. . auf


Friedrich Nietzsche und die Literatur

Literarische Begabung

Friedrich Nietzsche kennt man in erster Linie als Philosophen, Zweifler, Propheten und radikalen Kritiker des Christentums. Daneben gibt es aber auch den Philologen und Schriftsteller Nietzsche. Dieser schrieb und dichtete, als ginge ihn der zweifelnde und provozierende Nietzsche nichts an. Der Denker Nietzsche ist umstritten, nicht so der Stilist. Thomas Mann rühmte seinen Stil mit geradezu hymnischen Worten. Auch Gottfried Benn hat in erster Linie den Sprachschöpfer Nietzsche bewundert und wiederholt betont, dass dieser in seinen Augen nach Luther das größte deutsche Sprachgenie sei. Nietzsche wird daher als wirkungsmächtigster Autor auch zur Geschichte der deutschen Literatur gezählt. Kein Literaturlexikon, keine Literaturgeschichte kommt umhin, ihn zu erwähnen. Schon 1894 findet Nietzsche Aufnahme im Konservationslexikon Brockhaus als "Stilist ersten Ranges, als Dichter eines neuen Dithyrambusstils". "Die Stärke von Nietzsche als Dichter aufweisen und ihn dadurch an die Seite von Goethe, Hölderlin rücken, also an die Seite der Weimarer Klassik, wohin er gehört" - das will auch Manfred Riedel mit seinem 1999 erschienenen Buch "Freilichtgedanken-Nietzsches dichterische Welterfahrung."

Schon früh fiel Nietzsches literarische Begabung auf.

Mit vierzehn Jahren schrieb er seine ersten Gedichte und verfasste kleine Kompositionen. Kurz vor seinem Zusammenbruch vollendete er 1888 einen Gedichtzyklus, die Dionysos-Dithyramben, in denen sich Bearbeitungen von Gedichten fanden, die schon 1885 zusammen mit seinem wohl bekanntesten Werk, dem "Zarathustra", einer philosophischen Dichtung, veröffentlicht wurden. Ob die große Wirkung des Zarathustra auf die philosophische Lehre oder die sprachgewaltige Darstellung zurückgeht, ist bis heute ungeklärt. "Vor dem Werk Nietzsches", so schrieb Hans-Albrecht Koch in der Tageszeitung "Die Welt" vom 2.Oktober 1999, "erweist sich jeder Versuch, Philosophie und Dichtung zu unterscheiden, als unsinnig."

Zu Lebzeiten jedoch, insbesondere vor seiner geistigen Umnachtung, wurde Nietzsche als Philosoph und als Dichter wenig beachtet. Nur 1888 erschien ein Artikel über Nietzsches "Vorrechte als Schriftsteller", in dem es hieß, es gebe "keine stolzere und zugleich raffiniertere Art von Büchern" als die seinen, denn er sei imstande, "in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andere in einem Buch sagt." Der Artikel stimmte, aber er hatte einen kleinen Schönheitsfehler. Er stammte nämlich von Nietzsche selbst. Doch schon ein Jahr später, 1889, befand der jüdische Journalist und Kritiker Leo Berg(1862-1908):Nietzsche "ist der größte Virtuose der deutschen Sprache." Wörtlich:"Man mag einst über Nietzsche denken, was man will, über den Schriftsteller wird es bald keinen Zweifel geben. Er ist der größte Virtuose der deutschen Sprache."

Nietzsche wirkte überdies früher und nachhaltiger im Ausland als in Deutschland. Der dänische Literaturhistoriker Georg Brandes hat als einer der ersten in Deutschland auf den Philosophen aufmerksam gemacht, und Nietzsche hat diese Verehrung sehr genossen, wie seine Briefe an Overbeck bezeugen.

Doch als man dann Nietzsche entdeckt hatte, konnte sich kaum einer aus der schreibenden Zunft dem Zauber seiner Sprache entziehen, weder den der Bibel abgelauschten Psalmenklängen und dem Prophetenton noch den Wortspielereien und neuartigen Bildern noch den geschliffenen Aphorismen und der pointierten Ausdrucksweise. Wie Goethe ist auch Nietzsche durch die Schule der Lutherbibel gegangen. Nietzsche selbst hat einmal gesagt, die Bibel sei bisher das beste deutsche Buch und "gegen Luthers Bibel ist fast alles Übrige nur 'Literatur'." Unübersehbar ist die religiöse und religionsbezogene Herkunft der Sprache von Nietzsche, auch und gerade bei Zarathustra, hier ist es die Sprache der Mystik. Aber auch die Gedichte - sie fehlen in keiner Gedichtsammlung - haben viele verzaubert, vor allem die Dionysos-Dithyramben. Sie zeigen zugleich das erschütternde Ausmaß des Leidens, dem Nietzsche am Ende seines Schaffens ausgesetzt war.

Nietzsches Stilkunst und originelle Wortschöpfungen sind wohl der Hauptgrund für seine gute Lesbarkeit und eminente Wirkung. Wo zum Beispiel in Akademikerkreisen von "intellektueller Komplexität" die Rede ist, spricht Nietzsche von "Intrigen der Erkenntnis". Ein "Forschungsgebiet" ist bei ihm ein "Jagdgebiet", und dessen Potential nennt er "ausgetrunkene Möglichkeiten". Es lohnt sich noch immer, bei diesem Stilkünstler und Sprachschöpfer in die Lehre zu gehen.

Nietzsches Stil

In "Unzeitgemäße Betrachtungen" gestand Nietzsche:"Ich gehöre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat." Was Nietzsche von der Sprache seines Lehrers rühmt, gilt auch für den eigenen Stil der frühen Schriften. Ein"redliches, derbes, gutmütiges Aussprechen" bezeugt das "kräftige Wohlgefühl des Sprechenden", dem eine "rauhe und ein wenig bärenmässige Seele" zu eigen ist. Diese Sprache ist imstande, "das Tiefsinnige einfach, das Ergreifende ohne Rhetorik, das Streng-Wissenschaftliche ohne Pedanterie zu sagen." Bis zu seinem Buch "Menschliches-Allzumenschliches" schreibt Nietzsche die gleiche gediegene, an antiker Rhetorik geschulte Prosa. Er bevorzugt lange, sehr klar gebaute Satzperioden und verwendet auffallend wenig Fremdwörter. Die Philologie hat ihn gelehrt, alles zu begründen und mit Zitaten zu belegen. Hin und wieder blitzt etwas von witziger Bosheit auf, wenn er zum Beispiel die "Heiterlinge" oder die "Moral-Zärtlinge"verspottet. Auch in diesem redlichen Grimm bleibt er der Schüler Schopenhauers. Weil Nietzsche häufig neue Worte gebrauchte und mehr noch vorhandene Ausdrücke umdeutete, hat man ihn auch einen "Bildungsphilister" genannt. Oft veränderte er Wörter, indem er auf die Grundbedeutung der Bestandteile zurückging: "überreden" verstand er in dem Sinne von über-reden, das heißt, so viel reden, dass der Partner nicht mehr zu Worte kommt. Überreden im Sinne von überrennen. Nietzsche sprach auch von Vaterländerei, Schopenhauerei, Aufdringling, Düsterling, Kastralismus, Nicht-Gott, Immoralist, Antiesel oder er gebrauchte Pendantworte:Freitäter zu Freidenker, Vernunftbisse zu Gewissensbisse oder Korrekturworte: Christentümler statt Christen, Dysangelist statt Evangelist. Später wurden die Sätze kürzer und die Satzzeichen differenzierter. Die meisten Wörter sind Abstraktionen mit polemischer Spitze. Hier haben französische Gelehrte und Dichter oft Pate gestanden wie Montaigne, La Rochefaucould, La Bruyère, aber auch Lichtenberg und Heine. Charakteristisch für Nietzsches Aphorismen ist das Nebeneinander von prophetischem Ernst und Ironie. Wie in seinem Denken Metaphysik und Perspektivismus zusammenwirken, so in seiner Sprache Pathos und Spiel. Wir finden bei Nietzsche keinen einheitlichen Sprachstil, aber souveräne Beherrschung der Sprache.

