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Ein Autor ist neu zu entdecken - Alfred Döblin

Wird der Name Alfred Döblin erwähnt, dann denkt jeder, der sich in der Literatur auskennt, sofort an Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", einerlei ob er diesen gelesen hat oder nicht. Dabei hat Döblin sehr viel mehr und über sehr unterschiedliche Themen geschrieben. Er nimmt in der Literatur des 20.Jahrhunderts den gleichen Rang ein wie Franz Kafka und Thomas Mann und hat die deutsche Literatur bereichert wie nur sehr wenige im zwanzigsten Jahrhundert.

Bedauerlicherweise hat das Oeuvre dieses so scharfsichtigen Autors, der sich auch politisch zu Wort meldete, in Deutschland wenig Resonanz gefunden. Laut Günter Grass, der in Döblin seinen wichtigsten Lehrmeister sieht, hat dieser antiklassische Schriftsteller nie eine Gemeinde gehabt, nicht einmal eine Gemeinde von Feinden. Die seinerzeit von Walter Muschg besorgte Ausgabe seiner Werke lag beim Walter-Verlag jahrelange wie Blei. Auch heute fast fünfzig Jahre danach, gehört Döblin nicht unbedingt zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Ob sein fünfzigster Todestag am 26.Juni 2007 etwas daran ändern wird, bleibt abzuwarten.

Schon die Biografie von Alfred Döblin bietet genügend Stoff für einen Roman, wie er ihn selbst hätte geschrieben haben können. Geboren wurde Alfred Döblin am 10.August 1878 in Stettin als Sohn des Schneidermeisters Max Döblin und seiner Frau Sophie, geborene Freudenheim. Beide waren jüdischer Herkunft. Mit drei Brüdern und einer Schwester wuchs Alfred Döblin auf. Als er zehn Jahre alt war, verließ der Vater, Besitzer einer Zuschneidestube, im Juli 1888 seine Familie und ging mit einer jungen Angestellten nach Amerika. Dieses Ereignis hat den heranwachsenden Alfred nachhaltig erschüttert und die Mutter veranlasst, mit ihren Kindern zu Verwandten nach Berlin zu ziehen.

In Berlin besuchte Döblin mehrere Schulen. Wenn er an seine Schulzeit dachte, erinnerte er sich einer "ultravioletten Hilflosigkeit in Dingen der Menschenkenntnis und der Pädagogik." Es gab aber auch gute Lehrer, denen er seine vorzügliche Kenntnis der antiken Schriftsteller verdankte.

Nach dem Abitur im September 1900 studierte Döblin Medizin und Philosophie und betätigte sich literarisch. Fünf Jahre später promovierte er in Freiburg. Zunächst arbeitete er an psychiatrischen Anstalten: in Freiburg, in Regensburg und in Berlin, bis er sich als Kassenarzt für Nervenkrankheiten in Berlin-Kreuzberg niederließ.

In dieser Zeit war er mit der Krankenschwester Frieda Kunke eng befreundet, verließ sie aber, als sie im Oktober 1911 von ihm einen Sohn bekam. Dieser wuchs bei der Großmutter im Holsteinischen auf. Frieda starb an Tuberkulose im Januar 1918.

Alfred Döblin selbst heiratete am 28.Juni 1912 die Medizinstudentin Erna Reiss. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor.

Nebenbei ließ er sich in diesen Jahren von Herwarth Walden in die Berliner Kunst- und Literaturszene einführen und wurde Mitarbeiter der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm". Er begegnete hier Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Frank Wedekind, Detlev von Liliencron, Arno Holz, Johannes Schlaf und, wie er selbst berichtet, "Peter Hille, dem Westfalen, dem Wanderer und Stromer, dem Bettler, der wie später Mombert und Däubler nicht recht von dieser Welt war."

Mit seinem Erzählungsband "Die Ermordung einer Butterblume" (1913) wurde er zu einem der führenden Vertreter der expressionistischen Literatur. Es folgten weitere Romane. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stimmte Döblin wie fast alle deutschen Schriftsteller in jenen Tagen in die allgemeine Kriegsbegeisterung ein. Euphorisch plädierte er für das wilheminische Deutschland und meldete sich freiwillig zum Militärdienst - als Militärarzt. Doch während des Krieges wandelte er sich alsbald zum überzeugten Pazifisten.

