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Stufenweise Bekanntschaft mit dem Ostjudentum

Daneben setzte sich Kafka mit dem Zionismus und dem eigenen Judentum auseinander. Dazu inspirierten ihn zunächst Martin Bubers berühmte "Drei Reden zum Judentum", die dieser zwischen 1909 und 1911 in Prag gehalten hatte. Durch sie waren Kafka und auch andere Prager Studenten auf die eigene jüdische Identität erst richtig aufmerksam geworden. Einige Jahre später, 1916 und 1917, überließ Kafka Buber zur Veröffentlichung in dessen Monatsschrift "Der Jude" unter dem Obertitel "Zwei Tiergeschichten", zwei seiner Erzählungen: "Schakale und Araber" und "Bericht für eine Akademie". Gleichwohl verhielt sich Kafka von Anfang an kühl gegenüber Bubers Gedankengut.

Einen weiteren Auftrieb für eine weitere, über längere Zeit hinweg andauernde intensive Beschäftigung mit dem östlichen Judentum, in dem Kafka nicht nur eine unverbrauchte, frische volkstümliche Spiritualität, sondern auch die Anfänge seines eigenen Judentums zu entdecken glaubte, erhielt er durch eine polnisch-jiddische Theatergruppe aus Lemgo, die zwischen 1910 und 1912 im Café-Restaurant Savoy am Ziegenplatz unter der Leitung des aus Warschau stammenden Jizchak Löwy gastierte und durch die Kafka ein wenig näher das ostjüdische Leben und die Gewohnheiten ostjüdischer Menschen kennen lernte. Diese Vorstellungen hat Kafka zusammen mit Brod etwa zwanzig Mal besucht. Hingerissen war er vor allem von dem Auftritt der Schauspielerin Mania Tschissik. "Bei manchen Liedern der Ansprache 'jüdische Kinderlach'", notierte Kafka am 5.Oktober 1911 in sein Tagebuch, "manchem Anblick dieser Frau, die auf dem Podium, weil sie Jüdin ist, uns Zuhörer, weil wir Juden sind, an sich zieht, ohne Verlangen oder Neugier nach Christen, ging mir ein Zittern über die Wangen..."

"Mit den Stücken, die Kafka nun in den kommenden Monaten sah, glaubte er an eine Form des Judentums geraten zu sein, in dem die Anfänge des seinigen ruhen und das zu sich zu ihm hin entwickelt. Dabei würden ihn diese Kräfte, so glaubte er, auch in seinem schwerfälligen Judentum aufklären und so wörtlich, 'weiterbringen' " (Amir Eshel in Brenner "Jüdische Sprachen in deutscher Umwelt").

"Die Entdeckung der ostjüdischen Eigenart ist ein entscheidender Schritt seiner Entwicklung", konstatierte auch Max Brod, "sein religiöses Gefühl findet hier eine lebendige Stütze." Mehr als hundert Seiten der Tagebücher Kafkas sollen sich allein auf das jiddische Theater beziehen. Nach der Begegnung mit den jiddischen Schauspielern, in denen Kafka Botschafter aus dem Verheißenen Land erblickte, teilte sich für ihn das Judentum in Ost- und Westjuden.

Kafka bewertete die Stücke des jiddischen Theaters nicht so sehr als Kunstwerke, sondern mehr als Ausdruck jüdischen Lebens. Er schätzte sie hoch ein, weil sie ihm das Gefühl gaben, Jude zu sein, ohne ihn dabei zugleich die Verlegenheit darüber spüren zu lassen, die er bei politischen Veranstaltungen empfand.

