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Goethe im Alter

In seiner Jugend hatte Goethe, wie wir gesehen haben, zwischen einem dichterisch verhüllten Patheismus und einem "Christentum zu seinem Privatgebrauch" gestanden und sich nach den ersten Weimarer Jahren zu einem ethischen Humanismus bekannt, der Natur und Antike einschloss. Im Alter glaubte er, immer mehr "bei den mannigfaltigen Richtungen seines Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben" zu können.

Im Jahr 1812 dichtete Goethe:

"Was wär ein Gott, der nur von außen stieße, /

Im Kreis das All am Finger laufen ließe! /

Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, /

Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, /

So dass, was in Ihm lebt und webt und ist, /

Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst."

Im lebendigen Wirken der Natur ist mithin der tätige Gott anwesend. Er ist kein jenseitiges Wesen, das die Natur einmal geschaffen und sich selbst überlassen hat sondern realisiert sich beständig in ihr.

Zugleich greift Goethe hier mehr oder weniger den Gedanken auf, den Kants berühmter Satz vom "bestirnten Himmel über mir und moralischem Gesetz in mir" ausgesprochen hatte. Ansonsten aber hatte Goethe zu Kant ein gespaltenes Verhältnis, weil es ihn irritierte, wie Kant der Anschauung, den vertrauensvoll der Natur geöffneten Sinnen den Prozess gemacht hat. Der Göttlichkeit des Alls entspricht, laut Goethe, ein inneres Universum, und da auch im Menschen Göttliches wirkt, ist es sinnvoll, dass die Völker dem Besten dieses Universums den Namen Gott verleihen. Ein Pluralismus der Toleranz zeichnet sich ab, wo jeder das verehren und göttlich nennen darf, was ihm wertvoll erscheint. Gott aber ist an das ethische Verhalten des Menschen gebunden, andernfalls wäre Gott in der Natur allein und könnte als solcher gar nicht begriffen werden.

Goethe hat, laut Conrady, keine zusammenhängende Darstellung seiner Welt-, Lebens- und Zeitanschauung aus der Sicht des Alters vorgelegt. Deutlich zeichnen sich jedoch in Aufsätzen, Gesprächen und Briefen auf verschiedenen Gebieten gewisse Konstanten ab, die von früher gewonnenen und in langen Jahren angeeigneten Erkenntnissen gestützt werden. Die Grundüberzeugungen, die seine 'weltanschaulichen Gedichte' aussprachen und die die Basis seiner Naturforschung bildeten, behielten selbstverständlich ihre Gültigkeit.

Wie Leibniz nahm auch Goethe in der überall lebendigen Natur unzählige selbständige Einzelwesen an, die kraft ihrer Entelechie, zusammengebunden als Glieder einer universellen Harmonie, dem in ihnen an gelegten Lebensziel entgegenstreben; auch im Mikrokosmos wirken die Gesetze, die im Makrokosmos herrschen.

In seinen letzten Lebensjahrzehnten näherte er sich den Ursprüngen des Christentums, des Judentums, des Islam, des Parsismus und mit Einschränkungen auch denen des Hinduismus. Erst die Summe der Weltreligionen schufen für Goethe die moderne akzeptable "Metaphysik des Glaubens".


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