Nietzsche über Dichter, Leser und Sprache

Nietzsche selbst hat sich auch über Schriftsteller, Dichter, Stil und Leser geäußert. "Wie der gute Prosaschriftsteller", so hat er einmal gesagt, "nur Worte nimmt, welche der Umgangssprache angehören, doch lange nicht alle Worte derselben - wodurch eben der gewählte Stil entsteht -, so wird der gute Dichter der Zunft nur Wirkliches darstellen - aber lange nicht jede Wirklichkeit." - "Den Stil verbessern", meinte Nietzsche, "heißt Gedanken verbessern und gar nichts weiter!" Aber:"Alle Dichter und Schriftsteller, die in den Superlativ verliebt sind, wollen immer mehr als sie können", und: "Gute Leser machen ein Buch fast immer besser, und gute Gegner klären es ab."

"Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher, für den, der das dritte Ohr hat", - dieser Stoßseufzer des späten Nietzsche, hat mitunter heute noch seine Berechtigung. Eine "Kunst des Stils" und womöglich "des großen Rhythmus", wie sie Nietzsche in "Ecce Homo" fordert, wird in der deutschen Literatur gegenwärtig wohl am wenigsten gepflegt, ganz zu schweigen von der Sekundär- und der Sachbuchliteratur.

Und über die Literatur seines Zeitalters urteilte er zwischen 1887 und 1888: "..verrückt und mathematisch zugleich, analytisch-phantastisch, die Dinge wichtiger und im Vordergrund nicht mehr die Wesen, die Liebe abgeschafft (schon bei Balzac tritt das Geld in den Vordergrund): mehr von der Geschichte im Kopfe erzählend als von der im Herzen."

Nietzsches Vorbilder und Ansichten über einzelne Autoren

Bevor wir uns der Rezeptionsgeschichte Nietzsches zuwenden, fragen wir erst einmal nach seinen literarischen Vorbildern und Vorlieben. Unter den Dichtern bevorzugte er Hölderlin (dessen "Empedokles" und "Hyperions Schicksalslied" haben ihn stark beeindruckt), Novalis, Laurence Sterne, die Romantiker, und sicherlich auch Heinrich Heine und Joseph von Eichendorff, denn manche Gedichte von Nietzsche stehen in ihrer Nachfolge, ferner Dostojewski, natürlich Goethe - mit Schiller dem "Moraltrompeter von Säckingen" hatte Nietzsche dagegen wenig im Sinn - und, man höre und staune, Adalbert Stifter. In "Menschliches Allzu Menschliches" hat Nietzsche den "Schatz der deutschen Prosa" wie folgt beurteilt: "Wenn man von Goethes Schriften absieht und namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es gibt; was bleibt eigentlich von der deutschen Literatur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen, das erste Buch von Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute von Seldwyla,-und damit wird es einstweilen am Ende sein."

Über Dostojewski urteilte Nietzsche, der gehöre zu den "schönsten Glücksfällen in seinem Leben. An Peter Gast schrieb er aus Nizza am 13.2.1887:"Kennen Sie Dostojewski? Außer Stendhal hat niemand mir so viel Vergnügen und Überraschung gemacht: ein Psychologe, mit dem ich mich verstehe." Tolstoi war dagegen für Nietzsche von geringerer Bedeutung.

Die Schriftstellerin George Sand nannte er eine "Milchkuh mit schönem Stil" und Jean Paul "ein Verhängnis im Schlafrock."

Verehrung und Abneigung für einzelne Dichter blieben bei Nietzsche nicht immer gleich. Auffälligstes Beispiel ist Heinrich Heine. Zuerst hatte er, als 24jähriger Professor in Basel, Heine abgelehnt, weil er ihn damals mit den Augen seines antisemitischen Mentors Richard Wagner sah. Später entdeckte er zwischen sich und Heine zahlreiche Parallelen und schrieb in "Ecce homo":"Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben." In den "Liedern des Prinzen Vogelfrei" hat Nietzsche dem chronisch kranken Dichter Heine ein Denkmal gesetzt. Zudem verglich er seine eigene Situation mit der Heines in der "Matratzengruft".

Eigenwillig ist auch Nietzsches Vergleich zwischen Goethe und Kleist. Goethe war für ihn die Inkarnation des Apollinischen und Gesunden und Kleist die des Dionysischen und Kranken.

Nietzsche im Urteil seiner Zeitgenossen

Von seinen Zeitgenossen, auch von Gottfried Keller(1819-1890), wurde Nietzsche recht skeptisch aufgenommen. So schrieb Gottfried Keller an Emil Kuh am 18.11.1873:"Das knäbische Pamphlet des Herrn Nietzsche gegen Strauß habe ich auch zu lesen begonnen, bringe es aber kaum zu Ende wegen des gar zu monotonen Schimpfstils ohne alle positiven Leistungen oder Oasen."

In Fontanes (1819-1898) "Stechlin" bringt ein Rentmeister gelegentlich modische Neuheiten aus Berlin mit, so das Wort von der "Umwertung der Werte". An anderer Stelle plaudert der alte Stechlin darüber, dass man statt des wirklichen Menschen nun den sogenannten "Übermenschen" etabliert habe.

Ähnlich wie bei Nietzsche, nur versteckter noch, zeigte sich schon bei Wilhelm Raabe(1831-1910), beispielhaft für den deutschen Realismus des 19.Jahrhunderts, wie die Überzeugung von einer erkennbaren Weltharmonie mehr und mehr von Zweifeln bedroht wird und die Darstellung eines Zusammenhangs der Dinge nur durch subjektive Setzung gelingt.

Auf die Dichtung der neunziger Jahre wirkt von den Werken Nietzsches fast nur der "Zarathustra", wie etwa auf Hermann Sudermann(1857-1928), Knut Hamsun(1859-1952) und Gerhart Hauptmann(1862-1946).

Arthur Schnitzler(1862-1933) äußert sich in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal vom 27.7.1891:"Gelesen wird mancherlei: Burckhardt, Cultur der Renaissance, Goethe, Annalen, Lessings dramatische Entwürfe..besonders Nietzsche - zuletzt hat mich ein Schlußkapitel zu "Jenseits von Gut und Böse" ergriffen." Schnitzler, der Nietzsche durch Georg Brandes kennengelernt hatte, teilte mit Nietzsche die Skepsis und die Verurteilung herkömmlicher Moral. Viele seiner Werke verkörpern den Voluntarismus des Artistentyps.

Nietzsches Wirkung auf Hugo von Hofmannsthal(1874-1929) ist dagegen nur vage auszumachen. Der Dichter der "Elektra" war -so viel ist sicher - von "Der Geburt der Tragödie" beeindruckt und entdeckte mit Nietzsche in der Antike das Vorklassische und Archaische. Gleichwohl hat Hofmannsthal Nietzsche in einem Essay als Vorbild aller geistig Suchenden hingestellt.

Plötzlich wurde Nietzsche berühmt

Etwa gleichzeitig mit seinem geistigen Zusammenbruch in Turin wurde Nietzsche um 1890 plötzlich berühmt, zunächst bei den nichtakademischen Intellektuellenkreisen der Großstädte, den Caféhausliteraten und Bohemiens. Dagegen sah sich Max Dauthendey(1867-1918), als er in einer deutschen Universitätsbuchhandlung den Namen Nietzsche erwähnte, mit einem ungläubigen Publikum konfrontiert, das glattweg bestritt, dass ein Philosophen dieses Namens überhaupt existiert.

Nach seinem Tod am 25.August 1900 fand Nietzsche dann auch in weiteren Kreisen Beachtung. Vielfach lernte man ihn durch sekundäre Quellen statt durch selbständige Lektüre seiner Schriften kennen. Das Resultat war eine ungenaue und oft auch triviale Nietzsche-Exegese, die von Schlagworten geprägt war wie "Herren-und Herdenmoral", "Wille zur Macht", "die Blonde Bestie" sowie durch einen trivialen "Übermenschenskult", der vielfach einem infantilen Verhalten zur Rechtfertigung diente. Die Aphorismen der "Götzendämmerung" schlugen ein "wie der Blitz in meine Seele", bekannte der Schriftsteller Wilhelm Weigand 1889. So erging es vielen. Dabei habe Nietzsche, meint der Literaturwissenschaftler Bruno Hillebrand, mehr zum Missverständnis seiner Schriften als zu deren Verständnis beigetragen.

