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Giordano Bruno - ein anstößiger Denker

Tod auf dem Scheiterhaufen vor vierhundert Jahren

Lange Zeit nahm Giordano Bruno neben seinem berühmten Zeitgenossen Galilei Galileo eine eher randständige Bedeutung ein. Sein wissenschaftlich-philosophischer Rang und die Wirkung seines umfangreichen Werkes waren von seinen Lebzeiten bis weit in die Moderne umstritten.

Kein Zweifel, Bruno war ein unbequemer Philosoph und ist in seinem ereignisreichen Leben immer wieder in das Ränkespiel verfeindeter Lager geraten.Sicherlich haben seine Unnachgiebigkeit in philosophischen Fragen und seine nonkonformistische Haltung, etwa sein vehementer Antiklerikalismus und seine antischolastische Position, die auch vor der Lehre des Aristoteles nicht haltmachte, ihm nicht gerade große Beliebtheit eingetragen.

Brunos Lebenslauf

Geboren wurde Philippo Bruno - erst später im Kloster nahm er den Namen Giordano an - 1548 in Nola. Hier ist er auch aufgewachsen. Allerdings soll seine Kindheit nicht allzu glücklich gewesen sein. Mit siebzehn Jahren trat er in Neapel in den Dominikanerorden ein, erhielt 1572 die Priesterweihe und studierte Theologie. Dann geriet er in Konflikt mit der Klosterleitung, der sich vor allem an seiner Ablehnung christlicher Heiligen- und Marienverehrung entzündete. Als er der Ketzerei angeklagt wurde, verließ er den Orden und nahm eine philosophische Wanderexistenz auf, die ihn durch eine Vielzahl von Stationen in ganz Europa führte. Aus der nicht geplanten Flucht wurde, "ein konstruktiver Lebensweg, auf dem sein philosophisches Werk Gestalt annehmen konnte", schreibt Wolfgang Wildgen in" Das kosmische Gedächtnis. Kosmologie, Semiotik und Gedächtnistheorie im Werke Giordano Brunos".

Bruno reiste durch Italien und Frankreich nach Genf, das er 1579, nachdem er sich kurz zuvor immatrikuliert hatte, im Streit mit den Calvinisten verließ. In Toulouse hatte er 1579 kurzfristig einen Lehrstuhl für Philosophie inne. 1581 machte er sich in Paris einen Namen, fuhr bald darauf nach England, wo er sich mit den anglikanischen Theologen in Oxford überwarf. Einen literarischen Niederschlag fand diese Zeit in seiner in London veröffentlichten Schrift "Das Aschermittwochsmahl" ("La cena de le ceneri"), in der der unbequeme Philosoph schonungslose Polemik gegen den Oxforder Gelehrtenstand übte und das Londoner Geistesleben heftig karikierte. Später gelangte er über Wittenberg nach Prag, 1589 an die Universität Helmstedt und dann nach Frankfurt. In Helmstedt wurde er nach kurzer Zeit von Pastor Boethius aus der lutheranischen Gemeinde ausgeschlossen. Wie man sieht: überall war der Nolaner nach kurzer Zeit persona non grata. Meistens wurde er nur geduldet und hatte nicht die Chance, in den jeweiligen Lehrkörper integriert zu werden. Aber an einigen Orten konnte er einige seiner Schriften publizieren, die ihre Wirkung nicht verfehlten.

1591 erreichte ihn eine Einladung nach Venedig, die tragische Folgen haben sollte. Denn in der Lagunenstadt fiel er der Denunziation seines dortigen Gastgebers Giovanni Mocenigo zum Opfer. Giovanni Mocenigo, hat ihn aus Enttäuschung darüber, dass Bruno nicht wie erwartet die Geheimnisse der praktischen Magie lehrte, angezeigt. Endlich hatte der Philosoph einen Mäzen und Bewunderer gefunden, und nun konnte er dem Ruf nicht entsprechen, der ihm vorausgeeilt war.

