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Hat das Jiddische sein letztes Wort noch nicht gesprochen?

Jiddische Sprache und jiddische Literatur ohne Basis

Beim Stichwort Jiddisch denkt man an eine untergegangene Welt und an melancholische Lieder und daran, dass die jiddische Sprache mit dem Vergessenwerden zu kämpfen hat.

Denn durch den Mord der Nazis an sechs Millionen Juden verloren die jiddische Sprache und die jiddische Literatur ihre Basis. Während sich vor dem Holocaust etwa elf bis zwölf Millionen Menschen der jiddischen Sprache bedienten, war diese nach 1945 aus dem europäischen Sprachraum nahezu verschwunden, da die ermordeten Juden überwiegend aus Osteuropa stammten und mit Jiddisch als Muttersprache aufgewachsen waren. Nicht von ungefähr legte der sowjetisch-jiddische Schriftsteller David Bergelson (1884-1952) einem Überlebenden die wehmütigen Worte in den Mund: "Sonst sterben einem Volk die Dichter, mir aber ist mein Volk weggestorben." (Bergelson selbst fiel, zusammen mit anderen jüdischen Dichtern und Intellektuellen, den stalinistischen "Säuberungsaktionen" zum Opfer.)

Nach dem Ende des Nazi-Regimes lebte das Jiddische nur noch in kleinen, von orthodoxen Juden gebildeten Enklaven weiter - in Israel, in Osteuropa, in den USA und in Südamerika - oft mehr schlecht als recht. In Osteuropa war die jiddische Sprache nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fast überall verboten, und in Israel war sie als "Ghettosprache" lange verpönt. Da man im israelischen Staat von Anfang an eine Antithese zum jüdischen Exil gesehen und das Jiddische vielfach mit Ghetto, Verfolgung, Gewalt und Unterdrückung gleichgesetzt hatte, sollte mit dem Exil auch die dazugehörige Sprache überwunden werden.

"Ich kenne keine zwei Sprachen, die einander so fern sind wie Jiddisch und Hebräisch, als gehörten sie zwei Völkern", lässt der 1920 in Polen geborene israelische Schriftsteller Aaron Megged(er kam im Alter von fünf Jahre in das damalige Palästina) den Ich-Erzähler Zwi Abel in seinem Roman "Fojglman" sagen. Erst der Eichmann-Prozess hat die Israelis gegen die Mameloschen, die Muttersprache der osteuropäischen Juden, milder gestimmt. (Máme-Lóschen von hebr.laschón-Zunge, Sprache).

In Enklaven und Zeitungen lebte das Jiddische lange fort

Größere jiddisch sprechende Gemeinden gab es jedoch weiterhin in den südamerikanischen Ländern, besonders in Argentinien, Brasilien und Uruguay, in Städten wie Montreal und Buenos Aires. Hier lebte die von den Einwanderern ins Land gebrachte jiddische Kultur zwar noch, schien allerdings auch hier im Niedergang begriffen. "Trotz weltweiter Aufmerksamkeit ist das Jiddische als Sprache zum Untergang verurteilt" behauptete einmal die am 16.Mai 2002 im Alter von 90 Jahren in St.Gallen verstorbene und aus Galizien stammende Publizistin Salcia Landmann.

In New York sprachen ebenfalls nur noch die Alten der Einwanderer jiddisch, während ihre Kinder und Enkel die englische Sprache oder den amerikanischen Slang bevorzugten. Dagegen waren die jiddischen Zeitungen in Amerika zunächst besser dran als in anderen Ländern. Denn die Zeitung, das gedruckte Wort, gehört, wie man in der jiddischen Kultur allgemein glaubte, zu den zehn Dingen, die bereits vor der Erschaffung der Welt geschaffen worden waren.

Dennoch haben sich die meisten dieser Zeitungen, in denen jiddische Schriftsteller häufig ihre neuesten Texte präsentierten, nicht lange gehalten. Schon in den zwanziger Jahren zirkulierte in der Neuen Welt der traurige Witz über den Verleger einer jiddischen "New Yorker Zeitung", dessen Redaktion auf der Eastside im jüdischen Viertel liegt. Als er vom Fenster aus einen Trauerzug vorbeidefilieren sieht, ruft er seinem Setzer zu: "Chaim! Druck ein Exemplar weniger!"

Bekannt wurde vor allem die sozialistische Zeitung "Forverts" als Organ osteuropäischer Juden in Amerika. Sie war lange Zeit die Tageszeitung mit der höchsten Auflage unter allen nichtenglischen Zeitungen der USA. Gegründet hat sie 1897 Abraham Cahan (die erste Ausgabe erschien am 22.4.1897 und kostete einen Cent). Da die meisten Einwanderer nur schlecht oder gar kein Englisch sprachen, wurde der "Forverts" in jiddisch gedruckt. Neben politischen Einschätzungen gab die Zeitung Einwanderern praktische Anleitungen, um sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. In ihr hatte bis 1917 Philipp Scheidemann (1865-1939) eine regelmäßige Kolumne, während Isaac B.Singer (1904-1991) in dieser Zeitung fast alle seine Werke als Vorabdruck auf jiddisch veröffentlichte. Die Leser sollten mit jedem Kapitel neugierig auf den Fortgang der Geschichte werden, damit sie die nächste Ausgabe auch kauften. Aber es war Singers und des Jiddischen tragisches Geschick, dass seine Werke bald fast nur noch in Übersetzungen gelesen werden konnten.

In den zwanziger Jahren lag die Zahl der verkauften Exemplare bei rund 280.000 täglich. "Forverts" sollte ein Blatt für den einfachen Menschen sein. Eine Anekdote verdeutlicht die Intention der Herausgeber. Eines Tages kommt ein junger Universitätsabsolvent in Cahans Büro, um einen Artikel zu verkaufen. Cahan ruft daraufhin seine Sekretärin, händigt ihr das Manuskript aus und sagt: "Geben Sie das dem Liftboy, wenn er es versteht, drucken wir's ab."

Seit 1983 erscheint der "Forverts", der bis dahin gleichzeitig als "Jewish Daily Forward" herauskam, nur noch als Wochenzeitung. Seit Dezember 1995 gibt es auch einen russischen "Vorwärts!" mit 4.000 Auflage. Überleben kann die Zeitung freilich nur, weil dem Verlag auch eine Talk-Radio-Station gehört (WEVD, Mittelwelle 1050), die Gewinn macht, mit dem die Verluste der Zeitung ausgeglichen werden können.

Auch in Frankreich erschienen etliche jiddische Zeitungen. Doch mit der Ausgabe vom 28.Juni 1996 hat sich die in Paris erscheinende Zeitung "Unzer Wort" als letzte jiddische Tageszeitung der Welt, 48 Jahre nach ihrer Gründung, von ihren Lesern verabschiedet, da nur noch wenige von der in alle Welt versprengten Gemeinschaft lebten, denen diese Mischung aus Mittelhochdeutsch, slawischen Lehnwörtern und Hebräisch Muttersprache war.

Seit 1947 hatte die von Marc Jarblum und Israel Jefroykin als Sprachrohr der "Jidds" gegründete Zeitung "Unzer Wort" sowohl über die Weltpolitik informiert als auch über das Geschehen in der jüdischen Gemeinde. Zuletzt produzierte die dreiköpfige Redaktion nur noch drei Ausgaben pro Woche. Begonnen hatte man mit sechs Ausgaben pro Woche.

Jacques Cypel, der letzte Chefredakteur, Herausgeber und Verleger des Blättchens, meinte, Zionismus und die ständige Erinnerung an die Schoa ließen sich heute nicht mehr verkaufen, schon gar nicht auf jiddisch. Zynisch kommentierte Cypel den Untergang seiner Zeitung: "Die in den Gaskammern Verschwundenen waren unsere Leser und die Menschen, die Majdanek, Buchenwald, Ravensbrück, Auschwitz und andere Höllen überlebt haben. Die Generationen im Osten, die jiddisch sprachen, liegen heute zu 85 Prozent auf dem Friedhof, und jetzt folgt ihnen eben ihre Zeitung nach". Das Sterben der jiddischen Kultur und Sprache vollzog sich langsam, aber offensichtlich unaufhaltsam. Nicht nur die Leser - zwei- bis dreitausend mögen es zum Schluss noch gewesen sein - sterben aus, sagte Cypel, "auch Autoren, die das Jiddische in Wort und Schrift perfekt beherrschen."

Doch blieb Jiddisch in gewisser Weise noch ein Verkehrsidiom, das Antwerpener Diamantenhändler, Russland-Emiganten aus der Wiener Lepoldstadt und jüdische Pensionisten aus Brooklyn oder Tel Aviv miteinander kommunizieren ließ.

Im Nachkriegseuropa gab es, laut Julius H.Schoeps (FAZ vom 22.3.1991) zunächst kaum jemand, der größeres Interesse entwickelt hätte, die wenigen noch vorhandenen Zeugnisse jener durch den Holocaust zerstörten Kultur des osteuropäischen Judentums systematisch zu sammeln. Was nicht durch den Holocaust vernichtet wurde, fiel der Politik des Sowjetsystems zum Opfer, die mit der als rückständig geltenden Schtetl Kultur nichts anfangen konnte. Wer heute durch Litauen oder das einstige Galizien reist, Orte besucht mit den früher so klangvollen Namen wie Wilna, Lemberg, Przemysl oder Brody, sucht vergeblich nach Spuren der osteuropäisch-jüdischen Kultur, die bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dort lebendig war und in hoher Blüte stand.

In den Köpfen von Nichtjuden löst das Schtetl heutzutage zumeist Assoziationen folkloristischer Natur aus, die kaum noch etwas mit der einstigen Wirklichkeit zu tun haben.

"Wenn die deutschen Intellektuellen die 'Sinnkrise' packt," schrieb Peter Dittmar im August 1992 anlässlich einer Ausstellung in der Tagszeitung "Die Welt", "entdecken sie das Ostjudentum. Das war zu Beginn des Ersten Weltkrieges so, als die assimilationsgeneigten Westjuden, die das Ostjudentum als ein mittelalterliches Relikt missachteten, in den von der deutschen Armee besetzten russischen Gebieten plötzlich eine neue Welt selbstbewusster jüdischer Frömmigkeit als Realität erlebten. Das geschah zwischen den Kriegen, als das Moskauer Habima-Thater mit dem 'Dybbuk' von An-Ski Triumphe feierte, man die zuwandernden Ostjuden aber wenig schätzte. Und das wiederholt sich heute mit der Sentimentalisierung im Stile von 'Tewje'. Die Wirklichkeit der Juden in Russland vor und nach der 'Oktoberrevolution' wurde davon nicht erfasst."

Man bemüht sich wieder um jiddische Sprache und Literatur

Bis vor kurzem sah es ganz so aus, als ob Jiddisch, dieser Schmelztiegel aus mittelhochdeutschen, hebräischen und slawischen Sprachelementen mit seiner "wilden Grammatik", dem unvermeidlichen Untergang geweiht sei. Abgesehen von den Jeschivot, den Lehrhäusern für höhere Bibelwissenschaften, namentlich in Belgien und England, wo auf jiddisch gefachsimpelt wird, schien eine tausend Jahre alte Kultur fast erloschen.

Seit einiger Zeit bemüht man sich jedoch an vielen Orten, die jiddische Sprache und die jiddische Literatur vor dem Vergessen zu bewahren. An israelischen, amerikanischen und europäischen Universitäten und Sprachinstituten wird neuerdings Jiddisch gelehrt und erforscht. Das Oxford Institute for Yiddisch Studies bemüht sich sogar, dem Jiddischen als Volkssprache außerhalb der Akademien Gehör zu verschaffen. An der Ehrenrettung der jiddischen Sprache und der ostjüdischen Welt im Spiegel ihrer Literatur beteiligen sich auch Verleger und Literaten und gaben in den letzten Jahren alte und neue Veröffentlichungen aus dem jiddischen Sprachkreis heraus. Mittlerweile liegen sogar "Max und Moritz", der "Struwwelpeter", Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz", Brechts "Dreigroschenoper" und George Orwells "Farm der Tiere" auf jiddisch vor.

Zudem weiß man heute, dass das Jiddische zu Unrecht als bloße Dialektik verachtet, als verderbtes Deutsch verspottet und als Mauscheln oder Kauderwelsch verlacht wurde. Schuld daran war das Verdikt, dass das Jiddische eine Mischsprache sei. Inzwischen hat man dieses Urteil revidiert, nachdem man erkannt hat, dass viele unserer Kultursprachen Mischsprachen sind und dass gerade in der jiddischen Sprache ein großer Reichtum steckt.

