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Heinrich Heines "Religionsgespräche" sind aktueller denn je

Heinrich Heine und die Religion

ein eigenwilliger Theologe

Heinrich Heine war nicht nur ein genialer Lyriker, Prosaist, Journalist und politischer Kommentator, er war auch ein eigenwilliger Theologe, der vor waghalsigen Ausdeutungen biblischer Aussagen nicht zurückschreckte. Pinchas Lapide nannte ihn einen frommen Ketzer. "Jüdisch beschnitten,, evangelisch getauft, katholisch getraut, sei er ein "unsteter Grenzgänger zwischen den Welten gewesen."

Zeitweise war er Atheist, gehörte aber, nach eigenem Bekunden, nicht zu den "Atheisten, die da verneinen, ich bejahe." (Vorrede zu "Die romantische Schule 2.4.1833) Dann wieder entpuppte er sich als zorniger Anti-Theist, der mit beißendem Spott und scharf geschliffenem Wort gegen jene Theologen zu Felde zog, die "Hundedemut" und "Engelsgeduld" predigten. Gleichwohl war er zeitlebens davon überzeugt, dass eine religiöse Begründung aller Lebens- und Kunstbereiche notwendig sei.

Die Ausbildung seiner religiösen und dann auch theologischen Interessen verdankte er nicht zuletzt seinem Philosophielehrer, dem Rektor des Düsseldorfer Lyzeums, Ägidius Jacob Schallmayer.

Das Nachdenken über die Natur Gottes hat ihn von Kindesbeinen an nicht losgelassen. Zunächst hatte seine Religiosität etwas unbeschwert Kindliches an sich. Eine natürliche Mystik war ihm zu eigen. Für ihn waren Gott und Welt eine Einheit. Auch entsprach, seiner Meinung nach, die Ordnung Gottes den menschlichen Bedürfnissen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

"Weder die Böswilligkeit meiner Feinde, noch die pfiffige Torheit meiner Freunde, soll mich davon abhalten über die wichtigste Frage der Menschheit über das Wesen Gottes, unumwunden und offen, mein Bekenntnis auszusprechen" heißt es im Vorbericht zur "Romantischen Schule" vom 2.4.1833, den der Dichter mit dem Satz "Anfang und Ende aller Dinge ist in Gott" beschließt.

In den ersten Pariser Jahren verstand sich der Dichter, wie er an Heinrich Laube am 23.11.1835 schrieb, "als geborener Antagonist des jüdisch-mohametanisch-kristlichen Deismus."

In jungen Jahren kommt er zu dem vorläufigen Ergebnis: "In dunklen Zeiten wurden die Völker durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser" ist. Er kenne dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es sei aber töricht, "sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen." Unsere Enkel würden sicher "ein Ammenmärchen zu vernehmen meinen, wenn man ihnen erzählt, was wir geglaubt und gelitten! Und sie werden uns sehr bemitleiden! Wenn sie einst, eine freudige Götterversammlung, in ihren Tempeln sitzen, um den Altar, den sie sich selbst geweiht haben, und sich von alten Menschheitsgeschichten unterhalten, die schönen Enkel, dann erzählt vielleicht einer der Greise, dass es ein Zeitalter gab, in welchem ein Toter als Gott angebetet und durch ein schauerliches Leichmahl gefeiert ward, wo man sich einbildete, das Brot, das man esse, sei sein Fleisch, und der Wein, den man trinke, sei sein Blut."

In dieser Zeit neigte Heine der Ansicht zu, dass Christentum und Religion an ihr Ende angekommen seien. Durch Fortschritt und Aufklärung seien sie überflüssig geworden.

Mit der ihm eigenen Mischung aus Ironie, Respekt und Betroffenheit schreibt er in seiner Abhandlung über "Religion und Geschichte in Deutschland: "Ein eigentümliches Grauen erlaubt uns heute nicht, weiterzuschreiben. Unsere Brust ist voll von entsetzlichem Mitleid es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet. Wir haben ihn so gut gekannt.. Kniet nieder man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte."

Heines Theologie, merkt Schlingensiepen (S.11) an, ist "weithin eine Antitheologie..der Text weist voraus auf Nietzsche, der ein eifriger Heineleser gewesen ist. Heine selber fußt hier auf Hegel. Er sagt von sich, er habe lediglich 'das Geheimnis der Schule' ausgeplaudert, dass Gott tot sei und der Mensch sein Leben selbst in die Hand nehmen müsse....Heine hat sich als 'Apostel' einer neuen Religion verstanden. Er hat polemische Texte von optimistischem Überschwang verfasst."

Heine als Religionskritiker

Heftig attackierte Heine die unheilige Allianz von Thron und Altar, "jene Missgeburt, die man Staatsreligion nennt" und beklagte, dass wir "während wir über den Himmel streiten .. auf Erden zu Grunde" gehen. Doch offensichtlich sei der Himmel für Menschen erfunden, denen die Erde nichts mehr bietet, merkt der Schriftsteller an und fügt sarkastisch hinzu: "Heil dieser Erfindung, Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen geistiges Opium goss, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben."

Heine sprach von drei großen Fragen, die es zu lösen gilt: Die "große Gottesfrage", die "große Suppenfrage" und die "große Kamel-Frage".

Suppenfrage ist die Frage nach dem materiellen Überleben, während die Kamelfrage die Verwirklichung oder Nichtverwirklichung von sozialer Gerechtigkeit meint. Die Erläuterung der "Suppenfrage" zeigt, dass Heine, der eine Zeitlang der religiösen Sozialutopie des Saint Simonismus anhing, hinter jeder politischen Veränderung ursächliche materielle Auslöser sah. An die Verheißung weltumspannender Brüderlichkeit nach einer gelösten "Suppenfrage" hat er allerdings nicht so recht glauben wollen.

Heine kritisierte ferner alles, was nach veräußerlichter Religiosität roch und lehnte einen Glauben, der nur merkantilen Zwecken dient, entschieden ab. In seinem Gedicht "Das Sklavenschiff" lässt er den Sklavenhändler Mynheer van Koeck beten:

"Um Christi willen verschone o Herr,

Das Leben der schwarzen Sünder!

Erzürnten sie dich, so weißt du ja,

Sie sind so dumm wie die Rinder.

Verschone ihr Leben um Christi willn,

Der für uns alle gestorben!

Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück

So ist mein Geschäft verdorben."

Eine Religion, die sich in so durchsichtiger Weise plumpen Geschäftsinteressen beugt, entspricht weder Heines Auffassung von Religion noch dem Evangelium Jesu Christi. Gegen ein ökonomisch-verbrämtes Religionsgebaren wird der Dichter in Paris zum Künder sozial-religiöser Utopien. (Ulrich Engel)

Das Christentum habe dem Menschen, heißt es weiter in Heines Katalog der Vorwürfe, ein Sündenbewusstsein verschafft, das er vorher nicht hatte. "Die Religion gewährte keine Freude mehr, sondern Trost, es war eine trübselige, blutrünstige Delinquentenreligion", stellt Heine kategorisch fest und beschreibt den Beginn des Christentums mit folgenden Worten: "Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, bluttriefender Jude, mit einer Dornenkrone auf dem Haupte, und mit einem großen Holzkreuz auf der Schulter, und er warf das Kreuz auf den hohen Göttertisch, dass die goldenen Pokale zitterten, und die Götter verstummten, und immer bleicher wurden, bis sie endlich ganz in Nebel zerrannen. Nun gabs eine traurige Zeit, und die Welt wurde grau und dunkel."

Sinnenfreude und alles Schöne seien von da an verpönt gewesen. "Du darfst den zärtlichen Neigungen des Herzens Gehör geben und ein schönes Mädchen umarmen, aber du musst eingestehn, dass es eine schändliche Sünde war, und für diese Sünde musst Du Abbuße tun." Im Christentum werde die Welt des Geistes, behauptet Heine weiter, durch Christus und die Welt der Materie durch Satan repräsentiert. Daher gilt es, "allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen." So sei durch die gewaltsame Trennung von Geist und Materie "die große Weltzerrissenheit, das Übel," entstanden.