Er wurde eingekerkert, nach Rom überstellt und schließlich, weil er sich weigerte, seine Lehren zu widerrufen, zum Tod auf den Scheiterhaufen verurteilt. Am 17.Februar 1600 wurde das Urteil öffentlich vollstreckt. Ehe Giordano Bruno erstickte, reichte man ihm an einem langen Stab das Kreuz, aber statt dies Zeichen zu küssen, drehte er sein Gesicht mit letzter Anstrengung in die entgegengesetzte Richtung. Atheist ist Bruno indessen nie gewesen.

Zwei Tage später war in der Römischen Zeitung"Avisi di Roma" zu lesen: "Der abscheuliche Dominikanerbruder von Nola, über den wir schon früher berichtet haben, wurde am Donnerstag Morgen auf dem Campio dei Fiori bei lebendigem Leibe verbrannt. Er war ein ungemein halsstarriger Ketzer, der aus seiner eigenen Eingebung verschiedene Dogmen gegen unseren Glauben fabrizierte, besonders aber gegen die Heilige Jungfrau und andere Heilige. Der Elende war so hartnäckig, dass er gewillt war, dafür zu sterben." Ganz anders fiel dreihundert Jahre später das Urteil von Bertolt Brecht über Bruno im "Mantel des Ketzers"(1939)aus:"Giordano Bruno, der Mann aus Nola, den die römischen Inquisitionsbehörden im Jahre 1600 auf dem Scheiterhaufen wegen Ketzerei verbrennen ließen, gilt allgemein als großer Mann, nicht nur wegen seiner kühnen und seitdem als wahr erwiesenen Hypothesen über die Bewegungen der Gestirne, sondern auch wegen seiner mutigen Haltung gegenüber der Inquisition, der er sagte:'Ihr verkündet das Urteil gegen mich mit vielleicht viel größerer Furcht, als ich es entgegennehme.'"

Die Kirche hat sich mit Bruno noch nicht ausgesöhnt

Von 1603 bis 1965 standen Brunos Schriften auf dem Index librorum, der Liste kirchlicherseits verbotener Bücher. Das mutet einigermassen paradox an, da Bruno alle seine 1603 auf den Index gesetzten Schriften erst nach Verlassen des Ordens verfasst hatte und das nicht als Theologe, sondern als Philosoph.

Der erste Konflikt mit den Glaubensinstitutionen war durch Brunos Interesse für die erasmischen Kommentare der Kirchenväter und seine Verachtung der gefühlsbetonten Marienverehrung entstanden. Hinzu kamen seine Zweifel am Dogma der Trinität sowie seine angespannte Beziehung zur christlichen Offenbarungsreligion insgesamt. Einige Autoren glauben sogar, dass Bruno das Christentum für eine bloße Perversion ägyptischer Kulte gehalten habe. Aber auch Brunos und Antiaristotelismus, der vor dem großen Thomas von Aquin nicht Halt machte, und sein Copernicanismus erregten Ärgernis.

Auch seine spätere Beschäftigung mit der Gedächtniskunst und den Lehren des Lullus erregte den Argwohn der Kirche. War doch der Lullismus in ihren Augen eine sektiererische Strömung. In gewisser Weise war der Lullismus des Giordano Bruno, nach Ansicht von Wildgen, "noch anrüchiger als sein Copernicanismus, denn die Werke des Copernicus standen noch nicht auf dem Index, und es hatte keine Verurteilung stattgefunden" (S.83). Dagegen war Lullus bei der Gegenreformation, weil er Christliches mit islamischer und jüdischer Weisheit in Verbindung gebracht hatte und sein Werk zur Alchimie und Magie missbraucht wurde, in Misskredit geraten.

