zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Selbsthass

Zwischendurch haderte Kafka auch immer wieder mit seinem Judentum: "Was habe ich mit Juden gemeinsam?", heißt es in einer Tagebuchaufzeichnung von 1914. "Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit, dass ich atmen kann, in einen Winkel stellen."

Zwischen seiner Selbstentfremdung und seinem Judentum sah Kafka einen ursächlichen Zusammenhang. Wie sehr er mitunter an seinem Judentum litt und welche Gefühle und Gedanken der jüdische Selbsthass auszulösen imstande war, lässt ein ungeheuerlicher und ebendeshalb höchst aufschlussreicher Satz erkennen, der gleichfalls in einem Brief an Milena steht:"..Eher könnte ich Dir den Vorwurf machen, dass Du von den Juden, die Du kennst (mich eingeschossen) - es gibt andere! - eine viel zu gute Meinung hast, manchmal möchte ich sie als Juden (mich eingeschlossen) alle etwa in die Schublade des Wäschekastens dort stopfen, dann warten, dann die Schublade ein wenig herausziehn, um nachzusehen, ob sie schon alle erstickt sind, wenn nicht, die Lade wieder zuschieben und es so fortsetzen bis zum Ende."

Wer den "Prozess" und das "Schloss" vor dem Hintergrund solcher Äußerungen liest, erspart sich, laut Marcel Reich-Ranicki, manche Irrwege und Sackgassen, die von Kafka-Interpreten häufig begangen werden. Denn in diesen Erzählungen wird augenscheinlich, was Kafka an "der schrecklichen inneren Lage dieser Generation" leidend, vor allem zeigen wollte: exemplarische Situationen, Konflikte und Komplexe von Juden innerhalb der nichtjüdischen Welt.

Walter Jens sieht zudem in dem Bild von Juden in der Schublade sogar eine "Auschwitz-Phantasmagorie zur Zeit der Entstehung des "Schlosses" und den Albtraum eines Juden, dem die Liberalität des Assimilierten nichts, der orthodoxe Zionismus mehr (etwas mehr), die ostjüdische Frömmigkeit mit ihrem Reichtum an Visionen, Entzückungen, den wilden Usurpationen der Welt und den ekstatischen Aneignungen Gottes sehr viel bedeuten.

Selbst den Antisemitismus hat Kafka in einem Brief an Max Brod von Anfang Mai 1920 aus Meran ganz im Sinne von Judenfeinden gedeutet, wenn er schreibt: "...vielleicht verderben die Juden Deutschlands Zukunft nicht, aber Deutschlands Gegenwart kann man sich durch sie verdorben denken. Sie haben seit jeher Deutschland Dinge aufgedrängt, zu denen es vielleicht langsam und auf seine Art gekommen wäre, denen gegenüber es sich aber in Opposition gestellt hat, weil sie von Fremden kamen. Eine schrecklich unfruchtbare Beschäftigung des Antisemitismus und was damit zusammenhängt, und den verdankt Deutschland den Juden." Und an anderer Stelle befand er geradezu masochistisch: "Um uns wächst der Antisemitismus, aber das ist gut."

Kafka hat, nebenbei bemerkt, auch gesagt, Deutsche und Juden hätten vieles gemeinsam. Sie seien die tüchtigsten Menschen auf Erden und überall gleich unbeliebt. "Tüchtig, fleißig und gründlich verhasst bei den anderen. Juden und Deutsche sind Ausgestoßene."


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis