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Franz Kafka und das Judentum

Einführung in Kafkas Leben und Entwicklung

Franz Kafkas Leben währte knapp einundvierzig Jahre und ist, äußerlich betrachtet, leicht zu überschauen. Vierzehn Jahre lang - von 1908 bis 1922 - war er Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag. Er unternahm einige Reisen und hatte etliche, mitunter recht komplizierte Beziehungen zu Frauen. Überschaubar waren auch seine zu Lebzeiten veröffentlichten Bücher: schmale Bände mit kurzen Erzählungen, die zunächst wenig beachtet wurden. Dennoch ist Kafka der einflussreichste Dichter des 20. und sicher auch noch des 21. Jahrhunderts und hat sowohl der deutschsprachigen als auch der Weltliteratur neue Wege gewiesen. Zudem gibt es kaum noch einen Menschen, der nicht das Adjektiv "kafkaesk" verstünde. Diese Entwicklung verdanken wir vor allem Kafkas Freund und Förderer, Max Brod, der alle großen Romane, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe von Kafka gegen dessen Willen gerettet hat, so dass uns heute ein opulentes Oeuvre aus der Werkstatt des Prager Dichters zur Verfügung steht.

Gelebt hat Kafka überwiegend in Prag, der Stadt an der Moldau - "Kleine Mutter mit Krallen" nannte er diesen Kreuzungspunkt böhmischer, deutscher, jüdischer und österreichischer Kultur, wo er am 3.Juli 1883 das Licht der Welt erblickt hat. Durchweg wohnte der Schriftsteller in oder in der Nähe der Altstadt und des ehemaligen jüdischen Ghettos, dessen räumliche Nähe die geistige Nähe zur jüdischen Kultur und Religion symbolisierte und zum Flanieren zwischen den Kulturen und Zeiten geradezu einlud.

Zu seinem Gesprächspartner Gustav Janouch sagte Kafka einmal: "In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wir gehen durch die breiten Straßen der neu erbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher als die hygienische Stadt in uns."

Kafka war der Spross einer glaubenslos gewordenen jüdischen Familie Prags, die allerdings, nach Auskunft der Mutter, "wie rechte Juden" die jüdischen Feiertage stets eingehalten hat. Auch Kafka ist allem Anschein nach dem Brauch gefolgt, zumindest an den hohen Feiertagen in die Synagoge zu gehen.

Kafka erinnerte sich daran, dass er sich - von der Tanzstunde abgesehen - niemals so gelangweilt habe wie bei dem Besuch in der Synagoge an hohen Feiertagen. Die religiöse Erziehung, die er in der Schule erhielt, war anscheinend so unzulänglich, dass sie jedes Interesse am Judentum erstickte.

Sein Leben und Schreiben vollzog sich innerhalb eines nicht auflösbaren Spannungsgefüges zwischen dem Vater, dem nur formal bewahrten Judentum und bürgerlicher Existenz auf der einen Seite und einer tief empfundenen Verbindung zum lebendigen Judentum auf der anderen Seite.

Der Vater, Hermann Kafka, stammte aus dem tschechisch-jüdischen Provinzproletariat, die Mutter Julie aus dem vermögenden und gebildeten deutsch-jüdischen Bürgertum. Kafkas Vater hatte seine berufliche Laufbahn als Hausierer begonnen. Er und seine Frau Julie haben ihre Herkunft nicht verleugnen können, beim Sprechen und Schreiben gebrauchten sie häufig eine Reihe jiddischer Wörter. Gleichwohl war das Glaubensmaterial, das Kafka überliefert wurde, denkbar gering. Schon die Bar-Mizwah im 13.Lebensjahr, die der Vater assimilatorischer Sitte gemäß als "Confirmation" ankündigte, bedeutete Kafka nicht mehr als ein "lächerliches Auswendiglernen", da er kaum Kenntnisse im Hebräischen besaß. Später äußerte er über den biblischen Unterricht in der Schule, in der die biblische Geschichte als ein Teil der Geschichte des jüdischen Volkes gelehrt wird: "Die Geschichte der Juden bekommt so das Gesicht des Märchens, das der Mensch später mit seiner Kindheit in den Schlund des Vergessens wirft."

Dem Kind waren die religiösen Veranstaltungen gleichgültig, langweilig, ja lächerlich. Dem erwachsen gewordenen Kafka wurden dann die fragwürdige Aufklärerei und der mystische Snobismus seiner Umwelt ebenso verdächtig. Die Opposition zu den pseudoreligiösen Derrivaten der Umwelt erklärt auch seine spätere Neigung zur unvergleichlich 'lebendigeren' Religion der Ostjuden.

So wenig das Judentum in der Familie auch gepflegt wurde, so musste Kafka doch in Ausbildung und Beruf einen für Juden damals üblichen pragmatischen Weg gehen; "..einem Juden, der die Universität absolviert hatte, blieben unter den damaligen Umständen, wenn er sich nicht taufen lassen wollte, um eine staatliche Karriere einzuschlagen, praktisch nur die 'freien' Berufe übrig: Arzt oder Advokat zu werden" (Hugo Bergmann). Das Studium der Rechte war für Kafka eher eine Verlegenheitslösung. Auch die spätere Beamtenlaufbahn war ihm nicht allzu wichtig. Denn all sein Denken und Trachten galt dem Schreiben. "Wenn ich mich nicht in einer Arbeit rette, bin ich verloren", vertraute er am 28.Juli 1914 seinem Tagebuch an. Obwohl finanziell selbständig, zeigte Kafka lange Zeit keine Neigung, von seinen Eltern und Schwestern fortzuziehen, auch wenn er sich dort "fremder als ein Fremder" fühlte, wie er später schrieb. Außer mit seiner Schwester Ottla wechselte er mit kaum jemandem aus seiner Familie ein Wort. Mit dem Vater lebte er ohnehin in stummer Feindschaft. Er hatte als einziges der Kafka-Kinder zwar ein eigenes Zimmer, klagte aber in seinem Tagebuch über den Lärm, die Unruhe, das Durcheinander, die ihn vom Schreiben abhielten.


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