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Hatte Goethe Humor?

Dürfen deutsche Klassiker Humor haben?

Die Polarität von Ernst und Scherz ist eine Schimäre, denn meistens stehen sich diese diffusen Größen nicht als unversöhnliche Kontrahenten gegenüber, "sondern gehen Hand in Hand wie ein altes Ehepaar, das seine Strittigkeiten längst begraben hat", schrieb Steffen Jacobs am 9.März 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ausgerechnet das intellektuell gewitzte Dichten werde oft und gern, merkt Jacobs weiter an, "in den Bereich der verminderten Zurechnungsfähigkeit verwiesen" und die gewitzte Seite von als "ernst" etikettierten Dichtern standhaft ignoriert. "Im Fall Lessings oder Goethes ist den repräsentativ angelegten Anthologien oft kaum zu entnehmen, dass diese Dichter die deutsche Literatur um bemerkenswert ausgelassene Verse bereichert haben."

"Humor wird", schreibt auch Gero von Wilpert in seinem Goethe-Lexikon, "von einem Klassiker weder vorausgesetzt noch erwartet, am wenigsten von einem deutschen, scheint der doch der 'Tiefe' abträglich." Entsprechend mager ist die Literatur über Goethes Humor. Dabei sind heutzutage heitere Bücher bei deutschen Buchkäufern am beliebtesten, wie kürzlich das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel verlauten ließ.

Wie aber hielt es Goethe mit dem Humor?

Zugegeben, auf den ersten Blick war Humor nicht gerade Goethes Stärke. "Bei seinem Namen stehen", schreibt Hans Heinrich Borcherdt in "Humor bei Goethe", "vor allem die Werke ernsten Gepräges vom 'Götz von Berlichingen' und 'Faust' über die Erziehungsromane bis hin zu seinen Liedern herab vor unseren Augen." In seinem Weltbild sei für die freie Fantasie, die spielerische Laune und Willkür des Humoristen wenig Platz gewesen. Sah Goethe doch in der Haltung des Humoristen dasselbe willkürliche Spiel, das die Romantiker auf allen Gebieten trieben. Sie ließen es, seiner Meinung nach, an Ehrfurcht vor dem Seienden fehlen.

In den meisten Biografien wird Goethe als ernster Mann porträtiert, der es mit dem Leben nicht leicht nahm und den "der Menschheit ganzer Jammer" nicht unberührt ließ. Am 27. Januar 1824 soll er zu Eckermann geäußert haben: ".. auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentlichen Behagens gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuen gehoben sein wollte."

Gleichwohl war Goethe ein tiefer und reicher Humor zu eigen, und auch wenn er nicht gerade als Humorist im Bewusstsein nachfolgender Generationen bis heute fortlebt - beim jungen Goethe denkt man an den Himmelsstürmer, beim erwachsenen Mann an den Verkünder des Humanitätsideals und beim alten Dichter an den Sänger der Entsagung -, so neigte er doch zu humoristischen Lebensbetrachtungen und konnte über die Ungereimtheiten der Welt herzhaft lachen.

Während seines ganzen Lebens begleitete ihn der Humor, zwar nicht ständig, aber er brach doch immer wieder von Zeit zu Zeit hervor. Am kräftigsten sprudelte er während der Sturm- und Drangzeit. Zur Zeit der Klassik trat er zurück, ohne sich ganz zu verlieren. Im Alter war er wieder vorhanden. Wie hätte Goethe auch sonst die Stimmungen ertragen können, die ihn veranlassten, um nicht zu sagen, zwangen, Werther, Tasso, Faust und die Marienbader Elegie zu dichten, wenn er im Leben und in der Kunst nicht den Humor als Gegengewicht besessen hätte?

Seinen Humor kann man vor allem zwischen den Zeilen lesen. Als Unterströmung schwingt er in vielen seiner Texte mit. Das gilt auch, wie Hans Heinrich Borcherdt darlegt, für Gottfried Keller und Eduard Mörike. Sie alle hatten nicht die Haltung reiner Humoristen. Humor war für sie nicht das entscheidende Gesamtgefühl, das ihr Weltbild gestaltete und nach einer humoristischen Form verlangte. Aber sie hatten mehr Humor als sie ihre Gestalten in Dichtungen aussprechen ließen. Erst ihre persönlichsten Äußerungen, das lyrische Gedicht und das überlieferte Witzwort, können diese Seite ihres Wesens erschließen und eine humoristische Weltsicht bezeugen. Wer sich zu lebensbejahender Anerkennung der Wirklichkeit durchgerungen hat, der verfügt auch über eine reine Heiterkeit des Herzens, die es ihm ermöglicht, humoristische Gestalten zu schaffen, wie etwa die des Mephisto im Faust. Denn Goethes Humor besteht ebenso wenig wie der von Keller in Selbstzersetzung, sondern in der schalkhaften Beleuchtung bestimmter Augenblickssituationen.

Welche Rolle spielt der Humor in Goethes Leben?

Goethe hat in einem Vers zum Ausdruck gebracht, welche Eigenschaften er seinen Eltern und wem von beiden er seine humorvolle Seite verdankt:

"Vom Vater hab ich die Statur, /
Des Lebens ernstes Führen, /
Von Mütterchen die Frohnatur /
Und Lust zu fabulieren."

Da Goethes Humor mit seinen vielen Schattierungen zweifellos ein Erbteil seiner Mutter war, wollen wir uns auch ihr kurz zuwenden.

Die Mutter Catharina Elisabeth (bekannt wurde sie unter dem Namen Aja) behielt ihr Leben lang ein kindlich-fröhliches Herz. Obgleich auch sie viel Verdrießliches erlebte, gewann bei ihr der Humor immer wieder rasch die Oberhand. In Gesellschaft mit anderen verbreitete sie Behagen um sich her, auch durch ihre Gabe, zu erzählen und zu erfinden. "Ich habe die Gnade von Gott", sagte sie als Fünfzigerin, "dass noch keine Menschenseele missvergnügt von mir weggegangen ist. Ich habe die Menschen sehr lieb, und das fühlt alt und jung, gehe ohne Prätention durch diese Welt, bemoralisiere niemand, suche immer die guten Seiten auszuspähen, überlasse die schlimmen dem, der den Menschen schuf und der es am besten versteht, die scharfen Ecken abzuschleifen - und bei dieser Methode befinde ich mich wohl, fröhlich und vergnügt."

In der Tat, strahlte Goethes Mutter viel Lebenskraft und Lebensfreude aus, viel Gottvertrauen und Optimismus, obwohl ihr schwere Jahre keineswegs erspart blieben - fünf ihrer Kinder starben zwischen 1756 und 1777; sie erlebte Krieg und Einquartierung in den neunziger Jahren. "Ihre Haltung, das Leben zu nehmen, wie es eben ist und nie die Hoffnung aufzugeben", schreibt Karl Otto Conradi in seiner Goethe-Biografie, "war nicht zu erschüttern."

Sie selbst meinte am 1.Januar 1793: "Mein Befinden ist Gott sey (Dank) gantz gut, ich bin wohl und auch vergnügt - trage, was ich nicht ändern kann, mit Gedult - warte auf beßre Zeiten, ängstige mich aber nicht vor der Zeit".

Am wachsenden Ruhm ihres Sohnes - für sie war und blieb er ihr Hätschelhans - nahm sie lebhaft Anteil und richtete 1777 an Goethes Diener Philipp Seidel, den sie dem Sohn mit nach Weimar gegeben hatte, damit er Wolfgang als Sekretär, Kammerdiener und "Schutzgeist" zur Seite stehe, folgende Zeilen: "Euer Brief ..hat uns sehr gefreut, insbesondere, dass der Dichter gesund und guten Hourmors ist.."

Sie sei "lachlustig" und erzählfreudig gewesen und habe dem Leben sogar an der Seite ihres pedantischen Mannes immer wieder schöne Seiten abzugewinnen gewusst, erfahren wir aus Dagmar von Gersdorffs Buch über Goethes Mutter und auch, dass sie mit großem Talent, Geschichten zu erfinden gewusst hat. "Sie war eine Erzählerin von Rang, die ihre Einfälle aus einem unerschöpflichen Fundus bezog und nicht nur 'Lust zu fabulieren' hatte, sondern damit auch Freunde gewann und ihren Zuhörerkreis fesselte."