Das Festhalten am Jiddischen und an seinem Kulturleben, das sich auf diese Sprache gründet, darf auch als Reaktion auf den alleinigen Geltungsanspruch der modernen hebräischen Staatssprache in Israel, des Iwrit, angesehen werden.

Viele der seit dem Zusammenbruch des Osten bei uns aus Russland, den Baltischen Staaten und der Ukraine eingewanderten Juden haben in ihrer Kindheit noch die jiddische Sprache mitbekommen. Sie können sich daher zum Beispiel mit älteren Berliner Synagogenbesuchern noch auf Jiddisch unterhalten. Auch hilft ihnen die jiddische Sprache, sich im Deutschen relativ rasch zurechtzufinden. Werden mithin Pessimisten, die unmittelbar nach dem Ende der Nazidiktatur zu dem Schluss kamen, dass die jiddische Sprache tot sei, nicht Recht behalten? Oder wird die Welle der Begeisterung für das Jiddische eines Tages verebben, und werden dann die Orthodoxen in Israel und New York, wie Salcia Landmann vermutet hatte, das Jiddische über kurz oder lang wieder aufgeben?

So viel ist wohl richtig, dass Reichtum und Schönheit einer Sprache, in der vor dem Zweiten Weltkrieg elf Millionen Menschen redeten, stritten, liebten und hofften, heute in erster Linie zwischen Buchdeckeln fortlebt: "Mir wern gehasst un getribn, mir wern geplogt und varfolgt, un alz nor derfar, weil wir liebn dos orime, schmachtnde volk" - "Wir werden gehasst und getrieben, wir werden geplagt und verfolgt, und alles nur, weil wir lieben das arme! das leidende Volk."

Gegenwärtig gibt es sechs Lehrstühle für Jiddistik. Zwei in Israel - an der Hebräischen Universität in Jerusalem und der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan -, zwei in den Vereinigten Staaten - an der Harvard University in Cambridge(Mass.) und der Indiana University in Indianapolis - sowie zwei in Deutschland - an der Universität Trier und seit 1996 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. An dieser Universität wurde der Lehrstuhl "Jiddische Kultur, Literatur und Sprache" mit der niederländischen Hochschullehrerin Marion Aptroot besetzt. (Sie stammt aus Den Haag und war von 1988 bis 1991 Redakteurin für Buchrezensionen in der Zeitschrift "Yiddisch".) An der Universität Trier existiert ein Lehrstuhl für Jiddisch schon seit 1970 im Rahmen des Fachs Germanistik in Forschung und Lehre. 1985 wurde Jiddistik mit der Gründung einer eigenen Abteilung innerhalb der Germanistik institutionell verankert, und zum Wintersemester wurde dann auch eine Professur hierfür eingerichtet. In Göttingen wurde dagegen ein Arbeitskreis für Jiddische Sprache und Kultur an der Universität ins Leben gerufen. Aber auch an vielen anderen Universitäten und Volkshochschulen in Deutschland gibt es mittlerweile Jiddischkurse. Um den weit verstreuten Jiddisten ein Forum zu bieten, haben die Jiddisch-Abteilungen in Düsseldorf und Trier beschlossen, einmal im Jahr ein Symposium zu veranstalten, auf dem Studierende und Lehrende ihre Ideen austauschen, ihre Projekte vorstellen und Fragen zur Diskussion stellen können.

Wer will, kann sogar im Internet Jiddisch lernen. Der Düsseldorfer Förderverein für Jiddische Sprache und Kultur hat's möglich gemacht. Unter der Url "www.jiddischkurs.org" hört man Originaltöne, sieht Bilder, Interviewtexte, Übersetzungen und erhält Erklärungen, um die Gespräche mitsamt ihres kulturellen, historischen und zeitgeschichtlichen Rahmens besser zu verstehen.

Was aber treibt junge Studenten an, jiddisch zu lernen? Selten ist, so war von einem Göttinger Dozenten zu erfahren, die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Zeit dafür ein Motiv. Eher könne man von einem Modetrend sprechen. Allerdings hebe die

Beschäftigung mit jiddischer Kultur auch ihr Verschwinden aus Deutschland ins Bewusstsein. Manche wollten damit eine Wissenslücke stopfen und schrieben ihre Examensarbeit über die jiddische Sprache, um später als Lehrer oder Lehrerin ihren Schülern Jiddisch beibringen zu können. In Göttingen haben sich für das Jahr 2002 rund 80 Studenten für die Kurse eingeschrieben, an der Universität Düsseldorf sind es etwa hundert Studenten, darunter auch ältere Semester. Sie alle lernen nun, dass die jüdische Kultur ein wichtiger Bestandteil der europäischen ist. Denn wenn man sich mit der jiddischen Sprache beschäftigt, stößt man unweigerlich auf Namen von jüdischen Riten und Festtagen wie Laubhüttenfest oder Pessach und erfährt dabei eine Menge Details über jüdische Kultur und Religion. Zugleich werden alte Klischees und Feindbilder begraben.

In Trier und in Düsseldorf sind die meisten Studenten ebenfalls über die Germanistik und das Interesse an Sprache zur Jiddistik gekommen. Diese ist in der Tat ein spannendes Fach, das viele, noch unerforschte Bereiche bietet. Immer noch finden sich jiddische Manuskripte, in die seit vielen hundert Jahren keiner mehr reingeschaut hat.

Amerikanische Germanistikstudenten entdecken gleichfalls, dass sie sich durch das Erlernen der jiddischen Sprache den Eintritt zu einer einzigartigen Literatur verschaffen können. Dabei geht es auch ihnen nicht um eine jiddische Nostalgie. Denn die Geschichte der jiddischen Kultur war alles andere als eine Idylle, in der, wie etwa auf den Bildern des aus Witebsk stammenden Malers Marc Chagall, Liebespaare in blühenden Bäumen schweben. Handelt es sich doch hierbei um die Geschichte von Menschen, denen es nicht beschieden war, Staatsmänner zu werden oder den Großen ihrer Kultur Monumente zu errichten. Alles, was sie tun konnten, war, Bücher zu schreiben. Die Kenntnis dieser Bücher werden nun seit geraumer Zeit durch Übersetzungen, Tonbandkassetten, Vorträge und Kurse verbreitet.

Was die jungen "Jiddisten" aber am meisten an der Literatur fasziniert, die sie sich zu retten vorgenommen haben, ist die Kraft, die sie ausstrahlt, obwohl sie buchstäblich aus Machtlosigkeit entstand. "Eine Generation, die sich unfähig fühlt, Kernwaffen zu kontrollieren", sagt der Jiddist Aaron Lansky, von dem gleich noch weiter die Rede sein wird, "kann von dieser Literatur der Außenseiter nur lernen."

Nun verleihen die verschiedenen Fakultäten der jiddischen Sprache zwar ein akademisches Fundament, nicht aber die Möglichkeit, als zeitgenössische, moderne Fremdsprache in Umlauf zu geraten. Von der EU kürzlich als "Minderheitensprache" anerkannt, ist Jiddisch heute die einzige Sprache im EU-Raum, die nicht durch nationale Grenzen definiert ist, gleichzeitig aber sprachlich homogenen Gruppen angehört.

Ursprünglich war die verstärkte Anstrengung, das Jiddische vor dem Vergessen zu bewahren, der Sorge um das Schicksal jiddisch-literarischer Errungenschaften der Vorkriegsjahre entsprungen. Heute profiliert sich das Jiddische als Sprachrohr mehr und mehr für eine neue Generation von jiddischen Schriftstellern. Damit besteht gute Aussicht, dass das Jiddische aus seiner Lähmung befreit wird und dass man es nicht ausschließlich jenes akademische Leben fristen lässt, zu dem Latein und Altgriechisch verdammt sind.

Zudem wird dem Jiddischen Aktualität und praktischer Nutzen bescheinigt. So stellte der "Weltverband für die Erhaltung und Verbreitung jiddischer Kultur" auf einem Kongress in Jerusalem fest, das Jiddische sei geeignet, die Bindungen zwischen Israel und der Diaspora aufrechtzuerhalten und das Verständnis der jungen Israelis für die jüdische Geschichte zu schärfen.

Gegenwärtig sprechen nach vagen Schätzungen noch vier bis fünf Millionen Menschen die jiddische Sprache, die meisten von ihnen als Zweitsprache. Sogar in der Diaspora nimmt die Zahl derer wieder zu, die jiddisch sprechen und schreiben.

Ingeborg-Liane Schack behauptet sogar schon im Jahr 1977, Jiddisch sei noch immer "die meistgesprochene jüdische Sprache bis zum heutigen Tag."

Begonnen hatte die Renaissance des Jiddischen wie ein Märchen. Sigrid Bauschinger berichtete davon in der Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine" vom v.5.4.1986: Es war einmal ein Student namens Aaron Lansky im Jahr 1980 in der kanadischen Stadt Montreal, der wollte die Geschichte der Juden in Osteuropa studieren. Aber er fand keine Bücher darüber. In seiner Verzweiflung klopfte er an die Türen der Juden und fragte, ob sie keine Bücher hätten, die in der jiddischen Sprache geschrieben seien. Doch fast alle hatten diese weggeworfen. Die über 30.000 jiddischen Titel, die zwischen 1880 und 1940 vor allem in den osteuropäischen Ländern erschienen und von zehn Millionen Menschen gelesen worden waren, deren erste oder einzige Sprache Jiddisch war, waren allem Anschein nach nicht mehr aufzutreiben. Doch der Student gab er nicht auf, sondern richtete nun seine Bitte an alle jüdischen Zeitungen. Nach vier Wochen hatte er bereits 3000 Bücher, nach fünf Jahren 400.000. So nahm das "National Yiddish Book Center" in einer alten Fabrikhalle seinen Anfang, die sich das Center zunächst sich mit einem Weber, einem Töpfer und einer Verkäuferin von Ziegenmilch teilen musste. Doch bald umfasste das Lagerhaus "die größte Sammlung jiddischer Bücher in der Welt und in der Geschichte der jiddischen Literatur".

Was aber sind jiddische Sprache und jiddische Literatur?

Jiddisch ist - so viel ist sicher - sehr viel mehr als nur ein humorvoller Dialekt und verfügt nicht nur über einige sentimentale Redewendungen. Für orthodoxe Juden erfüllte diese Sprache eine wichtige Funktion sowohl in der alltäglichen Kommunikation als auch in den Bereichen der religiösen Unterweisung. Grenzüberschreitend bewahrte sie den Common Sense des Ostjudentums.

Das Jiddische, das von rechts nach links geschrieben wird, setzt sich aus Deutsch, Hebräisch, Aramäisch und mehreren slawischen Dialekten zusammen. Es ist keine Mundart, sondern eine Volkssprache, eine Misch- oder Komponentensprache, die seit tausend Jahren im Gebrauch war und von der jüdisch-aschkenasischen Bevölkerung von Holland bis zur Ukraine und von Lettland bis zur Türkei gesprochen wurde. Jiddisch ist eine wahre Fundgrube für Sprachforscher und Historiker und eine vielschichtige und fortbildungsfähige Sprache, von der behauptet wird: "Jiddisch spricht man nicht, jiddisch redt sich." Eine Ahnung von der Eigenart dieser Sprache vermittelt auch folgende Anekdote: "Da sitzen zwei Juden, was reden jiddisch.. Man redet nicht, man schweigt. Plötzlich macht der eine:"Aaaah!". Darauf bemerkt der andere:" Du erzählst mir..?" Eine Unterhaltung auf jiddisch ist ein "Schmus" mit Andeutungen und Symbolen.

Jiddisch besitzt nicht nur eigene Redewendungen, Metaphern und Euphemismen, sondern auch einen charakteristischen sprachlichen Witz und poetischen Expressionismus, die die Väter der jiddischen Literatur - Isaak Leib Peretz(1851-1915), der klassische jiddische Erzähler Mendele Mocher Sforim(geboren als Schalom Jakob Abramowicz 1835 in Kopyl/Weißrussland, gestorben 1917 in Odessa) und Scholem Rabinowicz alias Scholem Alejchem (1859-1917), alle drei wirkten im späten 19.und 20.Jahrhundert - berühmt und beliebt gemacht haben.

Man sagt dem Jiddischen die reichste Entwicklung und die umfangreichste eigene Literatur nach. Denn so wie die Sprache so ist auch die jiddische Literatur: bunt und vielfältig.

