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Gemeinsame Theaterarbeit

Mit den "Xenien" hatten beide für eine Verbesserung des literarischen Geschmacks gestritten. Nun wollte man die Theaterkunst reformieren, die Weimarer Bühne sollte als Vorbild dienen. Nachdem Schiller mit seiner Familie im Dezember 1799 nach Weimar übergesiedelt war, wurde er Mitarbeiter des Weimarer Theaters. Seit dem "Don Carlos" hatte er kein Theaterstück mehr geschrieben, nun wandte sich wieder dem Theater zu. Goethe und Schiller arbeiteten also auch weiterhin eng zusammen. Sie vertrauten einander ihre Pläne an und besprachen Theaterprojekte. Gegenseitig richteten sie Stücke ihres Partners für die Bühne ein: Goethe Schillers "Fiesko" und "Kabale und Liebe", Schiller Goethes "Iphigenie". Er nahm sich auch Goethes "Schmerzenkindes" Egmont an. Während Schiller am "Wallenstein" arbeitete und dabei von Goethe Rückenwind erhielt, schickte sich dieser an, unter tätiger Mitwirkung Schillers, versteht sich, den "Wilhelm Meister" zu vollenden. Goethe schreibt zu dieser Zeit an "Hermann und Dorothea" und äußert sich zu Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen". Hatte doch gerade Schiller die Reflexion über die Situation und Aufgaben von Kunst und Literatur zum festen Bestandteil gemeinsamer Überlegungen gemacht.

In diesen Jahren verfasste Schiller das Gedicht "An Goethe", als dieser "den Mahomet von Voltaire auf die Bühne brachte".

Die erfolgreiche "Wallenstein-Aufführung" brachte dann auch Goethe richtig in Schwung. Zudem wurde Schiller, als der stets Treibende im Schöpferischen, nicht müde, wenn es sein musste, Goethe anzustacheln. So ließ dieser, im Bund mit Schiller, seiner poetischen und poetologischen Neigung und Schaffenskraft freien Lauf.

"Ich verdanke Schiller die 'Achilleis' und viele meiner Balladen, wozu er mich getrieben", gestand Goethe später und verzeichnete in seinen Tag- und Jahreshefte unter der Jahreszahl 1797: "Ich schrieb den 'Neuen Pausias' und die 'Metamorphose der Pflanzen' in elegischer Form, Schiller wetteiferte, indem er seinen 'Taucher' gab. Im eigentlichen Sinne hielten wir Tag und Nacht keine Ruhe; Schillern besuchte der Schlaf erst gegen Morgen; Leidenschaften aller Art waren in Bewegung; durch die 'Xenien' hatten wir ganz Deutschland aufgeregt, jedermann schalt und lachte zugleich. Die Verletzten suchten uns auch etwas Unangenehmes zu erweisen, alle unsere Gegenwirkung bestand in unermüdet fortgesetzter Tätigkeit..."

Wilhelm von Schlegel erzählte einmal folgende Anekdote: "Goethe behandelte den kränklichen, oft launischen Dichter wie ein zärtlicher Liebhaber, tat ihm alles zu Gefallen, schonte ihn und sorgte für die Aufführung seiner Trauerspiele. Doch manchmal brach Goethes kräftige Natur durch, und einmal, als eben 'Maria Stuart' bei Schiller besprochen war, rief Goethe beim Nachhausegehen: 'Mich soll nur wundern, was das Publikum sagen wird, wenn die beiden Huren zusammenkommen und sich ihre Aventüren vorwerfen!" In rascher Abfolge entstanden von 1800 bis 1804 die Theaterstücke "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans", "Die Braut von Messina" und "Wilhelm Tell" neben unzähligen Gedichten und Balladen. In dieser Zeit - Literaturhistoriker bezeichnen sie als die "Geburtsstunde der deutschen Klassik" - schufen Goethe und Schiller eine Fülle poetischer Werke, die es ohne das freundschaftliche Zusammenwirken der beiden Dichter nie gegeben hätte. Martin Walser meinte einmal: "Wäre das zwischen denen noch lange so gelaufen wie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, dann wäre es ratsam gewesen, Goethe und Schiller nach der Art der Marx/Engels-Ausgabe herauszugeben".

Die großen Inszenierungen während der Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller haben Theatergeschichte gemacht. Die Inszenierung des "Wilhelm Tell" an der Weimarer Bühne war dann die letzte gemeinsame Arbeit der Freunde. Das letzte große Drama "Demetrius" ist Fragment geblieben. Goethe wollte es nach Schillers Tod vollenden, doch scheiterte er daran.


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