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ANNE TEBARTZ-VAN ELST: Ästhetik als Metapher. Zum Streit zwischen Philosophie und Rhetorik bei Friedrich Nietzsche. 237 S., Verlag Karl Alber Freiburg/München 1994;

Anne Tebartz-Van Elst, Jahrgang 1958, hat in ihrer Dissertationsschrift Nietzsches Neubestimmung des Verhältnisses von Philosophie und Wissenschaft zur Rhetorik in seinen sprachkritischen und metapherntheoretischen Reflexionen genau unter die Lupe genommen.

Lange Zeit galt die Rhetorik als bloßer Ausdruck großer Beredsamkeit und als eine Technik effektvollen Redens. Doch seit Nietzsche,in Abgrenzung vom Wahrheitsbegriff der metaphysischen Tradition,den Begriff der "perspektivischen Wahrheit" entfaltet hat und erst recht seit durch Lyotard, einem der wichtigsten Vertreter der Postmoderne,der Begriff der absoluten Wahrheit vollends fragwürdig geworden ist, gibt es keinen archimedischen Punkt mehr, "von dem aus das Rhetorische ohne weiteres als bloßer Schein abgetan werden könnte" (S.12).

Nietzsche hat in der Tat die fundamentale Bedeutung des Rhetorischen für die Philosophie und die Sprache schon früh erkannt. Aufgrund von Verführungen durch die Sprache lesen wir wohl oder übel, nach Nietzsches Meinung, 'Disharmonien und Probleme in die Dinge' hinein, aber letztlich sei dies nicht zu vermeiden, weil wir nur "in den sprachlichen Form denken" (S.63).

Bekanntlich nahm Nietzsche alles, auch den Glauben an die Vernunft und ihre Wahrheit, unter der Perspektive des Lebens wahr. Die Wahrheit wiederum definierte er als grenzenlosen Prozess, als ein unaufhörliches Interpretationsgeschehen und das Erkennen als perspektivisches Sehen, das wesentlich durch unsere Affekte und unsere Stimmungen bestimmt wird.

Zunächst forderte Nietzsche, führt die Autorin aus, die Wissenschaft unter der Optik der Kunst und die Kunst unter der des Leben zu betrachten. Dieses Programm sei jedoch misslungen. Erst der spätere Versuch, an die Stelle der Perspektive der Kunst die sprachphilosophische Perspektive zu setzen, war erfolgreich.

Tebartz-Van Elst kommt nach diffizilen Untersuchungen zu dem Schluss, dass für Nietzsche die Sprache Rhetorik war und die Metapher ihrerseits ein sprachliches Verfahren, das die Neubeschreibung der Welt und die Erweiterung unserer Erkenntnis ermöglicht.

Während in der übrigen Philosophie zu Nietzsches Zeiten und bis weit in das 20.Jahrhundert hinein sozusagen ein Metaphernverbot bestand und die Metapher selbst dem Bereich der Künste, der Dichtung und damit dem Bereich der Täuschung, der Illusionen, des Scheins zugeordnet wurde, machte Nietzsche sie zum Ort der Emanzipation, der Befreiung von der neuzeitlichen Vernunft, weil sie die fundamentale Rolle der Einbildungskraft vor Augen führt und so die Einheit von Bereichen in den Blick bringt, die in der Sprache der metaphysischen Tradition streng geschieden sind: die Einheit von Logik und Ästhetik, von Vernunft und Phantasie und von Philosophie und Rhetorik. Es geht nicht an, die Metapher als reines rhetorisches Wirkungsmittel aus Wissenschaft und Philosophie zu verbannen. Schließlich ist sie ein genuiner Schauplatz menschlichen Wahrheitsstrebens, in dem Schaffen und Entdecken in einer unaufhebbaren Spannung zueinander stehen - einer Spannung, die nach Nietzsche zu den Grundbedingungen des Lebens gehört. Nietzsche hat damit wesentliche Erkenntnisse von modernen Metapherntheorien und gleichzeitig manches aus der Wittgensteinsche Terminologie vorweggenommen. Die Verfasserin weist in diesem Zusammenhang auf Arbeiten von Max Black, Paul Ricoeur und Hans Blumenberg hin, in denen seit einiger Zeit wieder das Bestreben erkennbar sei, die Rhetorik in Anknüpfung an Aristoteles zu erneuern und ihr den angestammten Platz neben Wissenschaft und Philosophie zurückzugeben.


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