Man suchte bei Nietzsche weniger philosophische Erkenntnisse als die Verkörperung der eigenen Befindlichkeit. Darin liegt wohl auch der Grund für die große Wirkung dieses Philosophen. Waren doch die meisten fest davon überzeugt, dass Nietzsche das besondere Schicksal ihrer Generation antizipiert und eine Zeitenwende personifiziert habe. Sie nahmen ihn daher in erster Linie als Zeitgenossen und weniger als Klassiker wahr. Die Beschäftigung mit Nietzsche steht demnach unter dem Vorzeichen geistiger Orientierung. Nach der Auflösung aller dogmatischen und moralischen Bindungen, so glaubten viele, bliebe nur noch die individuelle und perspektivische Einschätzung der Dinge und der Welt übrig. Nietzsches Rezeptionsgeschichte war also auch ein Stück Kulturgeschichte. Sie beginnt gesellschaftlich mit allen Verwerfungen und Banalitäten des Kaiserreichs als Initialzündung, wobei nicht nur der Vitalismus des Philosophen faszinierte, sondern auch seine mitreißende Sprache. "Es war ein Überwältigtwerden durch Sprache, ein Berauschtsein ohne rechtes Begreifen." Das gilt für die literarische Nietzsche-Rezeption und mehr noch für die populäre Aufnahme seiner Philosophie.

So kam er nach seinem geistigen Zusammenbruch zu einem zweiten Leben von gleichsam mythologischer Qualität. Biographie und Werk wurden nicht getrennt, sondern als Einheit wahrgenommen, durchaus zu Recht, weil Nietzsches Denken derart auf sein Leben bezogen ist, dass man beides zusammen sehen muss. Die Überzeugungen des Literatentums um die Jahrhundertwende, Nietzsche habe das besondere Schicksal ihrer Generation verkörpert und einen Zeitenwechsel signalisiert, wurde in veränderter Form später auch von der philosophischen Fachliteratur übernommen.

Dichter haben Nietzsche anders wahrgenommen als Philosophen

Dichter haben Nietzsche jedoch anders wahrgenommen als Philosophen. Während sich Philosophen um die richtige Deutung seiner Werke bemühten, stellten ihn Dichter in den großen poetischen Welt-Diskurs und erkannten als erste, dass mit Nietzsche ein neues Zeitalter der Welt-Deutung begonnen hat. Im Gegensatz zu den Philosophen haben die Dichter auch keine Nietzsche-Tradition errichtet. Vielmehr nahm sich jeder von Nietzsche, was er brauchen konnte. Dabei haben Dichter und Schriftsteller Nietzsches Anliegen oft besser erfaßt als die meisten Philosophen, zumal sie fast alle auf den Menschen Nietzsche eingegangen sind.

Nur dem Begabten indes gelang der Sprung in die eigene Stillage, die anderen blieben Epigonen. Nietzsche ist ein aufschlussreicher Probierstein, an ihm schieden sich die Geister. Nicht alle waren der neuen Wahrheit gewachsen, die besagt, dass es keine Wahrheit und, metaphysisch gesehen, keinen absoluten Standpunkt mehr gibt, sondern dass angesichts der unendlichen Deutbarkeit der Welt nur noch die Wahrhaftigkeit des Einzelnen übriggeblieben sei.

Nicht wenige erkannten nur, was ihnen ohnehin schon bekannt war. Die frühe literarische Nietzsche-Rezeption war oft recht oberflächlich. Man las ihn anfangs nicht sehr aufmerksam, ohne seinen Deutungsansatz zu verstehen. Dafür war man schnell begeistert, projizierte in Nietzsche die eigenen Wunschträume hinein, zitierte ihn nach Belieben und nahm ihn viel zu wörtlich. Nietzsches Philosophie wurde verfälscht und verdreht, etwa ins Antisemitische wie in Hermann Conradis Roman "Adam Mensch"(1889), während der bald einsetzende triviale Übermenschenkult vielfach einem infantilen Verhalten zur Rechtfertigung diente. Da Nietzsche den vehementen Beginn seines Ruhms nicht mit klarem Bewusstsein wahrgenommen hat, blieb ihm auch erspart, den Missbrauch seiner Gedanken mitansehen zu müssen. In seichten Romanen und Moralauffassungen versickerte sein Denken bei Michael Georg Conrad, Adolf Wilbrandt, Paul Heyse, und einer Reihe anderer Schriftsteller, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt. Nietzsche wurde trivialisiert und banalisiert, auch durch romanhafte Schwärmereien, zum Beispiel bei der Gräfin zu Reventlow und bei Detlev von Liliencron. Liliencrons Begeisterung von 1889, die er in dem Satz ausdrückte, Nietzsche "war der geistig höchst stehende Deutsche" ist freundlich gemeint, steht aber auf schwachen Füßen. Mit forscher Pennälermentalität urteilte Liliencron über Nietzsche: "Es ist selbstverständlich, dass die guten Bier- und Skatdeutschen ihn nicht kennen. Es ist empörend."

Richard Dehmel schrieb in jungen Jahren einen sentimentalen "Nachruf auf Nietzsche". Hochmütig reagierte dagegen 1907 Johannes Schlaf mit seinem umfangreichen Buch "Der Fall Nietzsche. Eine Überwindung." Julius Hart(1899) wiederum unterstellte Nietzsche, er habe polnisches Blut in seinen Adern und gehöre mithin einer "minderwertigen Rasse" an.

Auch ernst zu nehmende Schriftsteller haben Nietzsche mitunter emphatisch abgelehnt. Gerhart Hauptmanns Ausspruch:" "Nietzsche war nicht unser Mann" bezieht sich zum Teil auf den Freundschaftsbruch mit Richard Wagner. Allerdings blieb auch auf Hauptmann(1962-1946) Nietzsche nicht ohne Wirkung, doch zeigte sich diese erst dort deutlich, wo sich Hauptmann von Milieu, Charakter und Sprache des Naturalismus abkehrte.

Nietzsche sei wie "Rattengift im Gedärm" schrieb der sozialistische Schriftsteller Franz Mehring. Aber Sozialisten und Marxisten haben sich mit Nietzsche ohnehin kaum anfreunden können genau so wenig wie er sich mit ihnen.

Zum Kreis der frühen Bewunderer gehörten dagegen Christian Morgenstern, Graf Keßler, Rudolf Pannwitz. Morgenstern(1871-1914)schrieb:"Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das Ziel der Menschheit liegt." Morgenstern stand, vor allem in jungen Jahren, ganz im Bann Nietzsches und ließ sich von ihm zu Sprachspielen und sensiblen philosophisch religiösen Gedichten anregen. Sie erschienen unter den Titeln "Ich und Du" und "Wir fanden einen Pfad". Bei diesen Gedichten haben allerdings auch der Buddhismus und die Anthroposophie mit Pate gestanden. Die Gedankenwelt Zarathustras, Nietzsches Sprach- und Bildwelt hat Morgenstern mit übernommen. Doch später in seinen Galgenliedern, in den Motiven und in der geistigen Haltung, führt er nur noch die Trümmer der Zarathustrawelt vor. Parodistisch wird der "Übermensch" in "Phantas Schloß" behandelt.

Die Dichter, die um die Jahrhundertwende zu wirken begannen, und jene, die ihnen unmittelbar nachfolgten, zählten zu den Generationen, die von Nietzsche am stärksten beeinflusst wurden, weil Nietzsche für diese Autoren, die durchweg in einer Atmosphäre aufgewachsen waren, in der sie glaubten ersticken zu müssen, Befreiung bedeutete: Reinhard Johannes Sorge, Georg Heym, Gottfried Benn, Ernst Maria Richard Stadler, Stefan Zweig, Robert Musil, Carl Sternheim, Georg Kaiser, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke, Thomas und Heinrich Mann, Stefan George, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Ernst Barlach und Rudolf Borchardt.

Ein außergewöhnlich kritischer Nietzsche-Leser war Alfred Döblin(1878-1957). Allerdings hat sich Döblin heftig gegen Nietzsches Nihilismus gewehrt und ist dann zu dem Schluss gekommen: "Nietzsches im modernen Sinne positivistische Moral fällt bei aller zu ihrer Darstellung entfalteten Genialität ins Leere." Aus Döblins Schriften geht übrigens hervor, dass er Nietzsches Werke tatsächlich gelesen hat, was man nicht von allen Autoren sagen kann, die Nietzsches Namen in der Feder führen. Alfred Döblin brauchte Nietzsche, behauptet Bruno Hillebrand, zur metaphysischen Klarstellung der Moralsituation seiner Zeit. Er verfasste unmittelbar nach der Jahrhundertwende zwei Schriften über Nietzsche, die alles in den Schatten stellen, was damals geschrieben wurde. Hätte er sie ausgearbeitet und veröffentlicht, wäre die Deutung von Nietzsches Philosophie, vermutet Hillebrand, in andere Bahnen geraten.