Singer lobte 1978 in seiner Nobelpreisrede, die er demonstrativ auf jiddisch hielt, also in der Sprache des Exils, die Magie und den sanften Humor, den unprätentiösen, aber sophistischen Scharfsinn, die Lebenslust wie den Überlebenswillen einer ehemals boomenden Literatur." Und er sagte außerdem: "Jiddisch hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen. Es hält Schätze bereit, die der Welt noch nicht zu Augen gelangt sind. Es war die Sprache von Märtyrern und Heiligen, von Träumern und Meistern der Kabbala - reich an Humor und Erinnerungen, die das Menschengeschlecht nicht vergessen darf. Im übertragenen Sinne ist Jiddisch die weise und bescheidene Sprache von uns allen, die Sprache der furchtsamen und hoffenden Menschheit." Auch der noch in Czernowitz lebende einzige jiddische Schriftsteller Josef Burg (er wurde 1912 in Wischnitz/Bukowina geboren und verbrachte seine Jugend in Czernowitz) sieht durchaus hoffnungsvoll in die Zukunft und verkündet:"Jiddisch lebt. Es erscheinen jiddische Bücher, es gibt jiddische Schriftsteller, eine junge Generation. Eine Zeitschrift erscheint in New York, die heißt 'Jugendruf'. Auf jiddisch heißt sie auch so...In Weißrussland, in Moldawien sind Schulen eröffnet worden. Jiddisch wird wieder gelernt..,so dass Jiddisch weitergehen wird. Und ich bin überzeugt, dass eine Sprache, die eine Literatur geschaffen hat, die zur Weltliteratur gehört, nicht so leicht verschwinden kann."

Das Interesse junger Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, die in Potsdam, Düsseldorf, Trier oder Hamburg Jiddisch studieren oder zumindest lernen, sieht Josef Burg nicht mit Befremden, sondern mit Freude und Genugtuung. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und gibt die "Czernowitzer Blätter" heraus. Diese sind die einzige jiddische Zeitung, die heute in der Ukraine im Umlauf ist.

Der unausgesprochenen Frage, warum er nicht ausgewandert sei, begegnet Burg so: "Der Pruth spricht mit mir jiddisch. Die Häuser auch. Die Wälder sprechen und singen zu mir jiddisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Donau jiddisch spricht."

Wie hat sich die jiddische Sprache entwickelt?

Die jiddische Sprache, verbreitete sich zunächst in deutschsprachigen Gebieten und galt als Westjiddisch. Dabei unterscheidet man zwischen Altjiddisch, Mitteljiddisch und Neujiddisch. Das Jiddische hat sich aus dem Mittelhochdeutschen zu einer eigenwilligen und eigenständigen Sprache entwickelt, parallel etwa zum Holländischen. Es hat verschiedene Sprachelemente in sich aufgenommen und wurde so zum Ausdruck einer selbständigen Kultur, die jahrhundertelang vom christlichen Kulturraum ausgeschlossen war. Diese Sprachentwicklung war möglich, weil Juden geschlossene Gruppen bildeten. Andere Dialekte hingegen nivellierte der Einfluss des Hochdeutschen seit dem 16.Jahrhundert. Das Jiddische wurde dagegen zu einer selbständigen, vom Deutschen klar unterscheidbaren Sprache, dessen Schriftbild dem hebräischen Alphabet folgte.

Das Jiddische, ursprünglich Judendeutsch genannt, entstand in der Diaspora im Mittelalter, als die Juden von kirchlichen und weltlichen Instanzen immer erbarmungsloser diskriminiert, ausgegrenzt, in Ghettos zusammengepfercht und von Kreuzfahrern hingemordet wurden. Vorher hatten Juden die allgemein üblichen deutschen Mundarten gesprochen. Nun wurde das Jiddische als Produkt von Verfolgung und Exilierung bald zur privaten Sprache der Juden, die im Ghetto eigene Wege zu gehen begann. Sie reicherte sich mit zahlreichen hebräischen Elementen aus Ritus und Kultus an. Die Anfänge des Jiddischen liegen im Westen, im Elsass, am Oberrhein, von wo es sich ausgebreitet hat - als grenzüberschreitende Sprache neben dem Latein, nicht aus dem Geist der Geistlichkeit, sondern aus dem Geist des Volkes, die sich auch schon früh literarisch bewährte und, neben dem Hebräischen, eine schriftliche Tradition entwickelte.

Der Name der Sprache "Jiddisch" ist erstmals 1598 belegt. Im Deutschen ist diese Bezeichnung seit der letzten Jahrhundertwende gebräuchlich und hat die Benennungen Judendeutsch", "Jüdisch-Deutsche" und das unzutreffende "Jargon" verdrängt. Für Juden selbst bot das liebevoll als Mamme-Loschn (Muttersprache) bezeichnete Jiddisch jedoch ein wichtiges Mittel zur Stärkung der Gruppenidentität. Man konnte sich verständigen, meist ohne von der feindseligen Umgebung verstanden zu werden. So schufen sich Juden, da sie kein geographisches Territorium hatten, mit dem Jiddischen eine linguistische Heimat und pflegten drei Sprachen, hebräisch für Gebet und

Gelehrsamkeit, jiddisch für den Alltag und die Volksliteratur sowie deutsch oder einen lokalen Dialekt für den Umgang mit der nichtjüdischen Umwelt. Hebräisch bildete die Sprache der Gelehrten. Sie war die heilige Sprache, die loschen kojdesch, wie sie auf jiddisch heißt. Jiddisch war hingegen die Sprache des einfachen Volkes.

In der voraufklärerischen Zeit galt das Hebräische ausschließlich als eine von Gott empfangene Sprache, in der "die Tora gegeben und die Welt erschaffen ist." In dieser Epoche ging es vor allem um die Frage, wie diese Sprache vermittelt werden müsste, damit sie von breiten Schichten der Gesellschaft richtig gelesen und verstanden werden konnte, wenn sie die Tora studieren oder die Gebete rezitieren. In der Zeit der Haskala sollte sie die Sprache der Juden werden, so wie das Englische die Sprache der Engländer, das Französische die Sprache der Franzosen ist, nämlich die Sprache der Nation. Allerdings gelang es nicht, das Hebräische zu der Sprache der jüdischen Nation fortzuentwickeln.

Im Mittelalter, als die Juden in Europa im Ghetto lebten, mussten junge Mädchen zwar lesen und schreiben lernen, aber nur in Ausnahmefällen führte man sie an das Studium des Talmud heran. Ihre Kenntnisse der hebräischen Sprache waren daher gering. Während die Männer im Mittelalter in der Synagoge Hebräisch lernten, war dies den Frauen untersagt. Sie sprachen jiddisch und deutsch. Deshalb waren die ersten auf jiddisch verfassten Bücher für Frauen geschrieben. So entstand das Klischee, die alte jiddische Literatur sei nur für das weibliche Geschlecht bestimmt gewesen. Wäre dies tatsächlich der Fall gewesen, dann hätten diese Bücher schwerlich zum Entstehen einer Literatur in der Volkssprache beitragen können. Da diese Literatur nicht nur ausschließlichen religiösen Charakter hatte, drangen jetzt auch weltliche Belange und Unterhaltungen in die jüdische Gemeinde ein. Denn unmittelbar nach der Erfindung der Buchdruckerkunst setzte auch bei Juden eine Riesenflut von Publikationen in jiddischer Sprache ein.

Mit ihr entstand das jiddische Volkslied. Die frühesten dieser Lieder weisen auf Vorbilder der Troubadour- und Minnesängerzeit hin. Das weltliche jiddische Lied wurde von Handwerksburschen, Fuhrleuten, Schneidern und Dienstmädchen gesungen.

Die im 13.Jahrhundert in deutscher Versfassung erschienenen Sagen aus der Artussage verbreiteten sich im 14.Jahrhundert auf jiddisch in Form von Reimpaaren, wobei alle frommen christlichen Elemente getilgt wurden. Stattdessen traten häusliche Themen, Familie und Gattenliebe in den Vordergrund. Obwohl gelehrte Juden diese rein unterhaltende Literatur mit Geringschätzung betrachteten, erschien der Sagenkreis um König Artus in zahlreichen jiddischen Versionen.

Auch Gedichte über Dietrich von Bern und Meister Hildebrand und "Narrenliteratur", wie "Schildbürger" und "Till Eulenspiegel", kommen auf jiddisch vor.

Der Begriff "jiddisch" gelangte allerdings erst auf dem Umweg über Amerika nach Deutschland, behauptet Lutz-W.Wolff in seinem Vorwort zu Leo Rostens "Jiddisch. Eine kleine Enzyklopädie." "Bis zum Ende des 19.Jahrhunderts wurde die Sprache der aschkenasischen, also der mittel- und osteuropäischen Juden als "Jüdisch-Deutsch", "Iwre-Deutsch" und "Judendeutsch" bezeichnet. Er habe das "barocke Judendeutsch" erlernt, berichtet Goethe in "Dichtung und Wahrheit." Noch die frühe kaufmännische Korrespondenz der Rothschilds war auf "Judendeutsch"geführt, in hebräischer Schrift von rechts nach links, die kaum ein Nichtjude lesen konnte.

Das älteste jiddische Sprachdokument findet sich in einem Wormser Gebetbuch aus dem Jahr 1272. Es handelt sich um einen Segenswunsch: gut Tak im betage/se war dis machsor in beß hakkeneß trage! "Ein guter Tag sei dem beschieden, der dies Gebetbuch in die Synagoge trägt." Ein weiterer aus dem Jahr 1382 datierter Text in jiddischer Sprache ist das Fragment von "Gudrun- und Hildelied auf jiddisch". Es wurde 1890 in der Kairoer Genisa gefunden, jenem Raum bei der Synagoge, in dem vor allem beschädigte oder unleserlich gewordene Thorarollen, aber auch hebräisch geschriebene Korrespondenz oder Kopien aufbewahrt wurden. 1534 wurde in Krakau eine jiddisch kommentierte Enzyklopädie schwieriger Bibelstellen veröffentlicht, 1544 eine Thoraübersetzung, und aus dem 16.Jahrhundert sind Midrasch-Epen bekannt geworden.

Bildung, Gottvertrauen und Leid waren bis in das Mittelalter die Grundlage des Lebens und somit auch der Folklore.

Das Jiddische ging später in das Rotwelsch von Dieben und in die Gauner- und Bettlersprache ein mit Ausdrücken wie Kassiber, Pleite, Schmiere, Kaff, Schickse, aber auch in die Mundart von Viehhändlern und in die gesamte deutsche Sprache mit Wörtern und Wendungen, deren jiddische Herkunft oft längst vergessen ist, wie mies, kesse Biene, Fratze, schofel, Ölgötze, baldowern (aushorchen), beschummeln, mauscheln, Kaff, meschugge, Schlemasel (Tölpel), Chuzpe (Frechheit), Masel (Glück) und tacheles reden.

Vor 1750 hatte sich das Westjiddische über die deutsch- und niederländischsprachigen Länder, aber auch über Gebiete anderer Sprachen erstreckt. Um 1750 war die Sprachbildung dann abgeschlossen. Mitte des 18.Jahrhunderts ließen die Aufklärung und die daraus resultierenden Assimilationsbestrebungen die jiddische Sprache und die traditionellen Werte zurücktreten. Das Westjiddische wurde, bis auf geringe Reste, wie dem Gailinger oder Surbtaler Jiddisch etwa, zugunsten des Hochdeutschen aufgegeben.

Zur Zeit der Aufklärung begann mithin das Jiddische als Umgangssprache der deutschen Juden zu verblassen. Um 1830 wurde es nur noch von Armen, Handwerkern und der ländlichen jüdischen Bevölkerung gesprochen, während Gebildetere, das waren in erster Linie Juden, die in den Städten wohnten, mit der jiddischen Sprache nichts mehr zu schaffen haben wollten, zumal sich auch "aufgeklärte" Beamte darum bemühten, das wegen seiner Flexibilität, seines Improvisationstalents, wegen seiner wilden, scheinbar allen Regeln spottenden Grammatik verpönte Jiddisch abzuschaffen und Juden zur Erlernung des Hochdeutschen anzuleiten.

Als die Emanzipation auf der Tagesordnung stand, schrieb man 1785 in Metz einen Wettbewerb aus zum Thema "Gibt es Mittel und Wege, um die Juden in Frankreich glücklicher und nützlicher zu machen?" Offensichtlich setzte man voraus, dass Juden damals weder nützlich noch glücklich waren. Abbé Gregoire glaubte, dass man auf diese Weise das Jiddische, "diesen teusch-hebräisch-rabbinischen Jargon" auszumerzen könne, mit dem die deutschen Juden angeblich nur ihre Unwissenheit oder ihre Betrügereien bemäntelten. "Im Namen der politischen Ruhe und der Ausbreitung der Aufklärung", erklärte der Geistliche, "möge sich die Vernichtung der Mundarten durchsetzen."

Aber nicht nur die deutsche Aufklärung, auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, stand dem Jiddischen feindlich gegenüber. Allerdings schrieben die Maskilim(Aufklärer) weiterhin, um sich verständlich zu machen, in der verachteten Volkssprache und erreichten damit nur das Gegenteil, nämlich die Begeisterung der Massen für die jiddische Sprache.