Sein Tod auf dem Scheiterhaufen sollte ein Schreckenszeichen für die Gegner Romas sein. Er selbst wurde im 19.Jahrhundert zum Symbol der laizistischen Bewegung, durch deren Initiative am 9.Juni 1889 ein Monument für Giordano Bruno auf dem Campo de Fiori, wo er im Jahr 1600 verbrannt worden war, eingeweiht werden konnte. Diesem Festakt waren jahrelange Kämpfe vorausgegangen. Studentenproteste, die die Absetzung des papstfreundlichen Bürgermeisters forderten, und der Druck eines internationalen Ehrenkomitees waren dafür nötig gewesen, dem Victor Hugo, Ernest Renan, Herbert Spencer, Ernst Haeckel, Georg Ibsen und Ferdinand Gregorovius angehörten. Der Vatikan versuchte vergeblich, das Denkmal beseitigen zu lassen, und sprach, als ihm dies nicht gelang, einen der Unterzeichner des Todesurteils von Bruno, Kardinal Bellarmin, heilig. Nicht wenige sahen darin nur eine hilflose Trotzreaktion des Vatikans. Der damalige Papst Leo XIII. hatte selbst anlässlich der Enthüllung des Brunostandbildes auf dem römischen Campo dei fiori ein Sendschreiben an die gläubige Welt 1889 gerichtet mit folgenden Worten :""Er(Bruno)hat weder irgendwelche Verdienste um die Förderung des öffentlichen Lebens erworben. Seine Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intolerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei."

Auch heute noch tut sich die Katholische Kirche mit dem anstößigen Philosophen schwer, und es ist fraglich, ob die Kurie, Bruno an seinem vierhundertsten Todestag genauso rehabilitiert wie kurzem Galilei. Offensichtlich sieht die Katholische Kirche in Giordano Bruno immer noch einen Häretiker.

Brunos Philosophie

"Bis in unser Jahrhundert", schreibt Anne Eusterschulte in ihrer kleinen Studie "Giordano Bruno zur Einführung", "sind die Einschätzungen des Brunoschen Werkes durch eine außerordentliche Ambivalenz gekennzeichnet. Von den einen wird er gefeiert als Wegbereiter neuzeitlicher Philosophie im Ausgang von der mittelalterlichen Scholastik und als wichtiger Vertreter einer Emanzipationsbewegung in den Naturwissenschaften, die von Kopernikus und Galilei zu Kepler führt. Von den anderen wird er als Anhänger eines magisch verbrämten, unsystematisch-spekulativen Obskurantismus verworfen"(S.12/13).

Für viele steht Bruno für eine halbes Jahrhundert europäischer Geistesgeschichte, für das Ende einer großen Epoche der Renaissance, und den Beginn einer neuen Ära, der Moderne. Wofür aber steht er in Wirklichkeit, welche Zeichen hat er gesetzt?

Bruno, der angetreten war, um "das Denken aus dem Kerker eines verschulten blinden Aristotelismus" zu befreien, und Aristoteles und seinen zeitgenössischen Anhängern vorwarf, die Existenz der Vielheit negiert zu haben, nahm den Himmel als Maß der Dinge. Er transzendierte die Zeit und sah die Welt sub specie aeternitatis, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit.

Bruno berief sich wohl auf Kopernikus, der die Ablösung des bis dahin gültigen geozentrischen Systems des Ptolemäus eingeleitet und damit die bis dahin ausgezeichnete Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung in Frage gestellt hatte, doch ging er über seine Theorie der Erdbewegung hinaus und vertrat die These einer Selbstbewegung jedes einzelnen Himmelskörpers innerhalb eines als unbegrenzt wahrzunehmenden Weltraums, in dem es keinen absoluten Mittelpunkt, keine sphärische Seinsordnung, keinen äußeren Rand oder Beweger gibt.

Sein Hauptthema war die Unendlichkeit des Universums, die unendliche körperliche Substanz im unendlichen Raum, die lebendige kosmische Einheit, die sich, so Bruno, in der Vielfalt im permanenten Umschlag des Entgegengesetzten, in der Wechselwirkung des Verschiedenen erhält. Das Weltall war für Bruno nicht nur unbegrenzt und unendlich, sondern auch erfüllt von unzähligen Welten, die womöglich ebenso bewohnt und belebt seine wie die Erde. Zudem hatte er die Vorstellung, dass alle Körper beseelt seien und sich in einer lebendigen Wechselwirkung im Universum befänden.