Christiane Vulpius, Goethes Lebensgefährtin oder wie seine Mutter sich ausdrückte seinem "Bettschatz", war sie von Anfang an herzlich zugetan. Ihren Sohn aber ließ sie wissen: "Du kannst Gott danken! So ein liebes - herrliches unverdorbenes Gottesgeschöpf findet man selten.."

Gertrud Bäumer wiederum berichtet von einer für Frau Aja charakteristischen Begebenheit. 1775 hatten sich bei Goethe die beiden Grafen Christian und Friedrich Stolberg, Mitbegründer des Göttinger Hainbundes, eingefunden. Man trank und redete in wilden Worten von "Tyrannenhass" und "Tyrannenblut". Daraufhin holte Goethes Mutter einige Flaschen edlen Weins aus dem Keller und präsentierte ihn den jungen Herren mit folgenden Worten: "Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt Euch, aber lasst mir Eure Mordgedanken aus dem Haus!"

Auch bei Goethe finden sich allenthalben in Briefen und anderen Aufzeichnungen Äußerungen über 'guten Humor' und verschiedenartigste Stimmungen, so auch über "üblen", "schlimmen", "so gründlichen als frohen Humor". Nicht selten steht in Goethes eigenem Sprachgebrauch Humor für "Laune jedweder Art." In "Dichtung und Wahrheit" spricht Goethe von "humoristischer Trockenheit" so wie wir heute von trockenem Humor sprechen, ohne uns daran zu erinnern oder überhaupt zu wissen, dass 'humor' im Lateinischen Flüssigkeit oder Feuchtigkeit bedeutet.

In seinen autobiografischen Schriften spricht er an einer Stelle auch "von seinem ärgerlich guten Humor". Goethe verwendet die Worte Humor und humoristisch ferner in folgenden Bedeutungen: für vorübergehende Stimmung, für drollig, kurios, wunderlich, für artig, im Sinne von witzig, von Spaß, für grotesk, stilles Behagen, Einfall, Geschick, Überlegenheit, von glücklicher Veranlagung, Ironie und spricht mitunter auch von großem Humor als Lebensgefühl. In allen Epochen seines Lebens brauchte er die Wörter bald in diesem, bald in jenem Sinne. Doch hat er sich nie in eingehenden systematischen Erörterungen über den Humor ausgelassen. Vor allem der junge Goethe beurteilte den Humor nicht von theoretischen Erwägungen aus.

Wie sein poetisches Lebenswerk Gelegenheitsdichtung ist, so sind auch seine Auslassungen über Humor Gelegenheitsprodukte. Demzufolge ist seine Stellungnahme zum Humor aus vereinzelten Briefen, Gesprächen, Tagebuchaufzeichnungen, Rezensionen, Reflexionen und Sprüchen, verstreuten Äußerungen, aus Bearbeitungen und aus seinem eigenen poetischen Schaffen zu erschließen. Wer die Mühe auf sich nimmt, merkt schnell, wie ambivalent Goethe über den Humor gedacht hat - je nach Lust und Laune.

"Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit den Dingen ist, sondern sie entweder zu beherrschen strebt, und nicht damit zu Stande kommen kann: welches der ärgerliche oder üble Humor ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen lässt, salvo honore: welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie lässt sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablässt, mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spaß einnimmt als ausgibt. In diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Fall den Moroso." Anmerkung: Goffo und Moroso sind Masken des italienischen Stegreifspiels und bedeuten so viel wie Tollpatsch und Murrkopf. Der Goffo ist mit einer lustigen Person zu vergleichen, während, laut Brednow, im anderen Falle der überlegenen Verstandestätigkeit ein Moroso, ein Verdrießlicher im gleichen Spiel zu gelten habe.

"Entscheidend ist somit in Goethes Sinne keineswegs das Überwiegen einer Komik, eines Spaßes, als vielmehr das Auseinanderfallen bei Versagen der regulierenden Verstandestätigkeit, das Verlieren der optimalen harmonischen Ausgewogenheit einander widerstrebender Kräfte."

Ein weiteres Zitat aus Maximen und Reflexionen lautet: "Der Humor ist eins der Elemente des Genies; aber sobald er vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt."

Der Humor ist, "selbst ohne poetisch zu sein, .. eine Art von Poesie und erhebt uns seiner Natur nach über den Gegenstand", schrieb Goethe am 31.Januar 1798 an seinen Dichterfreund Friedrich Schiller.

Reiner Humor jedoch als harmloses, gutwilliges, verständnisvolles Lächeln über menschliche Schwächen und Befindlichkeiten, ohne aggressive oder belehrende Absichten, aus einer Haltung erhabenen Darüberstehens und heiterer Gelassenheit findet sich bei Goethe höchst selten, meint Gero von Wilpert.

Im Alter, auch unter dem Eindruck der vielfach gequält wirkenden sogenannten humoristischen Literatur seiner Zeit, verurteilte Goethe das Humoristische, das "keinen Halt und kein Gesetz in sich selbst" habe - so Goethe an Zelter am 30.10.1808 - als Kennzeichen der Philister, der Pseudo-Genies und der niederen Literatur, das die Kunst zerstöre und vernichte und sprach ihm Vernunft, Gewissen und Verantwortungsgefühl ab.

"Wer untersteht sich denn Humor zu haben, wenn er die Unzahl von Verantwortlichkeiten gegen sich selbst und andere erwägt, die auf ihm lasten?" fragte Goethe Friedrich von Müller am 6.Juni 1824 und fuhr fort: "Nur wer kein Gewissen oder keine Verantwortung hat, kann humoristisch sein.. Freilich humoristische Augenblicke hat wohl jeder, aber es kommt darauf an, ob der Humor eine beharrliche Stimmung ist, die durchs Leben geht. Wem es aber bitterer Ernst ist mit dem Leben, der kann kein Humorist sein.. Aber muss man denn gerade ein Gewissen haben? Wer fordert es denn?"

Und als Kanzler von Müller einwandte, er habe bei dem Dichter gelesen, Humor sei nichts anderes als der Witz des Herzens, rastete Goethe aus und nannte Müller einen Esel, einen einfältigen Kerl und einen heillosen Burschen. "Ich weiß nicht, was Herz ist, und will ihm den Witz beilegen! Dergleichen Phrasen streifen an meinem Ohre vorüber wie zerplatzte Luftblasen, der Verstand findet absolut nichts darin! das ist hohles Zeug." Goethe soll lange gebraucht haben, um sich wieder zu beruhigen. Die Anwesenden trugen's - vermutlich - mit Humor, glaubt Thomas Wieke, Herausgeber eines Bändchens mit Anekdoten über Goethe, und fragt sich, wer hier eigentlich gesprochen habe: "Der Minister? Der Dichter? Der Naturwissenschaftler? Oder einfach nur ein schlecht gelaunter alter Mann?"

Gero von Wilpert wiederum kommentiert Goethes oben zitierten Ausspruch mit folgenden Worten: "Gewiss ein höchst ehrenwerter Standpunkt für einen Klassiker. Leider."

Goethe wird es zweifellos mit dem, was er sagte, ernst gemeint haben. Aber bei manch anderen seiner Aussprüche, die uns etwas merkwürdig vorkommen mögen, können wir uns vielleicht mit Thomas Wieke trösten, der daran erinnert, dass möglicherweise Goethes in frühen Tagen ausgeprägte Neigung zu Mummenschanz und Maskenspiel jenen "Famuli, die mit gespitztem Bleistift alle seine Sentenzen aufzuspießen und in Alben zu sammeln suchten, den einen oder anderen Blödsinn - gleichsam beiseite gesprochen - in der Absicht diktiert habe, sie - und damit uns Nachgeborene - zum Narren zu halten."