Im Verlauf der frühen Neuzeit erhielt die jiddische Sprache dann doch noch zunächst eine immer gewichtigere Rolle. Im Verlauf des 17. und frühen 18.Jahrhunderts erlangte sie als Schrift- und Unterrichtssprache sogar einen neuen Status, selbst in verschiedenen Gemeinden, und erfreute sich als Kommunikationssprache wachsender Beliebtheit, da die Hebräischkenntnisse der meisten Juden ständig geringer geworden waren. Lange Zeit hatte man die hebräischen Gebete ohne Verständnis hergeleiert. Nun zu Beginn der Neuzeit konnte man sie nicht einmal mehr lesen. Dabei hat die jiddische Sprache nicht nur als Schriftsprache im 17. und 18.Jahrhundert kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, sondern zugleich auch eine langsame Angleichung an das zeitgenössische Deutsche vollzogen.

Erstmalig konnten Bücher in verhältnismäßig großen Auflagen auf den Markt gebracht werden, die halachische, mystische und philosophische Schriften, die bisher im Besitz einer kleinen Elite waren, einem weiteren Lesepublikum zugänglich machten. Geschichtswerke und klassische hebräische Unterweisungsliteratur erschienen in jiddischen Übersetzungen.

Gleichwohl klingt das Westjiddische allmählich aus, denn mit der fortschreitenden Befreiung der Juden aus dem Ghettoleben im 19.Jahrhundert und dem Beginn ihrer bürgerlichen Gleichstellung hatte es immer mehr an Bedeutung verloren. Nicht wenige Juden - vor allem Gelehrte, Ärzte und Hofjuden -, die in einen engeren Kontakt zur christlichen Umwelt getreten waren, beherrschten schon früh die deutsche Sprache in Wort und Schrift. Deutsch zu sprechen und zu schreiben war nämlich gerade für Juden wichtig, die sich assimilieren wollten. Zur Zeit der europäischen und jüdischen Aufklärung, der Haskala, galt der jüdische Dialekt in den Augen der Aufklärer als minderwertig und wurde in die Nähe der Gaunersprache gerückt.

Allerdings ist die jiddische Sprache niemals völlig verdrängt worden. Sie blieb in Resten des Landjudentums bestehen und wurde später von ostjüdischen Einwanderern wieder mit in den Westen gebracht. Zudem begannen im 19.Jahrhundert die Wissenschaftler des Judentums - Isaak Jost, Moritz Güdeman und Matthias Mieses sind in diesem Zusammenhang zu nennen - die jiddische Sprache als wesentlichen Faktor jüdischer Kultur zu verstehen. Anfang des 20.Jahrhunderts wurde es unter Sympathisanten des Zionismus sogar Mode, jiddische Ausdrücke zu verwenden, wie die Briefe von Betty Scholem an ihren Sohn Gershom belegen.

Kurz vor der Zerstörung des deutschen Judentums entdeckten viele seiner prominentesten Vertreter, wie etwa Arnold Zweig, Franz Kafka, Alfred Döblin, Franz Rosenzweig, Gershom Scholem und Walter Benjamin, die Welt des osteuropäischen Judentums und seiner jiddischen Kultur. Manche von ihnen versuchten sogar - wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg -, sie zu erlernen.

Nach 1945 begegnen wir bei ostjüdischen Überlebenden, den sogenannten Displaced Persons, erneut jener jiddischen und teilweise auch hebräischen Kultur, die immer wieder die deutsch-jüdische Geschichte mitgeformt hat. Denn Jahrhunderte lang war für Juden im deutschen Raum die Mehrsprachigkeit von entscheidender Bedeutung gewesen. Die Sprache der Herkunft signalisierte Zugehörigkeit, die erworbene Sprache verhieß Aufstieg. Seit dem 18.Jahrhundert stand das Judentum dann im Kraftfeld dreier Sprachen: des Jiddischen, der Sprache der Herkunft, die im Ghetto und im Schtetl gesprochen wurde, des Hebräischen, der Sprache der geheiligten Überlieferung von Talmud und Tora, des Deutschen, dessen Beherrschung ein Zeichen der Assimilation wurde.

Der deutsch-jüdische Historiker Heinrich Graetz freilich nannte das Jiddische eine halbtierische Sprache und weigerte sich, seine "Geschichte der Juden"ins Jiddische übersetzen zu lassen. Wenn sich der jüdische Philosoph Salomon Maimon bei Diskussionen erregte, dann fiel er unbeherrscht in das Jiddische zurück, das er in seinen jungen Jahren in Polen gesprochen hatte. Die meisten assimilierten Juden hatten für den "Mischmasch" wenig übrig. Für Theodor Herzl war das Jiddische eine "Ghetto-Sprache", die sich die Juden abgewöhnen sollten. Schon der im allgemeinen kontrolliert-logisch denkende jüdische Aufklärer und Philosoph Moses Mendelssohn hielt wie seine christlichen Zeitgenossen das Jiddische für einen Jargon, für ein Zeichen schlechter Bildung, und nannte es ein "Kauderwelsch"und schlechtes Deutsch. "Ich fürchte", schrieb er 1782, "dieser Jargon hat nicht wenig zur Unsittlichkeit des gemeinen Mannes beigetragen, und verspreche mir sehr gute Wirkung von dem unter meinen Brüdern seit einiger Zeit aufkommenden Gebrauch der reinen deutschen Mundart." Sieht man das psychologisch, so mag man eine Andeutung von Selbsthass oder einfach von Scham in Mendelssohns eigenartigen Überlegungen entdecken; deutet man sie ideologisch, so zeigt sich, ähnlich wie in den ersten Jahren des Staates Israel: Die alte Sprache repräsentierte für ihn die Vergangenheit, die überwunden werden musste, da sie vermeintlich das genaue Gegenteil jener Kultur war, an der man von nun an teilnehmen wollte.

Der Förderung des Gebrauchs der reinen deutschen Mundart sollte Mendelssohns Pentateuch-Übersetzung dienen. Er ließ sie in der Hoffnung drucken, dass sie in den Schulen eingeführt würde und solcherart das Jiddische verdrängte. Da ein mit deutschen Buchstaben gedrucktes Buch damals in keine jüdische Schule Eingang gefunden hätte, gab er den deutschen Text in hebräischen Buchstaben wieder.

Der Widerstand vieler gelehrter Zeitgenossen gegen Mendelssohns Bibelübersetzung war nicht zuletzt deswegen so weitreichend, weil für viele die Öffnung zum Deutschen hin gleichbedeutend war mit dem ersten Schritt zur Auflösung, Aufgabe der traditionellen Werte, für deren Erhaltung man bislang Verfolgung und Ausschließung erduldet hatte.

Viele Juden übernahmen Mendelssohns abfälliges Urteil über das Jiddische. Sie wurden blind gegenüber der Schönheit ihrer Muttersprache und merkten nicht einmal, wie weit sie sich seit der Renaissance verändert und entwickelt hatte. Nicht wenige kehrten gleichzeitig mit der jiddischen Sprache auch allen jüdischen Werten den Rücken.

Für Juden als Individuen bedeutete der Eintritt in die europäische Kultur, dass sie Hebräisch und Jiddisch aufgeben mussten. Der Ersatz des Hebräischen durch andere Sprachen und des Jiddischen durch die "reine" Sprache des Landes wurde eine der Hauptparolen der jüdischen wie der nichtjüdischen Aufklärer.

Wie das Ostjiddische entstand

Ein bedeutsamer Einschnitt in der Entwicklung der jiddischen Sprache war die durch die Pogrome der Kreuzzüge ausgelöste Wanderung der Juden in den slawischen Osten. Eine zweite massenhafte Einwanderungswelle von Juden nach Polen und Litauen erfolgte im 14.Jahrhundert, zur Zeit der Pest, für dessen Ausbruch man die Juden verantwortlich gemacht hatte. Viele Aschkenasim (Juden aus dem deutschen Sprachraum) zogen während der Kreuzzüge und Verfolgungen im Mittelalter nach Osteuropa, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden. Die früheren Dialekte und Sprichwörter ihrer Heimat wurden indessen weiter gepflegt. Daher finden sich in der jiddischen Sprache Osteuropas Überreste des Schwäbischen, Alemannischen und Fränkischen, ja man kann sagen, dass die jiddische Sprache zu 70 bis 80 Prozent auf dem süddeutschen Dialekt ehemaliger Landjuden beruht.

In der klassischen Umgebung des Jiddischen, dem Schtetl Osteuropas, war sie reine Alltagssprache. Das Hebräische blieb auch hier die geschriebene Sprache des Glaubens und Aramäisch die Gelehrtensprache. Im slawischen Osten wirkte der politische Druck, besonders in Russland auf die Sprache konservierend.

Seit dem 13.Jahrhundert bringt das Jiddische "die Kraft und Farbe des mittelalterlichen Deutsch mit dem scholastischen Scharfsinn der talmudischen Fachsprache und der Gefühlsweichheit der slawischen Idiome faszinierend zur Synthese", behauptete einmal Salcia Landmann.

In Osteuropa verwandelte sich der mitleiderweckende Armeleutejargon aus dem Judenghetto sehr rasch in eine blühende Sprache von ungewöhnlicher Spannweite. Sie behielt die Farbigkeit des mittelalterlichen Deutsch, saugte die Weichheit des Gemütes auf, was besonders der jiddischen Liedfolklore zugute kam, erbte zugleich aus der Talmudschulung der männlichen Jugend eine unerhörte intellektuelle Prägnanz und Schärfe. Auch für komplexe geistige Probleme brauchten Ostjuden nicht auf neuhochdeutsche Begriffe zurückzugreifen. Als der spätere deutsche Politiker Carlo Schmidt als junger Soldat im Ersten Weltkrieg ein ostjüdisches Haus betrat, stellte er ganz begeistert fest:"Das ist ja unser altes Nibelungendeutsch." Das stimmte allerdings nur noch teilweise. Das neuzeitliche Jiddisch, das längst Geist und Seele des Ostjudentums ausstrahlte, wurde seit dem Ende des 17.Jahrhunderts in verschiedenen Dialekten in den polnischen, russischen und litauischen Gemeinden gesprochen.

Während die meisten nichtpolnischen Juden in den anderen Ländern deren Sprache annahmen, hielten die polnischen Juden am Gebrauch der deutschen Sprache fest , auch wenn es ihnen zunächst verhältnismäßig gut ging. So bildete sich die eigentliche jiddische Sprache heraus, ohne dass man sagen könnte, ob diese Einzigartigkeit ihrem massiven zahlenmäßigen Anteil, der kulturellen Überlegenheit ihrer Herkunftsländer oder dem gestiegenen Selbstbewusstsein zu verdanken ist. Ganz bestimmt handelte es sich dabei um eine Verknüpfung der drei Faktoren, doch richtete diese Besonderheit noch eine zusätzliche Schranke zwischen den Juden und ihren christlichen Nachbarn auf. Achtzig Prozent aller polnischen Juden gaben Jiddisch als ihre Muttersprache an.

Auch später im 19.Jahrhundert interessierten sie sich nicht für die Literatur der Slawen, sondern lasen neuhochdeutsche Klassiker.

Im Ersten Weltkrieg wollte das deutsche Militär die Versorgung der russischen Armen mit Hilfe jüdischer Lieferanten und Mittelsmänner sabotieren. Ludendorff veröffentlichte in ähnlicher Absicht seinen berühmten Aufruf auf jiddisch: "Zi meine libe Jidden in Poiln" (An meine lieben Juden in Polen). Festzuhalten aber ist, dass während das Westjiddische unterging, sich das in Russland, Polen, Rumänien und Litauen verbreitete Ostjiddische mit seinen jeweiligen Dialekten erhalten hat und seit dem 19.Jahrhundert der einzige Repräsentant der jiddischen Sprache ist. Es gewann sowohl als Verkehrssprache als auch als Literatursprache an Bedeutung. Wenn wir heute von Jiddisch reden, meinen wir in erster Linie die Sprache des untergegangenen osteuropäischen Judentums. Diese Sprache ist ebenfalls ein seltsames Gemisch aus Mittelhochdeutsch, Hebräisch, Provenzialisch und verschiedenen slawischen Einflüssen, eine Sprache voller Kraft und Vitalität, voller Witz, eine anarchische Sprache, die nicht nur ein Kommunikationsmittel war und ist, sondern auch Ausdruck einer Geisteshaltung und letztes Echo einer aufregenden Kultur, die sich vor allem über ihre Literatur erhalten hat. Die jiddische Sprache setzt sich jedoch nicht nur aus vielen Sprachelementen zusammen. Sie ist auch gestisch eine unerhört reiche und vor allem eigenständige Sprache, eine Nahsprache des Deutschen zwar, aber weder mittelalterliches noch verderbtes Deutsch. Wohl wurden altes Vokabular und alte Formen bewahrt, doch nicht alle mittelhochdeutschen Bestandteile blieben unverändert.

