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Viele Juden bekannten sich zu Deutschland

Nach der Gründung des Wilhelminischen Kaiserreiches 1871 bekannten sich nicht wenige Juden geradezu überschwänglich zu Deutschland als ihrer neuen Heimat. Sichtbar wurde diese neue Einstellung auch in der veränderten Bauweise neuer jüdischer Gotteshäuser, zum Beispiel in der 1910 in Frankfurt erbauten Westend-Synagoge, die die Nazis wie viele andere Synagogen in der Pogrom-Nacht des 9.November 1938 in Flammen aufgehen ließen. Ferner nahmen jetzt immer mehr Juden aktiv am politischen Leben teil. In Kassel, wo bis 1933 über 2500 Juden lebten, saßen 1913 fünf jüdische Bürger in der Stadtverordnetenversammlung, unter ihnen Georg Rosenzweig, der Vater des Religionsphilosophen Franz Rosenzweig. Ab 1928 hatte die Stadt Kassel, in der Roland Freisler in den zwanziger Jahren eine Anwaltspraxis führte, sogar einen jüdischen Polizeipräsidenten: Dr. Adolf Hohenstein.

Auch in kleineren Orten, in denen der jüdische Bevölkerungsanteil durchweg bei fünf Prozent lag, fühlten sich die meisten Juden vor dem "Dritten Reich" durchaus als Bürger und Bewohner ihrer Stadt. Sie führten ein bescheidenes Leben und unterschieden sich kaum von ihren christlichen Nachbarn. In einzelnen Ortschaft waren manche Familien schon seit über hundert Jahren ansässig. Am Passah in der Osterzeit oder am Sabbat verdienten sich die christlichen Nachbarskinder gern ein Stück Matze oder ein paar Pfennige, wenn sie in den Häusern orthodoxer Juden Licht und Feuer anzündeten.

Mit dem Hitler-Regime, spätestens jedoch mit den Deportationen der letzten hessischen Juden in die Gaskammern 1942, endete auch in Hessen wie überall in Deutschland die Geschichte der jüdischen Gemeinden. "Wenn keine Stimme sich für uns erhebt, so mögen die Steine der Stadt für uns zeugen, die ihren Aufschwung zu einem guten Teil jüdischer Leistung verdankt, in der so viele Einrichtungen vom Gemeinsinn der Juden künden, in der aber auch das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern stets besonders eng gewesen ist. "Mit diesen Worten kommentierte Eugen Mayer, Syndikus der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, deren Ende. Gießen hatte bis zu Hitlers Machtantritt im Jahre 1933 drei jüdische Gemeinden mit drei Synagogen. Seligenstadt am Main besaß eine der größten jüdischen Gemeinden im ganzen Landkreis. 47 der über zweihundert jüdischen Seligenstädter konnten ins Ausland fliehen, die anderen endeten fast alle in Konzentrationslagern. Ausgerechnet der evangelische Ortspfarrer vermerkte 1942 triumphierend in seiner Chronik: "Ab heute ist Seligenstadt judenfrei." 1989 wurde an der Stelle, wo einst die Synagoge stand, ein Obelisk mit einer Gedenktafel aufgestellt.


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