Einige Jahre später, am 24.April 1830, berichtet Kanzler von Müller dann von einem etwas anders verlaufenen Gespräch mit Goethe, als dieser von einem starken, lebhaften Wechsel von Stimmungen erfüllt war. In von Müllers Bericht heißt es: "Im ganzen war er heut sehr lebhaft, aufgeregt, geistreich, aber mehr ironisch und bizarr als gemütlich, mehr negativ als positiv, mehr humoristisch als heiter. Nicht leicht habe ich seine Proteusnatur, sich in alle Formen zu verwandeln, mit allem zu spielen, die entgegengesetztesten Ansichten aufzufassen und gelten zu lassen, anmutiger hervortreten sehen."

Im Leben des Dichters hat der Humor in vielen Schattierungen durchaus eine Rolle gespielt. Galgenhumor bewies er während der Kampagne in Frankreich, als er in Stunden der Gefahr dem Herzog "verwegene frevelhafte" Scherze vorlas. Caroline Schlegel meinte, dass es einen durchtriebeneren Schalk als Goethe auf Erden nicht gäbe, und Georg Küffer von Täufelen geht in seiner 1933 veröffentlichten Dissertation "Goethe und der Humor" sogar so weit, zu behaupten, dass bei Goethe die Voraussetzungen für den Humor außerordentlich günstig gewesen seien. Denn sein Realismus, seine Humanität, sein Pantheismus hätten einen günstigen Nährboden für den Humor gebildet. Sein Ausspruch: "Ich liebe mir den heitern Mann/ Am meisten unter meinen Gästen/wer sich nicht selbst zum besten halten kann/der ist gewiss nicht von den Besten" entspringe ganz der Gemütsverfassung der Humoristen. Hinzu komme, dass Goethe allem Tragischen abhold gewesen und nach Möglichkeit ausgewichen sei. Dafür sei der Humor für Goethe das geeignete Mittel gewesen.

Immerhin musste Goethe gerade in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten von Menschen seiner engsten Umgebung Abschied nehmen, 1808 starb seine Mutter, 1816 seine Frau Christiane, 1830 sein Sohn August und im selben Jahr auch sein Freund, der Großherzog Karl August.

Ob Caroline Schlegel und Georg Küffer von Täufelen mit ihrer Behauptung Recht haben, das sei hier dahingestellt. Doch so viel ist sicher, dass viele Zeugnisse und Anekdoten dafür sprechen, dass Goethe in seinem Leben, besonders in seiner Jugend durchaus Humor besaß, dass er, wenn ihm danach zumute war, manchen Spaß, Scherz und Schabernack trieb und dann auch eine Gesellschaft zum Lachen bringen konnte. Natürlich war dies nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit. Andere Seiten seines Charakters waren geprägt von politischem Verantwortungsgefühl und dem Wohl und Wehe eines zur Repräsentation verurteilten Klassikers. Indes wurde und wird oft heute noch darüber allzu leicht übersehen, dass es auch den anderen, den humorigen, den lustigen Goethe gab, "für den jedoch", wie Volker Fabricius schreibt, "Humor und Ironie nicht Selbstzweck. eher die Mittel waren, um seine eigentlichen Anliegen in geeigneter Weise vorzutragen. Unter dem Datum des 7.Oktober 1828 notierte Johann Peter Eckermann ganz im Sinne seines Herrn und Auftraggebers: "Goethe ( ) sagte noch manches bedeutende Wort, das, den Schein des Scherzes tragend, dennoch aus dem Grund eines tieferen Hinterhaltes hervorging."

Nebenbei bemerkt: Schon in den achtziger Jahren hat der Rezitator und Goethe-Kenner Lutz Görner mit Rezitationen, Musik und launigen Kommentaren einem breiten Publikum Goethe, originell und unkonventionell, erschlossen, indem er die humorvollen, satirischen, aber nicht nur diese Seiten des Dichterfürsten seiner Hörerschaft auf unterhaltsame Weise nahe gebracht hat.

Welche Rolle spielt der Humor in Goethes Dichtungen?

Goethe betrachtete die Kunst als ernstes Geschäft und lehnte theoretisch den Humor als unvereinbar mit einem ernstem Verantwortungsgefühl ab. Deswegen wurde auch der große Humor, der sich in seinem literarischen Gesamtwerk oft ausdrückt, leicht übergangen und verkannt. Goethe hat aber nie den Humor als solchen an sich abgelehnt, sondern nur eine bestimmte Humorauffassung.

Die Wirklichkeit, lachend in ihren Widersprüchen zu schildern, diese Form des Humors begegnet uns bei Goethe zu allen Zeiten seines Schaffens. Von den dramatischen Jugendsatiren und Jugendgedichten bis zum "Divan" und den Sprüchen der Alterszeit.

Selbstverständlich darf man von seinen Jugendschöpfungen nicht die gleiche Tiefe humorvoller Lebensweisheit erwarten wie in seinen reifen Altersfrüchten. Mit dem Wandel des Lebensalters, mit der Umbildung von jugendlich stürmerischer Aktivität zu milder Resignation wandelt sich auch die Art des Humors, der bekanntlich reiche und ernste Lebenserfahrungen und intensives Nachdenken über Sinn und Wesen der Dinge und des Lebens voraussetzt. Wie sich Goethes künstlerische Form im Laufe seines langen Lebens umgestaltet, so ändert sich auch die Art seines Humors. Im Alter hat Goethe dem Humor bei seiner eigenen Produktion ein bedeutendes Mitspracherecht eingeräumt. Freilich war es nicht mehr der übermütige, satirische Humor seiner Jugend, vielmehr war es ein geläuterter, reifer entsagender und mit der Welt sich versöhnender Humor oder anders gesagt: In des Dichters Jugend begegnen wir vor allem dem zynischen Humor. Später erkannte sein Humor auch das Ewige an, als er überall das Normative herauszuarbeiten suchte, der Künstler durch die Klassik, der Botaniker durch die Urpflanze, der Mensch durch das Humanitätsideal.

Vier Phasen lassen sich dabei unterscheiden, die den großen Abschnitten seines Lebens entsprechen.

Von der Frankfurter Kinderzeit kennen wir in erster Linie Kinderstreiche, die denen aller Kleinkinder ähneln. So soll er einmal, wie seine Mutter im Bekanntenkreis zum Besten gab, die Tischdecke zerschnitten und aus Stühlen Türme gebaut haben, die ihn und seine Schwester zu erschlagen drohten. Viele Kindergeschichten, die Bettine von Arnim von seiner Mutter erfahren hatte, hat Goethe in "Dichtung und Wahrheit" übernommen, wie etwa das Zerdeppern des Geschirrs auf der Straße, wozu ihn die gegenüber wohnenden Ochsensteins angestiftet hätten.

Er erzählt auch davon, wie er und seine Schwester Cornelia zu Weihnachten 1753 ein echtes Puppentheater bekommen haben, und lässt in diesem Zusammenhang in "Wilhelm Meister" die Mutter sagen: "Kinder müssen Komödien haben und Puppen."

In seiner Studienzeit in Leipzig, dem damaligen "Klein-Paris", das für Goethe eine neue Welt bedeutete, hatte er Freude am Witz, an geistreichen Pointen und den Possen seines Freundes Ernst Wolfgang Behrisch. In "Dichtung und Wahrheit" erzählt er von Späßen und Torheiten mit ihm und einer ganzen Clique. "Unglücklicherweise hatte Behrisch, und wir durch ihn, noch einen gewissen anderen Hang zu einigen Mädchen, welche besser waren als ihr Ruf; wodurch denn aber unser Ruf nicht gefördert werden konnte." Die großen Humoristen lagen zu jener Zeit noch außerhalb von Goethes Gesichtskreises. Humoristisch ist sicher auch die Art und Weise, wie der junge Goethe den angesehenen Gottsched beschreibt und wie er über die Leipziger lacht, weil er wegen seiner närrischen Art, sich zu kleiden, von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt, und wie er sich nach seinem Sturz vom Pferde über sein Aussehen tröstet, es sei alles auf gutem Wege, solange sich sein Mädchen nicht über die Verunzierung des Gesichts beschwere.