Bruno, der die Probleme des Erkennens der Frage nach dem Menschen und seinem Selbst- und Weltbezug unterordnet, denkt nicht anthropozentrisch, für ihn sind alle lebendigen Wesen verschiedene Phänomene der einen universalen Existenz, zwischen den Pflanzen, Tieren und dem Menschen besteht nur ein gradueller, kein qualitativer Unterschied, weil alle ihren Ursprung aus derselben metaphysischen Wurzel haben. Für Bruno gab es weder unbeseelte Materie noch Dualismus von Seele und Körper, Geist und Materie oder Instinkt und Vernunft, denn derselbe Geist prägt alle und alles.Alle Kreaturen haben eine Intelligenz, die ihren Bedingungen entspricht. "Die Natur ahmt die Wirksamkeit der Gottheit auf bewundernswürdige Weise nach, und das menschliche Ingenium wetteifert wiederum mit der Natur." Die Intelligenz begriff Bruno als eine göttliche Kraft, die allen Dingen als Erkenntnisfähigkeit innewohnt, durch welche alle Lesewesen wahrnehmen, fühlen und in irgendeiner Weise erkennen. Brunos Philosophie ist von vielen Interpreten sicher nicht zu Unrecht als Pantheismus oder Hylozoismus klassifiziert worden.

Bruno sieht die Welt nicht nur als ein lebendiges Ganzes, sondern auch als ein Ganzes in kontinuierlicher und ewiger Bewegung. Für ihn existierten keine Grenzen zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Mensch und Welt. Damit nahm er Martin Heidegger vorweg, für den der Mensch bekanntlich nichts anderes war als ein "In-der-Welt-Sein", das heißt, "Das In-Der-Welt-Sein" war den Philosophen des Seins nichts anderes als die Definition des Menschen. Dieser Gedanke wurde von Bruno vorgeprägt. Er expliziert ihn freilich nicht nach mit Hilfe von Begriffen, sondern von Bildern, mit denen er auszudrücken versuchte, was andere Philosophen später mit Begriffen dingfest zu machen glaubten. Bruno war ein Poet, ein Künstler, so Wildgen, "der mit Begriffen malt".

Doch wusste er auch, dass eine angemessene Erkenntnis des über die natürlichen Dinge hinausgehenden unendlichen göttlichen Wirkens uns verwehrt ist, so dass wir"bestenfalls auf die Spur der Erkenntnis des ersten Prinzips und der ersten Ursache kommen können."

Denn all unser Wissen ist Unwissen. Die Wahrheit an sich bleibt der menschlichen Erkenntnis verschlossen. Der Status des Naturphilosophen oder Physikers markiert die Grenze dessen, was der Mensch als begründbares Wissen erreichen kann. Obgleich Bruno den Blick in die metaphysischen Abgründe der Welt und unserer Existenz richtete und den Weg, der von der empirischen Realität zur Idee führt, durchlief, wurde er nicht müde, zu wiederholen, dass die Sinne trügerisch seien, weil sie entweder die wahre Natur der Dinge verbergen oder sie unter einer falschen Erscheinung präsentieren.

Während Bruno in seinem Werk "Über das Unendliche, das Universum und die Welten" ("De l'infinito, universo e mondi") die Aufgehobenheit jedes individuellen Lebens in der Prozessualität der ewigen Natur betont und deutlich macht, dass der von unendlichem Leben erfüllte Raum gewissermaßen eine ethische Norm verkörpert, nämlich die Akzeptanz aller auf anderen Kontinenten oder auf anderen Welten möglichen Kulturen, Lebensweisen und die Achtung aller Arten des Lebendigen", kommen in seiner Schrift "Die Vertreibung der triumphierenden Bestie" ("Spaccio de la bestia trionfante")seine gesellschaftlichen Ideale klar zum Ausdruck: Förderung des Wohls des einzelnen wie des Gemeinwohls, die Sorge um das Vaterland und die Menschheit, zwischenmenschliche Großherzigkeit und mildtätige Gerechtigkeit bis hin zur indirekten Forderung nach sozialem und kulturellem Engagement.