Sein Freund Löwy war eine wichtige Informationsquelle. Dieser war der Sohn gut situierter, in Warschau lebender Eltern und hatte bis zum zwanzigsten Lebensjahr den Talmud studiert. Während Löwy indirekt dazu beigetragen haben mag, Kafka literarische Bilder zu vermitteln, war er für ihn vor allem deshalb wichtig, weil er ihm Informationen über die alten jüdischen Gemeinden in Osteuropa zugänglich machte, über ihre Sitten und Gebräuche, wie etwa über die Beschneidung. Löwy führte Kafka auch in die jiddische lyrische und erzählerische Dichtung ein. Im Tagebuch erwähnt Kafka, dass Löwy ihm Gedichte von Morris Rosenfeld, dem berühmten New Yorker Autor, und auch ein Gedicht des hebräischen Dichters Bialke vorgelesen habe.

Allerdings ist in Kafkas außergewöhnlichem Interesse für die Ostjuden nichts vom nationalistischen Romantizismus Max Brods zu spüren. Vielmehr sieht er im Ostjudentum eine Welt der Legenden und Mythen, in der sich wie in einer Parabel der große Widerspruch des modernen Judentums darstellt.

Der Hauptgrund der Begeisterung für das jiddische Theater war aber auch die "kindliche Kraft der Fantasie" als Freude, Leichtigkeit und Vitalität, die sich frei entfalten können, ohne die dramatische Seriosität des Textes zu stören. Die Schauspieler zeigten die ganze Natürlichkeit ihres Judentums gerade in der Spontaneität, mit der sie es fertig bringen, Komödianten zu sein, ohne Schuldkomplexe zu haben. Aus diesem Grund, meinte Kafka, müssten sie mit noch größerer Ehrfurcht betrachtet werden.

Mit großer Energie setzte sich Kafka für Löwy und seine Truppe ein, indem er zum Beispiel über Max Brod im "Prager Tagblatt" und auch in der jüdischen Wochenschrift "Selbstwehr" für Berichterstattungen über sie sorgte oder sich um Gastspielengagements in der böhmischen Provinz bemühte. Während die Prager jüdischen Intellektuellen das Auftreten dieser Theatergruppe eifrig debattierten, ignorierte das offiziöse Prager Judentum die jiddischen Theaterleute. Waren diese doch in ihren Augen Schmierenkomödianten. Zudem galt ihnen das Lokal, in dem die Truppe auftrat, als überaus zweifelhaft.

Gegen den ausgesprochenen Willen seines Vaters war Kafka ein enger Freund des Leiters der jiddischen Theatergruppe Jizchak Löwy geworden, den der Vater mit verächtlicher Ironie mit Flöhen, Wanzen und anderem widerlichen Ungeziefer verglich. In den Tagebuchnotizen der nachfolgenden Zeit ist neben Kafkas Faszination für die jiddischen Theaterleute auch die Missbilligung des Vaters, der mit diesen "Schmierenkomödianten" wenig anzufangen wusste, gegenüber dem Verhalten seines Sohnes festgehalten. Am 3.November 1911 schreibt Kafka: "Löwy - mein Vater über ihn: Wer sich mit Hunden zu Bett legt, steht mit Wanzen auf. Ich konnte mich nicht halten und sagte etwas ungeordnetes. Darauf der Vater besonders ruhig (allerdings nach einer großen Pause die anders ausgefüllt war):'Du weißt, dass ich mich nicht aufregen darf und geschont werden muss. Komm mir also noch mit solchen Sachen. Ich habe der Aufregungen gerade genug, vollständig genug. Also lass mich mit solchen Reden.' Ich sage:'Ich strenge mich an, mich zurückzuhalten' und fühle beim Vater wie immer in solchen äußersten Augenblicken das Dasein einer Weisheit, von der ich einen Atemzug erfassen kann."

Am 18.2.1912 veranstaltete Kafka im Festsaal des Jüdischen Rathauses einen Vortragsabend mit Jizchak Löwy und hielt selbst die Einführungsansprache, unter dem Titel "Rede über die jiddische Sprache", die sich an die assimilierten deutsch-jüdischen Kreise des Prager Bürgertums richtete. Unmissverständlich sprach der Dichter auch die Welt seines Vaters an, die im Jiddischen und im "Mauscheldeutsch" all das Verachtete und Verdrängte ihrer eigenen Herkunft zu erblicken meinte. Nebenbei notierte Kafka enttäuscht die Abwesenheit seiner Eltern, die, wie er sagte, vor dem Jiddischen nicht nur Angst, sondern auch einen gewissen Widerwillen empfänden, der um so größer sei, je stärker die Anziehungskraft jener Welt zunehme, die sie erst vor wenigen Jahrzehnten verlassen hätten.