Kurt Tucholsky(1890-1935) lobte 1929 Nietzsche dafür, "dem Deutschen wieder eine Prosa gegeben zu haben. Drei Jahre später hat derselbe politische Satiriker der "Weltbühne" Nietzsche wegen seiner großen Widersprüchlichkeit und Unentschiedenheit kritisiert. Tucholsky schrieb: "Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen. Bei Schopenhauer kann man das nicht so leicht. Bei Nietzsche ..für Deutschland und gegen Deutschland, für den Frieden und gegen den Frieden, für die Literatur und gegen die Literatur - was Sie wollen." Doch im selben Jahr noch bestand Tucholsky auf einer Unterscheidung zwischen den Schriften des Philosophen und den entstellenden Machenschaften des Archivs und verlangte: "Wir wollen nicht mehr die Werke Lieschen Försters, sondern die Werke Friedrich Nietzsches lesen."

Oskar Maria Graf(1894-1967) reflektierte 1915 über Egoismus und Gemeinsamkeit, über Herz und Gefühl, unter Berufung auf Christus, Strindberg, Nietzsche, Whitman und Dostojewski. In den frühen vierziger Jahren im amerikanischen Exil fragte er sich indessen, wie "die Naziepidemie ..in der einfachen Menschenvernunft Fuß fassen" konnte. Seine Antwort.."weil die ganze europäische Intelligenz den so dithyrambisch wohlklingenden Gewaltmythos des Herrn Nietzsche angenommen hat."

Auch Bertolt Brecht(1889-1956)hat sich zu Nietzsche, zumindest über seinen Zarathustra, geäußert und zwar in folgendem Fragment:

Du zarter Geist, dass dich nicht Lärm verwirre

Bestiegst Du solche Gipfel, dass dein Reden

Für jeden nicht bestimmt, nun misset jeden,

Jenseits der Märkte liegt nur noch die Irre.

Ein weißer Gischt sprang aus verschlammter Woge!

Was dem gehört, der nicht dazu gehört.

Im Leeren will die Nüchternheit zur Droge,

(in: Bertolt Brecht, Die Gedichte, Frankfurt/M., 1990, 613-614.)

Zudem läßt sich in Brechts Werk Nietzsches Einfluss an vielen Stellen nachweisen.

Eigentlich hat jeder, der etwas auf sich hielt, in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts seine Meinung über Nietzsche kund getan, auch Karl Kraus. Dieser meinte 1933, für den Ausruf, "welche Wohltat ist ein Jude unter Deutschen" drohten Nietzsche heutzutage "ein Jahrtausend Konzentrationslager."

Ricarda Huch(1864-1947)soll in ihrem Roman "Aus der Triumphgasse", wie jüngst der Literaturwissenschaftler Michael Meyer festgestellt hat, den Vitalismus Nietzsches zusammen mit Schopenhauers Willensmetaphysik übernommen und von Nietzsches Philosophie den Gedanken der Ewigen Wiederkehr adaptiert haben.

Ihr Bruder Rudolf Huch(1862-1943) behauptete, dass "Götz von Berlichingen" und "Die Leiden des jungen Werther" die Literatur jener Zeit nicht annähernd so beeinflusst hätten wie der "Zarathustra unsere moderne, wesentlich von Damen bereitete Lesekost."

Max Kommerell verglich Nietzsche und Stefan George(1868-1933) miteinander und schrieb:"Bestimmte Lieder Georges und Nietzsches klingen gleich, aus gleichem geistigen Schicksal." Beide haben symbolische Bücher geschrieben: "Zarathustra" der eine, "Stern des Bundes" der andere. Auch wenn keine biographischen Zeugnisse über eine Auseinandersetzung Georges mit Nietzsche vorhanden sind, so ist doch Nietzsches Einfluss auf Stil und Inhalt der Gedichte Georges deutlich zu spüren. Gemeinsam ist beiden eine antinaturalistische Haltung, der Versuch einer Erneuerung der Sprache, die Überzeugung, dass nur das große Individuum imstande sei, das Chaos zu formen und der heidnisch-antike neu erwachte Körpersinn sowie eine tiefe Abneigung gegen Mittelmäßigkeit, Verfall, Langeweile und gegen die Routine der Gegenwart. Stefan George gelang allerdings, was Nietzsche nicht geschafft hat, der Aufbau eines "weltlichen Klosters", einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Viele Anhänger des George-Kreises haben zu Nietzsche Stellung bezogen:Ernst Bertram, Ernst Gundolf und Kurt Hildebrandt. Nietzsches Einsicht in die grundlegende Antinomie von Schönheit und Wahrheit, Kunst und Philosophie, Wahn und Weihe haben sich indessen George und sein Kreis nie zu eigen gemacht.

Ludwig Marcuse bekennt in seinen Lebenserinnerungen, dass es ihm schwergefallen sei, Bücher von Autoren zu lesen, die ihn nicht hinrissen wie Nietzsche, der junge Marx und wie Freud. Egon Friedell befand "Nietzsche war ein Sprengmittel."

Auf Nietzsche beriefen sich viele

Nicht wenige Dichter und Schriftsteller schrieben Bücher über Nietzsche, zum Teil früher als die Philosophen, und haben, seine Anliegen oft besser erfasst als ihre Kollegen vom philosophischen Fach. Gustav Landauer verfasste 1893 den ersten Nietzsche-Roman. Auch in Malraux' Buch "La Lutte avec l'ange" und in Thomas Manns Roman "Dr.Faustus" fand Nietzsches Biographie ihren literarischen Niederschlag.

O'Neill zollte Nietzsche Tribut, als er den Nobelpreis entgegennahm und hat immer wieder betont, wie tief er ihm verpflichtet sei. Auf Nietzsche beriefen sich aber auch Anhänger und Vertreter des Naturalismus, Symbolismus, Expres-

sionismus sowie des literarischen und philosophischen Existentialismus. Nicht zufällig blickt aus dem Expressionismus mit seinen Katastrophenahnungen, seinem Griff ins Chaos, seinem Zug zum Absoluten, seinem Rückzug aus der Wirklichkeit in den Rausch des Geistes und in archaische Phantasien das Gesicht des späten Nietzsche. Den Expressionisten erschien die Erkenntnistheorie Nietzsches als Befreiung, weil sie metaphysische Wahrheiten und die Objektivität der Wirklichkeit zu wenig mehr als Illusionen erklärte.

Nietzsches Ästhetik, das heißt seine Betonung des Lebens und der Kunst, hat die Künstler im Allgemeinen und die Dichter im Besonderen begeistert: Wie kaum ein anderer Denker hat Nietzsche die Moderne beeinflusst und den literarischen Modernismus initiiert, den Futurismus und den Dadaismus. Vor allem das zweite Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts belegt in vollem Umfang, wie stark die deutsche Literatur und das deutsche Geistesleben seit 1890 von Nietzsche bestimmt sind.

Auf den Lyriker und Mitbegründer des literarischen Expressionismus Georg Heym, der im Alter von 25 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee 1912 ertrank, hatte die Lektüre der Werke Nietzsches einen so tiefen Eindruck gemacht,dass er sich wünschte,"sein Leben nun umzugestalten, um ein Pfeil zum Übermenschen zu werden", wie er in sein Tagebuch schrieb. Paul Celan(1920-1970)schwärmte ebenfalls in jungen Jahren für Nietzsches Zarathustra, was ihm bei seinen Mitschülern in Czernowitz den Spitznamen "Übermensch" eintrug. Dies soll ihn aber "nicht sonderlich gestört" haben. Nietzsche hatte weitreichende Folgen und erregte die Gemüter von Freund und Feind. Die einen verherrlichten als Märtyrer der Erkenntnis, die anderen hielten seinen Wahnsinn für die notwendige Folge seiner Vermessenheit.

Im Grunde hat Nietzsche überall Spuren hinterlassen, insbesondere in der schönen Literatur. Man lese nur einmal die vielen Mono- und Biographien über Schriftsteller und Dichter des 19. und 20.Jahrhunderts, um zu ermessen, wie viele von ihm angeregt worden sind oder sich mit ihm auseinandergesetzt haben.

