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Engagierter Vorkämpfer für geistige und soziale Freiheit

Ludwig Börne starb vor hundertsiebzig Jahren

Anfang des vorigen Jahrhunderts, als die Berliner Briefe von Ludwig Börne an seine Freundin Jeanette Wohl aus dem Jahr 1828 erstmals vollständig gedruckt vorlagen - herausgegeben hatte sie der jüdische Literatur- und Kulturhistoriker Ludwig Geiger -, war der jüdische Schriftsteller und leidenschaftliche Streiter für demokratische Freiheiten und Rechte, Ludwig Börne, schon ein wenig in Vergessenheit geraten. Das hat sich inzwischen längst geändert. Nachdem vor mehr als vierzig Jahren eine Gesamtausgabe von Börnes Schriften und etliche Bücher über ihn erschienen sind, ist das Interesse an ihm merklich gewachsen. Zudem ist er nicht nur im Stadtbild seiner Frankfurter Geburtsstadt präsent. Auch der regelmäßig in der Frankfurter Paulskirche verliehene Börnepreis, mit dem in der Vergangenheit zum Beispiel der streitbare Publizist Rudolf Augstein bedacht worden ist, sorgt mit dafür, dass zumindest der Name Ludwig Börne im allgemeinen öffentlichen Gedächtnis haften bleibt.

Wer war nun Ludwig Börne? Geboren wurde er als Juda Löw Baruch am 6.Mai 1786 in der Frankfurter Judengasse. Er war einer der bekanntesten politischen Schriftsteller in der Vormärzzeit und führender Kopf der damaligen Liberalen und Radikaldemokraten. Aus der aufklärerischen und freiheitlichen Tradition der deutschen Geistesgeschichte ist er nicht mehr wegzudenken. Mit geistreichem Witz und geschliffenen Formulierungen kämpfte er unermüdlich für politische Freiheit und Menschenrechte und geriet dabei zwangsläufig mit der obrigkeitlichen Zensur in Konflikt. Das wiederum inspirierte ihn zu seinen gelungensten Texten. Noch heute beeindrucken sie durch Scharfsinn und Leidenschaftlichkeit, mit denen er die reaktionären Regime seiner Zeit an empfindlichen Stellen attackierte. Vieles wirkt immer noch erstaunlich aktuell. Überdies war er ein brillanter Essayist und Feuilletonist, ein stilvoller Erzähler der kurzen, knappen Form, ein kritischer Zeitschriftsteller und gebildeter Theaterkritiker.

Viele sehen in ihm einen Praeceptor Germaniae, einen Prediger mit Witz, einen Weltverbesserer mit Humor, einen Gerechtigkeitsapostel mit Ironie, einen toleranten Fanatiker sowie einen Journalisten und Propheten in einem.

"Ludwig Börne bleibt ein heutiger Autor", urteilt der israelische Historiker Frank Stern, "ein Kollege mit ironischer Beherrschung und kulturellem Selbstverständnis. Es könnte ein angemessener Beitrag unserer Gesellschaft sein, Ludwig Börne aus dem literarischen Exil zurückzuholen. Vielleicht fangen wir einfach damit an, seine Artikel und Prosa wieder zu publizieren, zu lesen und auch über sie zu sprechen."

p>Seine Kindheit verbrachte Ludwig Börne in der Frankfurter Judengasse, die in seiner Zeit "das schwärzeste Ghetto Europas" gewesen sein soll. Börnes Vater war der wohlhabende Wechselhändler Jacob Baruch, ein in der jüdischen Gemeinde anerkannter Mann, der Wert auf die Erziehung und Allgemeinbildung seiner Kinder legte und nicht nur auf die Vermittlung der jüdischen Religion.

Ludwig Börne studierte Medizin in Berlin und wohnte dort im Haus von Markus und Henriette Herz, die er sehr verehrte. Dort entwickelte sich der Student und Theaterbesucher Börne zum Schriftsteller. Später setzte er in Halle sein Studium fort und wechselte bald darauf in Gießen zur Staats- und Kameralwissenschaft. An der Universität Gießen erlangte er einen, für junge Juden damals noch unüblichen, akademischen Grad in politischer Wirtschaft. Anschließend arbeitete er in Frankfurt als Polizeiaktuar. Doch wurde er im Zuge der wiedererstarkten Reaktion nach dem Wiener Kongress (1815) wegen seiner jüdischen Herkunft bald wieder entlassen. Der Wunsch, auch in der nichtjüdischen Welt gehört, gelesen und verstanden zu werden, veranlasste ihn 1818, seinen Namen von Baruch in Börne zu ändern und sich taufen zu lassen.

Kurz danach begann seine publizistische Karriere. Er wurde Herausgeber verschiedener Journale, insbesondere der "Wage, einer Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst"(1818 bis 1821). Er verfasste etliche Schriften, wie etwa "Für die Juden" (1816) und "Bemerkungen über Sprache und Stil" (1826) und versorgte außerdem zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften mit seinen zeitkritischen Schriften, wie etwa der humoristischen "Monographie der deutschen Postschnecke" (1821). Durch seine Vorliebe für klare, unmissverständliche und nachdrückliche Formulierungen - die Deutlichkeit war seine Passion - geriet er immer mehr mit der Zensur in Konflikt.

Zehn Jahre lang war Börne darüber hinaus Theaterkritiker. Nach Heines Ansicht bereiteten seine schneidenden, rasiermesserscharfen Theaterbesprechungen, deren Stil er während mehrerer Jahre geschliffen hatte, ihn ebenfalls auf eine Karriere als bedeutender Kulturkritiker und Sezierer politischer Verhältnisse vor.

"Herr B.scheint uns ein offener, gewandter, ungemein witziger Kopf zu sein, ganz geeignet, unterhaltende Rezensionen zu schreiben", war am 12.Dezember 1820 in Cottas "Morgenblatt für gebildete Stände" zu lesen.

Seit 1816/17 verband Börne eine lebenslange Freundschaft mit Jeanette Wohl, die ihn dann zu seinem eigentlichen Genre, dem des korrespondierenden Journalisten ermutigte. Unter ihrem Einfluss entwickelte sich Börne zum ersten deutschsprachigen Journalist, der so ausschließlich seiner Tagesschriftstellerei lebte, dass es von ihm keinen nachgelassenen Roman, kein Handbuch der Kritik und auch keine Essaysammlung gibt. Dafür prägte er in entscheidender Weise den modernen deutschen Journalismus im frühen 19.Jahrhunderts.

Nach der Julirevolution 1830 übersiedelte Ludwig Börne nach Paris. "Paris ist", erklärte er, "der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft." - "Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy", bekannte er und fügte hinzu: "Jeder Gedanke blühet hier schnell zur Empfindung hinauf, jede Empfindung reift schnell zum Genuss hinan; Geist, Herz und Sinn suchen und finden sich - keine Mauer einer traurigen Psychologie hält sie getrennt." Sarkastisch meinte er ferner mit Blick auf Frankreich: "Dieses Volk ist noch so ungebildet, dass es nicht einmal Zünfte und eine Zensur hat; so roh, dass unter ihnen Leute ohne alle Herkunft Minister werden können, so dumm, dass sie die wichtigsten Prozesse öffentlich verhandeln, eine Jury haben und sogar - ich lüge nicht- Juden mit Bürgerrechten."

Und genau darauf kam es Börne an, in einem Staat zu leben, in dem seit 1791 die volle politische Emanzipation erreicht und die Integration der Juden ohne Schwierigkeiten vollzogen war, in dem Juden vollkommen integriert waren und das ganz ohne Konversion.

Durch seine "Briefe aus Paris" (1832-34) und durch seine Berichterstattungen für deutschsprachige Zeitungen wurde Börne einer der wichtigsten deutschen Korrespondenten in Paris. Für weitere Popularität sorgten seine "Studien über Geschichte und Menschen der Französischen Revolution" (1833-35) sowie seine Polemik "Menzel der Franzosenfresser" (1837).

Allerdings schlug die französische Juli-Revolution von 1830 schnell in eine bürgerliche Restaurierung um. Der deutsche Emigrant Börne zu Paris sprach in diesem Zusammenhang von einer "giftigen Geldwirtschaft" und wies damit auf die Welt des Hauses Rothschild hin.