Aus den Briefen der Leipziger Zeit erkennen wir, dass der junge Goethe schon zu jener Zeit viele Register humoristischer Äußerungsart zu ziehen verstand. Als Beispiele seien angeführt das Gedicht "Annette an ihren Geliebten" das "Leipziger Liederbuch", Goethes ironische Umkehrung des Pygmalionstoffes in der Romanze "Pygmalion" im Buch "Annette", die Gedichte "Das Schreien" und "Wunsch eines kleinen Mädchen". In dieser Periode findet besonders das einfachste Stilmittel zum Ausdruck des Humors seine Anwendung: die Situationskomik. Von der Selbstironie, wie sie der junge Goethe übte, ist der Sprung bis zur Satire nicht mehr groß.

Ganz anders dagegen war es mit dem Humor in der Straßburger Zeit bestellt. Hier waren zunächst jugendliche Burschikosität und übermütige Streiche mit den Brüdern Stolberg angesagt. Goethes Lust am geistreichen wie drastischen Spott auf Unnatur, Falschheit, Bosheit, Unsinn, auf literarische und moralische Verirrungen und sonstige Verkehrtheiten kommt ganz besonders in der bald einsetzenden Sturm- und Drang-Zeit zum Vorschein in rasch improvisierten dramatischen Possen, Farcen, Schwänken und Fastnachtsspielen in Prosa oder Knittelvers.

In Straßburg selbst lebte er in einem Kreis, in dem die Neigung zum Absurden in voller Blüte stand und in dem man viele Spässe machte. Goethe belustigte sich darüber, wie Mayer die Professoren nachahmte. Auch Lenz steckte sich in die Possenjacke. Derbe Komik prägt Goethes Epistel an Gotter und Merck aus jener Zeit.

Aus Briefen des jungen Goethe an Merck und Herder erkennt man, dass der Humor dem mit sich und der Welt im Kampf liegenden Genie als Mittel dienen musste, um der Spannungen in seinem Gemüte Herr zu werden.

"Ohne Wein und ohne Weiber hol' der Teufel unsre Leiber", dichtete frisch, fröhlich, frei Goethe am 15.6.1775 in sein Reisetagebuch.

Aber in Straßburg lernte Goethe durch Herder auch die Dichtung als Welt- und Völkergabe kennen und mit ihr die Humoristen der Weltliteratur, wie etwa den englischen Satiriker Jonathan Swift, der zu Herders Lieblingsschriftstellern zählte und dessen Humor auch Goethe bewunderte. Den meisten Vertretern des Humors, denen der Dichter in der Straßburger Zeit begegnet war, hat er zeitlebens Treue, Anerkennung und Dankbarkeit bewahrt: Shakespeare, Cervantes, den französischen Vertreter des Humors, Hans Sachs und der nordischen Mythologie. Gerade an Shakespeares Humor hat sich Goethe geradezu berauscht. Die "Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers" liefert dafür ein Beispiel.

Nie war Goethe innerlich so empfänglich gewesen, den großen Humor auf sich einwirken zu lassen, wie in jener Zeit. Denn nach der eben überstandenen Krise war nun wieder neue Lebenslust in ihm wach geworden. Seine Freude am Witz wurzelte jetzt nicht mehr in blasierter Resignation und Anpassung an einen konventionellen Gesellschaftston, sondern im Überlegenheitsgefühl des Genies. Daraus entwickelten sich Satire und Pasquill, also Schmäh- und Spottschriften.

Dabei gewann Goethe aus dem Überlegenheitsgefühl des Genies und der Zwiespältigkeit seiner Natur mehr und mehr die Haltung eines echten Humoristen. Die derbe Lust am Dasein und Sosein jedes Vorhandenen habe Goethe, so Friedrich Gundolf, ausgetollt in Farcen. "Alles, was Goethe als Humorist oder als Satiriker schrieb, gehört hierher."

Der gleiche Ton klingt noch in der ersten Weimarer Zeit nach. Auch aus diesem Lebensabschnitt sind zahlreiche Anekdoten von lustigen Streichen und Verkleidungsszenen von Goethe und dem Herzog Carl August bekannt geworden.

Aber dann in den zehn Weimarer Ministerjahren, in denen sich Goethe durch Pflicht zur Entsagung durchringt, beanspruchen die Amtsgeschäfte einen großen Teil seiner Kraft und bestimmen auch sein Verhältnis zum Humor. Aus dem fröhlichen Originalgenie wird ein ernster Mann, der gewissenhaft seine Pflichten als Legationsrat erfüllt und sich an höfische Gemessenheit bindet, dessen innere Widersprüche durch Frau von Stein geglättet werden.

Außerdem haben der hohe Idealismus der klassischen Weltanschauung, der pathetische Vortrag dieser Gedankenwelt, die didaktische Absicht und die Bewusstheit der Kunstformung die Elemente humoristischer Dichtung aus den Tagen des Sturm und Drang zurücktreten lassen. Erst im Alter fand Goethe zu einer heiter-geselligen Haltung.

Wenn der Humor auch nicht als entscheidende Gesamthaltung bei Goethe auftritt, so liegt doch die Tendenz zum Humor und zwar zu einem vielseitigen Humor in seiner Persönlichkeit begründet, die auch in seinen Dichtungen mannigfaltig, wenn auch manchmal nur zwischen den Zeilen, sichtbar wird, zuweilen in Form von Komik, Satire, Spott, Parodie, Ironie und Witz, wie etwa im "Jahrmarktsfest", in der "Judenpredigt" und den "Mitschuldigen". Der Wirt in diesem Stück ist eine humoristische Gestalt, während Söller und Alceste einen zynischen Humor an den Tag legen. Es kommt zu mimischen Scherzen, Zeitanspielungen, Anreden an die Zuschauer, zu doppelsinnigen Gesprächen zwischen Sophie und Alceste. Aber die befreiende humoristische Wirkung bleibt aus. In den Werken vollendeter Klassik, in "Iphigenie", "Tasso", "Hermann und Dorothea" klingt der Humor in bejahenden, aber zarten Tönungen an. Heiter ist in "Iphigenie" in erster Linie Pylades. Die anderen ringen zu sehr um etwas, Orest um seine Gesundung, Thoas um den Besitz der Priesterin, Iphigenie um Humanität, die allerdings mit ihrem menschlichen Verstehen ein günstiger Nährboden für den Humor ist. Im "Tasso" kennen alle außer dem Titelhelden den Humor. In den "Römischen Elegien" herrscht die unbefangene Freude des heiteren Sinnenmenschen vor. Der "Götz" legt dagegen einen derben Humor an den Tag. An humoristischen Klängen fehlt es selbst bei "Werther" nicht, ebenso wenig in einer Reihe von Gedichten wie "Autoren", "Rezensent", "Legende" und in Balladen wie "Die Wandelnde Glocke", "Der getreue Eckart", "Der Totentanz". Diese beschwören zum Teil mit köstlicher Komik und barockem Humor Phantasiegestalten herauf. Hierzu gehören auch "Der Zauberlehrling" und "Das Hochzeitslied". Im ersteren wird der Gegensatz zwischen Meister und Lehrling ironisiert, während der Schlussvers des Hochzeitsliedes das Gedicht in den großen Zusammenhang der ewigen Wiederholung des Schicksalsablaufs jedes einzelnen rückt. Der Graf selber nimmt sein Unglück mit Humor. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an "Ritter Kurts Brautfahrt". Gerade die Balladen von 1813 bedeuten eine Flucht aus der tragischen Wirklichkeit in den Humor.

Selbst in seiner Rezension der "Alemannischen Gedichte" von Johann Peter Hebel waltet zeitweise ein ganz feiner Humor. Goethe gefiel es, wie Hebel die Leser mit Heiterkeit durchs Leben führt und eine neckische Sprachweise meistert. Im Grunde hat der Dichter den Humor, wo er sich in der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" äußert, nirgends abgelehnt.

