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Plötzlich wurde Nietzsche berühmt

Etwa gleichzeitig mit seinem geistigen Zusammenbruch in Turin wurde Nietzsche um 1890 plötzlich berühmt, zunächst bei den nichtakademischen Intellektuellenkreisen der Großstädte, den Caféhausliteraten und Bohemiens. Dagegen sah sich Max Dauthendey(1867-1918), als er in einer deutschen Universitätsbuchhandlung den Namen Nietzsche erwähnte, mit einem ungläubigen Publikum konfrontiert, das glattweg bestritt, dass ein Philosophen dieses Namens überhaupt existiert.

Nach seinem Tod am 25.August 1900 fand Nietzsche dann auch in weiteren Kreisen Beachtung. Vielfach lernte man ihn durch sekundäre Quellen statt durch selbständige Lektüre seiner Schriften kennen. Das Resultat war eine ungenaue und oft auch triviale Nietzsche-Exegese, die von Schlagworten geprägt war wie "Herren-und Herdenmoral", "Wille zur Macht", "die Blonde Bestie" sowie durch einen trivialen "Übermenschenskult", der vielfach einem infantilen Verhalten zur Rechtfertigung diente. Die Aphorismen der "Götzendämmerung" schlugen ein "wie der Blitz in meine Seele", bekannte der Schriftsteller Wilhelm Weigand 1889. So erging es vielen. Dabei habe Nietzsche, meint der Literaturwissenschaftler Bruno Hillebrand, mehr zum Missverständnis seiner Schriften als zu deren Verständnis beigetragen.

Man suchte bei Nietzsche weniger philosophische Erkenntnisse als die Verkörperung der eigenen Befindlichkeit. Darin liegt wohl auch der Grund für die große Wirkung dieses Philosophen. Waren doch die meisten fest davon überzeugt, dass Nietzsche das besondere Schicksal ihrer Generation antizipiert und eine Zeitenwende personifiziert habe. Sie nahmen ihn daher in erster Linie als Zeitgenossen und weniger als Klassiker wahr. Die Beschäftigung mit Nietzsche steht demnach unter dem Vorzeichen geistiger Orientierung. Nach der Auflösung aller dogmatischen und moralischen Bindungen, so glaubten viele, bliebe nur noch die individuelle und perspektivische Einschätzung der Dinge und der Welt übrig. Nietzsches Rezeptionsgeschichte war also auch ein Stück Kulturgeschichte. Sie beginnt gesellschaftlich mit allen Verwerfungen und Banalitäten des Kaiserreichs als Initialzündung, wobei nicht nur der Vitalismus des Philosophen faszinierte, sondern auch seine mitreißende Sprache. "Es war ein Überwältigtwerden durch Sprache, ein Berauschtsein ohne rechtes Begreifen." Das gilt für die literarische Nietzsche-Rezeption und mehr noch für die populäre Aufnahme seiner Philosophie.

So kam er nach seinem geistigen Zusammenbruch zu einem zweiten Leben von gleichsam mythologischer Qualität. Biographie und Werk wurden nicht getrennt, sondern als Einheit wahrgenommen, durchaus zu Recht, weil Nietzsches Denken derart auf sein Leben bezogen ist, dass man beides zusammen sehen muss. Die Überzeugungen des Literatentums um die Jahrhundertwende, Nietzsche habe das besondere Schicksal ihrer Generation verkörpert und einen Zeitenwechsel signalisiert, wurde in veränderter Form später auch von der philosophischen Fachliteratur übernommen.


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