Die älteren Zeitgenossen haben Nietzsche durchweg bekämpft und verspottet, die jüngeren und nachwachsenden Generationen

nahmen ihn dagegen begeistert auf. Stefan Zweig schildert diesen Vorgang anschaulich in seiner Autobiographie "Die Welt von Gestern": "Während der Lehrer über Schillers 'Naive

und sentimentale Dichtung' seinen abgenutzten Vortrag hielt,

lasen wir unter der Bank Nietzsche und Strindberg, deren Namen der brave, alte Mann nie vernommen." Der Bezug auf "den damals noch verfemten Nietzsche" sei vielen Herzenssache gewesen, schrieb Zweig weiter. Schließlich brauche der Geist von Zeit zur Zeit einen dämonischen Menschen, dessen Übergewalt sich auflehnt gegen die Gemeinschaft des Denkens und die Monotonie der Moral. Zweig, ein Humanist ohne Ideologie, blieb übrigens auch nach Hitlers Aufstieg zur Macht ein enthusiastischer Befürworter von Nietzsches Philosophie.

Nietzsches Einfluss auf Rainer Maria Rilke(1875-1926)datiert etwa seit der Bekanntschaft mit Lou Andreas Salomé Anfang 1897 und schlägt sich im "Florentiner Tagebuch" nieder.

Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Nietzsche und Rilke in der intensiven Gottsuche und in der Erfahrung und im Ausdruck von Einsamkeit. Nietzsche schreibt: "Weh dem, der keine Heimat hat", Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr." Beide bejahen das Leid als Quelle der Freude und bemühen sich, die Beziehung zwischen Denken und Fühlen neu zu bestimmen. Nietzsche klagt: "O, Zarathustra, das Suchen war meine Heimsuchung. Es frisst mich auf." Rilke drückt sein leidenschaftliches Suchen nach Gott mit folgenden Sätzen aus:"Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und

ich kreise Jahrtausende lang" und an anderer Stelle heißt es:"Der Weg zu dir ist furchtbar weit, und weil ihn lange keiner ging, verweht." Beide glaubten, nur der Mensch selbst könne der Erlöser des Daseins sein. Nietzsche sah die rettende Möglichkeit im Übermenschen, Rilke in der "Engelsschau

einer Welt,entkörpert in menschlicher Innerlichkeit." Nietzsches Ton klinge, meint Erich Heller, gebieterischer, Rilkes Auftrag sei bescheidener. "Rilke ist der heilige Franziskus des Willens zur Macht."

Franz Kafkas Nietzsche-Rezeption begann 1900 mit der Lektüre

der "Geburt der Tragödie". Mit Hilfe einzelner Passagen aus

"Also sprach Zarathustra" soll er sogar versucht haben, ein

Mädchen zu verführen. Während des Studiums hat sich Kafka an Diskussionen über Nietzsche, nach Aussagen seiner Freunde, beteiligt. Doch weder in seinen Tagebüchern noch in seinem Briefwechsel wird Nietzsche namentlich erwähnt. Andererseits ist das ständige Kreisen um Gott Grundthema auch bei Kafka(1883-1924), insbesondere in seinem Roman "Das Schloß".

Wahrscheinlich hat Kafka, wie Thomas Mann im Doktor Faustus,

ihn nicht genannt, weil der Philosoph, nach einem Ausspruch

von Gerhard Kurz, in Kafkas Werk so präsent sei,"wie Salz im

Meerwasser". Kurz faßt das Verhältnis zwischen dem Denken Nietzsches und dem Kafkas wie folgt zusammen:"Nachdem er ihn während seiner Gymnasialzeit entdeckt hatte, blieb Kafka Nietzsches Denken treu bis zu seinem Tode." Nietzsches Philosophie mit der Einsicht in den zwiespältigen Charakter unserer modernen Welt und Kafkas Romane erteilten sowohl dem Rationalismus als auch dem Hegelianismus eine Absage, indem sie die Unlösbarkeit des Scheins und den zeitgemäßen Charakter des Wahrheitsbegriffs vor Augen führen. Im Gegensatz zu Hegel definiert Nietzsche - gemäß seiner Erkenntnistheorie - die Kunst "als den guten Willen zum Scheine" und verabschiedet sich von der metaphysischen Wesenssuche.

Zwischen Kafka und Nietzsche bestand offensichtlich eine gewisse Affinität. Um so mehr verwundert es, dass Max Brod, der Franz Kafka sehr geschätzt und über ihn viele Bücher geschrieben hat, Nietzsche stets abgelehnt hat und in ihm den genauen Gegenpol zu Kafka sah. Doch der Lyrik und dem feinen Kunstverständnis von Nietzsche hat auch Brod seine Anerkennung nie versagt. Die Literatur indessen, die auf Nietzsche basiert, hielt Brod für heidnische Verirrungen und Rückfälle.

Bei Robert Musil, der Nietzsche schon mit 18 Jahren gelesen hatte, finden sich kontinuierlich Äußerungen zu Nietzsche in den Tagebüchern. Er war auch die geistige Hintergrundfigur seines Romans "Mann ohne Eigenschaften". Wie Thomas Mann war auch Robert Musil ein kritischer Nietzsche-Leser. In sein Tagebuch notierte er, Nietzsche gleiche einem, der hundert neue Möglichkeiten erschlossen und keine ausgeführt habe. Musil selbst, der in Nietzsche einen geistigen Vor-Mund sah, hat in seinen späten Jahren, wie viele Autoren, aus Nietzsches Werk das ihm Gemäße ausgesucht, unter Vernachlässigung anderer bedeutender Aspekte. So wird die metaphysische Komponente, der Heidegger mehr als tausend Seiten gewidmet hat, fast ganz beiseite gelassen. Nichts in Musils Nietzschebild legt nahe, dass es sich bei diesem Denker, nach einem Urteil von Heidegger, um das Ende und die Vollendung der abendländischen Metaphysik handelt.

Robert Walser ging dagegen so weit, Nietzsches Vorstellung "Wille zur Macht" und "Herrenmoral" als perfide Rache eines Ungeliebten zu deuten, und erklärte den "Willen zur Macht" als Ressentiment des "gekränkten Knechtes.

Das Leitmotiv von Nietzsches Leben und Denken, nämlich das

Thema vom antipolitischen Einzelnen, der, fernab von der modernen Welt, nach Selbstvervollkommnung strebt, findet sich, wie bei vielen anderen, auch in dem Werk von Hermann Hesse (1877-1962), allerdings ohne Nietzsches polemisches Beiwerk. Hesse hatte Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg verlassen und sich, wie einst Nietzsche in die Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt zurückgezogen. Nietzsche hatte in "Zarathustra" dem Einzelgänger eine mehr als poetische Legitimation erteilt. Hesse wiederum bezog sich vor allem auf Zarathustras Grundsatz: Wenn neues Heil kommt, dann nur aus jedem einzelnen Individuum selbst, nicht aber aus Volk und Gesellschaft. Dieses Motiv entwickelte Hesse in seinen Romanen, angefangen von Demian und Siddharta bis hin zum Glasperlenspiel, für den er den Nobelpreis erhielt. Parallelen gibt es aber auch zwischen Nietzsches Frühwerk"Die Geburt der Tragödie" und Hesses "Hermann Lauscher". Ähnlich wie bei Nietzsche folgten auch bei Hesse auf die romantischen Rauschzustände derbere Einsichten. In Hesses "Peter Camenzind" wiederum ist der Philosoph von großer Bedeutung für das geistige Erwachen des Helden. Im Grunde durchzieht Nietzsches Philosophie Hesses Gesamtwerk. Bezeichnend ist für Hesse die Polarität von amor fati und franziskanischer Opfergesinnung.

Thomas Mann, Gottfried Benn, Ernst Jünger - extensive Auseinandersetzung mit Nietzsche

Unverkennbar ist ebenfalls die Nähe von Ernst Jünger - in den Augen von Brod war dieser ein vergröberter Nietzsche - zum Dichterphilosophen, insbesondere in seinen frühen Büchern: "In Stahlgewitter", "Feuer und Blut", "Der Kampf als inneres Erlebnis","Das Abenteuerliche Herz" und "Der Arbeiter". Auch bei Jünger setzte die Nietzsche-Rezeption früh ein. Den Künstler und Artisten Nietzsche hat er indessen nie wahrgenommen, er war eher dem Geschichtsphilosophen zugetan. Aber zuletzt hat er im Vergleich zu Thomas Mann und Gottfried Benn am entschiedensten gegen Nietzsche opponiert, vor allem nachdem er seine Konversion zur Katholischen Kirche vollzogen hatte. Das war die Vollendung einer unablässigen Suche nach dem "Jenseits" der Erscheinungen. Er hat "diesseits des Übermenschen" kapituliert. Er scheiterte am amor fati.

