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Ist die "Wunde Heine" endgültig verheilt? Leben und Werk des Dichters Heinrich Heine

Lebenslauf

Wenn man den Umfragen glauben darf, so stand im Jahr 2005 im Kanon der fünfzig wichtigsten Autoren deutschsprachiger Belletristik an erster Stelle Heinrich Heine. Ihm folgten in der Wertschätzung deutscher Leser Friedrich Schiller und Karl May. Der erste noch lebende Autor Günther Grass landete auf Platz fünfzehn.

Geboren wurde Heinrich Heine in Düsseldorf am 13.12. 1797 in einer Zeitenwende, so dass er später schreiben konnte: "Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts," und in seinen "Memoiren" heißt es: "Ich bin geboren zu Ende des skeptischen achtzehnten Jahrhunderts und in einer Stadt, wo zur Zeit meiner Kindheit, nicht bloß die Franzosen, sondern auch der französische Geist herrschte."

Über seine Geburtsstadt Düsseldorf äußerte er sich stets mit warmen Worten: "Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute. ...... und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehen."

Von seinen Eltern sprach Heine ebenfalls sehr liebevoll. Seine Mutter hatte ihn nach Kräften gefördert und war auf sein Fortkommen sehr bedacht, aber mit seinem Schriftstellerberuf lange nicht einverstanden gewesen. Ihr, die von den Erziehungskonzepten Rousseaus sehr angetan war, verdankt er eine weltliche Erziehung. Über seinen Vater schreibt Heine: "Er war von allen Menschen derjenigen, den ich am meisten auf dieser Erde geliebt."

Obwohl Heines Geburtsort Düsseldorf zu jener Zeit schon eine ghettofreie Stadt war, in der, wie Heine in seinen Erinnerungen andeutet, der französische Geist einer liberalen Gesetzgebung wehte, konnte eine jüdische Herkunft selbst in der Rheinmetropole noch mancherlei Benachteiligungen mit sich bringen. Auch in Heines Privatleben lief nicht alles glatt, nicht einmal in seiner Jugend.

Immerhin litt sein Vater Samson seit 1814 an epileptischen Anfällen und musste bald darauf sein Düsseldorfer Tuchwarengeschäft aufgeben. Zwei Brüder des Vaters, Henry und Salomon, nahmen sich der bedrängten Familie an. Den Eltern wiesen sie in Lüneburg einen Alterswohnsitz zu und Sohn Heinrich - damals hieß er noch Harry - steckten sie in Hamburg in eine Kaufmannslehre. Heine beginnt im Juni 1816 eine Lehre im Bankhaus seines Onkels Salomon in Hamburg. Aber der hoffnungsvolle Jüngling erwies sich für den Beruf eines Kaufmanns als wenig geeignet. "Die merkantilische Seifenblase ist geplatzt" notierte er zufrieden, nachdem das von Onkel Salomon in Hamburg für ihn eingerichtete Textilgeschäft wegen drohenden Bankrotts am 23.3.1819 liquidiert worden und Heine als Geschäftsmann gescheitert war. Hinzu kommt, dass Heines Zuneigung zu Hamburg nicht allzu groß war. Nannte er doch die Hansestadt in einem Brief vom 6.Juli 1815 ein "verludertes Kaufmannsnest".

Das Jurastudium, das er auf Geheiß seines Onkels Salomon, eines geborenen Erfolgsmenschen, ab 1819 in Bonn, Göttingen und Berlin absolvierte, behagte ihm gleichfalls nicht sonderlich. Doch in Berlin fand er Entschädigungen. Er besuchte die vornehmsten Kaffeehäuser und erhielt Zugang zu den intellektuell anspruchsvollsten und einflussreichsten Kreisen. Häufig war er Gast im Salon der Varnhagens und besuchte Vorlesungen von August Wilhelm Schlegel und Hegel, ohne deren Anhänger zu werden. Nebenbei schrieb er Gedichte und Dramen und wurde am 4.August 1822 Mitglied im "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden", an dessen Aktivitäten er bis zu seiner Abreise aus Berlin im Mai 1823 regen Anteil nahm.

Kurz vor seiner Promotion zum Doktor juris am 20.Juli 1825 ließ er sich am 28.Juni 1825 in der protestantischen Kirche in Heiligenstadt auf den Namen Christian Johann Heinrich Heine taufen. Allerdings war für ihn die Taufe nichts anderes als ein "Entréebillet zur europäischen Kultur".

Als Heine einmal gefragt wurde: "Warum haben Sie sich zum Christentum taufen lassen?", soll er im Scherz gesagt haben: "Ich konnte mich nicht an den Gedanken gewöhnen, Baron Rothschilds Glauben teilen zu müssen, ohne an seinem Vermögen Anteil zu haben!"

- Apropos Rothschild: Einmal fand er ein drastisches Bild für die Verehrung, die man dem reichen Rothschild im allgemeinen entgegenbrachte. Als Heine, der die Macht der Aristokraten bewunderte und im Hause der Rothschilds verkehrte, sich wieder einmal zu Herrn von Rothschild begab, trug gerade ein Bedienter das Nachtgeschirr von Rothschild "über den Korridor und ein Börsenspekulant, der in demselben Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll den Hut ab vor dem mächtigen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute", meinte Heine. (Lutetia 1.Teil)

Aus Aphorismen und Fragmente: "Rothschild schickt dem Kommunisten, der mit ihm teilen will, neun Sous und schreibt dazu, nun lasst mich in Ruh'."

"Kommunisten denken, alles, was wir nicht haben, hat Rothschild." -

Doch zurück zu Heines Taufe. Ihm war durchaus klar, dass der "nie abzuwaschende Jude (an Moser, 8.August 1826) ihn weiterhin begleiten würde, und so schrieb er 1826: "Es ist aber ganz bestimmt, dass es mich sehnlichst drängt, dem deutschen Vaterland Valet zu sagen. Minder die Lust des Wanderns als die Qual persönlicher Verhältnisse (z.B.der nie abzuwaschende Jude) treibt mich von hinnen." Denn so heißt es in einem weiteren Brief: "Ich bin bey Christ und Jude verhasst. Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab."

