in Mainz eine Jeschiwa, eine talmudische Hochschule von überregionaler Bedeutung, in der es nach einem Bericht Jakob Möllns auch allerhand Geselligkeit gegeben haben soll.1220 schlossen sich die Rabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz zu einem Bündnis zusammen. Die drei Talmudschulen waren befugt, über die deutschen Judengemeinden zu Gericht zu sitzen, und, falls erforderlich, den Bann zu verhängen.

Seit Mitte des 11.Jahrhunderts ist auch Worms über die deutschen Grenzen hinaus als Mittelpunkt jüdischer Kultur und Wissenschaft bekannt geworden. Bekannte Wormser Juden sind Meir ben Isaak, Jakob ben Jakar, Isaak ha-Levi und der 1040 in Troyes geborene Salomo ben Isaak, genannt Raschi. Die jüdischen Gemeinden am Rhein waren vom 11.bis zum 13.Jahrhundert tonangebend in Europa. Bis weit in den Osten hinein wurden die Talmudauslegungen, Rechtsgutachten, Zusammenstellungen lokaler Riten oder synagogaler Gesänge jüdischer Gelehrter aus Worms, Mainz und Speyer beachtet.

Die gute Beziehung, die zwischen den Mainzer Juden und dem kaiserlichen Hof bestand - um 982 soll ein Angehöriger der Familie Kalonymos Kaiser Otto II. bei einer Schlacht das Leben gerettet haben -, wurde unterbrochen, als König Heinrich II. (1002-1024) in Mainz Zwangstaufen anordnete und die nicht bekehrungswilligen Juden aus der Stadt verwies, möglicherweise als Antwort auf den Übertritt des Geistlichen Wenzelin zum Judentum. Wenn auch die Juden bald darauf einen Widerruf der königlichen Maßnahmen erreichen konnten, so wird aus diesen Ereignissen doch deutlich, dass das ungestörte friedliche Nebeneinanderleben von Christen und Juden schon früh auf unsicherem Boden stand und jederzeit auseinander brechen konnte.

Die Speyerer Judengemeinde konsolidierte sich 1084 dank einer Initiative des damaligen Bischofs Rüdiger Hutzmann oder Huozmann. Er siedelte in diesem Jahr in dem Dorf Altspeyer Juden an, die aus Furcht vor Verfolgungen aus dem durch eine Feuersbrunst zerstörten Mainz geflohen waren. "Da ich aus dem Flecken Speyer eine Stadt machen wollte", erklärte der Bischof, habe er durch günstige Gesetze die Juden zur Ansiedlung veranlasst. Zudem sei es ihm auch darum gegangen "die Ehre unseres Ortes zu vergrößern". Der Bischof stattete die Juden mit einem Schutzbrief aus und sicherte ihnen Selbstverwaltungsrechte und Handelsfreiheit innerhalb der Stadt zu sowie das Recht zur ungehinderten Religionsausübung. Neben der Ausübung des Handels wurde ihnen außerdem uneingeschränkt der Wechsel von Gold und Silber sowie der Verkauf von nichtkoscherem Fleisch an Christen gestattet. Sechs Jahre später, im Jahr 1090, wurden diese Rechte von Kaiser Heinrich IV. ausdrücklich bestätigt und erweitert. Nach dem Willen des Königs sollten die Juden frei sein von Verfolgungen und Störungen in ihrem beruflichen und religiösen Leben. Jede Zwangstaufe, jede Folterung zur Erpressung von Geständnissen wurde verboten. Später ging der Schutz für Juden vom Kaiser an den Bischof über und dann an die Stadt. Als "Kammerknechte" gehörten Juden mit Leib und Gut dem jeweiligen Landesherrn und waren verpflichtet, für ihren Schutz zusätzlich eine besondere Abgabe zu zahlen.


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