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Goethe und das Judentum

Goethes 250.Geburtstag hat uns eine Fülle von Publikationen beschert,mit vielfältigen Themen und Aspekten. Kaum ein Bereich, kaum eine Berufs-oder Altersgruppe, die nicht mit Goethe in Verbindung gebracht wurde. Nur ein Thema wurde bislang ausgespart:"Goethe und die Juden". Das verwundert um so mehr, da in letzten Jahren häufig die Beziehung bekannter historischer Persönlichkeiten zu Juden untersucht worden ist, wie etwa die von Martin Luther, Richard Wagner, Georg Christoph Lichtenberg, Voltaire, Peter Rosegger und anderen. Zudem hat man in der Vergangenheit schon wiederholt Goethes Beziehung zu Juden aufs Tapet gebracht, sowohl aus jüdischer, antisemitischer als auch aus neutraler Sicht. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Goethe es eigentlich mit Juden hielt, setzte unmittelbar nach seinem Tod ein und dauerte fort bis in die Weimarer Republik und in die dreißiger Jahre.

Florian Krobb hat für dieses Phänomen folgende Erklärung gefunden: "Für die Geschichte der Juden in Deutschland bedeuteten die sechs Jahrzehnte um die Wende vom 18.zum 19.Jahrhundert, die Goethes Schaffenszeit umfaßte, einen entscheidenden Schritt, vielleicht den wichtigsten ihrer Diaspora-Geschichte:den Eintritt der deutschen jüdischen Gemeinschaft in die bürgerliche Gesellschaft. Waren die 70er und 80er Jahre des Aufklärungsjahrhunderts noch geprägt von dem humanitären Optimismus, der sich an die vorbildliche Gestalt des Philosophen Mendelssohn knüpfte, so zeigen die ersten Jahrzehnte des folgenden Säkulums bereits Schwierigkeiten und Rückschläge der deutsch-jüdischen Emanzipations-und Assimilationsgeschichte, überlagern sich Reformversuch und Reaktion bis hin zu den ersten abstoßenden Auswüchsen eines säkularisierten, politisch-sozialen Antijudaismus. Goethes Verhältnis zu Juden, zum Judentum und zur jüdischen Problematik hat folgerichtig einiges Interesse hervorgerufen; die Zahl der "Goethe und die Juden"-Publikationen ist fast unübersehbar."

Nach 1945 hat man sich lange Zeit an das brisante Thema nicht mehr herangewagt. Erst im Goethejahr 1982 hat der Philologe Wilfried Barner mit seinem Aufsatz"150 Jahre nach seinem Tod. Goethe und die Juden"einen neuen Versuch gestartet. Doch nicht auf dem Buchmarkt, sondern verstreut in den Bibliotheken findet man heute eine Reihe von Darstellungen über "Goethe und die Juden" aus unterschiedlichen Perspektiven. Die einen, wie der Kulturhistoriker Victor Hehn(1813-1890), Houston Stewart Chamberlain(1855-1927), der nazitreue Germanist Franz Koch (1888-1969) und der Prediger Max Maurenbrecher(1876-1930)haben, durch willkürlich geschickte Arrangements keineswegs gefälschter Zitate, Goethe zum erbitterten Judenfeind gestempelt. Einige Antisemiten, die auch Goethe nicht wohl gesonnen waren, glaubten sogar, schreibt Julius Bab in "Goethe und die Juden", dass der Dichter in seiner Erscheinung "ganz das Urbild eines Nachkommens Abrahams" und in seinem Wesen "weit mehr Semite als Deutscher"gewesen sei." Solche "Judenblut-Schnüffler" scheuten, laut Raimund Eberhard, nicht davor zurück, Goethe im Hinblick auf einige seiner körperlichen Merkmale und weil sich unter Goethes Vorfahren eine Familie "Lindheimer" befand, zum"Judenstämmling"machen,um dadurch manche allgemein menschliche, antinationalistische Züge in Goethes Charakter als undeutsch zu verketzern. Dabei sei Goethe alles andere als ein "Nationalist" gewesen und hätte engstirnigen Nationalismus gewiß ebenso verdammt wie unseren heutigen "Radikal-Antisemitismus" - schreibt Eberhard in seiner Anfang der dreißiger Jahre erschienen Studie.

Jüdische und nichtjüdische Autoren und Wissenschaftler wie Heinrich Tewels, Ludwig Geiger(1848-1919), Julius Bab(1880-1955) haben dagegen in Goethe, anhand anderer Zitate, einen begeisterten Judenfreund gesehen. Sie haben den Dichter von jedem Verdacht des Antisemitismus freigesprochen und sind selbst heiklen Äußerungen von ihm gegenüber Juden und Judentum noch mit Wohlwollen und Nachsicht begegnet. Nicht wenige hoben seine Verehrung für Spinoza sowie seinen freundlichen Umgang mit einzelnen Juden hervor und haben auf die"spinozistische Weltanschauung" des Dichters großes Gewicht gelegt. Wer hingegen Goethe zum Judengegner erklärte, bezweifelte, dass er den Lehrmeinungen des jüdischen Philosophen überhaupt angehangen habe. Irrig sind beide Positionen, denn die Philosophie von Spinoza, der sich vom Judentum früh losgesagt hatte und dafür von Rabbinern mit dem Bann belegt worden war, ist in ihrem Wesen keineswegs"typisch"jüdisch. Leider erwies sich beim Thema "Goethe und die Juden" das polemische antisemitische Klischee durchweg als stärker als alle gutgemeinten Interpretationsversuche.


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