Nachdem sich Heine vergeblich um eine Professur und um Eintritt in preußische und österreichische Dienste bemüht hatte, arbeitete er als freier Schriftsteller und war ab 1827 eine Zeitlang Redakteur bei Cottas "Neuen allgemeinen politischen Annalen" in München. Aber den Annalen fehlte es an Lesern und Abonnenten, und so wurden sie im März 1828 wieder eingestellt. Nun konzentrierte sich Heine ganz auf seine schriftstellerische Tätigkeit. Zudem hatte er zwei Jahre zuvor den Verleger Julius Campe kennen gelernt. Sein Onkel Salomon aber kommentierte Heines Berufsweg mit folgenden Worten: "Hätt' er was gelernt, braucht' er nicht zu schreiben Bücher."

Von August bis Dezember 1828 hielt sich Heine in Italien auf und nahm bei dieser Gelegenheit die Bildungsbeflissenheit deutscher Italienreisender spöttisch aufs Korn. Er zitierte Goethes Verse von Mignon "Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn?.." und fügte hinzu: "Aber reise nur nicht im Anfang August, wo man des Tags von der Sonne gebraten, und des Nachts von den Flöhen verzehrt wird. Auch rate ich Dir, mein lieber Leser, von Verona nach Mailand nicht mit dem Postwagen zu fahren." Gleichwohl gefiel es Heine in Italien besser als in Göttingen und in England. Sein Wohlbefinden lässt sich auch aus seinen Prosatexten "Die Bäder von Lucca" und die "Stadt Lucca" herauslesen, die er im Herbst 1829 verfasst hat. Ein Jahr später wurde der dritte Band der "Reisebilder" veröffentlicht. Die ersten beiden Bände über seine Reisen in den Harz, an die Nordsee und nach Polen waren einige Jahre zuvor erschienen.

In diese Zeit fällt auch Heines Kontroverse mit Platen. Ausgelöst wurde diese durch das Buch "Die Bäder von Lucca", wobei die Argumente der Beteiligten vorwiegend unter die Gürtellinie zielten, Platen hatte aus der jüdischen Herkunft Heines bestimmte charakterliche Mängel abgeleitet (ein Argumentationsmuster, das in Deutschland Schule machte und von den Nazis dankbar aufgegriffen wurde), woraufhin Heine Platens homosexuelle Neigungen aufs Korn nahm.

1831 siedelte Heine nach Paris über und blieb hier bis zu seinem Tod 1856. In der französischen Hauptstadt fühlte er sich in seinem Element. Für seinen neuen befreiten und glücklichen Zustand erfand er die hübsche Umkehrung der Redensart vom Fisch, dem es im Wasser wohl ergeht. "Wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antwortet dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris."

Ab 1831 wohnte Heine in Paris. Für ihn war die Stadt an der Seine "das neue Jerusalem" und der Rhein "der Jordan, der das geweihte Land der Freiheit trennt von dem Lande der Philister." Im Unterschied zu den meisten Pariser Emigranten gelang Heine die Integration mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Kaum ein anderer ausländischer Schriftsteller dürfte je eine solche Anerkennung und Aufnahme in Frankreich gefunden haben, wie Heine.

In der Stadt an der Seine fand er seine Mathilde, begegnete George Sand und lernte Karl Marx kennen. Den Franzosen gewährte Heinrich Heine, der sich als Vermittler zwischen zwei Völkern und Kulturen und als politischer Korrespondent verstand, einen Einblick in die deutsche Kultur, und die Deutschen wiederum ließ er durch seine Beiträge für die "Allgemeine Zeitung" am französischen Leben teilnehmen. Allerdings machte ihm die Offenheit seiner Berichterstattung die Arbeit in beiden Ländern, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, nicht eben leicht. Außerdem entwarf er in seiner für die Franzosen geschriebenen "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" eine Art Genealogie des deutschen Humanitätsprozesses. Beginnend mit Luther, der später von Lessing, laut Heine, "fortgesetzt" worden sei.

Viele Jahre hat sich Heinrich Heine, nach eigenem Bekunden, "auf allen Tanzböden der Philosophie" herumgetrieben und sich "allen Orgien des Geistes" hingegeben. Doch am Ende eines kämpferischen Lebens, "nach einer Phase der Selbstvergottung, der Selbstanbetung, der Selbstüberschätzung" kam der Einbruch, die persönliche und politische Katastrophe.

Seit 1832 litt er, der seit Jahren von heftigen Migräneanfällen heimgesucht wurde, an einer rätselhaften Rückenmarkserkrankung, die ihm erst Sehstörungen und Bewegungsausfälle, dann fortschreitende Lähmung brachte. Bei einem Besuch im Louvre, vor der "Venus von Milo" brach er zusammen. Ausgerechnet im Revolutionsjahr 1848 Ende Mai zwang ihn seine Krankheit aufs Krankenlager, in die "Matratzengruft" zu Paris. Er war größtenteils gelähmt, fast blind. Sein Körper war auf das Maß eines Kindes geschrumpft, abgemagert zu einem Skelett. Die schmerzhaften Krämpfe versuchte der Dichter, mit Opium zu betäuben.

Aber selbst auf dem Kranken- oder Sterbebett, meinte Robert Gernhardt in einem Interview mit der "Literarischen Welt" vom 11.Februar 2006, war Heine imstande, noch ungemein komische Verse zu finden. Das lange Gedicht zum Beispiel, in dem er sich Gedanken macht über die Körperteile des Menschen:" Gott gab uns nur einen Munde,/ Weil zweit Mäuler ungesund./ Mit dem einen Maule schon/ Schwätzt zu viel der Erdensohn."

In der Matratzengruft, in den letzten schmerzhaften Stunden seines Lebens kehrte Heine zum Judentum zurück. Er selbst sagte kurz vor seinem Tod: "Ich bin kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener herablächelt - ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!"

Bald darauf scheiterte die Revolution in Europa, und Heine erkannte: "In demselben Maße wie die Revolution Rückschritte macht, macht meine Krankheit die ernstlichsten Fortschritte." Krankheit, Leiden, Sterben und Tod waren nun das beherrschende Thema seiner Lyrik.

Obwohl er die letzten Jahre in der "Matratzengruft" zubringen musste, war er bis zuletzt voller Schaffenskraft. Auf der einen Seite lassen ihn viele im Stich, auch seine "revolutionären" Freunde. Etliche Rezensenten weisen Heines Spätwerk, in dem er von seinen Gebresten und religiösen Zweifeln spricht, als anarchronistisches Ärgernis von sich. "Wir sind ungern hart gegen einen Leidenden, besonders gegen einen Dichter der Märchen aus alten Zeiten", heißt es in einer Rezension und weiter liest man: "Doch verdient Heine der Schonung nicht, denn mit echt semitischer Spürkraft hat er auf das Mitgefühl des Publikums einen Wechsel gezogen.. Wie kann das Mitleid aufkommen, wo der Ekel uns überwältigt."

