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Goethe und die Frankfurter Judengasse

Halten wir uns an Goethes Leben und Texte, die Aufschluß geben können, über seine Beziehung zu Juden und seine Einstellung zum Judentum. Beide wurden zunächst durch die christliche Umgebung bestimmt, in der er aufwuchs und die beherrscht wurde von den Grundvorstellungen, dass das Alte Testament durch das Neue eingelöst worden sei und das Volk der Juden Jesu Tod verschuldet habe. Dementsprechend war die Bibliothek von Goethes Vaters, aus der der junge Goethe sich gewiß auch mit Lesestoff versorgt hat, bestückt mit etlichen tendenziös-christlich apologetischen Schriften, wie etwa mit der für das 18.Jahrhundert repräsentativen zweibändigen Darstellung des christlichen Antisemitismus "Entdecktes Judentum" von Andreas Eisenmenger(1654-1704). Früh vertraut waren Goethe zudem, wie er selbst berichtet, die Gräuelmärchen von den Ritualmorden aus Gottfrieds bebilderter "Historischer Chronik" von 1633. Natürlich kannte Goethe auch alle anderen Schablonen der christlichen Judendiskriminierung, wie etwa das Klischee, dass Juden ständig schachern und feilschen. Wen wundert's, dass der junge Goethe von den damals üblichen Vorurteilen gegenüber Juden nicht frei war. "Die alten Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder", schrieb er in seinen Lebenserinnerungen, "schwebten düster vor dem jungen Gemüt." Goethe selbst hat später 1811 in einem Gespräch in Karlsbad mit dem jüdischen Bankier Simon von Laemel seine frühe Einstellung als "Reflex" auf die ihn "umgebenden christlichen Männer und Frauen" gedeutet.

Aber nicht nur aus Märchen, Legenden und Vorurteilen hat Goethe das Judentum kennengelernt. In seiner Heimatstadt Frankfurt ist Goethe schon frühzeitig persönlich Juden begegnet, die sich von der christlichen Umgebung noch durch Kleidung, Lebensart und Sprache abhoben und von denen er sich zugleich angezogen und abgestoßen fühlte. Vor allem die enge dunkle, von Menschen wimmelnde Judengasse, wo die Frankfurter Juden seit drei Jahrhunderten unter ghettoartigen Bedingungen mit eigener Zivilgerichtsbarkeit und eigener Kultur zusammengepfercht leben mußten und wo sechs Jahre vor Goethes Geburt der Begründer der Dynastie Rothschild Meyer Amschel geboren wurde, machte auf den behüteten, aber entdeckungslustigen Patriziersohn den Eindruck eines dunklen Geheimnisses, das seine Neugierde reizte.

Er hat mehrfach die Judengasse aufgesucht und einzelnen Zeremonien beigewohnt, wie etwa einer Beschneidung, einer Hochzeit und der Feier des Laubhüttenfestes. An Sabbatnachmittagen sah er gern, berichtet Ludwig Geiger, die hübschen Judenmädchen spazieren gehen,und wir werden ihm, merkt der Autor verschmitzt an, "nicht übel nehmen, wenn er sich an ihrem Anblick mehr erfreute als dem ihrer männlichen Begleiter." Goethe schreibt darüber ausführlich in "Dichtung und Wahrheit" und vergißt dabei nicht zu erwähnen, dass er in den jüdischen Familien gastfreundlich aufgenommen worden und man ihm "gefällig" gewesen sei, was ihn wiederum in der Einsicht bestärkte, dass die dort Wohnenden "ja auch Menschen" seien und Angehörige des auserwählten Volkes Gottes, denen man "seine Achtung nicht versagen" könne.

Diese Jugenderlebnisse haben den Dichter lange begleitet, doch hat er erst viel später, nämlich 1811, als das Ghetto allmählich aufgelöst wurde, in "Dichtung und Wahrheit" darüber berichtet, und zwar aus der Optik des Kindes. Gleichwohl ist seine Autobiographie an vielen Stellen mehr Reflexion gegenwärtiger Ansichten als Reflexion über Vergangenes. Obwohl Goethe zur Zeit der Abfassung seiner Lebensgeschichte Juden gegenüber im allgemeinen kritischer eingestellt war als in den Jahren, denen sein um Verständnis bemühter autobiographischer Bericht galt, hat er sich hier zu einem verständigen Juden-Beurteiler stilisiert.

So erzählt er,wie er bei einem Brand in der Judengasse 1774 mit anderen eine Löschgasse gebildet habe und energisch gegen Späße aufgetreten sei, die "Verachtung und Unart noch dem Elend" hinzufügten. Dann wieder beschreibt er, wie er bei den Vorbereitungen zum Wahltag, alle Fremden aus der Stadt gewiesen, die Tore geschlossen und die Juden in ihrer Gasse eingesperrt worden seien, während der Frankfurter Bürger sich nicht wenig dünkte "daß er allein Zeuge einer so großen Feierlichkeit bleiben" durfte. Goethe betrachtet das Ganze mit leiser Ironie und feinem Spott, ist aber ohne Mitgefühl für die in der Judengasse Eingesperrten, die von allen Bürgerrechten und Feierlichkeiten ausgeschlossen waren. Bemerkenswert an Goethes Schilderungen ist auch, dass er selbst ein halbes Jahrhundert nach seiner knabenhaften Obrigkeitsgläubigkeit kein Wort der Kritik an ihr und der Erziehung, die zur ihr führte,fand und dass er gegen die Juden auferlegte Verpflichtung,sich äußerlich kenntlich zum machen, nie polemisierte, obwohl ihm deren Herabwürdigung bewußt gewesen sein muß. Das Vertrauen in die Rechtlichkeit "öffentlicher Anstalten" hat den Dichter allem Anschein nach nie verlassen.