Den Pfaffen aber, insbesondere den deutschen, warf er "Scheinheiligkeit, Heuchelei und gleißendes Frömmeln vor: "Ein katholischer Pfaffe wandelt einher, als wenn ihm der Himmel gehöre! ein protestantischer Pfaffe hingegen geht herum, als wenn er den Himmel gepachtet habe."Er sprach auch von "Zeloten des Katholizismus", vom "Pfaffengeschmeiß", vom "Pompadurchristentum" und nannte die Pfaffen insgesamt "das diplomatische Corps Gottes". "Es sind die Theologen, die dem lieben Gott ein Ende machen", lautet ein weiterer Gedankensplitter von Heine.

Heines Urteil über das Christentum ist unerbittlich: "In der Theorie ist die heutige Religion eben so aufs Haupt geschlagen, sie ist in der Idee getötet, und lebt nur noch ein mechanisches Leben, wie eine Fliege, der man den Kopf abgeschnitten, und die es gar nicht zu merken scheint, und noch immer wohlgemut umherfliegt." (Briefe über Deutschland. Ein Bruchstück Bd.V, S.196)

Er weiß aber auch: Die Kirche "Wird uns alle überleben" (Aufzeichnungen Bd.VI/I S.638), sie bleibt ein Koloss und "das langsame Abtragen seiner Quadern" wird noch "viele Jahrhunderte dauern." (Geständnisse Bd.VI/I,S.492)

Heines Zukunftsträume

"Die bisherige spiritualistische Religion war heilsam und nothwendig, solange der größte Teil der Menschen im Elend lebte und sich mit der himmlischen Seligkeit vertrösten musste. Seit aber, durch die Fortschritte der Industrie und der konomie, es möglich geworden ist, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. - Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. -" (An Heinrich Laube am 10.7.1833.)

Mittlerweile, so hofft der Dichter zuversichtlich, sei "die Menschheit ( ) aller Hostien überdrüssig, und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach echtem Brot und schönem Fleisch." Heine fordert - von BSE noch gänzlich unberührt - (Ulrich Engel) "Rindfleisch statt Kartoffeln", mehr Tanz und weniger Arbeit.

"O lass nicht ohne Lebensgenuss

Dein Leben verfließen"

, mahnt er.

"Fliegt dir das Glück vorbei einmal,

So fass es am Zipfel."

Nicht wenige Heine-Biografen haben ihm die Abschaffung der Sünde zugeschrieben.

Heine ging es um Erkenntnis, Freiheit und Glück, einschließlich der Sinnenfreude in all ihren Variationen. Nachdrücklich plädiert Heinrich Heine für eine Religion der Freude. "Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele hergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können."

Auf dem Weg nach Genua stellt der Reisende auf dem Schlachtfeld von Marengo folgende Überlegungen an, "emporblühen wird ein neues Geschlecht, das erzeugt worden in freier Wahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Kontrolle geistlicher Zöllner, mit der freien Geburt werden auch in den Menschen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben."

Noch 1844 dichtet er:

"Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch

Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen."

Joseph A.Kruse bemerkt dazu:"Die Berufung auf das Hier und Jetzt im neuen Lied, die Vernachlässigung des Himmels als Ort falscher irdischer Versprechungen ist religionskritisch, aber keineswegs irreligiös. Heine geht es immer wieder um den ursprünglichen Sinn froher Botschaften. Das Leben darf nicht pervertiert werden zugunsten eines postulierten besseren Nachher. Das wäre Ausbeutung aufgrund Vorspiegelung ungesicherter Tatsachen, damit auch eine Verderbnis des Glaubens."

Und in einem anderen Gedicht hofft Heine:

"Das alte Geschlecht der Heuchelei

Verschwindet Gott sei Dank heut,

Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt

An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht

Ganz ohne Schminke und Sünden,

Mit freien Gedanken, mit freier Lust-

Dem werde ich alles verkünden."

Für das Zeitalter des Vaters steht für Heine das Alte Testament und das Zeitalter des Sohnes für das bisherige Christentum, Nun aber sieht er das Zeitalter des Heiligen Geistes kommen. Er deutet darauf in der um 1825 entstandenen Harzreise hin.

"Jetzo, da ich ausgewachsen,

Viel gelesen, viel gereist,

Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen

Glaub ich an den Heil'gen Geist.

Dieser tat die größten Wunder,

Und viel größre tut er noch;

Er zerbrach die Zwingherrnburgen,

Und zerbrach des Knechtes Joch.

Alte Todeswunden heilt er,

Und erneut das alte Recht:

Alle Menschen, gleichgeboren,

Sind ein adliges Geschlecht."

Das Zeitalter des Heiligen Geistes, in dem Freiheit und Gleichheit für alle kommen wird, wird ein demokratisches Zeitalter sein, in dem auch die Religiosität und das Gottesbild demokratischen Ansprüchen genügen. Doch ist die Individualität die Voraussetzung für das demokratische Religions- und Kulturverständnis Heines.

Wie Heine sich die Zukunft vorstellt, geht auch aus dem Vorwort zu "Deutschland. Ein Wintermärchen" hervor.

"..wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen", dann werde uns die ganze Welt zufallen.

Kein Wunder. dass Heine den niederländischen Maler Jan Steen in "Schnabelwopski" preist: "..keine Nachtigall wird je so heiter und jubelnd singen, wie Jan Steen gemalt hat. Keiner hat so tief wie er begriffen, das auf dieser Erde ewig Kirmes sein sollte; er begriff, dass unser Leben nur ein farbiger Kuss Gottes sei, und er wusste, dass der Heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen."

Heine sprach nicht nur in Prosa, sondern auch in Versen von der neuen Kirche, die erst noch errichtet werde:

"Auf diesem Felsen bauen wir

Die Kirche von dem dritten

Dem dritten neuen Testament

Das Leiden ist ausgelitten.

Vernichtet sei das Zweierlei,

Das uns so lang betöret;

Die dumme Leiberquälerei

Hat endlich aufgehöret.

Hörest du den Gott im finstern Meer?

Mit tausend Stimmen spricht er.

Und siehst du über unserm Haupt

Die tausend Gotteslichter?

Der heilge Gott der ist im Licht

Wie in den Finsternissen;

Und Gott ist alles was da ist;

Er ist in unsern Küssen."

(Seraphine)

In seinen "Englischen Fragmenten", geschrieben 1828, verheißt er: "Die Freiheit ist eine neue Religion; die Religion unserer Zeit. Wenn Christus auch nicht der Gott dieser Religion ist, so ist er doch ein hoher Priester derselben, und sein Name strahlt beseligend in die Herzen der Jünger. Die Franzosen aber sind das auserlesene Volk der neuen Religion, in ihrer Sprache sind die ersten Evangelien und Dogmen verzeichnet. Paris ist das neue Jerusalem, und der Rhein ist der Jordan, der das geweihte Land der Freiheit trennt von dem Land der Philister."

Als Heine 1831 nach Paris geht, tut er das, um, wie er an Varnhagen van Ense schreibt, "ganz den heiligen Gefühlen meiner neuen Religion mich hinzugeben und vielleicht als Priester derselben die letzten Weihen zu empfangen" und zwar im Sinne der "Doktrin" Saint-Simons, durch die die Ausbeutung der Massen mit technokratischen Mitteln überwunden werden sollte. Einer seiner Freunde meint sogar, er sei "der erste Kirchenvater der Deutschen." Tatsächlich wähnte Heine damals, wenn auch nur für kurze Zeit, sein Absolutes gefunden zu haben.

Der innerweltliche Zirkel seines Messianismus und seiner revolutionären Ansätze fanden, wie oben dargestellt, in dem Lied des "Wintermärchens" von 1844 ihren beredten Ausdruck.

Aber bald erkennt er, dass Gott nicht imstande ist, "das Weltübel zu heilen".

"Wieviel hat Gott schon getan, um das Weltübel zu heilen! Zu Mosis Zeit tat er Wunder über Wunder, später in der Gestalt Christi ließ er sich sogar geißeln und kreuzigen, endlich in der Gestalt Enfantins tat er das Ungeheuerste, um die Welt zu retten; er machte sich lächerlich aber vergebens. Am Ende erfasst ihn vielleicht der Wahnsinn der Verzweiflung, und er zerschellt sein Haupt an der Welt, und er und die Welt zertrümmern." (Bd.VI/1, S.621).

