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Was hielt Goethe vom Humor bei anderen?

Vom Humor der Deutschen hielt Goethe nicht eben viel. Denn "dafür", nämlich für den Humor, hat der Deutsche, laut Goethe, "selten Sinn, weil ihn seine Philisterhaftigkeit jede Albernheit nur ästimieren lässt, die einen Schein von Empfindung oder Menschenverstand vor sich trägt."

In Kants Werken entdeckte Goethe eine schalkhafte Ironie, weil Kant auf der einen Seite den Leser mit aller Entschiedenheit zu etwas zu überzeugen suchte und dann wieder einfach seine Behauptungen bezweifelte. "Als ich die Kantische Lehre", schreibt er in 'Anschauende Urteilskraft', "wo nicht zu durchdringen doch möglichst zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, der köstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, indem er das Erkenntnisvermögen aufs engste einzuschränken bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem Seitenwink hinausdeutete."

Vom Humor eines Philippus Neri und eines Johann Georg Hamann hielt er dagegen große Stücke.

An den Tagen des 12. bis 16.November 1810 verzeichnet Goethe fast täglich:"Philippus Neri", "Leben des "Philippus Neri" und "Schluss von Philippus Neris Leben."

In dieser Zeit beschäftigte er sich ausgiebig mit Vorarbeiten für "Dichtung und Wahrheit", aber auch mit Vorarbeiten für seinen Aufsatz "Philipp Hackert", den er in Neapel besucht hatte. Er sammelte Materialien für die "Italienische Reise" und arbeitete sie aus. "Philipp Neri, der humoristische Heilige", lautet der Aufsatz, den er 1810 schrieb, der aber erst 1829 veröffentlicht wurde, nachdem der Dichter in den Monaten Mai bis Juli dieses Jahres erneut daran gearbeitet hatte. Offensichtlich ist Goethe während seiner italienischen Reise auf diesen Heiligen aufmerksam geworden, der sich zunächst ganz der Fürsorge für Arme und Kranke gewidmet und dafür einen großen Kreis Helfer mit herangezogen hat und erst spät unter dem Einfluss seines Beichtigers in den Priesterstand eingetreten ist und die praktische Seite der Caritas zu verwirklichen versucht hat. Später bot ihm der Papst die Kardinalswürde an, die er jedoch ablehnte. In ihm vereinigten sich, so schreibt Goethe, "die stärksten Gegensätze ... Materielles und Geistiges, Gewöhnliches und Unmögliches, Widerwärtiges und Entzückendes, Beschränktes und Grenzenloses." Das lasse in ihm "eine besondere auffällige Wesensnatur erkennen."

Wenn man Goethes autobiographischer Arbeit in dieser Zeit, um 1810 bis 1813, nachgeht, der "Italienischen Reise" sowie "Dichtung und Wahrheit", dann trifft man hier auf einen anderen "humoristischen" Heiligen, der zwar nicht im Priesterstand gelebt hat, aber doch - frei von bürgerlichen Amtspflichten beruflicher Art - eine Sonderstellung einnimmt: Johann Georg Hamann. An einer Stelle liest man, dass Hamann in seinen Briefen den Korrespondenten gegenüber "mehr ironisch als herzlich begegnete", und so habe er, Goethe, niemals danach verlangt, ihn persönlich kennenzulernen.

Dennoch sind ihm nie Zweifel an der Bedeutung Hamanns gekommen. Er hat sich darum auch bemüht, seine Schriften zwar nicht selbst herauszugeben, aber "bei einer Ausgabe derselben" mitzuwirken.

Nach Hamanns Tod 1788 schreibt er an Friedrich Heinrich Jacobi:"Hamanns Verlust ist hart, ich hatte nie gerechnet ihn zu sehn, seine geistige Gegenwart war mir immer nah."

"Dass Neri wie Hamann", meint Walter Brednow, "sich einem rationellen bürgerlichen Beruf nicht zuwenden wollten, mag man bei beiden 'Humoristen' als tertium comparationis verstehen. Aber prinzipiell ist es das Erlebnis einer gleichsam säkularisierten coincidentia oppositorum, und hier ist entscheidend, dass es keine coincidentia ist, die unter einer höheren, Gegensätze vereinigenden Idee steht, sondern eigentlich ein Auseinanderfallen eben gerade durch das Fehlen der einheitlichen, übergeordneten vereinigenden Idee, die den Charakter des 'Humoristischen' erweckt, das Sonderbar-Kauzige durch das Auseinanderfallen der opposita."

Auf den Einfluss Hamanns auf die deutsche Romantik gerade im Hinblick auf Humor und Satire ist übrigens schon von vielen Seiten aus hingewiesen worden.

Während Neri, der einerseits durch seine ekstatische Frömmigkeit charakterisiert ist, andererseits aber dem Papst als einer höchsten geistlichen Machtpersönlichkeit auf eine trutzig-kauzige Weise die Ehrung durch die Verleihung des Kardinalhutes ablehnt, und Goethe eine solche kauzige Widersprüchlichkeit für humoristisch und sonderbar hält, liegen bei Hamann in dessen Wesensart Goethe, laut Brednow, gleichfalls "humoristische" Elemente entdeckt, die Zusammenhänge etwas anders, aber wesentlich ähnlich, als der Verstand durch sein Überwiegen, durch seine allzu zugespitzten Kapriolen, seine artistischen Sprünge "desultorischer Art" ein Ungleichgewicht, eine Störung der charakterlichen Ausgewogenheit bewirkt. Eine Komik in unserem Sinne kann man aus Goethes Darlegungen jedenfalls nicht ablesen. Goethe habe, stellt Brednow fest, eine eigene Auffassung von Komik und Humor gehabt. Befand er doch, dass die harmonisierende Kraft zweier an sich einander widerstrebender Elemente zu einer schönen Einheit zu verbinden, dem "guten Humor" zuzuschreiben sei. Der "reine Humor", merkt Brednow an, sei selten und bei uns nicht auszumachen. Bei Goethe aber habe das Adjektiv "rein" die Bedeutung, die in der "reinen Menschlichkeit" und in der "ewig reinen Klarheit der Sonne" deutlich wird, nicht allein in polemischer Ablehnung der Newtonschen Farbenlehre, sondern auch im übertragenen Sinne.

Die heitere, schwerelose Gestimmtheit, sei es im Sinne einer olympischen Ruhe (Schiller), sei es in einem "Frieden", der höher ist als alle Vernunft (Schopenhauer) verdeutlichen den "seltenen reinen Humor", eine offenbar in der Zeit der Weimarer Klassik gefühlte und ausgesprochene Wesenhaftigkeit. Goethe erschien sogar die Natur humoristisch, wenn er sie in ihrer Widersprüchlichkeit betrachtete.

Da christlicher Heroismus in Goethes Augen Unnatur war, konnte nur der humoristische Heilige Philippus Neri als Naturwesen von ihm kanonisiert werden.

"Genau betrachtet", liest man in der 'Italienischen Reise'. "möchte man doch wohl gutheißen, dass es so viele Heilige gibt; nun kann jeder Gläubige den seinigen auslesen und, mit vollem Vertrauen, sich gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt. Heute war der Tag des meinigen, den ich andächtig-munter beging. Philippus Neri steht in hohem Ansehen und zugleich heiterm Andenken; man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und seiner Gottesfurcht vernimmt, zugleich aber hört man aber auch von seiner guten Laune viel erzählen!"


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