Besonders die Reisebriefe Goethes schlagen einen humoristischen Ton an. In der "Italienischen Reise" schreibt Goethe von einem Mann, der mehrere "Polizeimissbräuche" "bescherzte", "mir zu tröstlichem Beweis, dass der Mensch noch immer Humor genug hat, sich über das Unabwendbare lustig zu machen."

In einigen Gedichten und Liedern wie "Frühlingsorakel", klingt nicht so sehr Humor, sondern eher fröhliche Heiterkeit durch. "Reineke Fuchs" wiederum ist, bei aller Lust am behaglichen Fabulieren, kein eigentlich humoristisches Werk. Bei den gemeinsam mit Friedrich Schiller verfassten "Xenien" erhebt sich die literarische Parodie nur selten zu unbefangener Fröhlichkeit wie in dem Gedicht "Musen und Grazien in der Mark", das sich gegen den Musenkalender des Pfarrers Schmidt von Werneuchen richtet und sich mit fröhlichem Lächeln über den satirischen Anlass erhebt. Auch die überlieferten Anekdoten bezeugen die sich verändernde Haltung des Dichters: Das beißende Witzwort überwiegt, die unbefangene Fröhlichkeit tritt zurück. Vor allem im "Faust" lässt sich der Wandel erkennen. Davon gleich mehr.

Anfang Januar 1774 geht die Satire "Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes", die eine Übersetzung des Neuen Testaments durch den Gießener Theologen K.F.Bahrdt verspottet in Druck. Hier wendet sich Goethe gegen die verwässernde, im Zeitgeschmack modernisierte Sprache und den platten Rationalismus von Bahrdts Bearbeitung des Neuen Testaments. Die vier Evangelisten besuchen in ihrer archaischen Gestalt mit ihrem Symboltieren ihren ehrfurchtslosen Verächter in seinem Studierzimmer, ergreifen jedoch die Flucht vor seinem Versuch, ihnen eine kraftlose Sprache, stutzerhafte Kleidung und Lebensart aufzuzwingen.

Im März desselben Jahres folgt die Satire "Götter, Helden und Wieland." Einige Monate darauf rühmt Wieland in einer souverän entwaffnenden Reaktion diese Farce als "Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witze". Wielands gelassene Reaktion und Goethes Versöhnungsbrief ebneten den Weg zur langjährigen Freundschaft der beiden Dichter.

1781 wird die Literatursatire "Das Neueste aus Plundersweilern" bei Anna Amalia aufgeführt. Im April 1785 sendet Goethe den Text für ein Singspiel mit dem Titel "Scherz, List und Rache" an seinen Freund P.Ch. Kayser zur Komposition. Doch fiel diese enttäuschend aus. Im April 1793 entsteht das Lustspiel "Der Bürgergeneral" und wird einen Monat später aufgeführt.

In den "Xenien" (Gastgeschenke) bedienten sich die beiden Dichter Goethe und Schiller, der treffsicheren Mittel unbekümmert frecher Satire, Parodie, Karikatur, Ironie und Witz. "Ein willkommenes Korrektiv zum herkömmlichen Bild der Klassik merkt Gero von Wilpert an. Der satirische Angriff der beiden Dichter galt der herrschenden kulturellen und literarischen Mittelmäßigkeit. "Wir haben", sagte Goethe zu Eckermann am 16.Dezember 1828, "viele Distichen gemeinschaftlich gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte die Verse, oft war das Umgekehrte der Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den anderen."

Beide glaubten, heißt es in den Anmerkungen der Hamburger Ausgabe von Goethes Werken, zwischen ihren großen Arbeiten einmal auch Satire bringen zu dürfen. Zu ihrer beider Natur gehörte auch Witz, gelegentliche Schärfe und ein Schuss Kampfesfreude in geistigen Dingen.

Resolut rechnet Goethe in einigen seiner späteren Gedichten ab mit Muckertum und Philistertum, zum Beispiel in "Stiftungslied", "Tischlied" und "Kriegsglück". Mit wahrem Galgenhumor ruft er in "Vanitas! Vanitatum vanitas" in die trübe Zeit und noch trübere Zukunft hinein : "Ich hab' mein Sach auf Nichts gestellt. Juchhe!" Erstaunlich tief und vielseitig ist der Humor im "Westöstlichen Divan". Goethes Humor kann aber auch bitter werden wie in "Wanderers Gemütsruhe". Im "Ewigen Juden" behandelt er Christus und im Buch Suleika die höchsten Offenbarungen mit Humor. Fröhlich und übermütig wirken wiederum Gedichte wie "Die Lustigen von Weimar" und "An Fanny Caspers".

In "Wilhelm Meisters theatralischer Sendung" ist der Held humorlos, ein unpraktischer Idealist, der das Leben nicht zu meistern vermag. Nur ein einziges Mal und zwar im 4.Kapitel des zweiten Buches ironisiert er selber seine frühere dramatische Produktion. Goethe als Autor wiederum verfolgt, mit Ironie und leisem Humor, Wilhelms von falschen Voraussetzungen ausgehendes Trachten und seine Irrwege, ähnlich wie Mephisto die von Faust. In beiden Werken, "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und "Faust", gehen Ernst und Heiterkeit, Tragik und Humor bis zum Ablauf der Geschehnisse nebeneinander her.

In "Wilhelm Meister" (1.Buch 6.Kapitel) lesen wir: "Wenn er vom besten Humor ist, mag er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich niedersetzt, ungern zuhört.."

Mephisto, Spötter und Verführer, vertritt den zynischen Humor und belächelt das Streben und die seelischen Qualen des liebenden und nach Unendlichkeit strebenden Faust. In "Auerbachs Keller" überwiegt die Freude am Sinnlich-Kräftigen der zechenden Studenten. Derb und burschikos äußert sich hier Goethes Humor. Von ganz anderer Art ist der Humor, mit dem Goethe Frau Marthe Schwerdtlein bedenkt. Da äußert sich die überlegene Freude des Dichters an den beschränkten bürgerlichen Zuständen. Nur Gretchen kennt den Humor nicht, um so wirkungsvoller ist der Kontrast zwischen ihr und Frau Marthe.

Die Szenen, in denen sich der Dichter mit dem Universitätsleben befasst, gehört in die Gruppe von Goethes satirisch-humoristischer Dichtung, ebenso seine Bemerkungen über den Dünkel der Aufklärung, über kalte Redekunst, die Kirche, die allein unrechtes Gut verdaut, die Darstellung Wagners, dem Typ des kleinen pedantischen Gelehrten. Der Dichter teilt Hiebe aus gegen Leidenschaften und Vorurteile, wobei auch das Heilige und Kirchliche nicht verschont werden. Viele werden mit feinem bis satirischem Humor belächelt, neben den Studenten die Handwerksburschen und Dienstmädchen, im zweiten Teil der Dichtung die Hofgesellschaft und die hohen Beamten. Über sie alle macht sich der Dichter lustig und lässt den Narr hier als den Gescheitesten auftreten. Im Prolog bekundet Gott von oben herab Freude am Schalk. Er hat sich zwar das Lachen abgewöhnt, ist aber nicht ohne Humor. Sein Gegenspieler Mephisto äußert sich über ihn und die Schöpfung humoristisch. Den lobpreisenden Erzengeln ist indes der Humor völlig fremd ebenso der Hauptperson. Diese ist der ernste Strebende und Sucher.

"Welch großartiger Gedanke", meint Borcherdt, "auch der Gottheit ein gütiges Lächeln und mildes Verstehen für das Wesen des Schalks anzudichten! Hier bahnt sich schon die heitere Erhabenheit des Geistes an, die für Goethes letzte Lebens- und Schaffensperiode charakteristisch ist."

Humor erfüllt auch die letzte Erdenszene im Faust, das burleske Nachspiel, für das der Titel "Der geprellte Teufel" wohl voll und ganz zutrifft. Im "Faust" begegnet uns der Humor mithin in allen Klangfarben und hält sich mit dem Ernst die Waage. Davon hat man früher freilich im Schulunterricht, sofern überhaupt Goethe und Faust noch vorkamen, nie gehört. Wohl kaum ein Lehrer dürfte darauf hingewiesen haben, dass der "Faust" voller komödiantischer Einfälle steckt. Darauf musste man schon selbst kommen.