Goethe machte auch die Bekanntschaft mit dem "Frankfurter Judendeutsch", einer Variante des Westjiddischen. Auch wenn er diese Sprache zunächst als "barock" und "unerfreulich" empfand - "Judensprache hat etwas Pathetisches", notierte er noch später -, und es ist nicht leicht abzugrenzen, wie weit das als Lob oder als Tadel klingen soll -, nahm er diese Sprache begierig auf und erhielt als Zehnjähriger bei dem Konvertiten Carl Christian Christfreund sogar Unterricht in der "teutsch-hebräischen Sprache". Welche Fertigkeiten Goethe dabei gewann, deutet seine"Judenpredigt"an, die erst 1856 - nach einer Abschrift Friederike Oesers - ans Licht der Öffentlichkeit kam. Bei diesem Text ging es, laut Ludwig Geiger, um eine den Juden "geläufige" Geschichte, die sich christlichen Endzeiterwartungen entgegenstellt. Der sechzehn- oder siebzehnjährige Goethe hat in der"Judenpredigt" einen grotesken Exodus ausgemalt:in dreihunderttausend Jahren, so der Inhalt, wird der Messias über das Rote Meer kommen und durch den Klang einer Posaune die Juden versammeln. Alle werden auf einem Schimmel des Messias Platz haben und heil über das Rote Meer gelangen, die Christen aber, welche sich aus Hohn auf den Schwanz gesetzt haben, werden im Meer ertrinken. Antijudaismus war das sicherlich nicht, darüber sind sich alle Gegener von Antisemiten einig und verweisen auf die Unmutsäußerung, mit der Goethe später Kleistskünstlerische Hoffnungen auf die Zukunft quittiert. Verurteilt wird in der "Judenpredigt"nicht der jüdische Glaube. Vielmehr gilt dieKritik exklusiven Heilserwartungen in der Gegenwart und trifft vor allem das offizielle Christentum.

Das Judendeutsch ist auch Teil der Konzeption eines vielsprachigen Briefromans von Goethe: Sieben Geschwister sollten in verschiedenen Sprachen miteinander korrespondieren:in zwei stilistischen Varianten des Deutschen, in gutem Deutsch der älteste Bruder, einem "frauenzimmerlichen" Stil mit kurzen Sätzen die Schwester, dann in förmlichem Latein und in Griechisch ein Theologe, ein in Hamburg tätiger Handelsgehilfe in Englisch, ein Musiker in Italienisch, ein weiterer Bruder in Französisch, und schließlich der Jüngste, weil für ihn nichts übrig blieb, in "Judendeutsch". "Der Jüngste, eine Art von naseweisem Nestquackelchen, hatte, da ihm die übrigen Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Judendeutsch gelegt und brachte durch seine schrecklichen Chiffren", die er dabei verwendet,"die übrigen in Verzweiflung und die Eltern über den guten Einfall zum Lachen". Mit den verschiedenen Sprachen hatte Goethe die einzelnen Personen typisieren wollen. Nur das Jiddische entzog sich ihm einer derartigen schematischen Zuordnung. Er setzte es lediglich als Notlösung für den jüngsten Bruder ein und nutzte es zugleich, um damit eine besondere, komische Wirkung zu erzielen. Damit stand Goethe durchaus in der Tradition der deutschen Literatur. Ihm ging es um Komik und Kuriosität, nicht um eine Diskriminierung des Jiddischen. Auf der anderen Seite darf selbstverständlich nicht übersehen werden, dass gerade in der zugespitzten sprachlichen Charakterisierung der Juden in der Literatur seit dem "Sturm und Drang" auch eine der Wurzeln für die antijüdische Agitationsliteratur liegt.

Im übrigen darf man vermuten, behaupten Goethe-Interpreten, dass der jiddische Teil in diesem polyglotten Briefroman, von dem es bedauerlicherweise kein Textzeugnis mehr gibt, am wenigsten gelungen war. Im Gegensatz zu den durch verschiedene schriftliche Zeugnisse belegten Fortschritten Goethes im Umgang mit anderen fremden Sprachen soll der Erfolg des Unterrichts im Jiddischen nur gering gewesen sein.Goethe hat diesen daher wohl auch bald wieder aufgegeben.

Als gesichertes Dokument für Goethes Beschäftigung mit dem Jiddischen hat sich dagegen nur die Abschrift einer zweiseitigen Anweisung zur teutsch-hebräischen Sprache" erhalten, die der künftige Dichter wahrscheinlich im Zusammenhang mit Christfreunds Unterricht im Jiddischen nach einem grammatikalischen Abriß von Johann Michael Koch 1761 angefertigt hat.


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