Heines Rückkehr zu Gott

Zu einer Revision seines Glaubens und einer ansatzweisen Zurücknahme seiner Religionsschelte zwang ihn dann die Erfahrung seiner tödlichen Krankheit, die ihn ausgerechnet im Revolutionsjahr 1848 Ende Mai aufs Krankenlager verbannte, in die "Matratzengruft" zu Paris. "In demselben Maße wie die Revolution Rückschritte macht, macht meine Krankheit die ernstlichsten Fortschritte", bekannte er in einem Brief an Julius Campe vom 28.Januar 1852..

Deutlich zu erkennen ist diese Wendung an der zweiten "im Wonnemond 1852" verfassten Vorrede "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland." Zunächst war die 1834 in Paris abgeschlossene Studie ganz aufs Diesseits gerichtet. In der zweiten Vorrede indes revidiert Heine seine Sicht der "Gottesfrage". Sie sei "eben so falsch wie unbesonnen" gewesen. Falsch sei gleichfalls seine Behauptung gewesen, dass die Vernunftkritik, die die "Beweistümer für das Dasein Gottes" vernichtet habe, auch "dem Dasein Gottes selber ein Ende gemacht habe."

"Die Hand Gottes", schreibt Heine an Leopold Wertheim am 15.März 1850, "liegt schwer auf mir; doch sein Wille heiliger Wille geschehe." (Briefe S.385)

Iris Radisch schreibt in der "Zeit" vom 16.2.2006: "Die Mägdelein mit ihren blanken Äugelein sind ihm nicht nur im Leben, sondern auch in den späten Gedichten ganz abhanden gekommen. Mit ihnen die gesamte 'schöne Nachtigallenwelt! /Wo man statt des wahren Gottes/Nur den falschen Gott der Liebe/ Und der Musen angebetet'." Geschrieben im Jahr 1851, "beinahe schon auf dem Totenbett, auf dem er schließlich doch noch dem Herrgott von dem er einmal so schmissig und schmelzend behauptet hat:"Er ist in allem, was da ist/er ist in unseren Küssen" begegnet sein will. Hat er wirklich zu Gott gefunden? Vielleicht. Vielleicht war aber auch das ein letztes Spiel, der Schritt vom Spiel zu Gott", vermutet Iris Radisch.

Heines radikale Diesseitigkeit werde, so Wolfgang Schneider in "Die Welt" vom 17.2.2006, in den Jahren der "Matratzengruft" auf eine harte Probe gestellt. Seine Klage gehe allerdings auch dann immer noch mit Selbstironie einher. "Ich kann meine eigenen Schmerzen nicht erzählen, ohne dass die Sache komisch wird."

So bewahrt sich Heine im größten Körperelend eine erstaunlich produktive Überlegenheit der "Romanzero" mit den grandiosen Lamentationen wird zum Triumph. Hat zuvor ein Autor so leichthändig über den eigenen nahen Tod gedichtet, der doch immer etwas ganz anderes ist als allgemeine Beobachtungen über die Vergänglichkeit? Der rhetorische Ton der Liebesgedichte macht es manchmal schwer, an das dargestellte Leid zu glauben; die Sterbensgedichte ergreifen wirklich. Und die Briefe des Erblindeten und Halbgelähmten nicht weniger."

"Ich sterbe", klagt Heine, "verflucht langsam, aber ich spüre doch den täglichen Grabesfortschritt."

"Auf diesem harten Weg (Schneider) werden auch die Angebote der Religion neu geprüft: 'Ich beginne zu merken, dass ein Quentchen Gott einem armen Mann nicht schaden kann, vor allem wenn er seit sieben Monaten auf dem Rücken liegen muss", meint Heine und erkennt am Ende seines Lebens, dass der Gottesglaube trotz der Kritik Kants, trotz der atheistischen Religionskritik seiner Zeit, von Feuerbach, Marx, der linken Hegel-Schule, weiter existiert, und das durchaus sinnvoll.

Seine neuen Ansichten, Heine spricht sogar von Erleuchtung, verdanke er einzig und allein der Lektüre eines Buches, nämlich der Bibel.

"Ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches: Eines Buches? Ja, und es ist ein altes schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt - und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buch wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes. Die Juden, welche sich auf Kostbarkeiten verstehen, wussten sehr gut, was sie taten, als sie bei dem Brande des zweiten Tempels die goldenen und silbernen Opfergeschirre ..im Stich ließen, und nur die Bibel retteten."

Heine, die Bibel und der Erlöser

Die Bibel Heine nennt sie auch "die große Hausapotheke der Menschheit" - ist für den Dichter das Buch der Juden und Christen, vor allem der Protestanten und im umfassenden Sinne Weltliteratur. Heine will außerhalb der Kirchlichkeit bleiben. Gott ist für ihn kein Glaubensdogma, es ist sein Gott, sein biblischer, sein jüdischer, sein protestantischer und auch sein katholischer Gott, verifiziert im religiösen Gefühl, das individuell und übergreifend auch ästhetischer Natur bleibt. Die romantische, Schleiermacher geprägte Religiosität, dominiert in offensichtlicher Weise in Heines Spätzeit.

In "Geständnissen" (1853/54) schreibt er, die Bibel sei das "schöne heilige Erziehungsbuch für kleine und große Kinder". -- "Merkwürdiger noch als der Inhalt ist für mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist. Wie ein Baum, wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne. Wie der Mensch selbst, das ist wirklich das Wort Gottes."

Die Beschäftigung mit der Bibel hatte der Dichter offensichtlich auch in seiner auf das Diesseits ausgerichteten Lebensphase nie ganz aufgegeben. In einem Brief aus Helgoland, abgefasst am 8.Juli 1830, wiedergegeben im Börne-Buch, heißt es: "..griff ich aus Verzweiflung zur Bibel" und gesteht, obwohl er sich als ein heimlicher Hellene fühle, habe ihn das Buch nicht bloß gut unterhalten, "sondern auch weidlich erbaut. Welch ein Buch! groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels.." Und einige Tage später, am 29.Juli, lässt er verlauten: "ich habe wieder im alten Testamente gelesen. Welch ein großes Buch! Merkwürdiger noch als der Inhalt ist für mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist."

Nach Ausbruch seiner Krankheit gesteht er: "Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne befriedigt worden zu sein, wie Mesaline nach einer lüderlichen Nacht jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt, worauf auch der Onkel Tom steht, auf dem der Bibel, und ich knie neben dem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht."

Diese hohe ästhetische Schätzung der lutherischen Bibelsprache schlägt sich in Heines eigenem Stil nieder und lässt ihn immer wieder in dem heiligen Buch lesen.

Heine hat die Bibel nicht nur hoch geschätzt, er hat sie auch an vielen Stellen benutzt, parodiert, umfunktioniert und ihr in seinen eigenen Texten einen neuen Sinn gegeben, der ihm wichtig und zeitgemäß schien. Aus seinen letzten Jahren wird überliefert, dass man die Bibel häufig auf seinem Tisch habe liegen gesehen.

Heine war sehr bibelfest wie Goethe, Schiller und viele seiner Zeitgenossen. An Julius Campe schreibt er beispielsweise am 27.Oktober 1851: Jeder Arbeiter sei seines Lohnes wert, und fügt hinzu: "Sie sehen, ich bin nicht umsonst bibelfest". Die Zahl von mindestens 400 Bibelzitaten spricht für sich, etwa je die Hälfte aus Altem und Neuem Testament.

Viele biblische Gestalten tauchen auch in seinen Gedichten auf. Eins dieser Gedichte trägt die Überschrift "Adam, der Erste" und ist wahrscheinlich 1844 entstanden. Im frech-saloppen und aufmüpfigen Ton rechnet Adam mit Gott ab wegen seiner und Evas Vertreibung aus dem Paradies.

"Du schicktest mit dem Flammenschwert

Den himmlischen Gendarmen,

Und jagtest mich aus dem Paradies,

Ganz ohne Recht und Erbarmen!

Ich ziehe fort mit meiner Frau

Nach andren Erdenländern;

Doch dass ich genossen des Wissens Frucht,

Das kannst du nicht mehr ändern.

Du kannst nicht ändern, dass ich weiß,

Wie sehr du klein und nichtig,

Und machst du dich auch noch so sehr

Durch Tod und Donner wichtig.