Ähnlich wie Heine ging es ihm vor allem um die Freiheit. "Weil ich als Knecht geboren bin", sagte er einmal, "liebe ich die Freiheit mehr als ihr" und ergänzte: "Der Engländer liebt die Freiheit wie seine Frau, der Franzose wie seine Braut; und der Deutsche wie seine alte Großmutter." Auch hob er immer wieder hervor, dass er nicht gegen Dämonen kämpfe, sondern gegen Despoten. Hatte er doch erkannt, dass die Macht "viel Berauschendes, Betäubendes, Giftiges" an sich hat und dass man den Verstand verliert, "sobald man Minister wird." Er selbst wollte erzieherisch wirken, wollte durch Worte und Zeitkritik Demokratie und Menschenrechte durchsetzen helfen. "Worte sind meine Werkzeuge," behauptete er. Zugleich äußerte er sich kritisch über das Verhältnis von Menschen- und Bürgerrechten: "Dass sich aber Menschenrecht von Zivilrecht, religiöse von politischer Duldung so unterscheiden solle, dass man Ansprüche auf das eine haben könne ohne auf das andere, dem widerspreche ich... Was ihr Menschenrechte nennt, das sind nur Tierrechte: das Recht, seine Nahrung aufzusuchen, zu essen, zu verdauen, zu schlafen, sich fortzupflanzen. Diese Rechte genießt auch das Wild auf dem Felde - bis ihr es erlegt., und diese wollt ihr auch den Juden lassen. Die Bürgerrechte, diese allein sind Menschenrechte; denn der Mensch wird erst in der bürgerlichen Gesellschaft zum Mensch."

Ludwig Börne hat mit seinem Schreiben jedoch nicht nur unser heutiges Verständnis vom Journalismus begründet, er hat auch die anderen Geistesgrößen seiner Epoche auf deren Neugier gegenüber der Gegenwart abgehorcht. Vor dem aufmerksamen Leser Börne stellten sich Goethe, Hegel und Rousseau in einem anderen Licht dar als in der üblichen Gloriole, die ihnen andere Beobachter verliehen. So erkannte Börne Goethes Skepsis gegenüber der revolutionären Zeitstimmung, fand in Hegel einen unerwarteten Geistesgenossen in dessen Konzentration auf das Zeitgenössische - obwohl er im Laufe der Jahre dann doch einiges an ihm auszusetzen hatte - und entdeckte in Rousseaus Selbstanalyse einen ihm selbst in der Lakonie gegenüber dem Urteil der Mitwelt tief verwandten Denker.

Besonders auf Goethe war Börner zeitlebens so schlecht zu sprechen gewesen, dass er geradezu als Prototyp des geborenen Goethe-Hassers in die Geschichte eingegangen ist. Immerhin hat er den Weimarer Dichterfürsten als Repräsentanten der "untergehenden Kunstperiode" und als "Despotendiener" bekämpft und ihm das Etikett des "Stabilitätsnarren" angehängt. In der restaurativen "Marmorglätte" des Dichters sah er das Haupthindernis für den Fortschritt deutscher Kultur und Politik.

Als er dann im Frühjahr 1818 die erste Ausgabe seiner "Wage" vorbereitete, bat er auch Goethe mit folgenden Worten um einen Beitrag: "Darf der reiche Mann den armen zurückweisen, der ihn um eine milde Gabe bittet, und wird der Verfasser dieser Blätter eine Mitteilung für die angekündigte Zeitschrift, die ihn und seine Leser aufmuntern, vergebens erwarten? Gewiss nicht." Doch er wartete vergebens, obwohl aus einer Tagebuchnotiz Goethes vom 16.Mai 1818 hervorgeht, dass die schriftliche Bitte in Weimar angekommen war.

Börnes Auseinandersetzung mit Schiller zeigt die gleiche Schwarz-Weiß-Malerei. Da er Schiller nicht ohne weiteres unterstellen konnte, dass dieser die Freiheit gehasst habe, warf er ihm vor, er habe seinen Anspruch auf Humanität in elitärer Weise vertreten und sei ein "noch ein schlimmerer Aristokrat als Goethe" gewesen.

Nicht zuletzt durch Goethes abfällige Milieuschilderung der Frankfurter Judengasse hatte sich Börne tief gekränkt gefühlt. Seine abstoßende Schilderung des Frankfurter Judenghettos hat er ihm nie verziehen. Wie indes stand er selbst zum Judentum, zum Frankfurter Ghetto, wo er seine Wurzeln hatte, wo er das Licht der Welt erblickt und seine ersten Lebensjahre verbracht hatte? Von hier aus war er zu seinen Universitätsstudien in der Fremde aufgebrochen und hatte dort überwiegend unter Nichtjuden gelebt. Noch bevor er von seinen Studien nach Frankfurt zurückkehrte, teilte er seinem Vater mit, er werde ihm nicht nacheifern als einem Juden, der sein ganzes Leben in der jüdischen Gemeinschaft hingebracht habe. Er habe nicht die Absicht, um die Gunst der Judengasse zu buhlen oder Gott zu danken, wenn ein christlicher Krämerjunge ihm mit den Worten schmeichelte: "Der Baruch ist gar kein übler Mensch, nur schade, dass er ein Jude ist."