Im Grunde hat er schon auf Kants 1791 gestellte Frage: was heißt, sich im Denken orientieren?, eine Antwort gegeben. Man muss die Welt befragen, wenn man wissen will, wie sich der Mensch verhält, und wenn man wissen will, wie die Welt sich verhält, so muss in das eigene Innere schauen, die Gesetze, die im Universum herrschen, herrschen auch im Menschen.

Im Rückgriff auf Cusanus bedient er sich des Gedankens der coincidentia oppositorum, des Zusammenfallens der Gegensätze im Unendlichen, so dass Gott überall anwesend ist. Bruno sieht überall fließendes Leben. Da es keine Grenzen gibt, schließen auch Gut und Böse nicht einander aus, sondern kommen beide zugleich vor. Weise aber ist der, der mit den Gegensätzen in der rechten Weise umzugehen weiß und sich nicht an ihnen stößt. Bruno, der ein aristokratisches Konzept von Kultur vor Augen hatte, hielt nur den Gebildeten für fähig, sich der Gegensätze bewusst zu sein und mit ihnen fertig werden.

In der Studie "Die Kabbala des Pegasus mit der Zugabe des Kyllinischen Esels"(Cabala del cavallo pegaseo/L'asino cillenico) wiederum ist die Dummheit das eigentliche Thema. Bruno ironisiert die heilige Unwissenheit, für die wahre Gottgefälligkeit allein in heiliger Dummheit und Unwissenheit liegt, und äußert unverhohlenen Spott über die christliche Prädestinations- und Gnadenlehre wie über die klerikale Knechtung der vernunftbegabten Seelen gemäß dem Verdikt, Gottergebenheit zeige sich im Verzicht auf den Vernunftgebrauch. Zugleich wird hier unüberhörbar die Selbstgefälligkeit des kirchlichen Gelehrtenstandes und einer in gelehriger Schafsköpfigkeit gehaltenen Herde scharf verurteilt. Bruno kritisiert die Vertreter einer Glaubensmacht, sofern sie vorgeben, im Besitz des wahren Wissens zu sein und ergeht sich in polemischen Tiraden gegen geistige Entmündigungspraktiken.

Brunos Gottesverständnis

Für Bruno war Gott "keine Intelligenz außerhalb der Welt, die diese im Kreise dreht und leitet. Würdiger muss es für ihn sein, das innere Prinzip der Bewegung zu bilden, eine Natur aus sich, von eigener Art, eine Seele für sich, an der alles teil,hat, soviel in seinem Schloss und Leibe lebt."

Goethe schrieb später:

"Was wäre ein Gott, der nur von außen stieße
im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So dass was in Ihm lebt und webt und ist
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst."

Er war davon überzeugt, dass die Allmacht Gottes aktiv ist und ihr deshalb ein unendliches Wirkungsobjekt entspricht.

Bei Bruno ist das übernatürliche Wesen der Gottheit, das in seiner Philosophie durchaus eine systematische Begründungsfunktion hat, nicht im christlichen Sinne eines extraterristischen Schöpfergottes zu verstehen. Die Lehre eines unendlichen Universums lässt keinen solchen göttlichen Außenstandpunkt zu. Wenn die Welt ewig und unendlich ist, welchen Sinn hat dann der Mythos von einem persönlichen Gott, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Welterkenntnis führt zur Selbsterkentnis mit dem Ziel der Gotteserkenntnis.

Seine Religionskritik steht zwar dem Kult kritisch gegenüber, lehnt diesen aber nicht in Bausch und Bogen ab.Verehrung des Transzendenten ist für ihn eine Grundform menschlichen Denkens, die sich für diesen Zweck Götterbilder sucht, weil der Mensch nicht umhin kann, in den Naturdingen und in allen Menschen die Wirkung des Transzendenten, des Gottes zu suchen. Hier kommt er Kant ganz nahe.

Worin liegt die Wirkung von Giordano Bruno?

