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War Kafka ein Zionist? Wie nah stand er dem Zionismus?

Darüber streiten sich die Geister. So einig Hans-Joachim Schoeps und Max Brod auch in der Auffassung waren, dass Kafka in die Reihe der großen homini religiosi gehöre, so uneinig waren sich beide im Hinblick auf Kafkas Verhältnis zum Judentum und zum Zionismus. Schoeps fand es absurd, Kafka für den Zionismus zu reklamieren. Es gebe dafür keinerlei Belege, nicht einmal Andeutungen, die für eine solche Interpretation in Anspruch genommen werden könnten. Brod, der anderer Meinung war, würde in diesem Fall, behauptete Schoeps, Wunschvorstellungen erliegen und seinen eigenen Projektionen aufsitzen.

Auch die Begegnung mit dem jiddischen Thater hatte bei Kafka keineswegs die Geburt des Zionisten Kafkas bewirkt - wohl aber die des Schriftstellers Kafkas.

Kafka selbst - Hugo Bergmann, der um 1903 sein bester Freund war, dürfte ihn als erster mit der zionistischen Idee in Kontakt gebracht haben - sah , laut Tagebuch, im Zionismus sogar ein Hindernis seiner literarischen Arbeit. Einige Aspekte im Zionismus stießen ihn förmlich ab. Auch die jüdische Welt selbst blieb ihm letztlich gefühlsmäßig fremd. Wahrscheinlich sehnte er sich nicht so sehr nach Zion als nach der jüdischen Sprache, sei es Jiddisch oder Hebräisch. Doch was ihn mit dem Zionismus verband, das war der Ausgangspunkt der Selbstkritik, die pessimistische Deutung des jüdischen Assimilationsschicksals, das Missverständnis der jüdischen Urbanisierung als Entfremdungsprozess. Kafka sah das Judentum "begraben unter dem Lärm der Stadt, des Geschäftslebens, des Wustes aller in den vielen Jahren eindringender Gespräche und Gedanken."

Kafkas Lehrmeister waren indes die Bibel, Goethe, Achim von Arnim, Clemens von Brentano, Kleist, Flaubert und Kierkegaard. Die großen zionistischen Denker - Pinsker, Achad Haam, Herzl, waren ihm entweder nicht bekannt oder dünkten ihm nicht erheblich.

Die Rede "über die jiddische Sprache", die Kafka am 28.Januar 1912 im jüdischen Rathaus in Prag gehalten hatte, zeigt freilich auch, dass Kafkas Begriff von der ostjüdischen Kultur quer zu den Forderungen des Zionismus stand, sah er doch in der jiddischen Sprache nicht die Qualität einer nationalen, gemeinschaftsstiftenden Institution, sondern gerade die Subversion von grammatischer, politischer und sozialer Ordnung.

Dem Zionismus hat Kafka nur das Etikett "Eingang zu etwas Wichtigerem" zugebilligt, während das Arsenal des Chassidismus für den Parabeldichter ein Glaubensschatz war, der ihn, den Wesensverwandten, mehr und mehr faszinierte.

Zum Zionismus, dem neuen Orientierungspunkt für viele seiner Generation wie für seine Freunde Max Brod, Felix Weltsch und Hugo Bergmann, der schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Palästina auswanderte, hatte Kafka mithin ein eher zwiespältiges Verhältnis. Nur in einer Hinsicht nahm er lebhaft am Zionismus teil. Interessiert beobachtete er die kolonisatorischen Bemühungen und die Struktur der neuen Siedlungen in Palästina und viele ähnliche jüdische Aktivitäten in Prag und Berlin.

Im September 1916 hatte Kafka von Prag aus seine in Berlin wohnende Verlobte Felice Bauer sogar zu überreden versucht, sich als Helferin im dortigen, erst vor kurzem gegründeten Jüdischen Volksheim zu betätigen, bei dem Gustav Landauer und Martin Buber Pate gestanden haben. Hier sollten ostjüdische Flüchtlingskinder durch die Obhut von Berliner Juden (meist Studenten) der Verwahrlosung entrissen werden. Umgekehrt sollten die Helfer durch die Schützlinge mit ursprünglicher jüdischer Kultur infiltriert werden, die ihnen, den "dekadenten" Westjuden, abhanden gekommen war. Kafka beschwor gegenüber seiner Verlobten gerade letzteres und betonte, dass die Helfer viel mehr die Nehmenden als die Gebenden seien.

Als sich während des Ersten Weltkrieges ostjüdische Flüchtlinge aus dem zaristischen Russland in mitteleuropäischen Städten wie Berlin, Wien und Prag sammelten, wurde für Kafka das Ostjudentum erneut zum Thema. In dieser Zeit versuchte er, Milena arme jüdische Auswanderer nahezubringen.


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