Nach dem allmählichen Untergang der jiddischen Sprache in Deutschland, war Jiddisch somit nur noch die Sprache der Ostjuden, wobei sie hier nicht nur der Verständigung diente, sondern auch Ausdruck der Identität jener Menschen war, die sie sprachen. Diese aus dem Mittelhochdeutschen und Hebräischen entstandene Sprache ist, laut Jacob Allerhand, auch heute noch lebendig und nimmt ständig neue Realitäten in ihren reichen Wortschatz auf so wie sie in der Vergangenheit Einflüsse aus vielen anderen Kulturen und Sprachen aufgenommen und in diesen gleichzeitig nachhaltige Spuren hinterlassen hat.

In Osteuropa war das Jüdisch-Deutsche, im Gegensatz zum deutschsprachigen Umfeld, von der allgemeinen Sprachentwicklung nie vollständig abgekoppelt gewesen. Während die Westjuden um 1890/1939 ihr Idiom als deutschen Dialekt empfanden, betrachteten die Ostjuden sie in ihrem slawischen Umfeld als eigene Sprache. Während in Westeuropa die Kenntnis des Hebräischen abnahm, entstand im Osten eine Anzahl hebräisch-wissenschaftlicher Publikationen. Der Lemberger Gelehrte und Begründer der Wissenschaft des Judentums in Osteuropa, Salomo Juda Rapoport (1790-1867) verfasste seine wissenschaftlichen Werke grundsätzlich auf hebräisch.

Dagegen stand die Wissenschaft des Judentums in Deutschland von Beginn an unter anderen Vorzeichen als im östlichen Teil Europas. Dort waren die Bemühungen viel stärker auf die innerjüdische Gemeinschaft gerichtet, sei es, um diese zu reformieren und aufzuklären, sei es, um das jüdische Selbstverständnis zu stärken.

Da die Wissenschaft des Judentums in Deutschland auf deutsch produzierte, um ihr Publikum zu erreichen, konnte sie natürlich auch keine Renaissance des Hebräischen bewirken. Diese Leistung ist in erster Linie den kontinuierlichen literarischen Aktivitäten des osteuropäischen Judentums und den Idealen und Vorstellungen von Vertretern der nationaljüdischen Bewegung zuzurechnen. So hat das Hebräische im Osten äußerlich und innerlich zugenommen und hat, was es als Gebetssprache eingebüßt hatte, vielfältig als lebendige Sprache wiedergewonnen. In Galizien machte die Bewegung "die erste Station, um dann nach Russland überzugreifen und eine neue Blüte hebräischer Literatur vorzubereiten."Später im 18. und 19. Jahrhundert als die sozialen und wirtschaftlichen Benachteiligungen der Juden im alten Russland zunahmen, besonders im Ansiedlungsrayon, begann um 1880 eine Auswanderungsbewegung, die auch auf das österreichische Galizien und Rumänien übergriff und nach dem politischen Umschwung 1918 weiter anhielt. Dieses Ostjiddische wurde mit der am Ende des 19.Jahrhunderts einsetzenden Migrationsbewegung von Juden in ferne Länder - nach Amerika, Kanada, Südamerika (Buenos Aires), Südafrika, Palästina, Australien - sozusagen im Gepäck mitgenommen. Dort blieb es teilweise erhalten, teilweise passte es sich den Landessprachen an. Vor allem durch den Generationswechsel, reduzierte es sich zu einer an Tradition gebundenen Insidersprache. Der Schwerpunkt der jiddischen Literatur verlagerte sich gegen Ende des 19.Jahrhunderts vor allem nach den USA, nach New York, wo ebenfalls eine Art Kolonialjiddisch entstand.

Der ostjüdische Humor ist nach Amerika ausgewandert.

In Hollywood hatte das Jiddische keine Chance, sich zu entfalten, obwohl Juden hier die Entwicklung des Films zu einer vielschichtigen Kunst und zu einen milliardenschweren Geschäft voran getrieben haben.

Einen wichtigen Brückenkopf besitzt die jiddische Sprachgemeinschaft indessen in dem während des zweiten Weltkrieges von Wilna nach New York verlegten "Jiddischen wissenschaftlichen Institut", dem Yivo-Institut". Es war 1925 in Berlin zur Erforschung der Jiddischen Kultur gegründet worden. Sein Hauptsitz war bis 1940 Wilna, dem europäischen Jerusalem. Heute verfügt das Institut noch über eine Zweigstelle in Buenos Aires. Vorausgegangen war der Gründung 82 Jahre zuvor die Czernowitzer Sprachkonferenz mit ihrem groß angelegten Versuch, die jiddische Sprache und Literatur verstärkt ins Blickfeld der Sprach- und Literaturwissenschaft zu rücken.

Wilna war damals das Zentrum der neuen jiddischen Literatur. Hier entstand die Gruppe "Jung-Wilna", zu deren Mitgliedern der Dichter Chajim Grade gehörte. Das Wilnaer Theater, genannt die "Wilnaer Truppe" und E.R.Kaminskas Theater in Warschau, ebenfalls eine jiddische Bühne, errangen in der jüdischen Gemeinschaft Polens hohes, ehrenvolles Ansehen.

Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts bildeten sich dann Jiddische Zentren auch in England, insbesondere im Londoner Stadtteil Whitechapel, während sich in Berlin Ostjuden in erster Linie im Scheunenviertel niederließen, dem "Schtetl in der Stadt". Hier widerstanden die Juden des Ostens dem Sog und den Verheißungen der Assimilation, sie bewahrten ihre Kultur, insbesondere ihre Sprache: das Jiddische. Hier gab es von 1900 bis 1918 sogar ein Theater, in dem jiddische Dramen aufgeführt wurden. Heute schlummern im Potsdamer Landeshauptarchiv Dutzende deutschsprachiger Texte jiddischer Stücke.

In Berlin lebten in den zwanziger Jahren etwa 100 000 Ostjuden. Sie besaßen dreißig Verlage, gaben insgesamt rund 230 Bücher und 26 verschiedene Zeitschriften heraus, darunter "Milgrojm", deren Titelseiten Marc Chagall und El Lissitzky gestalteten. In Berlin schrieb Dubnow seine zehnbändige ,Weltgeschichte des jüdischen Volkes".

Zu Beginn der zwanziger Jahre wurde Berlin durch jüdische Emigranten aus Russland und Galizien zur Metropole hebräischer Kultur, zu der Dichter wie Uri Zwi Greenberg und Saul Tschernichowski, der Erzähler und spätere Nobelpreisträger Samuel Josef Agnon, der Wissenschaftler Simon Dubnow - er verfasste eine jüdische Weltgeschichte - und der Philosoph Jakob Klatzkin beigetragen haben, und Deutschland insgesamt zum Zentrum des hebräischen Verlagswesens. Berlin hat zwar zeitweilig dem Hebräischen eine Herberge gegeben, doch Wurzeln schlagen konnte die Sprache hier auf die Dauer nicht. Denn mittlerweile waren die deutschen Juden in der deutschen Sprache schon fest verankert.

Doch die Zeit, in der Hebräisch und Jiddisch ihren Mittelpunkt zwischen Spree und Main fanden, ist vergessen, sowohl in Deutschland als auch in Israel. Erst seit wenigen Jahren bemühen sich Wissenschaftler um die systematische Rekonstruktion jener "anderen" jüdischen Geschichte in Deutschland, die offensichtlich nicht in das Bild einer Geschichtsauffassung passt, die bestimmt ist von den Koordinaten Assimilation und Emanzipation, Antisemitismus und "Beiträgen" zur deutschen Kultur.

Das Berliner Scheunenviertel aber, wo viele Ostjuden wohnten, wurde bereits am 5. November 1923 Schauplatz eines völkischen Pogroms. Die Polizei sprach von ,Plünderungen", die auf ,das Verhalten der Ostjuden" zurückzuführen seien. Mit dem lakonisch-ironischen Satz "Die Juden waren also selbst schuld" kommentiert Arno Lustiger diesen behördlichen Antisemitismus neun Jahre vor Hitler.

Jüdisches Sprachgut in deutschen Mundarten

Auf ein Phänomen sei nebenbei noch hingewiesen: jüdisches Sprachgut findet man heute noch in den pfälzischen und südhessischen Mundarten.

Das jahrhundertelange Zusammen- oder auch nur Nebeneinanderleben der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheit der Bevölkerung im Raum zwischen Speyer, Worms und Mainz hat immer wieder zur sprachlichen Beeinflussung beider Gruppen geführt. Vor allem im südfränkischen Schopfloch, wo seit dem 16.Jahrhundert bis 1938 eine jüdische Gemeinde existierte, gibt es heute noch eine Art Geheim-und Handelssprache, die mit vielen Wörtern aus dem Hebräischen oder Jiddischen gespickt ist. Ihr Name "das Lachoudische" leitet sich aus dem Jiddischen "Loschn" (Sprache) her und aus der Verballhornung des hebräischen "HaKodesch"(heilig). Warum sich der Dialekt ausgerechnet in Schopfloch entwickelt hat, ist leicht zu erklären, liegt doch die Stadt genau in der Mitte zwischen den einstigen Kreisstädten Feuchtwangen und Dinkelsbühl und war somit ein idealer Umschlagplatz für den Austausch von Waren. Nach dem Verfall der dörflichen Wirtschaftsstrukturen war diese spezielle Händlersprache zwar nicht mehr erforderlich, dennoch haben sich bis heute einzelne jiddische Sprachbrocken erhalten. Kurzum, wer die süddeutschen Dialekte von heute versteht oder spricht, hat wenig Schwierigkeiten, das Jiddische zu verstehen, etwa den Satz:"Manche Leute stecken tief im Schlamassel und bekommen dann häufig Zores." Viele Worte aus unserer Umgangssprache - mehr als die meisten ahnen - haben ihre Wurzeln im Jiddischen.

Jiddische Autoren

Die jiddische Sprache brachte eine reiche Literatur hervor, die in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine wahre Blütezeit erlebte. Jüdische Schriftsteller überwanden die Verachtung, mit denen die osteuropäischen jüdischen Aufklärer - in der Tradition von Moses Mendelssohn - Jiddisch als Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation gebrandmarkt hatten.

Zu den bekannten jiddischen Autoren gehören Mendele Mojcher Sforim(1835-917) - "Mendele, der Wanderbuchhändler" -, Jitzchak Leib Perez (1851-1915) und Scholem Alejchem (1859-1916), drei große jiddischen Poeten des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts mit schwermütig-heiteren Geschichten. Sie bildeten das Dreigestirn der jiddischen Literatur Osteuropas. Wenn Perez in einer seiner Geschichten das Ende des

Juden Bonzie Schweig schildert, eines Lastträgers im Schtetl, der irgendwann auf der Straße zusammenbricht, ist damit Leben und Sterben von Hunderttausend osteuropäischer Juden festgehalten.

Bonzie hatte keine Kraft mehr, den Kopf zu heben, selbst wenn er keine Lasten trug. Andere, die im gleichen Elend lebten, wollten es nicht schweigend ertragen. Gerade weil sie fromme Juden waren, machten sie Gott für diese Ungerechtigkeit verantwortlich und zogen in heiligem Zorn die Konsequenz. Ihnen hat Isaak Leib Perez ebenfalls ein Denkmal gesetzt und zwar in Gestalt des Berel, Schneider in Berditschew.

Perez und Alejchem werden als Begründer der jiddischen Literatur gelegentlich mit Schiller und Goethe verglichen.

Scholem Alejchem hieß eigentlich Scholem Rabinowitsch, aber er nannte sich: Scholem Alejchem, was so viel bedeutet wie Friede mit euch, und bezeichnete sich als "a humorißt, a schraiber". Er wurde 1859 in der Nähe von Kiew geboren und starb 1916 in New York. Mehr als hunderttausend Menschen sollen seinem Sarg gefolgt sein. Der unvergleichliche Humorist der jiddischen Literatur schrieb den bekannten Roman "Tewje der Milchiger"(1894), der in der Musical-Bearbeitung "The Fiddler on the Roof" ("Anatevka") seit 1964 über die Bühnen der Welt geht, wobei der Erfolg nicht zuletzt den Ohrwürmern des Komponisten Jerry Bock zuzuschreiben ist, mit denen jene schon zum Mythos stilisierte, bizarre Welt, die wir schon aus den frühen, noch in Russland entstandenen Bildern Mac Chagalls kennen, erweckt wird.

