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Jesus bei Goethe

Da Goethe dem Glauben an die völlige Sündhaftigkeit des menschlichen Wesens und an seine Unfähigkeit zum Guten aus eigener Kraft seine Zustimmung versagte, vermochte er dem Leben und Sterben Jesu keine Heilsbedeutung abzugewinnen. Denn"..das, was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so notwendig zu seiner Existenz und in das Ganze gehört."

Ein höchstes Wesen anzunehmen, vom Göttlichen, auch von Gott zu sprechen und auf eine sinnvolle Ordnung des Ganzen, des Sichtbaren und Unsichtbaren zu vertrauen, war Goethe lieb und geläufig. Dazu bedurfte er nicht des christlichen Auferstehungsglaubens und der kirchlichen Riten, die ihn zeitweilig faszinierten und dann wieder abstießen. Für ihn blieb entscheidend, was aus der Kraft eines Glaubens, die er respektieren, ja bewundern konnte, an Lebensförderlichem resultierte.

Nicht Tod und Auferstehung Jesu waren daher für ihn lebensentscheidende Fakten, sondern nach aufklärerischer Tradition Jesu Leben als Vorbild eines einmaligen Menschen, vor dem Ehrfurcht angebracht sei. Diese verstand Goethe in dreifacher Weise: Ehrfurcht gegenüber dem, was über uns, neben uns und unter ist. So repräsentiert sie auch die drei wirklich "echten" Religionen: die ethnische, die philosophische und die christliche Religion. Die erste ist die des Alten Testaments, die zweite die der klassischen Weisheit, zu der nicht nur die griechische Philosophie, sondern auffälligerweise bei Goethe auch Christus gehörte. Die höchste Stufe aber sei die dritte, die christliche Religion, "ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und musste." Es ist die Nächstenliebe und die Agape, auch das Mitleid, das Hybris und Größenwahn des Menschen ausschließt, die "aber auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen" vermag. Selbst Sünde und Verbrechen vermögen "Fördernisse des Heiligen" zu werden.

Bei aller Anerkennung der sittlichen und sozialen Ausgaben der Kirche wendet sich Goethe schon früh einem, zur allgemeinen Humanität verklärten unkirchlichen Christentum zu.

Goethe hat sich in seinen Dichtungen hin und wieder des Kreuzes bedient und dabei auf Schwachstellen und Angriffspunkte im Christentum aufmerksam gemacht. "Willst du mir zum Gotte machen, solch ein Jammerbild am Holze!" fragt er in den "Venezianischen Epigrammen" und im "Divan". Mit dem Fundament des Christentums, der Theologie des Gottessohns und Erlösers, dem "Märchen von Christus", konnte er sich nie befreunden und noch weniger mit dem leidigen Marterholz. Laut Goethe war dies "das Widerwärtigste unter der Sonne", das kein vernünftiger Mensch auszugraben und aufzupflanzen bemüht sein sollte. Das war ein Werk für eine bigotte Kaiserin-Mutter; wir sollte uns schämen, ihre Schleppe zu tragen..". - "Es werden wohl noch zehntausend Jahre ins Land gehen, und das Märchen vom Jesus Christus wird immer noch dafür sorgen, dass keiner so richtig zu Verstande kommt."

Die Apotheose des Leidens am "Martergerüst", überhaupt die christliche Verdrossenheit, die die Welt zum von der Erbsünde kontaminierten Jammertal entwertet, stieß ihn ab, um so mehr lobte er am Islam eine lebensfrohe Diesseitigkeit, die selbst noch die Jenseitsvorstellungen bestimmt.

Goethe hatte überdies zu Leid und Tod ein ambivalentes, ja gestörtes Verhältnis. So erklären sich wohl auch die Emotionen, mit denen er das Kreuz Christi gelegentlich attackierte. Ihn störte vor allem die Darstellung der Materinstrumente bei der Kreuzigung und die des Todes Jesu. Er wollte nicht den Gekreuzigten, er wollte den Auferstandenen dargestellt wissen.

In seinem Bildungsroman"Wilhelm Meisters Wanderjahre" läßt der Dichter seinen Protagonisten einen Vorsteher der Schule fragen: "Habt ihr denn auch so, wie ihr das Leben dieses göttlichen Mannes als Lehr- und Musterbild darstellt, sein Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Deutung hervorgehoben? - Auf alle Fälle, sagte der Älteste. Hieraus machen wir kein Geheimnis, aber wir ziehen einen Schleier über diese Leiden, eben weil wir sie hoch verehren. Wir halten es für eine

verdammenswürdige Frechheit jenes Martergerüst und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die göttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu tändeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Würdigste gemein und abgeschmackt erscheint..."

Kein Wunder, dass im Haus am Frauenplan, wie katholische Goethe-Kenner festgestellt haben, sich zwar viel Antikes befand, aber kein Kreuz. Für nicht wenige Christen, wie etwa für Karl Barth, war Goethe vor allem deswegen ein Heide, weil ihm das Kreuz "eine Torheit" dünkte. Christus war gewiss nicht die Mitte seines Denkens, lediglich der Person Christi wollte er "anbetende Ehrfurcht" erweisen. Nur vor diesem Hintergrund konnte Goethe Christus als die Verkörperung und Vollendung des sittlichen Prinzips anerkennen und den Weltreligionen in der Vervollkommnung der Humanität ihre gemeinsame Aufgabe bestimmen.

Das grausige, ewig gebärende und wiederkäuende Ungeheuer "Natur" wird dabei ebenso übersehen wie der Jammer einer sündigen Menschheit, bemängelt Wilhelm Kahle, einer seiner katholischen Interpreten, und fügt hinzu: "Mit erborgter Andacht steht die Zeit vor den Wundern des Schöpfers und wendet seinen Werken jene Verehrung zu, die IHM allein gebührt." Da es für Goethe indessen keine Übernatur gibt, wird Christus umgangen oder heftig zurückgewiesen.

Zu Kanzler von Müller sagte er 1830: "Mir bleibt Christus immer ein höchst bedeutendes, aber problematisches Wesen" und: "Wer ist denn heutzutage ein Christ, wie Christus ihn haben wollte? Ich allein vielleicht, ob ihr mich gleich für einen Heiden haltet." Dann wieder fühlte sich der Dichter als Ketzer, gerade weil er zur Erlöserfigur Jesus Christus und damit zum Kern des christlichen Glaubens ein gebrochenes Verhältnis hatte.


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