O Gott! Wie erbärmlich ist doch dies

Consilium-abeundi!

Das nenne ich einen Magnifikus

Der Welt, ein Lumen-Mundi!

Vermissen werde ich nimmermehr

Die paradiesischen Räume!

Das war kein wahres Paradies -

Es gab dort verbotene Bäume.

Ich will mein volles Freiheitsrecht!

Find ich die geringste Beschränktheit,

Verwandelt sich mir das Paradies

In Hölle und Gefängnis."

(Bd.4 S.412 f.)

Die Absolutheit der Bibel hat Heine stärker am Alten Testament erlebt als an den Büchern des Neuen Testaments. Sein Bemühen um eine spirituelle Verbindung mit Christus ist wohl durch die Enttäuschungen, die er durch das real-existierende Kirchenchristentum seiner Zeit erfahren hat, überschattet worden. So beheimatete er sich schließlich in der mosaischen Welt der biblischen Bücher stärker und inniger als in der christlichen Substanz des Evangeliums. Christus selbst jedoch vermochte er nicht tiefer zu verstehen denn als einen großen Lehrer der Menschheit.

Börne nannte Christus seinen "cousin", Heine seinen "armen Vetter".

"Der Erlöser, der seine Brüder vom Zeremonialgesetz und der Nationalität befreite, und den Kosmopolitismus stiftete, war ein Opfer seiner Humanität, und der Stadtmagistrat von Jerusalem ließ ihn kreuzigen und der Pöbel verspottete ihn", heißt es im 4.Band des Börnebuches.

Und in Caput XIII stehen folgende Verse:

"Und als der Morgennebel zerrann,

da sah ich am Wege ragen,

Im Frührotschein, das Bild des Manns,

Der an das Kreuz geschlagen.

Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal

Dein Anblick, mein armer Vetter,

Der du die Welt erlösen gewollt,

Du Narr, Du Menschheitsretter!

Sie haben dir übel mitgespielt,

Die Herren vom Hohen Rate.

Wer hieß dich auch reden so rücksichtslos

Von der Kirche und vom Staate!

Zu deinem Malheur war die Buchdruckerei

Noch nicht in jenen Tagen

Erfunden; du hättest geschrieben ein Buch

Über die Himmelsfragen.

Der Zensor hätte gestrichen darin

Was etwa anzüglich auf Erden,

und liebend bewahrte dich die Zensur

Vor dem Gekreuzigtwerden.

Ach! hättest du nur einen andern Text

Zu deiner Bergpredigt genommen,

Besaßest ja Geist und Talent genug,

Und konntest schonen die Frommen!

Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar

Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel-

Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst du am Kreuz

Als warnendes Exempel!"

Etwas kürzer heißt es im Börne-Buch : "Wenn jetzt ein Heiland aufsteht, braucht er sich nicht mehr kreuzigen zu lassen, um seine Lehre eindrücklich zu veröffentlichen... er lässt sie ruhig drucken, und annunziert das Büchlein in der "Allgemeinen Zeitung" mit sechs Kreuzern die Zeile Inserationsgebühr."

Heines Dichtung nach der religiösen Wendung

Die Revision seiner religiösen Einstellung inspirierte Heine zu ausdrucksstarken Prosatexten und Gedichten, wie etwa zu den "Hebräischen Melodien". In der Matratzengruft, in den letzten schmerzhaften Jahren und Stunden seines Lebens kehrte Heine zum Judentum, zum biblischen persönlichen Gottesglauben seiner Kindheit zurück, nicht naiv fromm, sondern skeptisch durchsetzt. Einen Wiederanschluss an die Tradition des eigenen Volkes sucht er zum Beispiel mit Gedichten wie "Jehuda ben Halevy", bei dem er den zweiten Teil mit dem Psalm 137 beginnen lässt:

"Bei den Wassern Babels saßen

Wir und weinten, unsre Harfen

Lehnten an den Trauerweiden-

Kennst du noch das alte Lied?

Kennst du noch die alte Weise,

Die im Anfang so elegisch

Greint und sumset wie ein Kessel,

Welcher auf dem Herde kocht?

Lange schon, jahrtausendlange

Kochts in mir. Ein dunkles Wehe!

Und die Zeit leckt meine Wunde,

Wie der Hund die Schwären Hiobs."

Aber Übermut und Ironie haben Heine selbst jetzt nicht verlassen, nicht einmal im täglichen Leben. So ruft er einem Besucher zu, der mit ansieht, wie Heine vom Stuhl zum Bett getragen wird: "Sehen Sie, wie man mich in Paris auf Händen trägt!"

Heine hat viele Versionen der Abschwörung hinterlassen. Forscht man nach, welchen Gesinnungen er eigentlich abschwört, so trifft man mit verblüffender Regelmäßigkeit in diesen Äußerungen auf den Namen Hegels.

Heine erinnert sich: "Wir standen des Abends am Fenster und ich schwärmte über die Sterne, dem Aufenthalt der Seligen. Der Meister aber brümmelte vor sich hin: 'Die Sterne sind nur ein leuchtender Aussatz am Himmel!' - 'Um Gottes willen!' rief ich, 'es gibt also droben kein glückliches Lokal, um dort die Tugend nach dem Tode zu belohnen?' Er sah mich mit spöttisch an: 'Sie wollen also noch ein Trinkgeld dafür haben, dass Sie im Leben Ihre Schuldigkeit getan, dass Sie Ihre kranke Mutter gepflegt und Ihren Herrn Bruder nicht verhungern ließen und Ihren Feinden kein Gift gaben' "

(Briefe über Deutschland Bd.5 S.197)

"In manchen Momenten, besonders wenn die Krämpfe in der Wirbelsäule allzu qualvoll rumoren, durchzuckt mich der Zweifel, ob der Mensch wirklich ein zweibeinichter Gott ist, wie mir der selige Professor Hegel vor fünfundzwanzig Jahren in Berlin versichert hatte."

"Mit meinem Atheismus ist mir niemals Ernst gewesen. Meine frühen Freunde, die Hegelianer, haben sich als Lumpen erwiesen. Das Elend der Menschen ist zu groß. Man muss glauben."

"Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt ..Ja, wie mit der Kreatur, habe ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärger meiner aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses Zurückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott zu nennen beliebten.." - "Hegel ist bei mir sehr heruntergekommen, und der alte Moses steht in floribus", heißt es in einem Brief an Heinrich Laube im Januar 1850.

Und in den "Geständnissen" bekennt er: "Ich war jung und stolz, und es tat meinem Hochmut wohl, als ich von Hegel erfuhr, dass nicht, wie meine Großmutter meinte, der liebe Gott, der im Himmel residiert, sondern ich selber auf Erden der liebe Gott sei." Aber im Februar 1848 seien ihm Geld und Gesundheit abhanden gekommen und so "kam ich selber wieder zur Vernunft!" - "Ich kehrte zurück in die niedre Hütte der Gottesgeschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken der Welt vorsteht und das auch hinfüro meine eigenen irdischen Angelegenheiten leiten sollte."

Weiter unten: "In diesem Zustand ist es eine wahre Wohltat für mich, dass es jemand im Himmel gibt, dem ich beständig die Litanei meiner Leiden vorwimmern kann, besonders nach Mitternacht, wenn Mathilde sich zur Ruhe begeben, die sie oft sehr nötig hat. Gottlob in solchen Stunden bin ich nicht allein, und ich kann beten und flennen soviel ich will und ohne mich zu genieren, und ich kann ganz mein Herz ausschütten vor dem Allerhöchsten und ihm manches vortragen, was wir sogar unsrer eigenen Frau zu verschweigen pflegen."

"Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott", versichert der Dichter, "wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern Schweine gehütet."

Zurückgekehrt ist der Dichter zu einem Gott, mit dem man sprechen, dem man sein Leid klagen, mit dem man hadern kann wie Hiob. Denn Heines Rückkehr zu Gott ist beileibe keine versöhnte Rückkehr. Vielmehr ringt er mit ihm wie einst Jakob mit dem Engel und verschafft sich Luft im Spott. Seinem Freund Heinrich Laube schreibt er: "Gottlob, dass ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Übermaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist solch eine Labung nicht vergönnt."