In seinem letzten Lebensabschnitt entwickelte der Dichter eine heiter-gesellige Haltung, die eine Brücke zu den Menschen schlägt. So ist es wohl kein Wunder, dass viele gesellige Lieder - die meisten dichtete Goethe nach 1810 - dieser letzten Lebensperiode ihre Entstehung verdanken.

Auch etliche Anekdoten und Gespräche bezeugen die Freude an der Geselligkeit. Fröhliche Weinlaune herrscht in den Gedichten, in denen der Wein "Eilfer" gepriesen wird, sowie in den verschiedenen Erzählungen von seinen Geburtstagsfeiern. Da konnte Goethe sich dann ganz leicht und beschwingt geben. Das heitere Erlebnis mit Lili Parthey steht neben dem schmerzlichen mit Ulrike von Levetzow. Goethe parodierte auch die Gelehrsamkeit seines philologischen Freundes Friedrich August Wolf. An Stelle dröhnender Negation erfolgt jetzt ein leises sokratisches Lächeln, das sich selbst zwar verspottet, das sich aber des Eigenwertes der Persönlichkeit bewusst bleibt. Diese Haltung trennt die frühen humoristischen Gedichte von denen des "Divan" wie auch die Schülerszene des 1.Teils von der Baccalaureusszene des 2.Teils des Faust. Aus dem Überlegenheitsgefühl heraus werden jetzt die satirischen Gedichte zu fröhlich humoristischen Geschichten. Aber auch an der Groteske fand Goethe großen Gefallen.

Im 7.Buch von "Wahrheit und Dichtung" gibt sich Goethe Rechenschaft über seine Veranlagung zum Humoristen. Sie sei ganz entschieden in seiner Natur gelegen, bekennt er. Kurz lässt er sich hier auch über Satire und Kritik aus und nennt sie "Erbfeinde alles behaglichen Lebens und aller heiteren selbstgenügsamen, lebendigen Dichtkunst. Der Bürger werde "durch den Satiriker, der Autor durch den Kritiker gestört, und so die friedliche Gesellschaft in eine unangenehme Bewegung gesetzt."

Weiter gesteht er, dass seine ersten Stücke stets "mit einem tragischen Ende drohten", so dass er eins nach dem anderen fallen ließ bis auf die "Mitschuldigen". Diese seien das einzig fertig geworden Stück gewesen, dessen heiteres und burleskes Wesen auf düsterem Familienhintergrund auf dem deutschen Theater keinen Eingang finden konnte. "Über dem Ernst, der meine ersten Stücke verdüsterte, beging ich den Fehler, sehr günstige Motive zu versäumen."

Den Anteil des Humors an seinem dichterischen Lebenswerk beschreibt Goethe wie folgt: "Hätte ich aber solche Stoffe, die mir so nahe zur Hand lagen, ergriffen und ausgebildet, so wären meine ersten Arbeiten heiterer und brauchbarer gewesen." Und so spricht er, nachdem ihm offensichtlich der positive Wert des Humors bewusst geworden war, humoristischen Kühnheiten, mit Geist und Sinn auf das Theater gebracht, größte Wirkung zu und misst ihnen den größten Wert bei.

"Der liebe Gott hat die Nüsse geschickt, aber er hat sie nicht geknackt", hat Goethe einst in das Tagebuch eines Studenten geschrieben. Solches Nüsseknacken hat er selbst immer wieder versucht - in ersten und in heiteren Stunden.

Was hielt Goethe vom Humor bei anderen?

Vom Humor der Deutschen hielt Goethe nicht eben viel. Denn "dafür", nämlich für den Humor, hat der Deutsche, laut Goethe, "selten Sinn, weil ihn seine Philisterhaftigkeit jede Albernheit nur ästimieren lässt, die einen Schein von Empfindung oder Menschenverstand vor sich trägt."

In Kants Werken entdeckte Goethe eine schalkhafte Ironie, weil Kant auf der einen Seite den Leser mit aller Entschiedenheit zu etwas zu überzeugen suchte und dann wieder einfach seine Behauptungen bezweifelte. "Als ich die Kantische Lehre", schreibt er in 'Anschauende Urteilskraft', "wo nicht zu durchdringen doch möglichst zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, der köstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, indem er das Erkenntnisvermögen aufs engste einzuschränken bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem Seitenwink hinausdeutete."

Vom Humor eines Philippus Neri und eines Johann Georg Hamann hielt er dagegen große Stücke.

An den Tagen des 12. bis 16.November 1810 verzeichnet Goethe fast täglich:"Philippus Neri", "Leben des "Philippus Neri" und "Schluss von Philippus Neris Leben."

In dieser Zeit beschäftigte er sich ausgiebig mit Vorarbeiten für "Dichtung und Wahrheit", aber auch mit Vorarbeiten für seinen Aufsatz "Philipp Hackert", den er in Neapel besucht hatte. Er sammelte Materialien für die "Italienische Reise" und arbeitete sie aus. "Philipp Neri, der humoristische Heilige", lautet der Aufsatz, den er 1810 schrieb, der aber erst 1829 veröffentlicht wurde, nachdem der Dichter in den Monaten Mai bis Juli dieses Jahres erneut daran gearbeitet hatte. Offensichtlich ist Goethe während seiner italienischen Reise auf diesen Heiligen aufmerksam geworden, der sich zunächst ganz der Fürsorge für Arme und Kranke gewidmet und dafür einen großen Kreis Helfer mit herangezogen hat und erst spät unter dem Einfluss seines Beichtigers in den Priesterstand eingetreten ist und die praktische Seite der Caritas zu verwirklichen versucht hat. Später bot ihm der Papst die Kardinalswürde an, die er jedoch ablehnte. In ihm vereinigten sich, so schreibt Goethe, "die stärksten Gegensätze ... Materielles und Geistiges, Gewöhnliches und Unmögliches, Widerwärtiges und Entzückendes, Beschränktes und Grenzenloses." Das lasse in ihm "eine besondere auffällige Wesensnatur erkennen."

Wenn man Goethes autobiographischer Arbeit in dieser Zeit, um 1810 bis 1813, nachgeht, der "Italienischen Reise" sowie "Dichtung und Wahrheit", dann trifft man hier auf einen anderen "humoristischen" Heiligen, der zwar nicht im Priesterstand gelebt hat, aber doch - frei von bürgerlichen Amtspflichten beruflicher Art - eine Sonderstellung einnimmt: Johann Georg Hamann. An einer Stelle liest man, dass Hamann in seinen Briefen den Korrespondenten gegenüber "mehr ironisch als herzlich begegnete", und so habe er, Goethe, niemals danach verlangt, ihn persönlich kennenzulernen.

Dennoch sind ihm nie Zweifel an der Bedeutung Hamanns gekommen. Er hat sich darum auch bemüht, seine Schriften zwar nicht selbst herauszugeben, aber "bei einer Ausgabe derselben" mitzuwirken.

Nach Hamanns Tod 1788 schreibt er an Friedrich Heinrich Jacobi:"Hamanns Verlust ist hart, ich hatte nie gerechnet ihn zu sehn, seine geistige Gegenwart war mir immer nah."

"Dass Neri wie Hamann", meint Walter Brednow, "sich einem rationellen bürgerlichen Beruf nicht zuwenden wollten, mag man bei beiden 'Humoristen' als tertium comparationis verstehen. Aber prinzipiell ist es das Erlebnis einer gleichsam säkularisierten coincidentia oppositorum, und hier ist entscheidend, dass es keine coincidentia ist, die unter einer höheren, Gegensätze vereinigenden Idee steht, sondern eigentlich ein Auseinanderfallen eben gerade durch das Fehlen der einheitlichen, übergeordneten vereinigenden Idee, die den Charakter des 'Humoristischen' erweckt, das Sonderbar-Kauzige durch das Auseinanderfallen der opposita."

Auf den Einfluss Hamanns auf die deutsche Romantik gerade im Hinblick auf Humor und Satire ist übrigens schon von vielen Seiten aus hingewiesen worden.