Gleichwohl kann sich Heine über Einsamkeit nicht beklagen. Er bekommt viel Besuch in seiner "Matratzengruft" und fühlt sich mitunter gequält von Besuchern aus aller Welt.

Bis zuletzt arbeitete er emsig und war noch in seinem Todesmonat, im Februar 1856, mit der Korrektur von Druckfahnen beschäftigt.

In den letzten Jahren stand ihm seine letzte Liebe die "Mouche" (Elise Krinitz) zur Seite.

"In seinem Gedicht "Lotosblume" ist Heine auf diese Liebe eingegangen, die bei aller todnahen Zerbrechlichkeit auch etwas Komisches an sich hat:

"Wahrhaftig, wir beide bilden

Ein kurioses Paar,

Die Liebste ist schwach auf den Beinen,

Der Liebhaber lahm sogar.

Sie ist ein leidendes Kätzchen,

Und er ist krank wie ein Hund,

Ich glaube, im Kopf sind beide

Nicht sonderlich gesund.

Vertraut sind ihre Seelen,

Doch jedem von beiden bleibt fremd

Was bei dem andern befindlich

Wohl zwischen Seele und Hemd.

Sie sei wie eine Lotosblume,

Bildet die Liebste sich ein;

Doch er, der blasse Geselle,

Vermeint der Mond zu sein.

Die Lotosblume erschließet

Ihr Kelchlein im Mondenlicht,

Doch statt des befruchtenden Lebens

Empfängt sie nur ein Gedicht."

Heine betrachtete seine letzte Liebe als "Glückserfüllung in Askese."

Heines letzten Jahre führen den Zeitgenossen und der Nachwelt einen modernen Hiob vor Augen, der mitten im Lärm und im Betrieb der Großstadt lebendig begraben liegt. Sein Abschied lautete: "Lebt wohl, ihr geistreichen, guten Franzosen, die ich so sehr geliebt habe! ich danke euch für eure heitere Gastfreundschaft."

In jener Zeit, schreibt Karl-Josef Kuschel in seinem Buch "Gottes grausamer Spaß. Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe", sei es bei dem Dichter zu einer großen "Umwandlung" gekommen sei, zum Wiedererwachen des religiösen Gefühls, zu einer Rückkehr zu Gott, obwohl Heine diesem doch schon vor Jahren das Sterbeglöckchen geläutet hatte und den Himmel eigentlich "Engeln und Spatzen" überlassen wollte.

Was Heine nun erlebt habe, das sei keine Eintrübung gewesen, sondern eine Erhellung des Verstandes, nicht ein Rückschritt, sondern eine Evolution des Geistes, nicht eine Kapitulation vor der Schwäche, sondern ein Tiefenblick in die Abgründe von Gottes Schöpfung.

Bücher

Mit seiner "im subjektivisten Styl" geschriebenen Harzreise, mit der er erstmals gegen die ästhetischen Normen der Kunstperiode Goethes und Schillers verstieß, gelang Heine der Durchbruch als zeitkritischer Prosaautor.

In vielen seiner Texte hat Heine anklingen lassen, wie er heranwuchs im Erlebnis einer bürgerlichen französischen Revolution, die freilich durch eine Besatzungsmacht importiert worden war und wie sehr er dann unter der deutschtümelnden, betont protestantisch-antisemitischen Gegenbewegung junger Deutscher seit dem Jahre 1815 gelitten hat. In seinem Buch Le Grand Kapitel VII" berichtet Heine über seine schulischen Erfahrungen. Mit dem Fach Deutsch hatte er offensichtlich keine Mühe gehabt, wohl aber mit Latein und Griechisch. Heine wörtlich: "Was..das Lateinische betrifft, so haben Sie gar keine Idee davon, Madame, wie das verwickelt ist. Den Römern würde gewiss nicht Zeit genug übrig geblieben sein, die Welt zu erobern, wenn sie das Latein erst hätten lernen sollen. Diese glücklichen Leute wussten schon in der Wiege, welche Nomina den Akkusativ auf 'im' haben. Ich hingegen musste sie im Schweiße meines Angesichts auswendig lernen, aber es ist doch immer gut, dass ich sie weiß. Vom Griechischen aber will ich gar nicht erst sprechen, ich ärgere mich sonst zu viel. Die Mönche im Mittelalter hatten so ganz Unrecht nicht, wenn sie behaupteten, dass das Griechische eine Erfindung des Teufels sei. Gott kennt die Leiden, die ich dabei ausgestanden..."

Gerade in diesem Buch erscheint Heines Kindheit in einem verklärten Licht. Auch über das Rheinland und seine Bewohner äußerte sich der Dichter stets freundlich, gelegentlich zwar mit gutmütigem Spott, wenn er etwa den Kölner Dialekt charakterisiert, aber doch ohne Bitterkeit.

In seinem "Memoiren"-Fragment gibt er einen Einblick in das Familienleben seines Elternhauses in Düsseldorf, der allerdings auf vielfache Weise literarisiert und stilisiert ist.

Mit seinen frühen Liedern, von denen sich noch heute viele großer Beliebtheit erfreuen, man denke nur an das Lied der Loreley, beginnt jene Lyrik Heines, die seinen Weltruhm begründete. Heines Debüt in der deutschen Literatur waren aber, weit mehr als das "Buch der Lieder" die zwischen 1826 und 1831 entstandenen "Reisebilder" über seine Reisen in den Harz, an die Nordsee und nach Polen. Sie füllen die Jahre zwischen Abschluss seines Jurastudiums in Göttingen und dem Weggang nach Paris im Mai 1831.

Die frühe Lyrik hat Heine bekannt und die Prosa der vier "Reisebilder"-Bände zum führenden Autor der jungen deutschen Literatur gemacht. Anfang 1831 wurde "Reisebilder IV" in Preußen indes verboten und konfisziert. Der preußische Oberzensor hatte das Werk, mit Blick auf die Stadt Lucca als "alles übersteigend, was mir von gotteslästerlichem Frevel je vorkommen ist" gewertet. Der Band sei "eines der verderblichsten Produkte, die in jüngster Zeit ins Publikum gebracht worden; es würdige das Heiligste herab, enthalte empörende Blasphemien, und beleidige durch schlüpfrige Darstellungen die guten Sitten."