"Bei seinem Testament vom 13.November 1851", bemerkt Ralf Schnell in seinem Heineband, "sieht sich Heine noch einmal herausgefordert, die Frage nach seinem Glauben und seiner Gottesvorstellung aufzuwerfen: 'Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolz entsagt, und ich bin zu den religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt. Ich sterbe im Glauben an Einen Einzigen und Ewigen Gott, den Schöpfer der Welt, dessen Gnade ich für meine unsterbliche Seele erflehe. Ich bereue es, in meinen Werken manchmal von heiligen Dingen ohne den ihnen schuldigen Respekt gesprochen zu haben, aber ich wurde vielmehr durch den Geist meiner Epoche als von meinen eigenen Neigungen fortgerissen. Wenn ich ohne mein Wissen die guten Sitten und die Moral, die die wahre Substanz aller monotheistischen Glaubensanschauungen ist, verletzt habe, so bitte ich Gott und die Menschen dafür um Verzeihung.' "

Sein Credo lautet: "Gott war immer der Anfang und das Ende all meiner Gedanken." Doch sind seine religiösen Überzeugungen und Ansichten "frei geblieben von jeder Kirchlichkeit, kein Glockenschlag hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet."

Heines religiöse Haltung ist mithin nicht kirchlich oder institutionell gebunden, nicht saturiert christlich bekehrt wie es bei Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel oder Felix Mendelssohn der Fall war, seine Haltung ist am ehesten jüdisch auf Grund seines ausgeprägten historischen Bewusstseins. Er hat sich seine Freiheit bewahrt. Er ist in erster Linie Dichter.

"Ich habe den Weg zum lieben Gott weder durch die Kirche, noch durch die Synagoge genommen. Es hat mich kein Priester, es hat mich kein Rabbiner ihm vorgestellt. Ich habe mich selbst bei ihm eingeführt, und er hat mich gut aufgenommen."

Die Frage, ob der Mensch weiterlebt oder ob seine Spur "in Äonen untergeht" hat ihn ebenfalls beschäftigt. Sein Nachwort zu "Romanzero" beschließt er mit folgenden Worten: "Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden.- Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke mir Deine Rechnung. Geschrieben zu Paris, den 30.September 1851."

"Ob wir einst auferstehen! Sonderbar! meine Tagesgedanken verneinen diese Frage, und aus reinem Widerspruchsgeiste wird sie von meinen Nachtträumen bejaht."

Heine fragt weiter:

"Nur wissen möcht ich: wenn wir sterben

Wohin dann unsere Seele geht?

Wo ist das Feuer, das erloschen?

Wo ist der Wind, der schon verweht?"

Damit wird das Flüchtige und Ungreifbare des Lebens selbst und unserer Leistungen und Wirkungsspuren beschrieben, das beinahe mit dem Nichts beantwortet werden muss, aber dennoch eine vage Möglichkeit des Fortbestehens behält.

"Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte seyn?

Unter Palmen in dem Süden?

Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste

Eingescharrt von fremder Hand?

Oder ruh ich an der Küste

Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin wird mich umgeben

Gotteshimmel, dort wie hier,

Und als Todtenlampen schweben

nachts die Sterne über mir." (Bd.4 S.483)

Der Dichter begehrt von den Wogen des Meeres zu erfahren:

"O lös't mir das Rätsel des Lebens

Das qualvoll uralte Rätsel--Sagt mir, was bedeutet der Mensch?

Woher ist er kommen?

Wo geht er hin?

Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?

--

Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,

Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,

Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,

Und ein Narr wartet auf Antwort."

Aus "Ruhelechzend" die letzte Strophe:

"Oh Grab, du bist das Paradies

Für pöbelscheue zarte Ohren-

Der Tod ist gut, doch besser wär's

Die Mutter hätt' uns nie geboren."

"Am Ende", meint Heine im 5.Börnebuch, "kommt es auf eins heraus, wie wir die große Reise gemacht haben, ob zu Fuß oder zu Pferd oder zu Schiff.. Wir gelangen am Ende alle in dieselbe Herberge in dieselbe schlechte Schenke, wo man die Tür mit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so eng, so kalt, so dunkel, wo man aber gut schläft, fast gar zu gut.."

In Heines Spätwerk, in dem er sich an den letzten und ernstesten Gegenständen abarbeitet, am Leiden, am Tod, an der Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod, gibt es Texte, die beim Leser ein Schwindelgefühl erzeugen, weil der Autor jeden Standpunkt, den er einnimmt, umgehend wieder verlässt, weil man nicht weiß, was man ihm glauben soll, so wie er nicht weiß, was er glauben soll.

Im Nachwort zur Gedichtsammlung "Romanzero" (1851) spricht er von der "Allgüte" und "Allgerechtigkeit" Gottes, um dann im ironischen Absturz hinzuzufügen, wer an Gott glaubt, dem werde die "Unsterblichkeit" wie ein Markknochen mitgegeben, den ein Fleischer seinen Kunden "unentgeltlich" zu ihrem Kauf in den Einkaufskorb lege. Durch den Bruch der Stilebene wird die gesamte Teleologie wieder in Frage gestellt. Derartige Perspektivwechsel kommen bei Heine häufig vor.

Heine malt sich den Aufstieg in den Himmel aus:

"Vielleicht auch amüsiert man sich

Im Himmel besser als du meinst.

Siehst du den großen Bären einst

(Nicht Meyer-Bär) im Sternensaal,

Grüß ihn von mir viel tausendmal!"

Heines literarischen Texte zeigen, dass er fähig war, im Kontext seines existentiellen Unglücks ein Gespräch mit Gott in den verschiedensten Rollen und Tonarten zu führen und zwar unter den Bedingungen neuzeitlicher Religionskritik, indem er, wenn er mit dem Gott der Hebräischen Bibel redet, alles in ein Zwielicht der Ironie taucht. So denkt er darüber nach, Jahr für Jahr, warum Gott Menschen leiden lässt, und schließt dabei nicht aus, dass es dem Herrn von Himmel und Erde auch "Spaß" machen könnte, Menschen leiden zu sehen. In "Geständnisse" schreibt er: "..ich darf sogar den Spaß Gottes vor ihr Forum (das der ewigen Vernunft Anm.) ziehen, und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen."

Der Dichter, der jetzt ernst nimmt, was er früher verspottet hat, wandelt sich, schreibt Karl-Josef Kuschel in seinem Buch "Gottes grausamer Spaß. Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe", vom "großen Heiden zum "todkranken Juden".

"Ich bin nicht mehr der große Heide", bekennt er in einem Zeitungsartikel, der am 25.April 1849 in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde, "..ich bin kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener weiter herablächelte ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!"

"Ich bin zu der Gewissheit gekommen", soll Heine dem Paris-Besucher Ferdinand Meyer im September 1849 gesagt haben, "dass es einen Gott gibt, der ein Richter unserer Taten ist, dass unsere Seele unsterblich und dass es ein Jenseits gibt, wo das Gute belohnt, das Böse bestraft wird."

An diesem und an anderen Texten werde deutlich, so Kuschel, dass eine Auseinandersetzung mit Gott denkbar ist, bei der selbst der Todkranke und der in seiner Kreatürlichkeit erbärmliche Mensch nichts von seiner Würde und seinem Witz verliert. Heine verbleibt in der Ironie eines Nicht-Begreifens, das in Schmerz, Elend, Ekel und Verzweiflung hadernd auf Gerechtigkeit dringt.

Wie dieser "todkranke Jude", der Lazarus und Hiob zugleich sei, mit Gott redet, ist meilenweit von "theologischer Beschwichtigung" entfernt. Denn Heine beugt sich nicht. Er spielt auch nicht nur mit Gott, und wenn er während seiner Krankheit mit diesem ironisch, spöttisch, geistreich umgeht, so habe dies nichts, meint Kuschel, mit Frivolität zu tun, sondern mit der Freiheit des Menschen, die in der biblischen Hiob-Freiheit begründet ist.

So wie der Tod auf nichts eine Antwort ist, so ist auch Gott nie einfach die Antwort auf all unsere Lebenskrisen und Existenzfragen, schon gar nicht auf die Grundfrage nach dem Sinn des Leidens Unschuldiger. Wer an Gott glaubt, erfährt die Widersprüche, die Risse, Brüche und Abgründe in seiner Schöpfung um so schmerzlicher, weil sein Glaube den Schöpfer voraussetzt.