Börne fühlte sich zu diesem Zeitpunkt als Außen- und Darüberstehender. Seinem Empfinden nach entsprach die physische Dunkelheit des Ghettos der Unerleuchtetheit seiner Geisteskultur. Trotzdem gestand er sehr viel später, es sei gerade das Ghetto gewesen, das sein Verhältnis zu Deutschland und zu den Deutschen bestimmt habe. Im Jahr 1831, lange nach seiner Konversion, meinte er, dass er das Glück gehabt habe, als Deutscher und als Jude geboren zu sein, und dass er aus diesem Grunde imstande gewesen sei, deutsche Tugenden anzunehmen, aber auch - weil er von außen begonnen habe -, das zu vermeiden, was ihm deutsche Fehler dünkten. Als Sklave geboren, wisse er die Freiheit um so mehr zu schätzen. Ohne Vaterland geboren, sehne er sich um so mehr danach. Wörtlich: "Weil mein Geburtsort nicht größer war als die Judengasse und hinter dem verschlossenen Tore das Ausland für mich begann, genügt mir auch die Stadt nicht mehr zum Vaterlande, nicht mehr ein Landgebiet, nicht mehr eine Provinz, nur das ganze große Vaterland genügt mir, so weit seine Sprache reicht." In seinem letzten veröffentlichten Werk kehrte Börne noch einmal zum Ghetto seiner Ursprünge zurück, in dem er jetzt allem Anschein nach ein Sinnbild für das politisch rückständige und leidende Deutschland sah, wie seine Frage im Jahr 1936: "ist nicht Deutschland das Ghetto Europas?" vermuten lässt.

Wer an Börnes Stil oder seinen Ansichten Anstoß nahm, pflegte beides seinem Judesein zuzuschreiben. Sogar Freunde sprachen davon. Für sie war der Protestant Ludwig Börne nicht weniger ein Jude als der Sohn des Ghettos Löw Baruch. Seine Taufe half ihm nicht. "Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, dass ich ein Jude sei, die anderen verzeihen mir es, der dritte lobt mich gar dafür, aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus."

Die hartnäckige Beachtung seiner jüdischen Ursprünge verdross Börne sehr, denn sie bedeutete, dass nicht nur seine Leser unfähig waren, dem magischen Kreis zu entrinnen, sondern auch er selber. "Seit achtzehn Jahren bin ich getauft, und es hilft mir nichts", klagte er und wandte sich vehement dagegen, dass man ihn einen Judenfreund nannte. "Ich bin der Freund aller Menschen", betonte er. Im privaten Briefwechsel mit seiner Vertrauten Jeanette Wohl fand er allerdings nichts dabei, seinen Rivalen Heine einen Jeschiwa-Studenten zu nennen und ihm den angeblich jüdischen Charakter vorzuwerfen und jüdische Witze um ihrer selbst willen zu machen. Später "bedankte" sich Heine für das Kompliment, indem er Börne den angeblichen "Nazarener" zum Lager der Juden (und der Christen) rechnete und nicht zu den Hellenen.

In seiner Reflexion "Für die Juden" von 1816, in einer Zeit, als die Emanzipation der Juden wieder einmal gravierend beeinträchtigt wurde, schrieb Börne: "Die Sache der Juden muss aus einem Gegenstande der Empfindung zu einem Gegenstand der Überlegung gemacht werden, und dann ist das Gute gewonnen, denn wer über seine Träume nachzudenken vermag, der träumt nicht."

Drei Jahre später behauptete er, die Abneigung gegenüber Juden entspringe "einem dunklen unerklärlichen Grauen", das seine Wurzeln in der magisch-mystischen Vorstellungswelt der christlichen Bevölkerung habe. "Ihr habt die Juden immer verfolgt, aber euer Kopf ist besser geworden; ihr sucht jetzt, was ihr früher nicht getan habt, eure Verfolgung zu rechtfertigen", sagte Börne und stellte fest: "Ihr hasst die Juden nicht, weil sie es verdienen, weil sie verdienen."