Bald darauf wurden sämtliche Heinebücher in Preußen verboten. Als viele Jahre später, nämlich 1844, Heines "Wintermärchen" als Sonderausgabe erschien, befand der preußische Gesandte in Hamburg: "Sie atmen wieder solchen revolutionären Geist und Tendenz und sind so gehässig und unverschämt gegen Preußen und unsern erhabenen Monarchen gerichtet, dass mir ein Verbot unerlässlich erscheint." Dabei berief sich der Gesandte auf ein behördliches Gutachten, das Heines Werk geprüft und als unzumutbar für jeden ergebenen Untertanen deklariert hatte. "Es sind in Verse gebrachte, gemeingefährliche Schandreden über den Charakter des deutschen Volkes, die politisch-sozialen Institute Deutschlands und insbesondere die brutalsten Ausfälle auf die geheiligte Person des diesseitigen Staatsoberhaupts."

Folgerichtig wird das "Wintermärchen" in Preußen verboten und der unglückliche Zensor, der die erste Auflage in Hamburg nicht verhindert hatte, unter Androhung einer deftigen Geldstrafe abgemahnt.

Der berühmte Autor des "Buches der Lieder", der gefeierte Verfasser der "Reisebilder", der einfallsreiche Prosaist und Wortredner der "Gottesrechte des Menschen", galt schon zu seiner Zeit als charakterloses "politisches und moralisches Chamäleon". Machte er sich doch lustig über die Tabak rauchenden deutschen Handwerksgesellen, hielt die deutschen Republikaner für "gefährliche Narren, die Utopisten ohne Verständnis für geschichtliche Zusammenhänge" und prahlte zuweilen mit seinem "geistigen Königtum" und seiner monarchistischen Gesinnung.

Aus Heines Poesie spricht die Engagiertheit des Zeitkritikers. Bis zum Ende seines Lebens blieb er ein besessener Journalist. Er war aber auch ein leidenschaftlicher Patriot, der an unerwiderter Vaterlandsliebe litt.

1831 dichtete er:

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

Der Eichenbaum wuchs dort so hoch,

die Veilchen nickten sanft.

Es war ein Traum.

Das küsste mich auf deutsch, und sprach auf deutsch

(Man glaubt es kaum, wie gut es klang)

das Wort: 'ich liebe dich!'

Es war ein Traum."

"Ich hab ein neues Schiff bestiegen/Mit neuen Genossen" verkündete Heine 1843, als er glaubte, in den radikalen politischen Bewegungen seiner Zeit eine Art Heimat gefunden zu haben. Hier der volle Wortlaut:

"Lebensfahrt

Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln

Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln

Den lustigen Kahn. Ich saß darin

Mit lieben Freunden und leichtem Sinn.

Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer,

die Freunde waren schlechte Schwimmer,

Sie gingen unter, im Vaterland;

Mich warf der Sturm an den Seinestrand.

Ich hab ein neues Schiff bestiegen,

Mit neuen Genossen; es wogen und wiegen

Die fremden Fluten mich hin und her -

Wie fern die Heimat! Mein Herz wie schwer!

Und das ist wieder ein Singen und Lachen -

Es pfeift der Wind, die Planken krachen -

Am Himmel erlischt der letzte Stern -

Wie schwer mein Herz! Die Heimat wie fern!"

Im Dezember 1834 schrieb Heine seine Abhandlung "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", um auf seine Weise, wie oben angedeutet, einen Beitrag zum Verständnis zwischen Frankreich und Deutschland zu leisten. In Frankreich galt die deutsche Philosophie, nicht zuletzt durch den Einfluss von Madame des Stael, als mystisch, religiös, idealistisch und vor allem als gefühlsbetont. Heine versuchte nun, das Gegenteil zu zeigen und die Entwicklung der Philosophie seit Luther darzustellen. Luther und Lessing erscheinen ihm als die großen Wegbereiter jeder religiös-philosophischen Veränderung. Er sieht die gesamte Entwicklung in drei wichtigen Etappen: der religiösen, der philosophischen und der politischen Revolution.

Der Schlussabschnitt seiner Schrift wurde in Deutschland vom Zensor gestrichen, in Frankreich jedoch genau gelesen, mehrfach nachgedruckt und zitiert.

Spinoza schätzte Heine ebenfalls sehr und schreibt, sein Leben war "rein und makellos wie das Leben seines göttlichen Vetters, Jesu Christi."

Von den Deutschen meinte er: "Wir Deutschen sind das stärkste und das klügste Volk. Unsere Fürstengeschlechter sitzen auf allen Thronen Europas, unsere Rothschilde beherrschen alle Börsen der Welt, unsere Gelehrten regieren in allen Wissenschaften, wir haben das Pulver erfunden und die Buchdruckerei; - und dennoch, wer bei uns eine Pistole losschießt, bezahlt drei Taler Strafe, und wenn wir in der 'Hamburger Correspondenz" setzen wollen: 'meine liebe Gattin ist in die Wochen gekommen, mit einem Töchterchen schön wie die Freiheit!' dann greift der Herr Doktor Hoffmann zu seinem Rotstift und streicht uns 'die Freiheit'."

In Berlin unter den Linden entdeckte Heine nach eigenem Bekunden eines Tages einen "Kerl", der nicht zu den Leuten gehört, "die das Pulver erfunden haben, sondern zu denen, die es gebrauchen, d.h.er ist Militär." Die Deutschen sind auf mal anrührende, auf mal ärgerliche Weise schwerfällig und tiefsinnig, während die Franzosen das Leichtfertige lieben und die unbekümmerte Tat allemal einem langen und unergiebigem Grübeln vorziehen. Das ist nicht nur der jeweiligen Mentalität geschuldet, sondern hat auch historische Ursachen. "Man vergleiche nur die Geschichte der französischen Revolution mit der Geschichte der deutschen Philosophie, und man sollte glauben, die Franzosen, denen so viele wirkliche Geschäfte obliegen, wobei sie durchaus wach bleiben mussten, hätten uns Deutsche ersucht, unterdessen für sie zu schlafen und zu träumen, und unsere deutsche Philosophie sei nichts anderes als der Traum der französischen Revolution."

Nach der Reformation kam in Deutschland, merkt Heine an, die philosophische Revolution und nach deren Vollendung die politische. "Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen." Wäre der Verlauf umgekehrt vor sich gegangen, erst die politische und dann die philosophische Revolution, hätte die Philosophie nimmermehr diese Köpfe gebrauchen können."