Die Abgründigkeit Gottes, auch sein Fern- und Fremdbleiben, die göttlichen Dunkelheiten gehen beim späten Heine nicht verloren.

Heines letzter Lebenskampf erzählt, laut Kuschel, das Drama eines Intellektuellen in der Moderne, der sich von Gott schon verabschiedet hat und dann doch eine Form der Koexistenz sucht, die nicht unter seinem intellektuellen Niveau ist, der den Abschied von Gott einst für einen Freiheitsgewinn hielt, jetzt aber aufgrund neuer Erfahrungen die Verluste bemerkt, die die Selbstunterbrechung religiöser Sinnressourcen mit sich bringt. Was ihn, den Theologen Kuschel selbst seit langem antreibt, das seien Entwürfe einer glaubwürdigen Rede von Gott im Angesicht persönlicher oder geschichtlicher Katastrophen. Die Frage: "Wie aber lebt man als aufgeklärter Mensch mit Gott in der Katastrophe? Wie lebt man mit Gott im Wissen darum, dass man früher diesem Gott bereits die Sterbeglöckchen geläutet und den Himmel eigentlich "den Engeln und Spatzen" hatte überlassen wollen?

Lange Zeit habe er, so Kuschel, Heine in erster Linie als Kritiker der Religion gesehen, dann aber sei er auf Texte gestoßen, die ein "Mehr an Sprach- und Denkmöglichkeiten in der kritischen Auseinandersetzung mit Gott" versprachen, und er habe geahnt, dass Heines Ringen mit Gott auch für unsere Zeit von größter Bedeutung sei. Von seiner Lebens- und Sterbegeschichte erzählen, hieße zugleich von der Tragödie eines Intellektuellen erzählen, der zu Gott zurückkehren will und gleichzeitig weiß, dass dies nicht sein kann und sein darf, da das Maß an religionskritischer Aufgeklärtheit offenbar jegliche Konzession am Gottesglauben verbietet. Jahrzehntelang habe man sich auf diese Weise die Religion ironisch auf Distanz gehalten. Heute zwängen Zäsurerfahrungen im persönlichen oder politischen Leben nicht selten zu neuen Entscheidungen und möglicherweise zu einer Neubewertung des "Faktors" Religion. Wie aber soll und kann man von Gott neu reden, ohne die berechtigten Einsichten der Religionskritik zu verwerfen? Heine hat einen Weg gefunden, der beides zugleich möglich macht: Demut und Rebellion, Hinnahme des Unabänderlichen und Widerstand dagegen, Ergebung und Anklage. Er habe eine "Rückkehr" zu Gott im Akt des Protestes vollzogen. Seiner Auseinandersetzung mit dem Schöpfer komme mithin exemplarische Bedeutung zu.

"Mein Leib ist jetzt ein Leichnam, worin

Der Geist ist eingekerkert-

Manchmal wird ihm unwirsch zu Sinn,

Er tobt und rast und berserkert.

Ohnmächtige Flüche! Dein schlimmster Fluch

Wird keine Fliege töten.

Ertrage die Schickung und versuch,

Gelinde zu flennen, zu beten."

Das Gedicht zeigt Heines Wendung, er hat seinen Teil an conditio humana, die Krankheit angenommen.

Aufschlussreich ist auch folgende Passage aus dem Nachwort zu "Romanzero": "..was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologie hingegen muss ich mich des Rückschritts beschuldigen, indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem persönlichen Gotte zurückkehrte. Das lässt sich nun einmal nicht vertuschen, wie es so mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund versuchte. Ausdrücklich widersprechen muss ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenschlag hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt."

Jedoch empfanden Heines Zeitgenossen dessen biblische Theologie vielfach als blasphemisch. Die politischen Linken indes, insbesondere Börne und Marx, sahen in Heine alsbald einen Verräter und Abtrünnigen, obwohl dieser von seinen politischen und mythopoetischen Überzeugungen bis zu seinem Lebensende nichts abgeschworen und nichts preisgegeben hatte, selbst dann nicht, als kurz nach der Veröffentlichung von "Wintermärchen" seine politisches Erwartungen gedämpft wurden, als seine Gesundheit ruiniert und sein Glaube an das Glück auf Erden, auf die eigenen Göttlichkeit erschüttert war und Heine nach Ausbruch seiner Krankheit im Jahr 1848 die Probleme der Verwirklichung seiner politischen Träume nüchterner und realistischer als zuvor eingeschätzt hat.

Die grandiosen Erwartungen an eine künftige Versöhnbarkeit von Gerechtigkeit und Schönheit bleiben freilich ebenso erhalten wie sein Glaube an eine geschichtliche Einlösbarkeit der Menschheitsutopien.

Und im März 1854 fragt sich der Kranke:

"Aber warum muss der Gerechte soviel leiden auf Erden? Warum muss Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst, der gewiss seine Augen niemals durch arabische Manuskripte trüben mochte, sich räkelt auf den Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht diese böse Frage. Im Gegenteil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum?"

So grübelt Heine, den der Schmerz zu Gott hinquält und der sich bis ans Ende vor die Notwendigkeit gestellt sieht, Gott mit den Rätseln seiner Schöpfung zu konfrontieren.

"O Gott, verkürze meine Qual,

Damit man mich bald begrabe;

Du weißt ja, dass ich kein Talent

Zum Martyrium habe.

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,

Erlaube, dass ich staune:

Du schufest den fröhlichsten Dichter und raubst

Ihm jetzt seine gute Laune.

Der Schmerz verdumpft den heitern Sinn

und macht mich melancholisch;

Nimmt nicht der traurige Spaß ein End,

So werd ich am Ende katholisch.

Ich heule dir die Ohren voll

Wie andre gute Christen-

O Misere! Verloren geht

Der beste der Humoristen."

Mit seinem Gedicht "Zum Lazarus" sprach und spricht Heine noch heute vielen aus dem Herzen:

"Lass die heiligen Parabolen,

lass die frommen Hypothesen -

Suche die verdammten Fragen

Ohne Umschweif uns zu lösen,

Warum schleppt sich blutend, elend,

Unter Kreuzlast der Gerechte,

Während glücklich als ein Sieger

Trabt auf hohem Ross der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa

Unser Herr nicht ganz allmächtig?

Oder treibt er selbst den Unfug?

Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,

Bis man uns mit einer Handvoll

Erde endlich stopft die Mäuler -

Aber ist das eine Antwort?"

Hier führt derselbe Autor, der einige Jahre zuvor das Jubellied des Atheismus und der Diesseits-Utopik angestimmt hat mit "Ein neues Lied, ein besseres Lied/O, Freunde will ich euch dichten/Wir wollen hier auf Erden schon/Das Himmelreich errichten" -

einen verzweifelten Dialog mit dem alten Gott. Das eine Gedicht bezeugt die mögliche Göttlichkeit des Menschen, das andere beklagt die vermeintliche Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit Gottes.

" Ach der Spott Gottes lastet schwer auf mir. Der große Autor des Weltalls, der Aristophanes des Himmels, wollte dem kleinen irdischen sogenannten deutschen Aristophanes recht grell dartun, wie die witzigsten Sarkasmen desselben nur armselige Spöttereien gewesen im Vergleich mit den seinigen, und wie kläglich ich ihm nachstehen muss im Humor, in der kolossalen Spaßmacherei."

"Ja, die Lauge der Verhöhnung, die der Meister über mich herabgeußt, ist entsetzlich und schauerlich grausam ist sein Spaß. Demütig bekenne ich seine Überlegenheit und ich beuge mich vor ihm im Staube. Aber wenn es mir auch an solcher höchsten Schöpferkraft fehlt, so blitzt doch in meinem Geiste die ewige Vernunft, und ich darf sogar den Spott des Gottes vor ihr Forum ziehen und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen. Und da wage ich nun die untertänigste Andeutung auszusprechen, es wolle mich bedünken, als zöge sich jener grausame Spaß, womit der Meister den armen Schüler heimsucht, etwas zu sehr in die Länge; er dauert schon über sechs Jahre, was nachgerade langweilig wird. Denn möchte ich ebenfalls mir die unmaßgebliche Bemerkung erlauben, dass jener Spaß nicht neu ist und dass ihn der große Aristophanes des Himmels schon bei einer anderen Gelegenheit angebracht, und also ein Plagiat hoch an sich selbst begangen habe."