Kommt die Sprache aufs Jiddische und Schtetl, so hat man fast immer automatisch Figuren vor Augen wie "Tewje der Milchmann", der mit seinen Stoßseufzern die jüdische Existenz beklagt, die sich in einer feindlich gesinnten Umwelt behaupten muss. Der Schriftsteller Scholem Alejchem, dessen Erzählungen ein stark romantisierendes Bild des Schtetls zeichnen, verewigte hier den Typus des ostjüdischen Kleinbürgers, den es wahrscheinlich so oder ähnlich gegeben hat.

Beinahe alle Handlungen in Scholem Alejchems Erzählungen spielen im Schtetl und sind verankert in den Alltagserfahrungen der jüdischen Gemeinschaft. Einer der Protagonisten, ein Schankwirt disputiert mit Christen über Gott und wird deswegen zum Spießrutenlaufen verurteilt. Seine jüdischen Brüder arrangieren einen Scheintod und lassen ihn über die Grenze nach Galizien entkommen. Aber nun beginnt der Gerettete die Retter zu erpressen.

Die Erzählung ist beispielhaft für die Doppelperspektive Scholem Alejchems: die Unterdrücker berufen sich zu Unrecht auf den Himmel, aber auch die Unterdrückten sind keine Engel. Der Erzähler läßt sich den Blick für die Realität nicht trüben, er opfert ihn auch am Schluss nicht dem Gesetz erzählerischer Abrundung. Deshalb enden so viele Geschichten mit jener Offenheit, die auch Lebensprozessen eigentümlich ist.

Natürlich finden wir hier ebenfalls Grundmuster menschlicher Charaktere und zwischenmenschlicher Konflikte: den Geizhals oder den religiösen Heuchler, das Aufbegehren der jungen Verliebten gegen das Heiratsdiktat des Vaters und sein Mitgiftkalkül. Aber immer überwiegt das Atmosphärische jüdischen Zusammenlebens, jüdischer Überlieferungen und Riten. Allerdings macht Scholem Alejchem zugleich die Bruchstelle im Traditionszusammenhang des Schtetls kenntlich: wachsende Assimilationsbereitschaft der Juden und Abkehr von den orthodoxen Glaubens- und Verhaltensregeln. Andererseits registrieren die Erzählungen auch eine zunehmende öffentliche Unduldsamkeit gegenüber der Minderheit.

Nirgendwo aber zielt der Humor auf Verharmlosung, er kann sich mit Ironie, nötigenfalls mit Sarkasmus wappnen. Falsche Ansichten werden mit solcher Beharrlichkeit und mit so viel Nachdruck vertreten, dass sie in der Abnutzung sich selbst widerlegen. Unerschöpflich sind Scholem Alejchems erzählerisches Füllhorn und seine witzigen Verdrehungen biblischer Zitate.

Scholem Alejchems Texte sind von Anfang aufklärerisch. Sie beschreiben nicht einfach das Stetl, sondern kämpfen mit dem Mitteln der Satire gegen Missstände im Stetl, um die Leserschaft dazu zu bringen, sich nicht mit dem, was sie vorfinden abzufinden.

Was das Ostjudentum gewesen ist, ist besonders deutlich bei Alejchem zu erkennen, eine Gemeinschaft, zur Gänze auf sich und ihr Schicksal bezogen, abgeschottet nach außen. Das Ghetto war längst verinnerlicht. Die kaum überwindlichen Schranken gegen Assimilation und Integration hatten auch die seelische Sonderung gefördert und ein Sonderbewusstsein entstehen lassen, verstärkt noch durch die anhaltende Zurückweisung durch die nichtjüdische Umwelt. Aus diesem extremen Aufeinanderbezogensein, verbunden mit Armut, die stets dem Rückzug nach Innen Vorschub leistet und einer bereits in früher Kindheit beginnenden Schulung der Beredsamkeit. So hat sich eine Sprechkultur entwickelt, eine von Witz und Schlagfertigkeit geprägte Eloquenz, die maßgeblich den Stil der jiddischen Literatur ausgebildet hat.

Aber auch in den Geschichten anderer jiddischer Autoren findet man die gesamte Bandbreite jiddischen Lebens: Alltag, Kindheit, Tanz, Liebe und Hoffnung auf eine menschenwürdigere Welt. Sie sind Wegbegleiter einer europäischen Leidensgeschichte mit allen Nöten und Sorgen. Doch auch der Witz kommt nicht zu kurz, denn wie heißt es doch: "In traurigen Zeiten blüht der Witz" oder wie Freud einmal sagte: "Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen."

Der jiddische Lyriker Morris Rosenfeld (1862-1917) fragt daher zu Recht: "Ein jüdisch Lach ist denn das ein Lach?" Meistens erschöpft sich die Wirkung nicht im Wortwitz, sondern erzeugt ein dialektisches Spannungsverhältnis.

Ein Jude war bereit, sich taufen zu lassen, als man ihm aber die vielen Heiligen aufzählte, an die er glauben müsse, wehrte er ab: "Die Mischpoche ist mir zu groß!"

"Juden sind wie alle anderen Menschen auch, nur alles etwas mehr" - dieser Ausspruch wird Albert Einstein zugeschrieben.

Jiddisch ist nicht, wie man annehmen könnte, vor allem eine Sprache für Anekdoten und Witze. Jiddisch ist vielmehr eine hart geprüfte Sprache, gebrannt im Feuer, geschmiedet durch Zores (Sorgen). Da Juden keine Armee hatten, hat ihnen nur eine Waffe zur Verfügung gestanden, nämlich Lachen und Sichlustigmachen über den Stärkeren.

Das kürzeste jiddische Sprichwort heißt "nebbich". Bei Gott nicht (polnisch), Ja, fürwahr(böhmisch), bedrückt(hebräisch), nie bei Euch(deutsch), kurzum ein Ausruf des Mitleids und Erbarmens. Hier ein Dialog aus Singers "Die Familie Moschkat": "Was sind die Juden? - Ein Volk, das nicht schlafen kann und das die anderen nicht schlafen läßt. - Das kommt vielleicht daher, dass sie ein schlechtes Gewissen haben. - Die anderen haben überhaupt kein Gewissen."

"Wir Juden", wusste Singer, "leiden an vielen Krankheiten, aber Gedächtnisschwund gehört nicht dazu." Bei Singer wiederum wird vieles nur dann sichtbar, wenn man den Hintergrund mitliest wie Ausweg- und Hoffnungslosigkeit in den Figuren, die er vorführt. Das alles ist sind Erinnerungsmomente, die so schmerzen, dass man durchaus nachvollziehen kann, warum ein großer Teil dieser Literatur von manchem jungen Israeli nicht zur Kenntnis genommen wird.

Singer, dessen Bücher partiell autobiographische Züge haben und in denen vor allem religiös gebildete, aber ungläubige Juden vorkommen, legte sein schriftstellerisches Selbstverständnis mit folgenden Worten dar: "Die Literatur soll Ereignisse beschreiben, nicht Ideen analysieren, ihr Thema ist das Individuum, nicht die Masse, sie soll sich mit der Vergangenheit, nicht mit der Zukunft beschäftigen" und: "Die Literatur ist dann am besten, wenn sie auf einem alten Glauben beruht, auf zeitlosen Hoffnungen und Illusionen."

Singer bekannte ferner: "Ich bin in drei toten Sprachen aufgewachsen - Hebräisch, Aramäisch und Jiddisch(manche halten letzteres nicht einmal für eine Sprache) - und in einer Kultur, die sich in Altbabylon entwickelt hat, der des Talmuds. Obwohl meine Vorfahren sich vor sechs- bis siebenhundert Jahren in Polen niedergelassen hatten, kannte ich nur ein paar Worte der polnischen Sprache. - Mein Vater sagte:"Diese Welt ist nur ein Durchgang. Wenn der Mensch sündigt, verwandeln sich seine Sünden in Teufel, Dämonen, Kobolde und nach dem Tode jagen sie den Leichnam."

"Ich schreibe in Jiddisch, einer Sprache der Toten, und eine solche Sprache liebt Gespenster." Das sagte Singer zwar erst nach dem Holocaust, aber schon seine frühesten Erzählungen beweisen deutlich, dass er das Schreckensende der ostjüdischen Gemeinschaft voraussah. Entsprechend hat er die jiddische Dichtung, die sich vor ihm durch eine liebenswerte Mischung aus Heiterkeit und Trauer auszeichnete, mit einer ganz neuen Komponente angereichert: mit einem bösen schwarzen Humor, geboren aus dem Wissen, dass es für die Welt kein Heilsrezept gibt.

Isaac Bashevis Singer und sein älterer Bruder Israel Jehoschua Singer (1893- 1944), ebenfalls ein jiddischer Schriftsteller, verstanden sich als Chronisten und Nekrologen eines todgeweihten Volkes. Ihre Helden sind kauzige Typen und schrullige Eigenbrötler. Leser, die mit Baudelaire, Kafka oder Beckett vertraut sind, finden sich in Singers Büchern mühelos zurecht.

Zu nennen sind neben Singer noch Avram Goldfaden(1840-1908), dem die Gründung des jiddischen Theaters in Rumänien zugeschrieben wird, ferner der jiddische Romancier und Dramatiker Schalom Asch (er wurde 1880 in Kutno/Polen geboren, kam 1906 nach Palästina und starb 1957 in London) - aber auch der jiddische Dichter Itzig Manger (geboren 1901 in Czernowitz, gestorben 1969 in Tel Aviv), der Balladendichter, Elieser Steinbarg(1880-1932), der Fabeldichter, die neben vielen anderen jiddischen Dichtern in Czernowitz lebten. Der einzige jiddische Dichter, der heute dort lebt, ist der schon erwähnte greise Josef Burg, der von sich sagt:"Soj, as ich red Jiddische, das ist mein Muttersprach, das heißt "Mameloschen", aber ich spreche auch ein bisschen Deutsch." Sie alle gaben der jiddischen Sprache in Osteuropa eine Heimat, nachdem die westeuropäischen Sprachästheten sie eliminiert hatten.

Bekannt wurden auch: Chaim Nachman Bialek (1875-1934), einer der vehementesten Anhänger des zionistischen Aufbruchs sowie einer der wichtigsten Vertreter der jiddischen und hebräischen Dichtung - er schrieb Volkslieder, gründete mehrere Verlag und übersetzte "Wilhelm Tell" und Don Quichotte" ins Hebräische - , F.Katznelson, M.Rosenfeld, W.Warschawski, A.Sutzkewer, Mordechai Gebirtig (1877-1942) (Gebirtig verfasste jiddische Lieder und wurde 1942 in Krakau von den Nazis ermordet), Hirsch Glick (1922-1944), Pinchas Kahanowitsch, genannt der Nister( 1884-1950) und ganz besonders der polnische Jizchak Katznelson (1886-1944). Er schrieb populäre Lieder und Gedichte, Theaterstücke in jiddisch und hebräisch. Sein letztes Werk, das er kurz vor seiner Ermordung schrieb und versteckte "Der große Gesang vom ausgerotteten jüdisen Volk", wurde von Wolf Biermann übertragen und erschien bei uns 1994.

Diese besondere Mischung von Tragik und Komik in der jiddischen Literatur ist ein Ergebnis des Zwangs zum Überleben und hat trotz allem Traditionen geschaffen, insbesondere bei amerikanischen Autoren wie Philipp Roth, Bernard Malamud, dem Literaturnobelpreisträger Saul Bellow, Joseph Heller und Henry Roth, dessen Bücher mit so vielen jiddischen Redewendungen und Redensarten gespickt sind, dass den meisten ein jiddisches Glossar mit beigegeben wurde.

Malamud sagte einmal: "Wir sind alle in die Geschichte verstrickt, das ist sicher, aber einige sind es mehr als andere und Juden mehr als viele andere" und: "Ich achte den Menschen für all das, was er im Leben durchzumachen hat, und manchmal auch dafür, wie er es tut, aber er hat sich nur wenig verändert, seit er vorgab, zivilisiert zu sein, und das gleiche kann man von unserer Gesellschaft sagen."

Der Schriftsteller Norman Mailer, 1923 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen in Jersey geboren, hat einmal auf die Frage, ob seine Eltern zu Hause jiddisch gesprochen hätten, geantwortet: "Nur wenn sie wollten, dass ich sie nicht verstehe." Der amerikanische Schmelztiegel hatte Mailers Eltern wie Millionen anderer jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, in die große englische Sprachfamilie eingegliedert. Aber

sie brachten ihr Jiddisch mit und impften das Amerikanische mit ihrer "Mameloschen".