Heines Abhandlung "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" ist kurzweilig, mitunter geradezu amüsant zu lesen und konfrontiert die Leser mit neuen, wenn auch eigenwilligen, subjektiven Sichtweisen, die den einzelnen dargestellten Persönlichkeiten natürlich nicht immer gerecht werden.

Karl Gutzkow veröffentlichte am 11.März 1835 eine Rezension zu Heines Buch und begann diese mit folgenden Worten:

"Schon seit langer Zeit vernahm man, dass sich Heinrich Heine, unsere nach Paris verflogene Nachtigall, damit beschäftige, deutsche Mehlwürmer aus dem Gebiete der Theologie und Weltweisheit zu verspeisen. Wie er es tut, sieht man an diesem Buche, welches für Deutschland viel Erinnerung, für Frankreich viel Belehrung enthält..."

"Ich glaube", so Robert Gernhardt, "Heine wollte sich immer zwischen alle Stühle setzen. Das war bei ihm habituell. Wenn er seine Leser in einem Gedicht mit einem rührenden Effekt gepackt hatte, dann stach ihn der Hafer und er ließ den gefühlvollen Zeilen gleich die witzige Farce folgen. ...für dieses Ziel nicht gestellt werden zu können, sind Ausflüge ins Komische natürlich nützlich. Die bringen alle Festlegungen oder Zuordnungen sehr effektiv durcheinander."

"Und wenn das Herz im Leib ist zerrissen,/ Zerrissen und zerschnitten, und zerstochen,/ Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen", schreibt Heine. Gernhardt bemerkt dazu: "Das ist vermutlich die letzte Möglichkeit, die dem Menschen gegeben ist, aus all seinem Unglück noch einen irgendwie gearteten Lustgewinn zu ziehen. Heine hat das vorgelebt. Er hat auf dem Krankenbett verzweifelte Briefe geschrieben und daneben ein Gedicht wie "Vermächtnis", in dem er seine Krankheiten testamentarisch an seine Feinde verteilt. "Diese würd'gen, tugendfesten/ Widersacher sollen erben/ All mein Siechtum und Verderben,/Meine sämtlichen Gebresten."

Iris Radisch wiederum streicht in einem "Zeit"-Artikel (16.2.2006) Heines Hang zur Desillillusion heraus und zitiert sein im Stil der Romantik gedichtetes Lied:"Die blauen Frühlingsaugen/Schaun aus dem Gras hervor/Das sind die lieben Veilchen/Die ich zum Strauß erkor" und "Du bist wie eine Blume,/So hold und schön und rein:/ Ich schau dich an, und Wehmut/ Schleicht mir ins Herz hinein.// Mir ist, als ob ich die Hände/Aufs Haupt dir legen sollt,/Betend, dass Gott dich erhalte/ So rein und schön und hold."

Das sei, so Iris Radisch, gesagt von einem, "der weiß, dass es das alles nicht gibt und man das so auch nicht mehr sagen kann und der doch diese ranzige Himmelsspeise noch ein bisschen nachschmeckt und wehmütig blättert in den alten Büchern, in denen von solch hygienischen Männerfantasien sehr viel die Rede war."

In Heines letzten Lebensjahren entstanden, wie schon angemerkt, politisch-zeitkritische, biblisch-symbolische und persönlich-biografische Gedichte und Texte, die das Thema Tod umkreisen und in denen sowohl die Welt von Diana, Apollo, Dionysos und des Faust als auch die Welt von Jehova, Moses, Lazarus, Hiob und Jesus beschworen wird.

Heine und das Judentum

Als Harry Heine, der sich später Heinrich Heine nannte, in seiner Kindheit seinen Vater nach seiner Herkunft befragte, erhielt er zur Antwort: "Dein Großvater war ein kleiner Jude und hatte einen großen Bart." Als Harry diese Mitteilung am Tag darauf an seine Mitschüler weitergab, brach ein großer Tumult aus, ein wahres "Höllenspektakel", wie der Dichter die Reaktion in seinen Erinnerungen später beschrieb, das ihm zu guter Letzt selbst noch vom Lehrer angekreidet wurde. Dieses Höllenspektakel hat Heine sein Leben lang begleitet, von Eduard Mörikes Verdammung "der Lüge seines ganzen Wesens" und Karl Kraus' Verdikt "So war er ein Talent, weil kein Charakter" bis hinein in unsere Zeit. Dabei galten die Prügel, die er auch später bezog, nachdem er zu Ruhm gekommen war, oft nicht so sehr dem Dichter, sondern dem Juden Heine. "Meine Ahnen gehörten.. nicht zu den Jagenden, viel eher zu den Gejagten", behauptete er nicht von ungefähr.

Spricht man von Heinrich Heine, so kann und darf man nicht davon absehen, dass er Jude war, wenn auch kein Ghetto-Jude wie Ludwig Börne. Er wurde nicht streng orthodox erzogen. Seine Familie hatte Kontakt zu christlichen Nachbarn, seine Brüder besuchten christliche Schulen, er selbst wurde ebenfalls in einer katholisch geprägten Privatschule unterrichtet - trotzdem bekam er schon als Kind zu spüren, was Jude-Sein heißt. (Man lese nur seine Kindheitserinnerungen in seinen "Memoiren") Auch darf man nicht vergessen, dass die Emanzipation der deutschen Juden erst zu Heines Lebzeiten begonnen hatte und zunächst nur zögernd und schleppend in Gang kam. Obgleich Heine zur ersten dem Getto entronnen Generation gehörte, ließ man ihn spüren, dass er ein Neuankömmling, ein Parvenü war.

Seine frühen Liebesgedichte besingen nicht nur das Unglück, unerwidert zu lieben, sondern auch die gesellschaftliche Ausgrenzung - da steht er unten im Dunkel, während die anderen tanzen. Er muss sich, nicht nur vom Dichter August von Platen, als Jude diffamieren lassen.

Sein Aufenthalt in Berlin während seines Studiums, insbesondere seine Beziehungen zum dortigen "Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden" halfen ihm zu ermessen, welche Stellung dem Judentum innerhalb der europäischen Kultur zukam.

(Der Verein war nach den "Hepp-Hepp-Verfolgungen von 1819 von einigen jüdischen Intellektuellen, insbesondere von Schülern Hegels, gestiftet worden, um durch Erforschung der jüdischen Geschichte und Kultur im Geiste der Aufklärung die Integration in die christlich-bürgerliche Gesellschaft zu befördern.)