Nicht alle Heine-Biografen haben diese letzte Phase seines Lebens als Rückkehr zu einem persönlichen Gott gedeutet. Bei Marcel Reich-Ranicki, einem exzellenten Heine-Kenner, findet man hierüber nur wenig. Um so intensiver setzt sich der Literaturpapst mit Heines Beziehungen zum Judentum und zur Erotik und den Frauen auseinander. Walter Grab wiederum glaubt, dass es Heine mit der "'Rückkehr zum Gottesglauben' in seinen letzten Lebensjahren nicht so ernst war, wie es manche Forscher behaupten." Günter Grass hat sich dagegen 1972 in einem Interview zur späten Religiosität Heines distanziert, aber respektvoll geäußert: "Ja, da beginnt (in der Matratzengruft) bei Heine ein Resignationsprozess, der dann mit der Konversion endet. Ich glaube, wir haben kein Recht, darüber unseren Stab zu brechen. Der Mann ist sehr einsam gewesen, hat viel Veränderung angestrebt und nur wenig erlebt. Welchen Schluss er daraus gezogen hat, das hat sich in den letzten Gedichten niedergeschlagen, und das muss man so respektieren."

Beate Wirth-Ortmann erlebte bei einem Heine-Kongress in den neunziger Jahren sogar, dass die religiöse Struktur in den Werken Heines, wenn sie überhaupt Erwähnung fand, allenfalls als Satire oder Parodie betrachtet wurde. Nicht selten wird in der Sekundärliteratur, konstatiert Wirth-Ortmann, Heines Religiosität gänzlich geleugnet.

Der Dichter. dem es wie kaum einem anderen gegeben war, zu sagen, wie er leidet, hat den eigenen Krankheits- und Sterbeprozess über Jahre nicht nur beschrieben und poetisch gestaltet, sondern auch zum Gegenstand der Auseinandersetzung mit sich, mit der Gesellschaft und Gott gemacht, so dass über die literarische Formgebung Themen wie Krankheit, Sterben und Tod ffentlichkeitscharakter bekommen.

Die Erfahrung der Krankheit hat Heine ausgekostet, auch der Schwäche und des Alters, und in aller Helligkeit bedacht - im Unterschied zu Nietzsche, der in geistiger Umnachtung versank, so dass er vor ähnlicher Erkenntnis bewahrt blieb, sowie im Unterschied zu Goethe, der hochbetagt verschied und im Unterschied zu Büchner, der unfasslich jung mit 24 Jahren ohne längere Krankheits- und Verfallsgeschichte starb. Andere erleiden Ende ihres Lebens einen qualvollen Prozess und sind unfähig, literarisch zu arbeiten. Bei Heine hat die Krankheit zwar seinen Körper, nicht aber seine literarische Imagination gelähmt. Er hat seine Rolle als Kranker und Sterbender, ähnlich wie Papst Paul Johannes II., bewusst angenommen und öffentlich gemacht. Gerade die letzten Gedichten Heines - manche klingen wie eine Klage aus dem Grabe, in anderen Versen setzt er sich lebendig mit seiner Situation auseinander - reflektieren seine Situation und machen sich zuweilen auch über diese lustig.

Heines letzten Tage

Sein letzter Lebenskampf erzählt das Drama eines Intellektuellen in der Moderne, der sich von Gott schon verabschiedet hat und dann doch eine Form der Koexistenz sucht, die nicht unter seinem intellektuellen Niveau ist, der den Abschied von Gott einst für einen Freiheitsgewinn hielt, jetzt aber aufgrund neuer Erfahrungen die Verluste bemerkt, die die Selbstunterbrechung religiöser Sinnressourcen mit sich bringt.

"Gott wird mir die Torheiten verzeihen, die ich über ihn vorgebracht, wie ich meinen Gegnern die Torheiten verzeihe, die sie gegen mich geschrieben, obgleich sie geistig so tief unter mir standen, wie ich unter dir stehe, o mein Gott", hofft Heinrich Heine und äußert sich vierzehn Tage vor seinem Tod:

"Bin sehr elend. Hustete schrecklich 24 Stunden lang; daher heute Kopfschmerz, wahrscheinlich auch morgen.. Welche unbehaglichen Missstände! Ich werde fast wahnsinnig vor Aerger, Schmerz und Ungeduld. Ich werde den lieben Gott, der so grausam an mir handelt, bey der Thierquälergesellschaft verklagen."

Als Heinrich Heine im Sterben lag, kniete seine Geliebte an seinem Bett und betete zu Gott, dass er ihm alle Sünden verzeihen möge. Daraufhin sagte Heine mit schwacher Stimme: "Meine Liebe, sorge dich nicht - er wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben gehört zu seinem Beruf." (Dieu me pardonnera. C'est son metier.")

Gestorben ist Heinrich Heine am 17.Februar 1856 an "tuberkulöser Meningitis" - so lautet der aktuelle Befund. Begraben wurde er auf dem Pariser Friedhof Montmartre. Kein Rabbi, kein Pastor, kein Priester durfte ihn begleiten. Heine hat es so gewollt.

Kurz zuvor hatte er noch gedichtet:

"Keine Messe wird man singen,

Keinen Kadosch wird man sagen,

Nichts gesagt und nichts gesungen

Wird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage,

Wenn das Wetter schön und milde,

Geht spazieren auf Montmartre

Mit Paulinen Frau Mathilde.

Mit dem Kranz von Immortellen

Kommt sie mir das Grab zu schmücken.

Und sie seufzet: Pauvre homme!

Feuchte Wehmut in den Blicken.

Leider wohn ich viel zu hoch,

Und ich habe meiner Süßen

Keinen Stuhl hier anzubieten;

Ach! sie schwankt mit müden Füßen.

Süßes. dickes Kind, du darfst

Nicht zu Fuß nach Hause gehen!

An dem Barrieregitter

Siehst du den Fiaker stehen."

Jahre später schrieb Gustav Flaubert an Léonie Brainne am 25.April 1879.

"Ich denke mit Bitterkeit daran, dass bei Heinrich Heines Begräbnis neun Personen anwesend waren! O Publikum! O Bürger! O Lumpenpack! - Ihr Elenden!"

Bimini

enthält letzte Gedichte und Gedanken und wurde aus Heines Nachlass 1869 herausgegeben,

Hier eine gekürzte Fassung:

"Männer wie Columbus, Cortez

Und Pissaro und Bilbao,

Habt Ihr in der Schul auswendig

Schon gelernt; ihr kennt sie gut.

Wenig oder gar nicht kennt ihr

Ihren Zeit- und Zunftgenossen,

Jenen Wasserabenteurer,

Namens Juan Ponce de Leon."

Das Gedicht endet mit folgenden Zeilen:

"Muse, kleine Zauberin,

Mach mein Lied zu einem Schiffe,

Und mit aufgespannten Segeln

Fahren wir nach Bimini!

Wer will mit nach Bimini?

Steiget ein, ihr Herren und Damen!

Wind und Wetter dienend, bringt

Euch mein Schiff nach Bimini.

Kleiner Vogel Kolibri!

Führe uns nach Bimini!

Fliege du voran, wir folgen,

In bewimpelten Pirogen.

Kleines Fischlein, Bridisi!

Führe uns nach Bimini;

Schwimme du voran, wir folgen

Rudernd mit bekränzten Stengen.

Auf der Insel Bimini.

Blüht die ewge Frühlingswonne,

Und die goldenen Lerchen jauchzen

Im Azur ihr Tirili."

Wo aber liegt Bimini? Bimini ist eine vor vierhundert Jahren entdeckte Insel unweit der Küste Floridas, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Für Heine war sie ein Ort der Sehnsucht, Synonym für das Paradies auf Erden.

"Nach dem ewigen Jugendlande,

Nach dem Eiland Bimini

Geht mein Sehnen und Verlangen.

Alte Katze Mimili

Alter Haushan Kikeriki,

Lebet wohl,

wir kehren nie,

Nie zurück von Bimini."

Der Kinderton, schreibt Dolf Sternburger, ist herzerquickend, herzzereißend. Der alte Ritter Ponce de Leon, der die Fahrt prächtig antritt, findet am Ende das Land, aber nur der Berichterstatter weiß, wie es in Wahrheit aussieht.