Einen "Roman der Bosheit" nannte Börne die Geschichte der Behandlung der Juden, von der er einige bittere Kapitel, darunter die Aufhebung des Code Napoléon, der auch Juden mehr Rechte als bisher gewährt hatte, selbst miterlebte.

Im Unterschied zu Heine kehrte Börne in keinem Sinne zum Judentum zurück. Im Gegensatz zu Riesser vermied er es nach einigen frühen Artikeln, speziell im Interesse der Judenemanzipation zu schreiben. In seinen letzten Lebensjahren hing Börne dem katholischen Sozialismus im Sinne des Abbé de Lamennais an. "Jeder, wer liebt, ist Christ", erklärte er damals. Gleichwohl empfand er noch immer das Leid der verfolgten Juden, und war nach wie vor davon überzeugt, dass es in Deutschland ohne Freiheit für die Juden überhaupt keine Freiheit geben könne.

Prägnant hatte Ludwig Börne damit nicht nur das damalige Elend der politischen Verhältnisse zusammen gefasst, sondern in diesem auch allgemeine Probleme der Freiheit und der Gleichheit ausgemacht. Darauf deutet auch seine Ermahnung hin: "Denn hasst oder liebt die Juden, drückt sie nieder oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes oder verfolgt sie. Dies alles sei euer Willkür überlassen. Aber eins sage ich euch: Seht zu, wie weit ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, solange die Freiheit nicht sein soll für alle."

Anfangs wurde Börne von Juden, die sich der jüdischen Gemeinschaft verpflichtet fühlten, als Abtrünniger abgelehnt. Eine Generation nach seinem Tod jedoch wurde er von so positiv für das Judentum engagierten Männern wie dem Philosophen Heymann Steinthal und dem Historiker Heinrich Graetz begeistert für das Judentum reklamiert. Nunmehr hielten sein kämpferisches Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit liberale und sogar konservative Juden für ausreichend, um ihn als Juden im Geiste zu preisen. Diese bemerkenswerte Vereinnahmung Börnes als eines Juden sagt natürlich weniger über Börne selbst aus als vielmehr darüber, wie weit die meisten deutschen Juden inzwischen über traditionelle Vorstellungen vom Judesein hinausgegangen waren.

Oft denkt man, wenn der Name Ludwig Börne fällt, sofort an Heinrich Heine. Zu beider Lebzeiten stand Heine als Autor des "Jungen Deutschland" im Schatten des weit populäreren Börne. Heute ist es eher umgekehrt.

Was ist von ihrem Verhältnis zueinander zu halten, wo enden ihre Gemeinsamkeiten und wo beginnen ihre unterschiedlichen Anschauungen und Zwistigkeiten? Beide waren getaufte Juden, lebten etwa in derselben Epoche, Mitte des 19.Jahrhunderts, waren zur selben Zeit in Paris im Exil und galten dort als Galionsfiguren der deutschen Opposition. Begonnen hatte ihre persönliche Bekanntschaft, als Heine im November 1827 auf seinem Weg nach München Börne in Frankfurt besuchte. Börne zeigte ihm dort das Ghetto, in dem er seine Jugend verbracht hatte. Heine hat in seinem Börne-Buch diesen Besuch ausführlich beschrieben.

Eine Zeitlang sah man in ihnen ein ähnliches Gespann wie dreißig Jahre zuvor in Goethe und Schiller. Kein Wunder, hatten sie doch zusammen die Bewegung "Das Junge Deutschland" ins Leben gerufen, um die politische Rückständigkeit, den kulturellen Provinzialismus und das moralische Philistertum der Deutschen zu bekämpfen.

Anfangs waren Heine und Börne einander durchaus freundschaftlich zugetan. Aber dann schlug die literarisch gute Nachbarschaft auf Grund persönlicher Animositäten in verbissene Abneigung um, und es kam zu heftigen Zerwürfnissen. Schon kurz nach Heines Ankunft in Paris traten politische Differenzen zwischen Heine und dem nationalrepublikanisch orientierten Börne zu Tage, die durch Börnes polemische, zunächst in Privatbriefen an seine Vertraute Jeanette Wohl, bald aber auch in einer, um 1834 öffentlich geäußerten, moralisierenden Kritik an Heine offenkundig wurden. Heine konnte mit Börnes strikter, an formalen Gleichheitsprinzipien ausgerichteter Weltsicht immer weniger anfangen. In seinen Augen tendierten Börne und die deutsche Revolution nur auf öde, prosaische und kunstfeindliche Gleichmacherei, wobei Börne für Heine in Paris zunehmend Ähnlichkeit mit Robespierre bekam.