Für viele Schriftsteller und Künstler war Nietzsche der Leidende und Triumphierende oder wie Benn(1886-1956), dessen spätere Prosa ohne Nietzsche nicht denkbar ist, es nach dem Ende des Nazi-Regimes ausdrückte: Er war "das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie." Benn wurde vor allem durch Nietzsches Erkenntnis beeindruckt, dass die Welt nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sei. Auch Benn war bemüht, die Kunst der moralischen Sphäre zu entziehen. Für beide, für Nietzsche und Benn, war die Ästhetik verbunden mit den metaphysischen Fragen nach dem Leben.

1950 hielt Gottfried Benn seinen Vortrag "Nietzsche-nach fünfzig Jahren". Hierin resümierte er:"Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinander dachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen, breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitiv Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese...Er war, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche." Benn hat sich freilich nie von Nietzsche distanziert, wie es zeitweise Thomas Mann getan hat. Beide waren sicherlich Nietzsches extensivste Rezipienten.

Heinrich Mann hatte Nietzsches kulturkritische Bedeutung sogar schon 1896 und zwar früher als sein Bruder Thomas erkannt. In jungen Jahren soll Heinrich Mann ein Rauschästhet und Nietzsche-Jünger gewesen sein. Jedenfalls sah er wie sein Bruder Thomas, unter dem Einfluss Nietzsches, die erzieherische Aufgabe der Kunst darin, den deutschen Geist an das europäische Niveau anzuschließen.

Thomas Mann(1875-1955) hat sich zunächst mit Nietzsches Hilfe kulturell profiliert und ihn sich dienstbar gemacht wie es viele andere auch getan haben. Die komplizierte Rezeptionsgeschichte Nietzsches findet in den Romanen und Essays Thomas Manns ihren Höhepunkt, aber nicht ihren Endpunkt. Dabei war Thomas Mann selbst kein sehr guter Kenner von Nietzsches Werk, sondern verdankte seine Kenntnis vorwiegend dem Freund Ernst Bertram, den er mit der ihm eigenen Unbekümmertheit auszubeuten verstand. Trotzdem hat Thomas Mann vieles von Nietzsche in sein Werk mit aufgenommen. Schon in seinen "Buddenbrooks", den er zu Lebzeiten Nietzsches schrieb, fand am Rande eine Auseinandersetzung mit Nietzsche statt. Das Nietzsche-Thema des Geistes entfaltete er in seinen Novellen und Romanen, von Tonio Kröger bis hin zu den Josephsgeschichten. Wichtig war Mann Nietzsches These, dass "die (physisch) Schwachen mehr Geist haben ..Man muss Gott nötig haben, um Geist zu bekommen." Eines der Hauptthemen von Thomas Mann war das antagonistische Verhältnis von Leben und Kunst, die Zusammengehörigkeit von Leben mit Gesundheit und von Kunst mit Krankheit und Verfall, wie etwa in Tonio Kröger(1903): Der Künstler, Sohn eines hanseatischen Vaters und einer leichtfertigen Mutter aus dem Süden, liebt sehnsüchtig die Gesunden, die "Blonden und Blauäugigen":Hans Hansen und Inge Holm, die ihm fremd bleiben und die doch seinem Künstlertum in dessen Lebensferne erst Rang und Größe geben. Nietzsches Abwehr des Herdentieres, hat Mann 1916, aus Anlass einer Lesung aus "Felix Krull" als die Sphäre eines Unpolitischen gegen die Plattheit der Politik verteidigt. Als das am meisten "nietzscheanische" Werk des frühen Thomas Mann gilt sein einziges Drama "Fiorenza" von 1904. Es ist das Drama vom Kampf um Florenz zwischen dem lebenshungrigen Lorenzo il Magnifico, der ein Krüppel ist, der schönen Fiore, seiner Geliebten, der Verkörperung der Lebensfülle, und dem Prior Girollama Savonarola, der die heidnische Welt der Schönheit haßt.

In "Doktor Faustus" erhob Mann Nietzsche in der Gestalt des "deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn" sogar zum Symbol des deutschen Schicksals in diesem Jahrhundert, indem er ihn einen Pakt mit dem Teufel schließen ließ. Hier kommen verdächtig viele Nietzsche-Zitate aus des Teufels Mund. Thomas Man nannte seinen Dr.Faustus einen Nietzsche-Roman. Für den Literaturredakteur von der Neuen Zürcher Zeitung, Martin Meyer, ist er die einzige geglückte Nietzsche-Literarisierung.

In seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" schrieb Thomas Mann:"Nietzsche hat, unbeschadet der tiefen Deutschheit seines Geistes durch seinen Europäismus zur kritischen Erziehung, zur Intellektualisierung, Psychologisierung, Literarisierung, Radikalisierung oder, um das politische Wort nicht zu scheuen, zur Demokratisierung Deutschlands mehr beigetragen als irgend jemand...unser gesamtes Zivilisationsliteratentum" habe, so Mann, bei ihm schreiben gelernt. Nietzsche, rühmt er weiter, "verlieh der deutschen Sprache eine Sensität, Kunstfertigkeit, Schönheit, Schärfe, Musikalität, Akzentuiertheit und Leidenschaft - ganz unerhört bis dahin und von unentrinnbarem Einfluss auf jeden, der sich nach ihm deutsch zu schreiben erkühnte." Während der Weimarer Republik wandte sich Mann als Vernunftrepublikaner freilich brüsk von Nietzsche ab und damit von seiner eigenen Verführbarkeit.

1941 apostrophierte er Nietzsche als"den Urheber wohl der faszinierendsten und farbenvollsten philosophischen oder lyrisch-kritischen Produktion unseres Zeitalters". In zwischen hatt auch Mann erkannt, dass er wie viele andere Nietzsche-Verehrer den Philosophen lange Zeit viel zu wörtlich genommen hatte, eine Einsicht, die übrigens von Karl Jaspers stammt.

1947 hat Mann "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung" kritisch betrachtet und festgestellt, "in mehr als einem Sinne ist Nietzsche historisch geworden." Dieser Essay, in dem sich Thomas Mann zu Nietzsche recht distanziert äußerte, hat viele dazu verführt, den Dichter als Kronzeugen im Prozess gegen den Philosophen als einen Wegbereiter Hitlers aufzurufen. Aber dazu taugt dieser Essay nur bedingt. Thomas Mann hat sich immer gegen jene verwahrt, die nach 1945, weil der Augenblick günstig schien, "simple Broschüren" gegen Nietzsche schrieben. Wieviel von Nietzsches Immoralismus stecke schon in Goethes naturfrommen Antimoralismus, rief er aus. "Damals konnten noch alle schön, heiter und klassisch sein. Dann wurde es grotesk, trunken, kreuzleidvoll und verbrecherisch. Das ist der Gang des Geistes, der Gang des Schicksals", schrieb Mann in einem Brief von Dezember 1947.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt ringt er sich zu einem Bekenntnis zu Nietzsche durch und sagt, er glaube nicht, dass Nietzsche den Faschismus, sondern umgekehrt dieser ihn "gemacht" habe. Gottfried Benn gab in diesem Zusammenhang zu bedenken:"Was kann Nietzsche dafür, dass die Nazis bei ihm ihr Bild bestellten?"

Es sei sogar möglich, Nietzsche einen Humanisten, einen Wissenden des Menschenlebens zu heißen, meinte Thomas Mann, der in Nietzsche in erster Linie einen Diagnostiker des Großfaschismus und eines planetarischen Faschismus gesehen hat, da er davon überzeugt war, dass zwischen Faschismus und Nietzsche keine Übereinstimmung besteht. Man dürfe Nietzsches diagnostische Haltung nicht schon als Zustimmung betrachten. Ernst Jünger drückte sich noch schärfer aus. Nietzsche, so Jünger, habe die geistige Katastrophe erfasst. Das sei schrecklich genug gewesen, daran zu zerbrechen "war das Schicksal Nietzsches, den zu steinigen heute zum guten Ton gehört. Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen. Man kann jedoch die Barometer nicht für die Taten büßen lassen, falls man nicht zu den Primitiven zählen will."