Heine wollte alle seine Kräfte, glaubt Walter Grab in "Heinrich Heine als politischer Dichter" diesem Ziel widmen und teilte seinem Freund Moses Moser im August 1823 mit: "Dass ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthusiastisch tätig sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, dass es in deutschen Bierstuben und Palästen widerhallt."

Auch den Antisemitismus, insbesondere den kirchlichen durch Adolf Stoecker, lernte er auf dem Berliner Pflaster besser verstehen, so dass er in seinen Werken seinen Lesern ein vollständiges Inventar der verschiedenen Spielarten der Judenfeindschaft in seiner eigenen Zeit und in früheren Zeiten vorlegen konnte.

Schon in seiner Studentenzeit war er wiederholt mit Antisemitismus konfrontiert worden. In Göttingen wurde er aus der Burschenschaft "Allgemeinheit" ausgeschlossen, weil er angeblich ein unkeusches Leben geführt hatte. Der wirkliche Grund war aber seine jüdische Herkunft. Er hat einfach nicht in die "christlich-deutsche" Burschenschaft gepasst.

In Paris schien der "nie abzuwaschende Jude" vergessen. In dieser Zeit wollte er mit dem Judentum nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Nicht einmal seiner Frau erzählte Heine, dass er Jude ist.

Er selbst wiederum fühlte in seinem Selbstverständnis die jüdische Komponente manchmal stärker, manchmal schwächer, aber sie war immer vorhanden. Durch Geburt, Beschneidung, frühe Eindrücke, anhaltende Familienbeziehungen, Bekannte und Freundeskreis und vor allem auch durch die nie aufhörenden antijüdischen Anfeindungen seiner Werke und seiner Person wurde Heine selbst nach seiner Taufe immer wieder an seine unauflösliche Schicksalsgemeinschaft mit den Juden gemahnt.

Vieles aus Heines Büchern erschließt sich erst durch den Bezug zum Judentum. Doch im Grunde war Heines Verhältnis zum Judentum ambivalent. Einerseits beschäftigte ihn sein Judesein ein Leben lang. Er suchte, sich Einsicht in Wesen, Religion und Kultur der Juden zu verschaffen. Andererseits kritisierte er diese auch freimütig und scharf, vor allem halbherzige Reformjuden, die keine wirkliche Emanzipation zu fordern wagten. Bei einigen Gelegenheiten übermannte ihn sogar jüdischer Selbsthass.

In seinen Briefen (geschrieben etwa 1822/23) aus dem damals preußischen Polen hat er auch über die Situation der dortigen Juden, die zu jener Zeit nur den 15.Teil der Gesamtbevölkerung ausmachten, berichtet. Die Juden in Polen, so Heine, seien durch Zahl und Stellung von größerer staatswirtschaftlicher Wichtigkeit als bei uns in Deutschland, und dazu gehören mehr als "die großartige Leihhaus-Anschauung gefühlvoller Romanschreiber des Nordens, oder der naturphilosophische Tiefsinn geistreicher Ladendiener des Südens."

Gleichwohl erregte der Aufsatz "Über Polen" sogleich nach seinem Erscheinen in Polen beträchtliches Aufsehen und Ärgernis, weil man sich durch Heines ungewohnt freie Darstellung der polnischen Zustände verletzt fühlte.

Jüdische Themen durchziehen sein Werk. Man denke nur an seinen "Rabbi von Bacharach". Als Heine etwa ein Drittel dieser Erzählung geschrieben hatte, berichtete er Moses Moser am 25.Juni 1824: "Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel historia judaica. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere; eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiss in der Folge sehr zu statten kommen."

Auch in dem um 1826 entstandenen Text "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelwopski" äußert er sich über Juden. Ihre "Väter gehörten zu dem auserwählten Volkes Gottes, einem Volk, das Gott einst mit seiner besonderen Liebe protegiert, und das daher bis auf diese Stunde eine gewisse Anhänglichkeit für den lieben Gott bewahrt hat. Die Juden sind immer die gehorsamsten Deisten, namentlich diejenigen, welche wie der kleine Simson in der freien Stadt Frankfurt geboren sind. Diese können, bei politischen Fragen, so republikanisch als möglich denken, ja sich sogar sansculottisch im Kote wälzen; kommen aber religiöse Begriffe ins Spiel, dann bleiben sie untertänige Kammerknechte ihres Jehovah, des alten Fetischs, der doch von ihrer ganzen Sippschaft nichts mehr wissen will und sich zu einem Gott-reinen-Geist umtaufen lassen.

Ich glaube, dieser Gott-reiner-Geist, dieser Parvenü des Himmels, der jetzt so moralisch, so kosmopolitisch und universell gebildet ist, hegt ein geheimes Misswollen gegen die armen Juden, die ihn ohne noch in seiner ersten rohen Gestalt gekannt haben und ihn täglich in ihren Synagogen, an seine ehemaligen obskuren Nationalverhältnisse erinnern. Vielleicht will es der alte Herr gar nicht mehr wissen, dass er palästinensischen Ursprungs und einst der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gewesen und damals Jehovah geheißen hat." Bd.1 S.538)

Weiter heißt es: "Das rechte Träumen beginnt erst bei den Juden, dem Volke des Geistes und erreichte seine höchste Blüte bei den Christen, dem Geistervolk." (S.545)

Über die Physiognomie der Juden sagte er in "Reisebilder. Die Bäder von Lucca", deren Nase könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie von Gott schon zwei Jahrtausende an der Nase herumgeführt worden seien. "Sind vielleicht ihre Nasen eben durch dieses lange an der Nase Herumgeführtwerden so lang geworden? Oder sind diese langen Nasen eine Art Uniform, woran der Gottkönig Jehova seine alten Leibgardisten erkennt, selbst wenn sie desertiert sind?"