Der Vortrag beruhte auf den Ergebnissen seines Studium der "Geschichte der deutsch-jüdischen Literatur" vom Meyer Isser Pinès, aber auch auf den Eindrücken, die er durch die Lektüre jiddischer Texte gewonnen und die er zusammen mit Löwy gelesen hatte. "So stellt der Vortrag sicherlich den bedeutendsten kulturellen Beitrag dar, den Kafka für das öffentliche Leben seiner Vaterstadt geleistet hat", schreibt Giuliano Baioni.

Über Jahre hinweg blieben Kafka und Löwy miteinander verbunden. Sieben Jahre nach dem Auftreten der Theaterleute in Prag redigierte Kafka in Zürau Löwys Erinnerungen für eine Zeitschrift. Später haben viele Kritiker darauf hingewiesen, dass Kafka in seinen Werken den Humor des jiddischen Theaters miteinbezogen und neu gestaltet habe.

Zur gleichen Zeit, als Kafka mit Löwy befreundet war, befasste er sich ausgiebig, wie oben angedeutet, mit Heinrich Graetz' Geschichte des Judentums", die er Anfang November 1911 "gierig und glücklich zu lesen angefangen" hatte. "Weil mein Verlangen danach das Lesen weit überholt hatte, war es mir zuerst fremder, als ich dachte, und ich musste hie und da einhalten, um durch Ruhe mein Judentum sich sammeln zu lassen. Gegen Schluss aber ergriff mich schon die Unvollkommenheit der ersten Ansiedlungen im neu eroberten Kanaan und die treue Überlieferung der Unvollkommenheit der Volksmänner (Josuas, der Richter, Elis)", heißt es im Tagebuch unter dem 1.November 1911. Hinzu kamen Jacob Fromers "Organismus des Judentums" sowie die zionistische Zeitschrift "Selbstwehr" des Bar Kochba-Vereins. Die Anmerkungen zu dieser Lektüre belegen freilich auch die mangelnden religiösen Grundlagen Kafkas. So sollen ihm noch nicht einmal Bedeutung und Geschichte der Klagemauer in Jerusalem bekannt gewesen sein. Doch muss man wohl diese Lektüren von November 1911 in den Gesamtzusammenhang der Bewusstseinsentwicklung Kafkas einordnen.

Im Jahr 1915 traf sich Kafka mehrmals mit Georg Mordechai Langer, einem Prager Juden. Durch ihn lernte er die in Erzählungen und Wundergeschichten verhüllte chassidische und kabbalistische Tradition kennen. Gemeinsam besuchten sie den Rabbi von Belz, bei dem Langer studiert hatte. Aber auch durch seine Freunde Max Brod, Oskar Baum und Felix Weltsch, der sich schon früh für den Zionismus entschieden hatte und später leitender Redakteur der in Prag erscheinenden zionistischen Wochenschrift "Selbstwehr" war, wurde Kafka mit der jüdischen Tradition vertraut gemacht. Zudem hatte er schon in der Gymnasialzeit mit seinem Schulgefährten Hugo Bergmann, dem späteren Religionsphilosophen, Disputationen geführt, "in einer entweder innerlich vorgefundenen oder ihm nachgeahmten talmudischen Weise über Gott und seine Möglichkeiten", lautet ein Eintrag vom 31.Dezember 1911 im Tagebuch.