Aber nochmals zurück zu Thomas Mann. Eine Erkenntnis Nietzsche hat dieser Dichter sein Leben lang beibehalten:die der Isolation des Geistigen, des Künstlers in der Gesellschaft. Sie bestätigte sein eigenes Erleben. Thomas Mann sprach auch davon, dass sich beim Nietzsche-Leser "die Mischung von Ehrfurcht und Erbarmen" einstelle. "Es ist das tragische Mitleid mit einer überlasteten, überbeauftragten Seele", sagte Thomas Mann und bedauerte, dass dessen Leben und Werk jetzt eher im pathologischen Sinne gedeutet würden.

Am Ende seiner lebenslangen Nietzsche Auseinandersetzung erweiterte er dann den Bedeutungsrahmen: "Wahrlich nach einer Gestalt, faszinierender als die des Einsiedlers von Sils Maria, sieht man sich in aller Weltliteratur und Geistesgeschichte vergebens um."

Außerhalb des deutschen Sprachraums wurden ebenfalls viele Schriftsteller von Nietzsche beeinflusst - in England: Oscar Wilde, George Bernard Shaw (Shaw benutzte den Philosophen als Hintergrund einer Liebeskomödie, sein Übermensch erfuhr hier eine ironische Zuspitzung), William Butler Yeats, Herbert George Wells, David Heinrich und Thomas Edward Lawrence; in Frankreich: André Malraux, André Gide, Marcel Proust, Guilleaume Apollinaire, Jean Paul Sartre, und Albert Camus - Nietzsches Einfluss auf Jean Paul Sartre wird deutlich in seinen Dramen "Die Fliegen" und "Der Teufel und der Liebe Gott", auf George Bernanos im"Tagebuch eines Landpfarrers" und auf Albert Camus in seinem Gesamtwerk - in Italien: Italo Svevo, Gabriele d`Annuncio, Filippo Tommaso Marinetti, in Griechenland Nikos Kazantzakis, in den USA Jack London, Theodore Dreiser, Eugene O'Neill, in Irland James Joyce (Dieser hat Nietzsche früh gelesen. Sein Frühwerk, sagen Kenner, zeige deutlichen Nietzsche-Einfluss, auch wenn Nietzsches Name darin nicht vorkommt, so stecke er überall im Werk des James Joyce, wenn auch versteckt) und in Schweden August Strindberg, der übrigens alle seine Briefe an seine Freunde mit der Aufforderung beendete:"Lest Nietzsche!"

Nietzsches Fragen und Verdikte

Nietzsches Stimme wurde gehört, weil er am lautesten und radikalsten Fragen aussprach, die nach ihm noch viele bedrängten. Insbesondere sein Verdikt"Gott ist tot" nahmen nicht wenige Dichter auf - bis in unsere Gegenwart. Denn das Paradox des modernen Menschen, so hat es Heiner Müller einmal ausgedrückt, liege darin, dass für viele Gott zwar tot, das Götterbedürfnis aber geblieben sei. Menschen, die verzweifelt sind, Gott suchen und nicht finden, weil er für die Welt, zumindest aber für viele Autoren und ihre Figuren, inexistent geworden ist, bevölkern die Belletristik zuhauf, jüngstes Beispiel ist Maxim Billers Roman "Die Tochter".

"Der Übermensch", den später eine oberflächliche Auslegung

als eine biologische Höherentwicklung des Menschen deutete,

hat in der modernen Literatur ebenfalls Furore gemacht. Leo

Berg schrieb bereits 1897:"Nachdem Nietzsche . .sein Zauber-

wort ausgesprochen hatte, war in Deutschland plötzlich alles

Übermensch. . Man machte Schulden, verführte Mädchen und besoff sich, alles zum Ruhme Zarathustras." Der Übermensch als Züchtung war für die Menschen der Jahrhundertwende europaweit eine Utopie, nicht nur in Deutschland war die geistlose Perversion von Nietzsches Übermensch gefragt. Auch in Italien stand der Superuomo hoch im Kurs, mit ihm leitete D'Annunzio den Faschismus ein. Der Erfinder des Wortes Superman war übrigens George Bernard Shaw mit seiner Komödie"Man and Superman. A comedy and a Philosophy" Anfang des Jahrhunderts. Als Frau trat der Übermensch übrigens nicht in Erscheinung.

In Amerika kam der Overman oder Superman literarisch in Mode. Heute feiert der Übermensch fröhliche Urständ nur noch in ironisierter oder trivialisierter Form in Comics, Filmen oder in den unsäglichen Reihen über Batman,Superman und ähnliche Helden. Aber kein bedeutender Dichter hat den Zentralgedanken von Nietzsches Philosophie-den der ewigen Wiederkunft-ernsthaft aufgegriffen.

Nietzsche und die Gegenwartsliteratur

Und wie steht es heute mit Nietzsches Stellenwert in der Gegenwartsliteratur? Während des Zweiten Weltkriegs sollen, wie im Ersten Weltkrieg, manche Soldaten neben Goethes "Faust" auch Nietzsches "Zarathustra" im Gepäck gehabt haben. Auch der junge Martin Walser war, wie aus seinem Buch "Der springende Brunnen" hervorgeht, mit Nietzsches Zarathustra wohl vertraut gewesen, als er als junger Soldat im letzten Kriegsjahr eingezogen wurde, während der früh verstorbene Wolfgang Borchert(1921-1948), schreibt Peter Rühmkorf in seiner Rowohlt Monographie, neben Barlach und Rilke auch Nietzsche immer dann anführte, "wo er sich und die eigene Brüchigkeit meinte."

Nach 1945 fühlte man sich genötigt, behauptet Johann Prossliner in seinem "Lexikon der Nietzsche-Zitate", sich von ihm zu distanzieren. Die Folge war, dass eine ganze Generation sich von Brecht und Kafka ernährte und "Nietzsche rechts liegen ließ", so dass nach dem Krieg bei den jüngeren Literaten Nietzsche eigentlich kein Thema mehr war. Was ab 1955 im deutschen Sprachraum an literarischen Äußerungen kam, sind Marginalien, Zitate, Randnotizen, kaum der Rede wert gewesen. Bei Alfred Andersch etwa und Thomas Bernhard tauchen Nietzsche-Gedanken beiläufig in den Texten auf. Arno Schmidt rechnete, nörgelnd, skurril und lamentierend, mit dem "Machtverhimmler ab, "dem maulfertigen Schuft, dem gewetzten Wortformer" und äußerte sich, wenn er gelegentlich auf ihn Bezug nahm, nur abfällig über ihn. Es gibt zwar "Dummheiten und Irrtümer, die kompromittieren, wenn man sie nicht einmal beging", dazu gehört, "als junger Mensch, so bis 25, Nietzsche für'n Halbgott zu halten", liest man in "Die Umsiedler". Paul Celan arbeitete jetzt mit vornehmen Andeutungen, Friedrich Dürrenmatt las Nietzsche in einem Café, während er die Schule schwänzte. Doch im Werk des Schweizer Weltbürgers und Moralisten Max Frisch etwa sucht man den Namen Nietzsche vergebens. Er erwähnt seine Nietzsche-Lektüre in den Tagebüchern und in "Montauk" nur sehr kurz und respektvoll. Heiner Müller verhält sich in seiner Nietzsche-Akzeptanz ebenso. Aber es sind immer nur wenige Stellen, die das Thema anklingen lassen, so auch bei Ernst Meister und Ingeborg Bachmann in ihrem Roman "Malina" - ein Splitter nur und der jeweils in großer Distanz. Peter Handke beschimpft Nietzsche als "einen der größten Kindsköpfe", fügt aber hinzu,, er sei einer der liebenswertesten Menschen gewesen, eigentlich kein Philosoph, sondern ein Schriftsteller, der gar Schönes über die Kunst gesagt habe. Nietzsche gehört eindeutig zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs Wer sich nach 1945 mit ihm befasste, kritisierte seine Lehre aus religiösen, moralischen und politischen Gründen. Freilich bedeutete diese Kritik nicht das Ende seiner Wirkung.