Heute schreiben nur noch wenige Autoren jiddisch, zu diesen gehört auch die aus Wilna stammende Holocaust-Überlebende Mascha Rolnikaité, deren Erinnerungen unter dem Titel "Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945" 2002 im Kindler-Verlag erschienen sind.

Beschreibungen des Ostjudentums

Im slawischen Osten empfahl Rabbi Nachman von Bratzlaw seinen chassidischen Anhängern, täglich eine Stunden jiddisch zu beten, weil es für sie zu schwer sei, in der hebräischen Sprache alles auszudrücken, was das Herz bedrückt.

Solomon Zainwil Rappoport (1863 in Witebsk -1920 Warschau), bekannt geworden unter dem Pseudonym S.An-Ski, verfasste das jiddische Gedicht "Die Shvueh"(Der Schwur), das später zur Hymne der jüdischen Arbeiterpartei "Der Bund" wurde. Anfangs schrieb er in russischer, später in jiddischer Sprache und veröffentlichte Erzählungen, Romane, Dramen und Folklore-Sammlungen. Sein bekanntestes Werk ist das durch chassidische Mentalität angeregte Drama "Der Dibbuk" (1920) mit symbolischem und mystischem Charakter. Es gehört heute noch zu den am meisten gespielten Bühnenstücken der jüdischen Schauspieltruppen in aller Welt. Vor allem aber widmete S.An-Ski sich der Aufgabe, das jüdische Erbe vergangener Generationen zu bewahren. Er besuchte über siebzig Schtetl, insbesondere in der Ukraine, und sammelte Dokumente, Alltagsgegenstände, religiöse Objekte, Schmuck, Kleidung, Musikinstrumente, Märchen und Gleichnisse, Sprichwörter und Zaubersprüche. Er zeichnete Melodien und Volkslieder auf und fotografierte das reiche Leben der Menschen, die in kargen Verhältnissen lebten.

Auch die Fotografien von Roman Vishniac (geboren 1897 in Petersburg, gestorben 1990 in New York) zeigen das Ostjudentum, als es trotz Dezimierung durch Pogrome und als es trotz der vielen Auswanderer, die irgendwo in der Welt, am liebsten im gelobten Land Amerika, ihr Glück suchten, noch intakte Lebens- und Glaubensgemeinschaften bildete. Vishniac reiste zwischen 1932 und 1939 mit einem lettischen Pass ins ehemalige Galizien, in die Tschechoslowakei, in die Karpaten, ins frühere Ruthenien und hielt bei seinen Streifzügen durch die Schtetl mit der Kamera eine Welt fest, die dem Untergang geweiht war, ohne es zu ahnen.

Roman Vishniac war nicht der einzige Intellektuelle seiner Zeit, der ein reges Interesse am Ostjudentum bekundete. Während die politische und soziale Strategie der Juden in Westeuropa seit dem 18.Jahrhundert fast auschließlich auf Assimilation ausgerichtet war, entdeckten deutsche Intellektuelle durch ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Polen, Russland, auf dem Balkan Gemeinwesen von fast mittelalterlicher Abgeschiedenheit , in denen noch Gottesfurcht regierte und die von der Wohltätigkeit ihrer besser gestellten Mitglieder unterhalten wurden. Sie stießen auf eine Gesellschaft von Rebben, Thoraschreibern, Gebetmäntelherstellern, Wachslichterziehern, rituellen Schlächtern, träumerischen Chassidim, kleinen Händlern und Bettlern, wie sie in einem Schtetl üblich waren.

Arnold Zweig hat im "Ostjüdischen Antlitz" (1920) diese Welt mit fast religiöser Inbrunst beschrieben. Joseph Roths Faszination in "Juden auf Wanderschaft" (1927) ist dagegen differenzierter, gebrochener, gemischt mit dem Schrecken des Abgelebten. Sein "Hiob" liest sich ebenfalls wie ein Nekrolog auf das Ostjudentum. Martin Buber wiederum versuchte, die Mythen des Chassidim zu retten, die Jahre zuvor Marc Chagall in sanften Farben gemalt hat.

Lange nach der Shoah lässt der 1922 in einer jüdischen Familie im bulgarischen Plowdiw geborene Angel Wagenstein in seiner Geschichte "Pentateuch oder Die fünf Bücher Isaaks" den in die Jahre gekommenen Isaak Jakob Blumenfeld Revue über sein Leben passieren, wobei auch die untergegangene Welt des osteuropäischen Judentums lebendig wird mit dem Sprachengemisch Jiddisch, Polnisch, Russisch, Deutsch und Ungarisch, mit vielen zwischen Lachen und Weinen angesiedelten Geschichten. Gott habe den Sand unseres Lebens bis auf das letzte Sandkörnchen bemessen, doch eine leichtfertig vergebene Sekunde Liebe versinkt unwiederbringlich in die Ewigkeit. Die Gemetzel unseres Jahrhunderts vermag der arme kleine Schneider Blumenfeld indessen einfach nicht zu verstehen, und "wenn Gott Fenster hätte", meint er, "hätte man ihm schon längst die Scheiben eingeschlagen!"

Schicksal des Jiddischen unter Stalin

Stalin setzte in den vierziger und fünfziger Jahren die jiddische Sprache und Kultur auf die Anklagebank. "Ein seltenes Ereignis in der Kultur- und Justizgeschichte", schrieb Arno Lustiger in der Wochenendausgabe der Tageszeitung "Die Welt" vom 10.August 2002 zur Erinnerung an den Tag vor fünfzig Jahren, als am 12.August 1952 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis dreizehn Angeklagte jüdischen Glaubens hingerichtet worden waren. Im Prozess selbst waren oft jiddische Gedichte und Texte als Anklagepunkte zitiert worden. Im Grunde jedoch sei die jiddische Literatur schon lange zuvor gestorben, schreibt Susanne Klingenstein zum 50.Jahrestag der Hinrichtungen, "nämlich in den Tagen, als die Dichter der Illusion erlagen, sich durch äußere Anpassung eine private künstlerische Freiheit erkaufen zu können. Die Hinrichtungen am 12.August 1952 vollzogen nur physisch, was geistig schon lange geschehen war."

"Es ist zu hoffen", so beschließt Lustiger seinen Artikel, "dass sich dieser kulturelle Massenmord, der erst mit dem Tode Stalins im März 1953 endete, in der Geschichte der Menschheit niemals wiederholen wird. Was bleibt, ist die Schande für diejenigen, die die nationale Kultur eines Volkes durch Morde an dessen Vertretern zerstören wollten - im Namen einer Ideologie, die vorgegeben hatte, das 'Menschenrecht' zu erkämpfen."

Dabei hatte es in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion eine wahre Wiedergeburt jiddischer Literatur und Sprache gegeben, die viele der in den Jahren zuvor emigrierten Autoren zurückgelockt hatte. Denn zu jener Zeit hatte das kommunistische Regime das angeblich "proletarische" Jiddisch gegen das "bourgeois-nationalistische" Hebräische begünstigt.

In Russland hatte zunächst, unmittelbar nach der Revolution, die Tendenz bestanden, die einzelnen Völker und Sprachen des riesigen russischen Landes intakt zu erhalten und ihre Eigenart aufmerksam zu pflegen. Jiddisch bildete da keine Ausnahme. Es wurde sogar versucht, in Birobidschan, an der äußersten Ostgrenze des Landes eine geschlossene jiddische Siedlung aufzubauen, als ein Zentrum der jiddischen Kultur, ähnlich wie es ein Jahrzehnt zuvor Berlin gewesen war.

In Russland bildete sich während der zwanziger Jahre eine jiddische Literatengruppe, die sich "Di chaliastre"(die Bande) nannte, der auch Perez Markisch angehörte, der dann 1952 in Moskau hingerichtet wurde. Doch die Blütezeit der russischen und jiddischen Kultur war schon 1929 wieder zu Ende, als Stalin durch brutale soziale und kulturelle Reglementierungen und Repressionen seine Diktatur zu verankern begann.

Im Jahr 1941 allerdings, zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, hatten russische Intellektuelle noch einen leidenschaftlichen Appell an die Juden der Welt gerichtet, der Sowjetunion in ihrem Kampf ums Überleben zu helfen. Der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters in Moskau, Salomon Michoels, rief aus:" Brider un schwester, jidn vun der ganzer welt. Uns trenne zwar mächtige Ozeane, aber wir sind vereinigt durch Ozeane von Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne und Brüder, die durch die Faschisten vergossen wurden."

Dem 1942 konstituierten Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion(JAFK) mit dem Präsidenten Michoels an der Spitze gehörten fast hundert Persönlichkeiten aus Literatur, Journalistik, Kunst, Theater, Film an. Unter ihnen befanden sich Staatsbeamte, Generäle und "Helden der Sowetunion".

Einige Jahre später, 1948, wurde Michoels auf persönlichen Befehls von Stalin in Minsk hingerichtet. 1952 erfolgte der oben erwähnte Prozess samt Schließung jüdischer Einrichtungen und Unterdrückung jüdischen Lebens.

Schon unmittelbar nach dem Krieg war die politische Lage im sowjetischen Machtbereich völlig ungewiss geworden. In Polen kam es 1946 zu Pogromen, während Stalin in der Zeit zwischen 1948 und 1952 die Elite jiddischer Künstler in der UdSSR -vierhundertfünfzig Schriftsteller, Musiker, Tänzer, Maler, Bildhauer, Schauspieler - ermorden ließ. Dennoch bekannten sich in der sowjetischen Volkszählung von 1959 noch 410.000 sowjetische Juden zu Jiddisch als ihrer Muttersprache, aber mit jeder folgenden Volkszählung ging ihre Zahl weiter zurück.

Erst unter Gorbatschow kamen 1989 alle Gräueltaten und Brutalitäten ans Tageslicht. Heute wird jedes Jahr am 12.August auf den verbliebenen Inseln jiddischer Kultur, besonders in den Vereinigten Staaten, der Ermordeten gedacht. In der Tat waren die damals hingerichteten Dichter die letzten zwischen 1884 und 1900 geborenen Schriftsteller, für die das europäische Schtetl und seine traditionelle Religiosität noch Orte der Kindheit gewesen und die mit den Werken von Mendele Mojcher Sforim, Scholem Alejchem und Jizchak Leib Perez aufgewachsen waren.

Jiddische Sprache und Literatur in Israel

Das Ringen zwischen dem Hebräischen und dem Jiddischen war in der Geschichte des jüdischen Geistesschaffens und des jüdischen Selbstbewusstseins in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg von erheblicher Bedeutung. Die Theorie, das jüdische Volk sei von jeher zweisprachig gewesen, vermochte die Differenzen zwischen den beiden Gruppen nicht zu verringern. Viel Kraft wurde an sinnlose Zänkereien um den Sprachenstreit und die Frage der jüdischen Kreativität verschwendet. Doch diese Auseinandersetzung förderte bei der jüdischen Intelligenz auch ein reges Schaffen.

Aaron Megged lässt seinen Protagonisten Fojglman sagen: "Hebräisch hat ein ernstes Gesicht, Jiddisch hingegegen ein lachendes. Was auf Hebräisch hart ist, wird auf Jiddisch weich. Schwierigkeiten, die das Hebräische voll Pathos bekämpft, besiegt das Jiddische mit einem Scherz. Und zu den Sabres sagte er: "Ihr, die ihr Hebräisch sprecht, seid hart wie Zypressen, und wir sind weich wie Binsen. Die Zypressen werden von einem harten Sturm zerbrochen, uns biegt er nur. Seien Sie also nicht erstaunt, wenn sie Jiddischsprechende gebeugt gehen sehen. Gebeugt aber sie halten mehr aus."

In einem Brief an Zwi Abel beklagt Fojglman auf fünf Seiten die große Tragödie des Jiddischen, einer tausend Jahre alten Sprache, die ihr Volk verloren habe, "die wie die Geister der Toten durch die Welt irrt, wie der Schatten Peter Schlemihls, der von seinem Besitzer getrennt worden ist." Die Menschen, die sie sprechen, lesen, schreiben, würden immer weniger, sie seien die letzte Generation. "Und es gibt Nächte, in denen ich aus dem schrecklichen Traum erwache, dass ich 'gewald' schreie und niemand meine Sprache versteht."

"Die einzige Hoffnung der jiddischen Sprache nach der großen Vernichtung", so meint er weiter, "war, dass sie in eben jenem Land, in das die Überlebenden des zerstörten Hauses geflohen seien und in dem sie das neue Haus aufbauten, wie Phönix aus der Asche auferstehen könne..." Der Zwist zwischen beiden Sprachen sei zwar zur Ruhe gekommen. "Aber der 'Hausfriede', der nun herrsche, sei kein großer Trost. 'Wir sind die arme Dienstmagd im Haus des Reichen.'" Und doch sei es so, dass Hebräisch der 'Vater' der jüdischen Kultur sei, 'Jiddisch' aber die 'Mutter'".