Angeregt durch seine Freunde Max Brod und Hugo Bergmann nahm Kafka regelmäßig an den Veranstaltungen des Prager jüdischen Studentenvereins Bar Kochba als Gast teil. (Jüdische Studenten hatten 1899 an der Universität Prag die zionistische Vereinigung gegründet, die sie nach dem jüdischen Anführer aus dem 2.Jahrhundert nach Christus "Bar Kochba" nannten. Sie wurde die bedeutendste zionistische Organisation in Mitteleuropa.) Hier wurde die Welt der assimilierten jüdischen Bourgeoisie Prags kritisiert, zu der auch Kafkas Familie gehörte. Aus diesem Grunde schon hat sich Kafka in diesem Kreis sehr wohl gefühlt. Denn längst war ihm klar geworden war, dass die Westjuden gleichsam in einem luftleeren Raum schwebten und ihnen das historische Bewusstsein ebenso abhanden gekommen war wie der Sinn für die produktiven Kräfte einer im Glauben verbundenen Gemeinschaft.

Im Winter 1916/1917 kam es zu einer neuen konkreten Begegnung mit Religion und Kultur des Ostjudentums und zwar durch die Ströme ostjüdischer Flüchtlinge, die in diesen Kriegsjahren ständig aus Galizien und anderen osteuropäischen Ländern in Großstädten wie Prag und Berlin eintrafen.

Im Jahre 1912, das auf die zwei Jahre intensiver Beschäftigung mit dem jiddischen Theater folgte, schuf Kafka seine erste erfolgreiche Geschichte: "Das Urteil". Sie zeigt in höchst unmittelbarer und dramatischer Weise den Einfluss des jiddischen Theaters auf Kafkas Prosastil.

Doch schon hier enthüllt sich, wie auch später in anderen Texten Kafkas, die jüdische Problematik als Menschheitsproblematik schlechthin. Als Dichter bleibt Kafka indessen ständig mit dem Problem des Judentums verbunden. Dieses Problem war auch der Hauptgegenstand der ersten Gesprächs zwischen Kafka und seiner späteren Verlobten Felice Bauer im Hause Brod. Von ihm ging ein außerordentlicher Briefwechsel aus, der am 20.September 1912 begann und am 16.Oktober 1916 endete. Er repräsentiert unter anderem eine sehr jüdische Geschichte, die sich in einer ausschließlich jüdischen Welt abspielt. In ihr bildet die Frage des Judentums - denn auch Felice kam aus einer jüdischen Familie - die moralische und bewusstseinsmäßige Grundlage einer Beziehung, die sonst nur von der verzweifelten, aber auch sehr unbestimmten Existenzangst Kafkas geprägt zu sein scheint. Kafka nahm seine Beziehung zu Felice zu einem Zeitpunkt auf, an dem er - nach der intensiven Beschäftigung mit den jiddischen Schauspielern und der Auseinandersetzung mit der jüdischen Frage - mit der Arbeit an seinem ersten Roman "Der Verschollene" beschäftigt war, die er im März 1912 aufgenommen hatte.

Marina Cavarocchi Arbib bringt Kafkas unterschiedliche Sicht des Judentums in seinen Briefen an Felice und in seinen späteren an Milena auf folgenden Punkt: In den Briefen an Felice sei das Judentum als gemeinsamer Nenner aufgefasst. Es sei nicht ganz definierbar, jedoch eine unbestreitbare Tatsache. In den Briefen an Milena werde das Judentum dagegen zu einer Auseinandersetzung mit einer wesentlich anderen Realität, mit einer ihm weniger vertrauten Welt, die der Nichtjuden.

Die Begegnung mit Felice Bauer, die nicht nur Jüdin, sondern auch Zionistin war und als gute Zionistin Hebräisch gelernt hatte, veranlasste Kafka, seine eigene Identität als Jude und Schriftsteller zu festigen.

Doch als er dann in einer Nacht im September 1912 in einem Zug die Erzählung "Das Urteil" niederschreibt, kommt er unter dem Eindruck dieses Ereignisses zu der Einsicht, dass sein wahres Wesen im Schriftstellerdasein wurzelt, allein dieses, das Schriftstellertum gibt ihm, wie er in einem Brief an Felice schreibt, "das Recht zum Leben".


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