Um so eifriger und unablässiger wurde Nietzsche in Frankreich rezipiert durch den Strukturalismus, durch Philosophen wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Michel Foucault und später von den Postmodernen, in Amerika durch Walter Kaufmann, in Italien durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Jedenfalls wurde Nietzsches Erbe nach 1945 von Franzosen, Italien und Amerikanern besser verwaltet als von Deutschen.

Während es jedoch in der Bundesrepublik, also im westlichen Teil Deutschlands, jederzeit möglich war, sich mit Nietzsche auseinanderzusetzen, verweigerte ihm die DDR die Einreise. Hier wurde nur gelegentlich unter Dichtern und Literaten über den offiziell Verfemten und Verpönten diskutiert, was sicherlich auf die Dauer nicht ohne Wirkung blieb. Denn der 1960 in Thüringen geborene Michael Schindhelm erzählt in seinem autobiographisch gefärbten Erstling "Roberts Reise" von dem Diebstahl einer zerlesenen Zarathustra-Ausgabe in der Technischen Hochschule Fichtenburg. In den Augen von Wolfgang Harich war Nietzsche freilich, wie es auch die offizielle Version vorschrieb, ein "nichtswürdiger Abschaum" und sein Nachlass eine "Riesenkloake". Auch Johannes R.Becher, ein bekannter DDR-Dichter, spürte eine "instinktive Abneigung" gegen Nietzsches Werk. Er habe nicht vermocht, dieses raffinierte Blendwerk" zu durchschauen. "Lenin vor allem verdanke ich es, dass ich mich befreite von den Provokationen eines Nietzsche." Er habe dann, bekennt Becher, in Maxim Gorki die Alternative gesehen.

Das Nietzsche-Archiv war noch in der Sowjetischen Besatzungszone geschlossen worden und wurde erst 1991 wieder eröffnet. Dennoch setzte in Ostdeutschland schon 1986 eine weitreichende und verständnisvolle Neubewertung Nietzsches ein als Signal für einen allmählichen Wandel des geistigen und politischen Klimas im östlichen Deutschland. Aber die Veröffentlichung der Schriften Nietzsches blieben reglementiert.( Die Nietzsche-Rezeption in der DDR ist übrigens ein Kapitel für sich, sie kann hier nur kurz angedeutet werden.)

Gegenwärtig übt Nietzsche eher indirekte Wirkungen aus. Seine geistigen Erfahrungen werden gleichsam unterirdisch, untergründig weiter getragen und aufgenommen, ohne dass die

Quelle jedem noch bewusst ist. Grass macht es beispielsweise

nichts aus, weil ihm so viel einfällt, auch mal Nietzsche oder eben Böll oder Claudel oder Frisch sozusagen weiterzuschreiben. Nicht nur im "Butt", aber hier ganz besonders, wimmelt es bei ihm von Nietzsche-Analogien. Botho Strauß ist ebenfalls, so in "Paare, Passanten", ein gelegentlich und unaufdringlich ins Denkspiel gezogener Kronzeuge. Allerdings meint Matthias Politycki, Botho Strauß habe "den Willen zur Macht" nur als das seelenlose "Böse auf Erden" zu verdauen gewusst. Umberto Eco hat sich Nietzsches Positionen, auffällig besonders im "Namen der Rose", zu eigen gemacht. Matthias Politycki vergleicht Nietzsche sogar mit Michael Endes "Scheinriesen" aus "Jim Knopf und der Lokomotivführer": "Furchterregend aus der Ferne, bei näherem Kennenlernen jedoch überängstlich und 'delicat'". Und wenn es in einer Erzählung von Peter Stamm heißt:" Glück ist, das zu wollen, was man kriegt", fühlt man sich unweigerlich an Nietzsches Amor fati erinnert. Nadolny äußert sich in "Entdeckung der Langsamkeit" über Krankheit geradezu im Nietzsche'schen Sinne, wenn er behauptet: "Krankheit war keine schlechte Methode, um den Überblick wiederzugewinnen."

Gerade jüngere Literaten beschäftigen sich heute wieder mit Nietzsche, insbesondere der Lyriker und Essayist Durs Grünbein und der Romancier und Essayist Matthias Politycki. Wie sehr der Verlust des Ewigkeitsanspruchs, den der Mensch als Geschöpf Gottes einst zu haben glaubte, dem modernen Bewusstsein auch heute noch zu schaffen macht, geht aus einem Gedicht von Durs Grünbein hervor. "Was du bist, steht am Rand/Anatomischer Tafeln.! Dem Skelett an der Wand/Was von Seele zu schwafeln/Liegt gerad so verquer/ Wie im Rachen der Zeit! (Kleinhirn,Stammhirn her)! Diese Scheiße Sterblichkeit."

Im Ganzen gesehen ist Nietzsches literarischer Einfluss geringer geworden, gemessen an den theoretischen Abhandlungen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Doch hin und wieder wird auch in literarischen Zusammenhängen sein Name noch genannt. Hier zwei Beispiele: Im März 2000 wurde in Paris ein Theaterstück von Richard Foreman auf geführt mit dem Titel"Bad boy Nietzsche". Es erntete überwiegend schlechte Kritiken, weil es ein halbes Jahrhundert zu spät gekommen sei. Es zeige zwar, wie sehr die Menschen verzweifeln, wenn sie für das eigenen Handeln keine Maßstäbe mehr haben. Aber das Stück sei doch, befanden Kritiker, eine anbiederische anachronistische Verweigerung von Religion und

Philosophie, in der man sich lustig mache über Gott und alle

Denker, also auch über den Herrn Nicht(gemeint ist damit Nietzsche) "diesen Kasperl".

Udo Marquardt nimmt es auf die leichtere Schulter und teilt uns in "Spaziergänge mit Sokrates" seine eigenen Entdeckungen mit. Nietzsche habe, fand Marquardt heraus, sogar Fernsehkritik geübt und in seiner Schrift "Nietzsche contra Wagner" darauf hingewiesen, dass es eine Sache der Schicklichkeit sei, "dass man nicht alles nackt sehn, nicht bei allem dabei sein, nicht alles verstehen und wissen" müsse. Licht aus, habe Nietzsche gefordert. Denn wer alles sieht, ist unanständig, und das gilt bei Nietzsche, der mit dem Hammer philosophieren wollte, sogar für Gott. In einer kleinen ironischen Geschichte lässt er ein kleines Mädchen seine Mutter fragen:"Ist es wahr, dass der liebe Gott überall zugegen ist", und als das kleine Mädchen erfährt, dass der liebe Gott alles sieht, sagt es nur:"Ich finde das unanständig. "Außerdem beweist das Fernsehprogramm, so Marquardt, Nietzsches Theorie von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

Warnung!

Seit einigen Jahren ist das philosophische Interesse an Nietzsche ganz allgemein wieder erwacht, jüngst sogar in Großbritanien, nachdem man offensichtlich genug hat an rein praxisorientierter Theorie im Überangebot, an dogmatischer Utopie und an geschichtsphilosophischen Spekulationen.

Aber: Nietzsches Warnung vor den Evangelien gilt auch für seine eigenen Werke. Auch diese kann man nicht behutsam genug lesen. Sie haben ihre Schwierigkeiten hinter jedem Wort, noch dazu, weil sie sich einer Sprache bedienen, die man auf Anhieb versteht, mehr noch, die einen betört, ohne dass man sicher sein kann, den Inhalt in seiner ganzen Tragweite richtig zu erfassen. Nietzsche kann leicht missverstanden werden. Zudem ist Nietzsche unzeitgemäß, immerhin hat er sich gegen das demokratische und nach dem Prinzip der Wohlfahrt organisierte Leben entschieden. Für ihn bedeutete eine solche Welt den Triumph des menschlichen Herdentiers. Er aber wollte vor allem den Unterschied zwischen sich und den vielen anderen festhalten. In seinem Werk dokumentiert sich die lebenslange Anstrengung, aus sich selber ein großes Individuum zu machen. Aber wie sagte er doch:" Es ist durchaus nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei..für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugier wie von einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerspruch, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir..".

Aber das Wunderbare an ihm ist, rühmte unlängst Rüdiger Safranski in einem Interview, "..dass man ihm beim Denken zusehen kann...Nietzsche bleibt lebendig, weil man ihm folgen kann auf einem Weg, der an kein Ende führt" und:"Mit Nietzsche geht man auf Entdeckungsfahrt und blickt aus neuen Augen auf die Welt."

Bibliographie:


. . auf uhomann@UrsulaHomann.de Impressum Inhaltsverzeichnis