Die Juden, heißt es wiederholt bei Heine, "wussten sehr gut, was sie taten, als sie bei dem Brande des zweiten Tempels die goldenen und silbernen Opfergeschirre, die Leuchter und Lampen im Stich ließen und nur die Bibel retteten" und ins Exil mitnahmen. Die Schrift, die heilige, wurde ihr portatives Vaterland. Das ganze Mittelalter hindurch hielten sie diesen Schatz sorgsam verborgen in ihrem Ghetto, wo die deutschen Gelehrten, Vorgänger und Beginner der Reformation, hinschlichen, um Hebräisch zu lernen, um dem Schlüssel zu der Truhe zu gewinnen, welche den Schatz barg. Ein solcher Gelehrter war der fürtreffliche Reuchlin." Dessen Feinde sahen das Unheil, das die Bekanntschaft mit der heiligen Schrift für die Kirche herbeiführen würde, wohl voraus, "daher ihr Verfolgungseifer gegen alle hebräischen Schriften, die sie ohne Ausnahme zu verbrennen rieten, während sie die Dolmetscher dieser heiligen Schriften, die Juden, durch den verhetzten Pöbel auszurotten suchten." Heine spricht weiter davon, dass "die Juden, gesetzlich dazu verdammt (sind), reich, gehasst und ermordet zu werden. Solche Ermordungen freilich trugen in jenen Zeiten noch einen religiösen Deckmantel." - "Ja, den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch dessen Wort, die Bibel, sie haben sie gerettet aus dem Bankrott des römischen Reiches."

Von Heine stammt das Bonmot:"Die Juden, wenn sie gut sind, sind sie besser als die Christen, wenn sie schlecht sind, sind sie schlimmer."

Ob Albert Einstein diese Aussage von Heine gekannt hat? Zumindest hat er sich ähnlich geäußert, denn er sagte: "Schau ich mir die Juden an, hab' ich wenig Freude dran, fallen mir die anderen ein, bin ich froh, ein Jud zu sein."

Heine konstatierte Parallelen zwischen Juden und Deutschen: als Gegenstück zum jüdischen Selbsthass gibt es den deutschen Selbsthass, jenes "Leiden an Deutschland".

"Es ist in der Tat auffallend" - meint Heine -, "welche innige Wahlverandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen, herrscht. Beide Völker sind sich ursprünglich so ähnlich, dass man das ehemalige Palästina für ein orientalisches Deutschland ansehen könnte, wie man das heutige Deutschland für die Heimkehr des heiligen Wortes, für den Mutterboden des Prophetentums, für die Burg der reinen Geistheit halten sollte."

Rezensenten und Kritiker wiederum nahmen nicht nur Heines Werk unter die Lupe, sondern wiesen, je bekannter er wurde, auch auf seine jüdische Herkunft hin, vielfach in diffamierender Weise. Eduard Meyer, ein Hamburger Gymnasiallehrer, war beispielsweise einer von vielen, die ihn wüst beschimpften. Auch nach seinem Tod wurde die Rezeption seines Werkes oft durch antisemitische Vorurteile beeinträchtigt und erst recht nach Hitlers Machtantritt. Gleich 1933 wurden seine Gedichte und Texte aus den Schulbüchern verbannt.

Der späte Heine, der schmerzgepeinigte Patient in der Matratzengruft, habe das Auseinanderfallen von Assimilation und Emanzipation tief nachempfunden, sagte die jüdische Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger in ihrem Vortrag, den sie am 16.März 1982 bei der Württembergischen Bibliotheksgesellschaft in Stuttgart gehalten hatte, und sie erläuterte: "Nicht die jüdische Religion ist der Grund dafür, dass das jahrtausendlange Weh, der westlich-östliche Spleen gewichen ist, sondern eine neue Auffassung des Judentums und der Juden. Diese neue Auffassung hatte ihm die Bibel, das Alte Testament, die fünf Bücher Moses offenbart, in erster Linie die Gestalt und das Werk Mosis selbst. In ihm, den er früher als Vertreter des asketischen Nazarenertum nicht sonderlich geliebt hatte, erkannte er den großen Künstler, den Bildhauer, der zwar nicht wie die Ägypter Kunstwerke aus Backstein und Granit, aber Menschenobelisken und Menschenpyramiden gemeißelt hat, aus einem armen Hirtenstamm ein Volk, Israel, das ebenfalls, wie die ägyptischen Pyramiden, den Jahrtausenden trotzen sollte.- Diese Mosesauffassung Heines ... ist genau 90 Jahre später, 1944 zu einem Mosesbuch ausgestaltet worden, das in der Mosesliteratur einzig dastehen sollte, von Thomas Mann in seiner Erzählung "Das Gesetz."...

Der moderne Leser kann den Texten Heines heute unvoreingenommen begegnen; der zeitliche Abstand zu den Epochen ist groß, in denen das Publikum den bösartigen Geschmacksprägungen durch eine antisemitische Kritik und Philosophie ausgesetzt gewesen ist. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, so Klaus Briegleb, dass Heines Schriften unverstellt von den Klischees seien, die seit über hundert Jahren die Urteilskraft der Heine-Freunde und Heine-Gegner trüben.

Heines Wirkung

Laut Liedtke verkörperte Heine den modernen Typus des engagierten Dichters, der bloße Gesinnungsliteratur ohne ästhetischen Anspruch entschieden ablehnt ebenso wie jede elitäre, auf sich selbst bezogene Kunst, "die auf einem sozialen Isolierschemel steht".

Heine verfasste scharfe sozialkritische Gedichte - man denke nur an "Die schlesischen Weber" oder an "Deutschland, ein Wintermärchen" - und die bedeutendste Liebeslyrik seiner Zeit. Die einen bevorzugten den poetischen Autor und beargwöhnten den politischen, der angeblich "die Poesie in die Niederungen der Politik" hinabzieht. Andere warfen dem politischen Autor vor, er jage, "auf dem Schlachtfeld nach Schmetterlingen".

Heine hat auf den Feuilletonismus in Deutschland bis heute stark gewirkt. "Ohne Heine kein Alfred Kerr und kein Maximilian Harden", schreibt Wilhelm Kahle in seiner "Geschichte der deutschen Dichtung". Nicht von ungefähr sah Nietzsche, der von Heine sachlich und stilistisch viel gelernt hat, in ihm "das letzte Weltereignis der Deutschen." "Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben", bekannte Nietzsche. "Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag. Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind."

Heine war der geborene Provokateur und ein ewiger Ruhestörer, ein Virtuose der Polemik, von Takt wollte er nichts wissen. Hinzu kommt seine rühmliche Vorliebe für aphoristische Prägnanz, für witzige und exakte, bewusst überspitzte und deshalb besonders eindringliche Formulierungen. Sie machen seine Verse und seine Prosa auf außergewöhnliche Weise zitierbar.

Will man ihm gerecht werden, meint Marcel Reich-Ranicki, "so muss man sein zwielichtiges und ungleiches Werk unbedingt als ein Ganzes sehen. Es besteht aus vielen, meist kleinen Teilen und erweist sich letztlich doch als eine Einheit."

