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Wie aber hielt es Goethe mit dem Humor?

Zugegeben, auf den ersten Blick war Humor nicht gerade Goethes Stärke. "Bei seinem Namen stehen", schreibt Hans Heinrich Borcherdt in "Humor bei Goethe", "vor allem die Werke ernsten Gepräges vom 'Götz von Berlichingen' und 'Faust' über die Erziehungsromane bis hin zu seinen Liedern herab vor unseren Augen." In seinem Weltbild sei für die freie Fantasie, die spielerische Laune und Willkür des Humoristen wenig Platz gewesen. Sah Goethe doch in der Haltung des Humoristen dasselbe willkürliche Spiel, das die Romantiker auf allen Gebieten trieben. Sie ließen es, seiner Meinung nach, an Ehrfurcht vor dem Seienden fehlen.

In den meisten Biografien wird Goethe als ernster Mann porträtiert, der es mit dem Leben nicht leicht nahm und den "der Menschheit ganzer Jammer" nicht unberührt ließ. Am 27. Januar 1824 soll er zu Eckermann geäußert haben: ".. auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentlichen Behagens gehabt habe. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuen gehoben sein wollte."

Gleichwohl war Goethe ein tiefer und reicher Humor zu eigen, und auch wenn er nicht gerade als Humorist im Bewusstsein nachfolgender Generationen bis heute fortlebt - beim jungen Goethe denkt man an den Himmelsstürmer, beim erwachsenen Mann an den Verkünder des Humanitätsideals und beim alten Dichter an den Sänger der Entsagung -, so neigte er doch zu humoristischen Lebensbetrachtungen und konnte über die Ungereimtheiten der Welt herzhaft lachen.

Während seines ganzen Lebens begleitete ihn der Humor, zwar nicht ständig, aber er brach doch immer wieder von Zeit zu Zeit hervor. Am kräftigsten sprudelte er während der Sturm- und Drangzeit. Zur Zeit der Klassik trat er zurück, ohne sich ganz zu verlieren. Im Alter war er wieder vorhanden. Wie hätte Goethe auch sonst die Stimmungen ertragen können, die ihn veranlassten, um nicht zu sagen, zwangen, Werther, Tasso, Faust und die Marienbader Elegie zu dichten, wenn er im Leben und in der Kunst nicht den Humor als Gegengewicht besessen hätte?

Seinen Humor kann man vor allem zwischen den Zeilen lesen. Als Unterströmung schwingt er in vielen seiner Texte mit. Das gilt auch, wie Hans Heinrich Borcherdt darlegt, für Gottfried Keller und Eduard Mörike. Sie alle hatten nicht die Haltung reiner Humoristen. Humor war für sie nicht das entscheidende Gesamtgefühl, das ihr Weltbild gestaltete und nach einer humoristischen Form verlangte. Aber sie hatten mehr Humor als sie ihre Gestalten in Dichtungen aussprechen ließen. Erst ihre persönlichsten Äußerungen, das lyrische Gedicht und das überlieferte Witzwort, können diese Seite ihres Wesens erschließen und eine humoristische Weltsicht bezeugen. Wer sich zu lebensbejahender Anerkennung der Wirklichkeit durchgerungen hat, der verfügt auch über eine reine Heiterkeit des Herzens, die es ihm ermöglicht, humoristische Gestalten zu schaffen, wie etwa die des Mephisto im Faust. Denn Goethes Humor besteht ebenso wenig wie der von Keller in Selbstzersetzung, sondern in der schalkhaften Beleuchtung bestimmter Augenblickssituationen.


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