In Israel gab und gibt es viele Fojglmans, viele im Jiddischen verwurzelte Einwanderer, die es schwer hatten, in Israel heimisch zu werden, wie etwa der 1939 in Bessarabien geborene jiddische Dichter Lev Berinski. Die Ankunft in Israel im Jahr 1991 sei für ihn, sagte Berinski einmal in einem Zeitungsinterview, keine Ankunft gewesen. Er habe den Eindruck, dass Israel weder ihn, den jiddischen Dichter, noch die jiddische Kultur brauche. Wahrscheinlich hätte er in der modernen hebräischen Sprache dichten müssen, um willkommen zu sein.

"Die neue Heimat hat mich nicht aufgenommen mit meinem Kind, dem jiddischen Gedicht", so klagte auch der schon 1924 in das heutige Israel eingewanderte Josef Papiernikow (geboren 1897 in Warschau, gestorben 1985 in Tel Aviv), und obgleich er heute als einer der Gründer der israelischen jiddischen Literatur gilt, fühlte er sich lange Zeit in Israel von allem ausgeschlossen."Wie ein Armer auf dem Fest eines Reichen bin ich in meinem eigenen Land," sagte er einmal, "nach Jahrzehnten bin ich noch immer kein Teil von ihm geworden. Ich bleibe ein Außenseiter mit meinem beschämten Gedicht, meinem jiddischen Lied von Liebe, Preis und Dank."

Aber nicht nur die Dichter, auch die anderen Neueinwanderer haben die Israelis in der Anfangszeit oft recht schroff behandelt. Erwarteten sie doch von den Neuankömmlingen, dass sie sich sofort und umstandslos mit dem Sabre-Stereotyp identifizierten. Selbst die polnische Widerstandskämpferin Rozka Korczak wurde wegen ihrer jiddischen Ausdrucksweise gelegentlich angefeindet, obwohl sie im Ghetto von Wilna gegen die Deutschen gekämpft hatte und in Palästina im Dezember 1944 als Heldin empfangen worden war. Kurz nach ihrer Ankunft erschien sie vor einer Versammlung der Histradut und sprach jiddisch. David Ben Gurion war entsetzt und beschwerte sich darüber, dass die "Genossin Flüchtling" eine Fremdsprache benutzt, eine "fremde, misstönende Sprache" und nicht Hebräisch geredet habe. Dabei hat der in Polen geborene Ben-Gurion wahrscheinlich selbst jiddisch gesprochen. Ignatz Bubis pflegte dagegen ein viel entspannteres Verhältnis zur jiddischen Sprache. Im Jahr 1993 als Polen und Juden gemeinsam des Aufstandes im Warschauer Ghetto gedachten, hielt Bubis seine Rede auf jiddisch. Auch der ehemalige Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, der einstige Bürgermeister von Tel Aviv, der ehemalige Religionsminister Josef Burg und der ehemalige Ministerpräsident Jitzhak Schamir haben sich nicht davon abhalten lassen, gelegentlich jiddisch zu sprechen.

Diese Reaktion ist um so erstaunlicher, da nicht nur die ersten Zionisten in Israel fast durchweg Ostjuden waren, sondern da man im späteren Israel und damaligen Palästina auch das Jiddische als Landessprache in Erwägung gezogen hatte. Dieser Einfall wurde jedoch rasch aufgegeben, mit der Begründung, Jiddisch sei ein reines Exilidiom und orientalischen Juden nicht zuzumuten. Man entschied sich für Hebräisch, genauer für Iwrit, also für eine moderne hebräische Sprache, die der Philologe Ben Jehuda (1858-1922) eigens für den israelischen Alltag und die israelische Literatur entwickelt hatte. Daraufhin sagte man dem Jiddischen den Kampf an. Jiddische Kabarettisten wurden mit dem Aufschrei"rak iwrith"(nur "hebräisch")niedergebrüllt. In Israel entbrannte sogar ein regelrechter Kulturkampf zwischen Hebraisten und Jiddisten. Letzteren wurden nicht selten Papierzuteilung und Druckmöglichkeiten für ihre Texte verweigert. Vergeblich bat Isaac Bashevis Singer Menachem Begin, das Jiddische zu fördern. Begin entgegnete geringschätzig, auf jiddisch könne man nun einmal nicht kommandieren. Vielleicht kam Begins Bemerkung nicht von ungefähr, denn das Jiddische kennt nun mal keine Ausdrücke für Waffen. Singer soll Begins Bemerkung sogar als Lob seiner Muttersprache verstanden haben.

Die Wiedergeburt der hebräischen Sprache ging also einher mit der Ablehnung der Diaspora und der jiddischen Mundart. Die freie jüdische Nation sollte hebräisch sprechen. So wurde "Iwrit" zum Symbol seiner nationalen Wiedergeburt. Der Schriftsteller Nathan Birnbaum (1864-1937) umriss diese Entwicklung mit folgenden Worten: "Als aber die jüdische Intelligenz national wurde, hatte sie für die jüdische Sprache nicht viel übrig. Sie betrachtete sie vielmehr als eine Art Übel, das man leiden muss, dem man sich aber nicht ausliefern darf." Nathan Birnbaum selbst - er war Zeitgenosse von Herzl und prägte den Begriff Zionismus - hat sich stets für die Pflege der ostjüdischen Kultur und den Erhalt der jiddischen Sprache eingesetzt.

Die Ablehnung der jiddischen Sprache übertrug sich vielfach auch auf jene Menschen, die diese Sprache benutzten. Galten doch Ostjuden im allgemeinen als nicht sehr stolz, als sentimental,als entwurzelt, als ewig sich beklagend und mitleiderregend. Für Israel aber wollte man den neuen Menschen, den Sabre, den selbstbewussten, wehrhaften und siegreichen Israeli. Mit der hebräischen Sprache sollte,wie Megged ganz richtig erkannte, an die Erfahrung der biblischen Zeit angeknüpft werden. Mit allem, was danach kam, nämlich den Erfahrungen der Juden in Europa, die das Jiddische mitaufgenommen haben, wollten die neuen Juden in Israel nichts mehr zu tun haben.

Schließlich hat der durch den Eichmann-Prozess ins Bewusstsein gerückte Holocaust die Israelis milder gestimmt gegen die Mameloschen, die Muttersprache des Großteils der Gemordeten. Heute wird Jiddisch an den israelischen Universitäten gelehrt und erforscht, auch werden in Israel die meisten jiddischen Bücher gedruckt, ja es gibt sogar einen jiddischen Radiosender. Etliche Zeitungen und Zeitschriften kommen ebenfalls auf jiddisch heraus. Im März 1996 hat die Knesset sogar ein Gesetz zur Förderung der jiddischen Sprache und Kultur verabschiedet.

Das jiddische Theater in Tel Aviv ist das einzige in der Welt, in dem ausschließlich jüdische Schauspieler Theaterstücke in jiddischer Sprache aufführen. Es trägt seit mehr als zehn Jahren dazu bei, dass allenthalben und mittlerweile auch in Deutschland Bühnenwerke in dieser Sprache zu sehen und zu hören sind. Kishons Familienkomödie "Der Trauschein" wurde für die Bühne eigens in jiddisch umgeschrieben.

Neuerdings besinnen sich wieder viele junge Israelis auf die jiddische Sprache und belegen Jiddisch-Kurse an der Universität. In Israel erscheint die jiddische Tageszeitung "Letzte Neies". Das reisende Theater "Jiddisch" agiert von Tel Aviv aus. "Eine Blutspende für das Jiddische" nennen israelische Jiddisch-Kenner die jüngste Einwanderungswelle von 500.000 jiddisch sprechenden Juden aus der GUS.

Von Nichtjuden gepflegte jiddische Folklore

In Deutschland wiederum erfreuen sich - mehr noch als Jiddisch-Kurse - Schtetl-Malerei, Klezmer-Musik und jiddische Folklore großer Beliebtheit. Leider bleibt deren Wahrnehmung oft oberflächlich und ist nicht immer frei von Kitsch und Klischeevorstellungen.

Klezmermusik, einst eine traditionelle Tanzmusik in osteuropäischen Schtetln, die auf Hochzeiten und bei Festen gespielt wurde, heute eine rasante Mischung aus Jazz und osteuropäischer jüdischer Musiktradition, wird seit Jahren immer wieder von jüdischen und nichtjüdischen Musikern aufgegriffen und interpretiert. Nicht wenige junge Deutschen halten Klezmer-Musik und jiddische Lieder für den Inbegriff eines Judentums, das sie nur noch vom Hörensagen her kennen und geben sich insgeheim dem beruhigenden Gefühl hin, mit ihrem Interesse etwas von dem wiedergutzumachen, was von ihren Eltern und Großeltern zerstört worden war. Dass sie in ihrer Bewunderung für diese Form jüdischer Kultur unbewusst auch das alte antisemitische Klischee vom kaftantragenden, ohrengelockten und jiddisch sprechenden Juden am Leben erhalten, dürfte kaum einem von ihnen aufgehen.

Aber es gibt auch durchaus ernsthafte Bemühungen wie jene von den Epstein-Brüder, die in dem Film "A Tickle in the hart" festgehalten haben, warum diese Musik eine Wiedergeburt erlebt, oder die des berühmten Klezmer-Musikers Gioria Feldman und des Nichtjuden Manfred Lemm.

Die Musik der osteuropäischen Juden ist zurückgekommen nach Europa und füllt wieder die Konzertsäle, heißt es in einer Zeitschrift der Katholischen Akademie Mainz, aber auch Kirchen und andere Räume und geht mit dem Swing eine Verbindung ein, wie schon zu Zeiten Benny Goodmans. Die Musiker tragen Namen wie Efrem Zimbalist oder Naftule Brandwein; die besten von ihnen singen "mit einer Träne in der Stimme". Fröhlichkeit und Melancholie, die beim jiddischen Lied eine enge Verbindung eingehen, prägen auch die Instrumentalmusik. Im Grunde sind Synagogalmusik, jiddisches Lied und Klezmermusik nur drei Facetten einer einzigen Kultur. Während der Nazizeit wurde diese Kultur beinahe ausgerottet und konnte nur im amerikanischen Exil überleben, wo ihr auch ein kommerzieller Erfolg beschieden war. Viele Musiker waren nicht nur Grenzgänger im geographischen Sinn, sondern bewegten sich auch musikalisch zwischen der überkommenen Tradition und den Bedürfnissen der Unterhaltungsindustrie.

Während die jüdische Musik in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr recht Fuß fassen konnte, hat sie in den letzten Jahrzehnten gerade in Deutschland einen großen Aufschwung erlebt, wo heute - pointiert ausgedrückt - die Enkel der Täter für die Enkel der Opfer spielen.

Nicht von ungefähr sieht Julius Schoeps in der Pflege des "Tewje-Image" eine Gefahr. Denn das Phänomen zeige, dass Deutsche von einer unvoreingenommenen Wahrnehmung des Judentums immer noch weit entfernt seien. Manche Künstler bedienen in der Tat dieses Klischee mit ihren Darbietungen. Sie spüren, dass sie etwas zu bieten haben, was ankommt, gerade bei russischen Einwanderern.

Doch leider ist, was uns heute vorgesetzt wird, vielfach eine inhaltsleere Folklore jiddischer Musik, mittlerweile vornehm Klezmer genannt. Heute wird der Klezmermusik weltweit eine Resonanz zuteil, die das ostjüdische Kulturgut zu seinen Lebzeiten nie hatte, und so besteht die Gefahr der Verklärung der osteuropäischen Kultur, weil auf diese Weise die osteuropäischen Kultur über Gebühr verklärt und dabei völlig übersehen wird, dass die Menschen im Schtetl in Elend und Armut lebten und mit Humor über eine Welt hinwegzukommen versuchten, die sie nicht wollte und die ihnen das Leben schwer machte.

In der Tat, jiddische Lieder und Musik, jiddische Sprache und Literatur haben ihr Volk überlebt. Weder die angestrengten Wiederbelebungsversuche bei Klezmermusik und koscherem Essen, noch eifriges Erlernen der jiddischen Sprache und Wiederbelebung der jiddischen Literatur werden daran etwas ändern können, oder wie es in einem Lied aus dem Wilnaer Ghetto heißt: "Es fiert kein weg zurik."

Auswahlbibliographie:

Der Aufsatz erschien in gekürzter Fassung unter der Überschrift: "Versunkene Welten? Das Jiddische hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen" in "Tribüne. Zeitschrift zum

Verständnis des Judentums." 42.Jahrgang,Heft 165, 1.Quartal 2003.


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