"In das stille Land, wo schaurig

unter schattigen Zypressen

Fließt ein Flüßlein, dessen Wasser

Gleichfalls wundertätig heilsam -

Lethe heißt das gute Wasser!

Trink daraus und du vergisst

All dein Leiden ja, vergessen

Wirst du, was du je gelitten -

Gutes Wasser! gutes Land!

Wer dort anlangt, verlässt es

Nimmermehr denn dieses Land

Ist das wahre Bimini."

Dieses Land, von dem keiner mehr zurückkehrt, ist das Land des Todes.

(Sternberger S.317/318 und Bd.6/1, S.244-266, Bd.6/2 S.76).

Wie aber haben Kirchen und Christen auf Heine reagiert?

Die katholische Kirche hatte schon im September 1836 drei seiner Schriften auf den "Index verbotener Bücher" gesetzt und damit ein Verdikt ausgesprochen, das bis 1967 Gültigkeit hatte.

Auf evangelischer Seite protestierten 1887 und 1888 der Düsseldorfer Pfarrer Friedrich Frey und der Antisemit Adolf Stoecker heftig gegen ein Heinedenkmal in Düsseldorf und sorgten für die Verunglimpfung des Dichters. Lange Zeit wurde Heine von den Kirchen auch deshalb nicht wahrgenommen, weil er Jude war, ungeachtet der Tatsache, dass sein Leben, laut Felix Stössinger "ein einziges Religionsgespräch" war, und die meisten seiner Werke voller Anspielungen auf biblische Gestalten und Geschehnisse sind.

Vielleicht, vermutet Ferdinand Schlingensiepen, "ist Heines 'Witz- und Pointenstil einer der Gründe dafür, dass die Theologen seine Herausforderung nicht erkannt, jedenfalls aber nicht angenommen haben. Witzig dürfen theologische Eröterungen, bei denen es um den Geist, nicht aber um Esprit geht, wohl nicht sein." (S.8)

Heine hat, so Schlingensiepen, "seine theologischen Aussagen durchweg als einen geistvollen Angriff auf die 'positiven Religionen' und das hieß für ihn, auf die etablierten Kirchen vorgetragen. Dass er bereits im vorigen Jahrhundert (gemeint ist das 19.Jahrhundert d.V.) auch von Theologen seines Witzstils wegen abgelehnt worden ist, lässt sich belegen, aber der Grund dafür, dass man ihn als Theologen nicht gelten lassen wollte und sich nicht mit auseinander gesetzt hat, muss tiefer liegen.

Er hat sich als 'wilder Exeget' (Lévi-Strauss) betätigt. Er hat Bibel, Dogmatik und Kirchengeschichte seinen Zwecken dienstbar gemacht, ohne sich darum zu kümmern, dass er sich damit auf einem 'fremden Felde' bewegte, denn wilde Exegese gibt sich ihre Regeln selbst." (S.9)

Erst im Heinejahr 1997 kam es zu einer positiven kirchlichen Heinerezeption. In evangelischen und katholischen Zeitschriften erschienen zahlreiche Artikel über den Dichter, während in katholischen und evangelischen Akademien Heinetagungen stattfanden. Zugegeben, das alles war nicht gerade spektakulär und sensationell, aber doch ein Novum, das anscheinend Früchte getragen hat. Denn heute sind nicht wenige Theologen von Heine fasziniert: von seiner Bibelkenntnis, seiner biblisch gefärbten Sprache, von seinem Interesse an theologischen und politischen Fragen und von seiner Kirchenkritik.

Heine hat auch für Christen von heute herausragende Bedeutung

Gleichwohl bleibt Heine, der nie die kirchliche Nähe gesucht hat, eine Herausforderung für alle Dogmatiker und Fundamentalisten. Doch für die Gegenwart im Allgemeinen und für Christen im Besonderen sind seine Ideen und Einfälle von nicht abschätzbarem Wert. Vieles aus seinem Leben und Werk ist erst heute richtig aktuell geworden.

Man denke nur an sein Engagement für Entrechtete, das durchaus einer Theologie der Befreiung im Sinne von Johann Baptist Metz entspricht.

Zudem schreckte Heinrich Heine, lange vor Rudolf Bultmann, vor entmythologisierenden Deutungen nicht zurück und erkannte den existentialen, auf das moderne Verständnis bezogenen Sinn biblischer Aussagen.

Überdies wissen wir, wie progressiv Heine nach der Aufklärung die Religiosität wiederentdeckt hat, die, laut Hermann Lübbe, die nötige Lebenspraxis des angemessenen Verhaltens zum Unverfügbaren meint.

Heines Religiosität besteht außerdem gerade in ihrer individuellen, aber eindeutig biblischen Voraussetzung, ja Prägung und ihrer trotz aller unmenschlichen Leiden mutigen Souveränität gegenüber einer höheren Ordnung, die er am Ende seines Lebens als den Gott seiner Väter akzeptiert hat.

Heine war ein skeptischer Theologe, der die Welt als verborgene Theologie und als verborgene Dichtung auffasst und somit die Nachahmung und Nachschöpfung durch den Dichter rechtfertigt.

Seine Freiheit in der Einsamkeit äußerte sich dennoch in Fragen und Zweifeln, deren Ziel nicht die Beruhigung, sondern die Beweglichkeit des skeptisch gebliebenen Geistes geblieben ist.

Wer will, kann Heine sogar den Grünen zurechnen. Denn wie sagte er doch? "Gott ist identisch mit der Welt. Er manifestiert sich in den Pflanzen,,..in den Tieren, aber am herrlichsten in dem Menschen."

Vielleicht wären die Kirchen gut beraten, "von Heine eifriger Gebrauch zu machen, da sein Weltbürgertum und Kosmopolitismus eine zutiefst religiöse Struktur aufweist." Tatsächlich gibt es Geistliche, wie etwa den katholischen Studentenpfarrer Heiner Koch, der schon im April 1989 freimütig bekannt hat, für ihn sei Heinrich Heine ein Vorbild.

Des Dichters "Heimkehr zum Gott seiner Väter" ist von vielen seiner Zeitgenossen argwöhnisch beäugt worden, und dennoch hat Heine trotzig und gegen alles Unverständnis sein Credo gesprochen, ob es seine Freunde hören wollten oder nicht. "Gott war immer der Anfang und das Ende all meiner Gedanken." Die christliche Tradition, sagte der Dominikanerpater Ulrich Engel am 26.Juli 2003 in einer Predigt, nenne so etwas "Zeugnis-Geben". Als Gottes Zeuge kann Heine heute Vorbild sein, hat er doch sein Bekenntnis "mit seiner ganzen Person innerlich und äußerlich erkämpft."

"Ängstliche Kirchenmäuschen und bigotte Sakristeischabraken", führte Engel weiter aus, "haben heute nichts mehr zu vermelden - mögen sie progressiv oder reaktionär daherkommen. Wahrgenommen werden wir nur dann, wenn wir ein Zeugnis geben, das sich aus unserer persönlichen, gelungenen und gebrochenen Gotteserfahrung speist. Dass ein solche Zeugnis dann schon einmal aneckt und der Obrigkeit (auch der kirchlichen) quer liegt, ist in Kauf zu nehmen. Heine ist mir da Vorbild."

In seiner Nachschrift zu "Ludwig Marcus" betont Heine, dass die Emanzipation der Juden identisch sei mit der des deutschen Volkes. Joseph A.Kruse sieht darin einen Zukunftsgedanken, "der im 20.Jahrhundert hätte Gestalt annehmen können als ihn auch schon der grausamste Judenpogrom aller Zeiten zunichte machte."

Wie man sieht, fordert Heines Religiosität zur Auseinandersetzung heraus - nicht nur mit einer profan gewordenen Welt, sondern auch mit unserer eigenen jüngsten Geschichte. Seine Stunde scheint jetzt erst gekommen zu sein, einerlei ob wir imstande sind, Heines letzten Schritt mitzugehen oder ob wir uns wie Günter Grass entscheiden, außen vor zu bleiben.

Auswahlbibliographie: Der Beitrag erschien in gekürzter Fassung in "literaturkritik.de Nr.2 Februar 2006 8.Jahrgang.


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