Während Neri, der einerseits durch seine ekstatische Frömmigkeit charakterisiert ist, andererseits aber dem Papst als einer höchsten geistlichen Machtpersönlichkeit auf eine trutzig-kauzige Weise die Ehrung durch die Verleihung des Kardinalhutes ablehnt, und Goethe eine solche kauzige Widersprüchlichkeit für humoristisch und sonderbar hält, liegen bei Hamann in dessen Wesensart Goethe, laut Brednow, gleichfalls "humoristische" Elemente entdeckt, die Zusammenhänge etwas anders, aber wesentlich ähnlich, als der Verstand durch sein Überwiegen, durch seine allzu zugespitzten Kapriolen, seine artistischen Sprünge "desultorischer Art" ein Ungleichgewicht, eine Störung der charakterlichen Ausgewogenheit bewirkt. Eine Komik in unserem Sinne kann man aus Goethes Darlegungen jedenfalls nicht ablesen. Goethe habe, stellt Brednow fest, eine eigene Auffassung von Komik und Humor gehabt. Befand er doch, dass die harmonisierende Kraft zweier an sich einander widerstrebender Elemente zu einer schönen Einheit zu verbinden, dem "guten Humor" zuzuschreiben sei. Der "reine Humor", merkt Brednow an, sei selten und bei uns nicht auszumachen. Bei Goethe aber habe das Adjektiv "rein" die Bedeutung, die in der "reinen Menschlichkeit" und in der "ewig reinen Klarheit der Sonne" deutlich wird, nicht allein in polemischer Ablehnung der Newtonschen Farbenlehre, sondern auch im übertragenen Sinne.

Die heitere, schwerelose Gestimmtheit, sei es im Sinne einer olympischen Ruhe (Schiller), sei es in einem "Frieden", der höher ist als alle Vernunft (Schopenhauer) verdeutlichen den "seltenen reinen Humor", eine offenbar in der Zeit der Weimarer Klassik gefühlte und ausgesprochene Wesenhaftigkeit. Goethe erschien sogar die Natur humoristisch, wenn er sie in ihrer Widersprüchlichkeit betrachtete.

Da christlicher Heroismus in Goethes Augen Unnatur war, konnte nur der humoristische Heilige Philippus Neri als Naturwesen von ihm kanonisiert werden.

"Genau betrachtet", liest man in der 'Italienischen Reise'. "möchte man doch wohl gutheißen, dass es so viele Heilige gibt; nun kann jeder Gläubige den seinigen auslesen und, mit vollem Vertrauen, sich gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt. Heute war der Tag des meinigen, den ich andächtig-munter beging. Philippus Neri steht in hohem Ansehen und zugleich heiterm Andenken; man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und seiner Gottesfurcht vernimmt, zugleich aber hört man aber auch von seiner guten Laune viel erzählen!"

Wie urteilte Goethe über den Humor von Jean Paul und von anderen Persönlichkeiten?

Über den Humor hat sich Goethe zunächst über Jean Paul, der sich vor allem durch seine Romane "Hesperus" und Quintus Fixlein in die Herzen vieler Leser geschrieben hatte, auseinandergesetzt. Allerdings hat sich der Weimarer Dichterfürst nie zu der Bewusstseinshaltung eines Humoristen, die sich in der Freiheit des Subjekts und in der Skepsis gegenüber dem Objekt äußert, bekannt. Das trennt ihn von Jean Paul und anderen seiner Art. Die Voraussetzungen zur Entstehung ihres humoristischen Weltbildes treffen auf ihn nicht zu. Jean Paul, den viele für den größten Humoristen der deutschen Literatur halten, hat es so formuliert: "Der Humor als das umgekehrte Erhabene, vernichtet nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee."

Später lehnte Goethe den Humoristen Jean Paul schroff ab. Er sei das "personifizierte Alpdrücken der Zeit", befand er. Als Jean Paul von Oktober 1798 bis September 1800 in Weimar lebte, unternahmen Goethe und Schiller daher nichts, um ihn persönlich näher kennen zu lernen.

Goethe erhob gegen den Humor Einspruch, wo dieser die Form oder Geschlossenheit der Stimmung sprengte. Der Realist und Klassiker negierte die romantische Humorauffassung. Daher hat dann auch der Klassiker Goethe den romantischen Humor, wie er namentlich durch Jean Paul verkörpert wird, in seiner mittleren Lebenszeit lange abgelehnt. Erst später im Alter ist er Jean Paul wieder gerecht geworden.

Anders war dagegen Goethes Stellungnahme zu einem anderen sehr einflussreichen Humoristen des 18.Jahrhunderts, zu dem Engländer Lawrence Sterne (Pseudonym Yorik). Sein Humor, so Goethe, sei "unnachahmlich" und unvergleichlich, weil er stets bestrebt sei, voll Behagen mit Lachen die Wahrheit zu sagen.

"Merkwürdig ist noch hierbei, dass Yorik sich mehr in das Formlose neigt und Goldsmith ganz Form ist, der ich mich denn auch ergab, indessen die werten Deutschen sich überzeugt hatten, die Eigenschaft des wahren Humors sei das Formlose", schreibt Goethe an Zelter am 25.12.1829.

Goethes Vergleich zwischen Sterne und Oliver Goldsmith fiel zugunsten des letzteren aus. Jener neige mehr in das Formlose, meinte der Dichter, während Goldsmith ganz Form sei. Gleichwohl war für Goethe Yorik Sterne "der schönste Geist, der je gewirkt hat, wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele."

In der "Campagne in Frankreich 1792" liegt ein Zeugnis vor, das den Gegensatz der Deutschen zum Engländer aus der Wertherzeit beleuchtet. In Deutschland sei, so Goethe, die Wertherstimmung unter dem Einfluss Yorik-Sternes mächtig geworden, doch habe in Deutschland die zärtlich leidenschaftliche Askese in eine leidige Spielart ausarten müssen, "da uns die humoristische Ironie des Briten nicht gegeben war." An Sterne bewunderte Goethe ferner, dass sich dieser über Pedanterie und Philisterei emporgehoben habe. Niemand habe sie so trefflich eingesehen und mit solcher Heiterkeit geschildert wie Sterne. Jean Paul sei genau das Gegenteil, behauptete Goethe und machte ihm den Vorwurf, dass er sich mit Kleinigkeiten gequält und Wortklauberei getrieben habe. Aber gerade die Freude am Kleinen, so möchte man an dieser Stelle einwenden, das behagliche Verweilen bei den bescheidensten Daseinsformen gehört zum Humor. Goethe dagegen bewegte sich in seinen frühen Jahren noch in rastloser Tätigkeit, "als Stürmer und Dränger des Intellekts", als "kühner Sucher nach dem Weltgeheimnis." Karl Strecker ist der Auffassung, dass ihm deswegen der eigentliche, heimliche Kern der Humorerscheinung unverständlich geblieben sei.

Bei der näheren Erörterung von Shakespeares Welt sind es gerade ihre humoristischen Züge, bei denen er in "Dichtung und Wahrheit" länger verweilt. In den "Xenien" bekennt er: "Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber." Im Alter wurde Goethe Shakespeare gegenüber dann wieder zurückhaltender.

Unter den Humoristen des 16.Jahrhunderts, jener "herrlichen Epoche", die des jungen Goethe Anteil und Bewunderung erregte, bevorzugte er Rabelais und betrachtete ihn als einen seiner Freunde.

Am 26.November 1807 waren Goethe und Riemer bei Knebel. Sie "waren ganz munter und lustig." "In die letzte Stimmung setzten uns hauptsächlich des altdeutschen Fischarts Possen nach Rabelais, den wir lasen." So berichtete Knebel seiner Schwester Henriette. Ein ähnliches Verhältnis wie zu Rabelais hatte Goethe zu Cervantes. Seine Wertschätzung des Spaniers stammt aus der Zeit des Sturm und Drang. Aus dem Jahr 1805 erfahren wir, dass die Cervantesschen Novellen ihm Freude machten. 1985 begrüßte er den Gedanken der Kölner Freunde, "die Abenteuer des Don Quixote zur Fastnachts-Lust vorzuführen."