Der Tonfall zwischen beiden wurde mit der Zeit gereizter, ja gehässig. Im Februar 1832 schreibt Börne an seine Lebensgefährtin Jeanette Wohl: "Der Heine ist ein verlorener Mensch. Ich kenne keinen, der verächtlicher wäre. Nicht die Verachtung, die sich mit Hass paart, kann man gegen ihn hegen, sondern die Verachtung, die sich mit Bedauern verbindet... Er hat den schlechten Judencharakter, ist ganz ohne Gemüt und liebt nichts und glaubt nichts.. Es ist ihm nur wohl, wenn er mit Menschen zusammen ist, die er unter sich fühlt.."

Als Börne am 12.Februar 1837 starb und ihm dreitausend Menschen am 18.Februar auf dem Père Lachaise die letzte Ehre erwiesen, fehlte Heinrich Heine.

Doch bald darauf hat dieser in seinem Börne-Buch seine eigene Sicht des Verhältnisses zu Börne dargestellt und damit in Deutschland viel Wirbel ausgelöst. Fast alle Rezensenten tadelten den Angriff auf den Säulenheiligen der deutschen Linken und warfen Heine Eitelkeit und Feigheit vor. Auch der junge Friedrich Engels zeigte sich empört. Nur Marx nahm ihn in Schutz. Jahrzehnte später lobte Thomas Mann am Börne-Buch Heines hohe Prosakunst.

Marcel Reich-Ranicki hat die Unterschiede zwischen beiden recht deutlich auf den Punkt gebracht. Während Heine, laut Reich-Ranicki, als Dichter seine Worte um ihrer ästhetischen Wirkung willen wählte, glaubte Börne, um seine politischen Kämpfe erfolgreich ausfechten zu können, dass jedes Wort ein Schwert sein müsse. Für Heine war dagegen die Poesie wichtiger als alles andere, für Börne die Freiheit kostbarer als alle Kunst. Er sei ein Patriot gewesen, doch ohne Vaterland, ein Volkstribun ohne Volk, ein Politiker ohne Amt, ein Schriftsteller ohne Werke. Börne hat " weder Dramen noch Epen oder Romane, weder philosophische noch wissenschaftliche Werke verfasst. Aber alle seine Arbeiten - Feuilletons und Betrachtungen, Essays und Kritiken, Satiren und Reportagen, Glossen und Aphorismen - erweisen sich", so der Literaturpapst Reich-Ranicki, "als Bestandteile eines einzigen, eines erstaunlich einheitlichen Werks: Es sind Bruchstücke einer großen Rebellion."

Doch einen seiner schreibenden Zeitgenossen hat Ludwig Börne aufrichtig verehrt, wenn nicht sogar geliebt, nämlich Jean Paul. Als dieser am 14.November 1825 starb, verfasste Börne eine überschwängliche Gedächtnisrede, in der er in immer neuen Wendungen seine Verehrung zum Ausdruck brachte und hervorhob, dass Jean Paul über dem ideellen Aufschwung, der Forderung der Idee, nie das Besondere in seiner Beschränktheit aus den Augen verloren habe, dass er entsprechend nicht nur für die Freiheit des Denkens, sondern ebenso für die Freiheit des Fühlens gekämpft habe. Er habe es gewagt, "das jedem Deutschen so grausame Wort 'Ich' auszusprechen", und habe "für unsere Enkel die Saat der deutschen Freiheit ausgestreut." "Fragt ihn", rief Börne aus, "wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab."

In Werk und Persönlichkeit Jean Pauls hatte der aufrührerische Denker und Vorkämpfer für geistige und soziale Freiheit Ludwig Börne offensichtlich die zeitgenössische Verwirklichung der gesuchten Mitte gefunden, wobei seine Apotheose dieses Dichters wohl auch ein Versuch war, ihn zur Gegenfigur des gehassten Goethe zu stilisieren.

Der Beitrag erschien in "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums"

45.Jahrgang Heft 180, 4.Quartal 2006.


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