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RUTH EWERTOWSKI: Das Außermoralische Friedrich Nietzsche-Simone Weil-Heinrich von Kleist-Franz Kafka. 283 S., Universitätsverlag C.Winter, Heidelberg 1994;

Ruth Ewertowski zieht über den Begriff des Außermoralischen Verbindungslinien zwischen Nietzsche und Weil, zwischen Heinrich von Kleist und Franz Kafka. Sie setzt sich in ihrer überaus lesenswerten und anregenden Studie mit den verschiedenen Gesichtern der außermoralischen Ambivalenz sowohl in den Werken von Kleist und Kafka als auch in den Theorien von Friedrich Nietzsche und Simone Weil aus einander. Da in diesem Bericht die Aktualität und der derzeitige Rezeptionsstand Nietzsches im Vordergrund stehen,soll auf ihre Ausführungen über Kleist und Kafka hier nicht näher eingegangen werden.

Das Außermoralische meint, so erläutert Ewertowski, weder Amoralisches noch Unmoralisches. Vielmehr bezeichnet es Phänomene, die gut oder böse zugleich sind, weil ihnen Unschuld und Schuld nicht eindeutig zugeordnet werden können. In der Literatur erscheint das Außermoralische in der Tragik unschuldig schuldiger Helden.

Obwohl Nietzsche und Weil aus verschiedenen Richtungen herkommen, stimmen sie, laut Ewertowski, im Begriff des Außermoralischen überein. Beide waren sich der Untrennbarkeit von Lust und Schmerz, von Gut und Böse wohl bewusst. Nietzsche entwarf unter dem Titel "Dionysos" eine Bejahung des Widerspruchs. Amor fati lautet seine Zauberformel.

Was bei Nietzsche der Wille zur Macht ist, nennt Weil Schwerkraft. Beide, Wille zur Macht und Schwerkraft,stehen,je auf ihre Weise, für das eine, unumstößliche Gesetz allen Geschehens und bezeichnen die unwillkürliche Mechanik in allem Denken und Handeln. Dadurch wird das Selbstverständnis der moralischen Freiheit, von Nietzsche und von Weil gleicherweise,in Frage gestellt. Während Weil jedoch in den Wirkungen der Schwerkraft eine tragische Schuld ansetzt und die Annahme, dass die Religion eine Quelle des Trostes sei, als Hindernis für den wahren Glauben verwirft, negiert Nietzsche den Schuldbegriff und sagt sinngemäß:Zieht Gott die moralische Haut aus, und ihr werdet ihn bald wiedersehen, jenseits von gut und böse. Er setzt mit einem philosophierenden Gott die Fragwürdigkeit von Gut und Böse absolut.

Simone Weil wiederum formuliert den moralischen Widerspruch folgendermaßen: "Das Böse ist der Schatten des Guten." Für sie ist die Ambivalenz von Gut und Böse die Bedingung einer Transzendenz, um Gott zu begegnen und "Grund einer existentiellen Leiderfahrung im Sinne der Zerreißung im Widerspruch" (S.206). Letztlich hat die Spannung zwischen gut und böse für Weil und Nietzsche eine höhere Realität als alle widerspruchsfreien Projektionen des Verstandes und des Willens.

Das Leiden ist für Nietzsche kein Argument gegen das Leben, kein Grund zur Resignation, kein Grund zur Verteidigung irgendeines Verantwortlichen und kein Grund zur Hoffnung auf Entschädigung. An die Stelle der klassischen Theodizee und der mehr oder weniger säkularisierten Heilsprognosen tritt bei ihm die ästhetische Rechtfertigung. Weil hält die Frage, wie Gott angesichts des physischen und moralischen Übels zu rechtfertigen sei, ebenfalls für überflüssig,da sie im Leiden keinen Einwand gegen Gott sieht. Ist doch neben der Schönheit gerade das Leid der vorrangige Lebensbezug und die besondere Gelegenheit der Gotteserfahrung. Nietzsche behauptet seinerseits, wer die Negativität, den Widerspruch und den Schmerz leugnet, der dividiert das Leben und verneint eine seiner Hälften.

Nietzsche bestreitet ferner den freien Willen, um eine naturhafte Unschuld des Werdens freizulegen. Uns bleibt nichts anderes übrig, so Nietzsche, als die tragische Bejahung der ewigen Wiederkehr des Gleichen, eines ewigen Werdens ohne Finalität und Fortschritt. Eine jenseitige und angeblich wahre Welt sei nur von Theologen aus der Not heraus dazu erfunden worden. Die Notwendigkeit erkennen und sich ihr fügen, das eben machen, nach Nietzsche, Würde, Geist und Größe des Menschen aus. Erst die Leidensfähigkeit ist Kriterium der Lebensfähigkeit. Damit ist kein Lebenstraining gemeint, fügt die Verfasserin hinzu, sondern die Bereitschaft, sich dem Leben und dem Schmerz immer von neuem auszusetzen.

Nietzsche hält das Übel letztlich für indiskutabel. Er nimmt es aus dem philosophischen Diskurs der Erklärungen und Entschuldigungen heraus und macht es zu einer ästhetischen Kategorie, die sich, wie die gesamte Kunst und das Leben auch, einer Begründung verweigern. Simone Weil geht noch einen Schritt weiter und betrachtet die Härte des Leids als Kriterium der Wirklichkeit. Elend, Not, Erschöpfung, Grausamkeit, gewaltsamer Tod, Zwang, Terror, Krankheiten sind für sie Zeichen göttlicher Liebe. Weils Umwertung der Werte liegt darin, dass sie eine fast un- oder übermenschliche Selbstüberwindung des Menschen fordert, indem sie ein Recht auf Güte und Wohlergehen bestreitet und im Negativen eine Zuwendung sieht.


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