Auch Klaus Briegleb wertet Heines "besondere Leistungsart" als "eine literarische Einheit von Leben und Texten." Heines Arbeiten, befindet Reich-Ranicki, sind Bruchstücke einer einzigen Provokation. Geistreich, böse und komisch sei sein Werk, eine "Synthese aus Witz und Weisheit, Charme und Scharfsinn, Gefühl und Grazie". Heine sei der erste große Poet, der den Humor zur "selbstverständlichen Komponente" seiner Poesie und Prosa gemacht habe.

Nach Goethes Tod war er der erste deutsche Dichter, "der - bereits zu Lebzeiten - weltliterarischen Rang erlangte und dessen Ruhm sich doch erst in der ganzen Welt verbreitete, bis er schließlich auch wieder seine 'deutsche Heimat, Land der Rätsel und der Schmerzen', erreichte", lautet Christian Liedtkes Resumee.

"Brillanter Intellekt, weltoffener Geist und weites Herz" sei Heine zu eigen gewesen, schreiben die Herausgeber des Büchleins "..aus der Apotheke des Poeten" in ihrem Vorwort und rühmen seine "Toleranz gegenüber anderen Menschen und Meinungen" sowie sein "Engagement für den Kulturraum Europa".

Zu Heines Nachahmern und Schülern zählt Reich-Ranicki so unterschiedliche Autoren wie Wilhelm Busch, Detlev von Liliencron und Arno Holz, Frank Wedekind und Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Klabund und Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf und Wolf Biermann.

Marcel Reich-Ranicki attestiert Heine "Volkstümlichkeit". Heines Sprunghaftigkeit, Aggression und Kritikfreudigkeit speise sich jedoch nicht zuletzt aus seiner Heimatlosigkeit. Er wollte Deutscher sein und wurde hier doch nie aufgenommen, so dass er ins Exil nach Paris ging. Bezeichnend ist für Reich-Ranicki auch die Tatsache, dass viele von Heines Liedern und Gedichten eine hohe Popularität genossen und noch genießen, ohne dass der Autor überhaupt wahrgenommen wurde.

Ihm gelang, so der Literaturkritiker, die radikale Entpathisierung der deutschen Dichtung. Er befreite sie vom Erhabenen und Würdevollen, vom Hymnischen und Feierlichen und auch vom Dunklen. Und er gab ihr, was sie dem deutschen Leser meist vorenthalten hat: Leichtigkeit und Anmut, Charme und Eleganz, Witz und Esprit, Rationalität und Urbanität und gelegentlich auch Frivolität.

Indem Heine die Sprache der deutschen Literatur entrümpelte und modernisierte, schuf er die wichtigsten Voraussetzungen für ihre Demokratisierung. Er war ein genialer Poet und dennoch ein professioneller Zeitungsschreiber.

Auch die deutsche Lyrik des 20.Jahrhunderts - von Brecht und Benn bis zu Grass und Enzensberger - ist ohne Heines Einfluss schwer vorstellbar.

Alles in allem war Heine der typische linke Schriftsteller, obwohl er den Linksradikalismus verabscheut und gründlich verachtet hat.

Wie Heine sein ganzes Leben lang für soziale Reformen kämpfte, so wurde er auch nicht müde, die Sinnenfreude gegen die Heuchelei und die Moral der Geschichte zu verteidigen und die Befreiung des Eros von einem widernatürlichen Zwang zu fordern.

Ein Genie der Hassliebe war er - und niemand als er hasste und liebte so sehr die Deutschen und die Juden. Es bereitete Heine einen geradezu wollüstigen Genuss, allen die Wahrheit zu sagen, den Juden und den Antisemiten, den Deutschen und den Deutschfeinden, den Adligen und den Bürgern und anderen mehr.

Ein Deutscher wollte er sein. Aber man erlaubte es ihm nicht. Doch das Deutsche - die Sprache, die Literatur, die Philosophie, die Geschichte - erwies sich, wie Heine wiederholt betonte, als sein Lebenselement.

So wurde er ein europäischer Schriftsteller, der einzige wohl, den Deutschland zwischen Goethe und Thomas Mann hatte. Er hat an beidem gelitten, an seinem Judentum und an seinem Deutschtum. Am häufigsten suchte er Schutz bei der Ironie. Aber wie Kleist und Hölderlin und wie Kafka gehört er zu den einsamen und zerrissenen, zu den tragischen Figuren der deutschen Literatur.

Es spricht nicht gegen ihn, dass sein Werk uns immer wieder beunruhigt und provoziert. Kein Dichter hat schon zu seinen Lebzeiten so heftige Reaktionen ausgelöst wie Heine. Keiner wurde hartnäckiger beschimpft.

Heine war der einfallsreichste Polemiker deutscher Sprache, unerschöpflich in seinem Reservoir an Spitzen, an Erfindungen, Wortschöpfungen, Namensversverdrehungen, Beleidigungen aller Art.

Tragisch für ihn, wenn auch nicht unerklärlich, war, dass die große Mehrzahl der Juden ihn ebenso ablehnte wie viele Christen. Erst jüngst bemühten sich auf einem Heinrich-Heine-Kongress in Jerusalem im Dezember 2001 jüdische Schriftsteller und Wissenschaftler zusammen mit nichtjüdischen Kollegen, ihren Frieden mit dem zum Christentum konvertierten deutsch-jüdischen Dichter zu schließen. (Tragisch war freilich auch, dass ausgerechnet während dieses Kongresses, Stefan Heym, der an der Tagung teilgenommen hatte, starb.) Zwar wird Heines mittlerweile als Literat weitestgehend akzeptiert und gewürdigt, es gibt aber immer wieder Versuche, ihn in die Ecke der poetischen Belanglosigkeit oder des historisch überholten Querulanten zu verweisen.

Wer erinnert sich noch an die unsäglich peinliche Diskussion, ob die Düsseldorfer Universität den Namen Heines tragen sollte oder nicht? Es ist immer wieder erstaunlich, dass auch im Nachkriegsdeutschland solche Diskussionen überhaupt geführt werden konnten.

Zu hoffen ist, dass "die Wunde Heine", mit der Theodor W.Adorno einst eine der Bruchstellen in der deutschen Identität und deutschen Literaturgeschichte bezeichnet hat, bald für immer verheilt und vernarbt, dass sie dann endgültig der Vergangenheit angehört und der Dichter überall unvoreingenommen gelesen und rezipiert wird.

Bibliographie:

Der Bericht erschien in gekürzter Fassung in "Tribüne". Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 45.Jahrgang, Heft 177 1.Quartal 2006.


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