Brunos Spuren sind im Atomismus des Wittenberger Arztes Daniel Sennert ebenso nachzuweisen wie im Naturverständnis von Spinoza oder im Monadenbegriff von Leibniz. Immerhin hat Bruno als erster in der modernen Philosophie das Wort Monade gebraucht als unteilbare Einheit, als das konstituierende Element aller Dinge. Die einen halten ihn für einen Magier, andere für einen Kosmologen, Schriftsteller, Utopisten oder genialen Theoretiker. Von manchen Autoren, vor allem von jenen, die der Esoterik und der New-Age-Bewegung nahestehen, wird Bruno gerade wegen seiner Nähe zu östlichen Weisheiten und Seelenwanderungslehren sehr geschätzt. Um so dringlicher ist die unvoreingenommene und systematische Erschließung seiner Schriften. Aber es ist schwierig, Brunos Wirkung präzise zu erfassen. Daher hat es wohl auch nie Brunianer gegeben wie es etwa Galileianer, Cartesianer oder Leibnizianer gegeben hat.

Bruno hat in der Tat vieles vorweggenommen, auch auf dem Feld der Wissenschaft, daher verstanden ihn seine Zeitgenossen nicht. Galilei übernahm viele Ideen von Bruno, ohne ihn zu nennen, vielleicht aus Vorsicht, denn es wäre nicht klug gewesen, erwähnte er den Namen des Philosophen nicht, der von der Inquisition zum Scheiterhaufen verurteilt worden war.

Über Wirkung und Rezeption der Werke Brunos vom 16.bis zum beginnenden 19.Jahrhundert gibt es wenig zuverlässige Zeugnisse, kaum explizite Bezugnahmen, eine offene Auseinandersetzung mit seinen Schriften und eine Berufung auf den Nolaner war mit dem Risiko verbunden, als Sympathisant eines Irrlehrers in Verruf zu geraten. Brunos Einflüsse liegen wohl eher im Verborgenen, etwa bei Spinoza oder Leibniz. Anstoß für ein neuerliches Interesse an der Philosophie Brunos war eine Schrift F.H.Jacobis,in der Brunos Philosophie als pantheistische Lehre und Grundlage der Schriften Spinozas betrachtet wird. Hegel sah in Brunos Einheitsbewusstsein etwas Bacchantisches, das dann aber, unfähig zum systematischen Gebären, in mystische Schwärmerei umgeschlagen sei.

Auch Schelling und Goethe haben sich mit Brunos Werk beschäftigt. Beide faszinierte besonders der Gedanke der Weltseele, das Hervorgehen des Vielen aus dem Einen, die Verschränkung innerer und äußerer Ursachen, das Prinzip der coincidentia oppositorum, die Doppelbewegung von entwickelndem Herniedersteigen und erkennendem Aufsteigen, kurzum das Themenfeld des Neuplatonismus, das die Goethezeit mitbestimmt hat.

Man hat ihm viele Attribute verliehen: Zunächst sah man in ihm den Vertreter eines neuen Eklektizismus und Gegner des Christentums, dann verschiebt sich sein Bild vom Häretiker, Lullisten, Dissidenten und Pantheisten zum Dialektiker des "Ineinfalls" der Gegensätze. Zumeist fristete der Denker sein Dasein zwischen diffusem Okkultismus und Antiklerikalismus, als Geheimtip unter den Kennern, als Märtyrer der Geistesfreiheit und Opfer der Intoleranz, als fahrenden Ritter der Gedankenfreiheit. Cassirer sah in ihm den Zeugen eines neuen Weltgefühls, Blumenberg interpretierte seine Philosophie als Beginn der Neuzeit.

Eine entscheidende Wende bescherte, laut Blum, die englische Privatgelehrte Frances A.Yates der Bruno-Forschung. Sie kam nämlich zu dem Schluss, dass Hermetismus und Magie die wesentlichsten Elemente des Brunoschen Denkens gewesen seien. Durch ihren Theoriensynkretismus habe Yates, meint Blum, alle Spielarten von Renaissance-Okkultismus hoffähig gemacht und jene philosophischen Probleme wieder entdeckt, auf die Philosophen wie Bruno zu antworten versuchten.

Brunos Rezeption während der letzten Jahre

Wie aber ist es gegenwärtig mit der Rezeption seiner Bücher und Lehren bestellt. Wir wollen einen kurzen Blick auf einige Bruno-Bücher werfen, die in den letzten Jahren erschienen sind.


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