Der humoristische Zug machte ihm auch die nordische Mythologie "höchst lieb und bemerkenswert." Aus dem gleichen Interesse wandte er sich den indischen Fabeln zu.

Molière schätzte er ebenfalls über alle Maßen und räumte seinem Humor den gleichen Rang ein wie seiner Tragik. Menander wiederum war der einzige Grieche, den er Molière an die Seite setzte. Über E.T.Hoffmanns "Schriften zur Literatur" äußerte er sich wie folgt: "Dass eine gewisse humoristische Anmut aus der Verbindung des Unmöglichen mit dem Gemeinen, des Unerhörten mit dem Gewöhnlichen entspringen könne, davon hat der Verfasser der neuen Melusine ein Zeugnis zu geben getrachtet."

"Was Herdern betrifft, so schreibt sich das Übergewicht seines widersprechenden, bittern, bissigen Humors gewiss von seinem Übel und den daraus entspringenden Leiden her."

Auch Justus Möser, der sich in seiner Schrift "Harlekin oder Verteidigung des Grotesk-Komischen für den verbannten Hanswurst eingesetzt hatte, war er zugetan, nicht zuletzt wegen seines "so gründlichen als frohen" Humors.

Goethe bekannte ferner, dass von den Dichtern seines Lieblingsjahrhunderts, dem 16.Jahrhundert, in dem auch Götz und Faust ihre Wurzeln haben, ihm Hans Sachs am nächsten lag- nicht von ungefähr, war doch das Volkstümliche von jeher eine Stätte des Humors. Auch in der Mundartliteratur ist der Humor im reichen Maße vertreten. Goethe hat viel daraus geschöpft. Humoristische Balladen wie das "Hochzeitslied", der "Getreue Eckart" und der "Rattenfänger" gestalten Sagenstoffe. Für die Walpurgisnacht sind ebenfalls viele volkstümliche Verstellungen benutzt worden.

Seinen theoretischen Leitstern fand Goethe allerdings erst in Italien, in der Kunstansicht der Klassik. In der Beschreibung des römischen Karnevals glaubte Goethe das Muster objektiver Darstellungskunst geliefert zu haben.

Da Goethe zu der Auffassung gelangt war, das Klassische sei das Gesunde, das Romantische aber das Kranke, konnte er Kleists Humor im "Zerbrochenen Krug" nicht gerecht werden. Wo der Humor die Geschlossenheit der Form oder die Einheit der Stimmung gefährdete, da nahm Goethe eine ablehnende Haltung ein. Er meinte: "Ich spaßte wohl am Abend gerne. Wenn nur der Tag nicht so ernsthaft wär'".

Dagegen rühmte er den Humor der Kinder uneingeschränkt, nachzulesen im "Werther", der doch offensichtlich in vielem sein Alter Ego war:

"Ja, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie noch einmal nötig brauchen werden, wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz!-immer, immer wiedehol ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menschen: Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!"

Mehr noch als sein Verhältnis zum Humor ist Goethes Verhältnis zur Ironie starken Schwankungen unterworfen. Er lobt sie bei Sterne und Goldsmith und tadelt bei Rabener die allzu häufige "direkte Ironie..,welches rednerische Mittel nur höchst selten angewendet werden sollte. Obwohl aus Goethes Sprachgebrauch nicht immer klar hervorgeht, was er zu verschiedenen Zeiten als Ironie angesehen hat, "welche von ihrem zartesten Gipfel bis zu ihrer plattesten Base hundert Formen darbietet" (an Carl August am 5.10.1816) ist seine Ironie im Erzählwerk, besonders in "Wilhelm Meister" und in den "Wahlverwandtschaften", ein überaus dezentes Mittel, der Vieldeutigkeit des Lebens durch Gestaltung verschiedener Positionen und Aspekte gerecht zu werden. Sie wird deutlicher besonders in den Mephisto-Szenen des "Faust" und nähert sich im "West-östlichen Divan" leicht der romantischen Ironie an.

Die Nachwelt treibt Schabernack mit dem Dichterfürsten

Obwohl der junge Goethe selbst Parodien verfasste wie das Gedicht "An den Kuchenbäcker Händel", auf Clodius, die Anekdote zu den "Freuden des jungen Werther", auf F.Nikolai oder die Parodie von Friedrich Heinrich Jacobis empfindsamen Roman "Woldemar", die er im Kreise der Hofgesellschaft in Ettersburg zum Besten gegeben und damit eine einige Jahre währende Krise seiner Freundschaft mit Jacobi ausgelöst hatte , erklärte er sich später zum "Todfeind von allem Parodieren und Travestieren..,weil dieses garstige Gezücht das Schöne, Edle, Große herunterzieht. Was freilich nicht verhindert hat, dass Goethes Werke vom "Werther" bis zum "Faust" hier am häufigsten die Schülerszene - und nicht zu vergessen seine Balladen wie "Erlkönig", "Der Fischer", "Wanderers Nachtlied" und Mignons "Kennst du das Land.." bald selbst zur Zielscheibe von Parodien wurden.

Goethe ist wohl der am häufigsten parodierte Autor der deutschen Literaturgeschichte, wobei die Parodien auf sein Werk sehr unterschiedlich motiviert sein können: Der Parodist kann den ästhetischen Wert des Originals in Frage stellen und verlachen, oder er kann an die Mustergültigkeit des Originals anzuknüpfen versuchen, um in dessen "Windschatten" eine eigene vom Sinn der Vorlage unabhängige Botschaft zu formulieren. Er kann das parodistische Spiel mit dem Goethe-Original als intellektuelles Spiel mit Bildungswissen inszenieren, oder aber er kann das Spezifische der Rezeptionsgeschichte Goethes parodistisch ins Visier nehmen. Das Spannungsfeld reicht von Nicolais "Freuden des jungen Werther" über Vischers "Faust - der Tragödie dritter Theil" bis zu Kästners "Goethe-Derby".

Eckhart Henscheids "Lesebuch: Unser Goethe" enthält eine Fülle von Parodien auf den Dichterfürsten und seine Werke.

Hier einige Kostproben:

"Wie fatal! /
Im regal, /
Wo gestern /
Göthe stand, /
Schläft heute, /
Dieter Kunzelmann".

Ein Bild zeigt zwischendurch den Weimarer Dichter mit der typischen Loriot-Nase unter der Überschrift "Ein großer Deutscher".

Hier noch die Anfangszeilen einiger anderer Glossen:

Loriot:
"Sah ein Knab' ein Röslein stehn, /
War so schön im Morgenwind, /
Wie ein Elefantenkind.."

(Wendelin in Wum und Wendelin 1977)

"Wer wandert so spät durch Nacht und Wind?/
Ein Dichter mit seinem Musenkind./
Im Arm hält er das Manuskript, /
Sorgfältig hat er es abgetippt."

Oder:

"Wer wandert so spät /
Das ist der Wehner er reitet geschwind /
er hält einen Juso im linken Arm /
er hält ihn sicher dass Gott erbarm."

"Wer nie sein Brot im Bette aß /
Der weiß auch nicht, wie Krümel pieken"
(Volksmund 20.Jh-).

klassisch
Von Hermann Jandl
"das frauerl hat ihren hund /
der hund hat seinen stein /
die stein hat den goethe/
aber wen hast du" /
(aus leute, leute 1970) .

"Wenn die Menschheit einmal wirklich in ihrer Qual verstummt, /
und sich vor lauter verbaler Kommunikation und Soziolinguistik /
schon nichts mehr zu sagen hat, gibt ihr vielleicht ein Satyr, zu /
sagen, was sie leidet."
(aus: Peter Rühmkorf, Kein Apolloprogramm für Lyrik, 1975).

Bibliographie

Der Artikel erschien verkürzt unter dem Pseudonym Ruth Allenstein innerhalb der Serie "Die markierte Zeile" in der Fachzeitschrift für Literatur und Kunst "Der Literat", Juli/August 7/8/2004.


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