In den Wirren des Militärputsches vom 13.März 1919 unter der Führung von Wilhelm Kapp kam seine Schwester Meta Goldberg durch Granatsplitter ums Leben, als sie für ihre Kinder Milch kaufen wollte. Während der Novemberrevolution sympathisierte Döblin mit der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei. Als sich diese 1921 auflöste, trat er zur SPD über. Vom Kaiserreich hatte er sich längst abgewandt. Doch auch mit der Weimarer Republik kam er nicht zurecht. Eine Zeitlang war der Sozialismus seine einzige Hoffnung.

Allerdings sah er in Marx und Lenin nicht die "Verwirklicher" des Sozialismus, sondern dessen "Totengräber". Aus dem anfänglichen Lenin-Bewunderer Döblin war schnell ein scharfer Kritiker des kommunistischen Systems geworden. Für Stalin hatte er dagegen, im Gegensatz zu manchen seiner Dichterkollegen, nie ein gutes oder anbiederndes Wort übrig, geschweige denn eine Hymne. Aber 1927 kehrte er auch der SPD den Rücken. Mit den Konservativen indes wollte er ebenfalls nichts zu tun haben, die Kommunisten dagegen waren ihm völlig verhasst.

Vielfach war Döblin auch journalistisch tätig. Unter dem Pseudonym Linke Poot (im Berlinischen heißt Linke Poot "linke Pfote") veröffentlichte er in der "Neuen Rundschau" politische Aufsätze und Glossen zur Zeitgeschichte von ungewöhnlicher Schärfe und Respektlosigkeit. "Ihr an Heinrich Heine geschulter Witz ist nicht selten ins Zynische oder Makabre gesteigert." (Gabriele Sander) Überdies waren Witz, Ironie, Sarkasmus und Spottlust häufig seine Waffen, ganz in der Tradition Heinrich Heines, der in mancher Hinsicht als sein Vorläufer gelten kann.

Kurz vor der Inflation wurde er nebenbei Kritiker für das renommierte “Prager Tagblatt“, für das er in gewohnt lockerer, unkonventioneller Form über Neuinszenierungen in Berlin berichtete. 1928 wurde er trotz des Widerstandes des rechten Flügels in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. 1929 machte ihn der Roman "Berlin Alexanderplatz" zu einem populären Autor in der Weimarer Republik. Erst nach dem Erfolg des großen Berliner Romans konnte sich Döblin, der bis dahin auf die Kassenarztpraxis im Berliner Osten angewiesen war, nun auch eine Privatpraxis im Berliner Westen einrichten.

Noch 1931 spielte Döblin die Bedeutung der Erfolge der Nazis herunter. Aber dann reagierte er doch sehr schnell, nachdem er den Ernst der Lage erkannt hatte, und emigrierte mit seiner Familie einen Tag nach dem Reichstagsbrand vom 27.Februar 1933 über Zürich nach Paris. Bei der Bücherverbrennung am 10.Mai 1933 wurden auch seine Bücher ins Feuer geworfen. Er schrieb hierüber an seinen Freund Ferdinand Lion: "Am 10.Mai ist autodafé, ich glaube, der Jude meines Namens ist auch dabei, erfreulicherweise bloß papieren. So ehrt man mich. Aber die Sache hat doch zwei Seiten, nämlich wie wird es später sein, in einem Jahr, in zwei Jahren, wann wird die 'Gleichschaltung' der Verlage erfolgen? Arzt kann ich nicht mehr sein im Ausland, und schreiben wofür, für wen? Ich mag über dieses Kapitel nicht nachdenken. Was meinen Sie? Rätselraten."

Im Jahr 1936 nahm Döblin die französische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Überfall der Deutschen auf Frankreich, muss die Familie Döblin erneut flüchten. Auf einem Schiff der Greek Line verlassen Alfred und Erna Döblin mit ihrem jüngsten Sohn Stephan am 3.September 1940 den Hafen von Lissabon Richtung USA. Hier hätten sie zweifellos im Elend gelebt, wenn ihnen nicht verschiedene Organisationen und treue Freunde wie Lion Feuchtwanger geholfen hätten.

Gleich nach dem Ende des Krieges kehrte Alfred Döblin als kulturpolitischer Mitarbeiter der französischen Militärregierung voller Hoffnung und Tatkraft, in der Überzeugung, gebraucht zu werden, als einer der ersten Emigranten nach Deutschland zurück. Er war aber auch deshalb so schnell zurückgekehrt, weil er nicht mehr von Unterstützungen abhängig sein wollte. Zunächst lebte er in Baden-Baden in der französischen Besatzungszone, ab 1949 in Mainz, wo er die Universität und die "Akademie der Wissenschaften und der Literatur" mitbegründete.

Im Jahr 1946 rief er die Zeitschrift "Das goldene Tor" 1946-1951) ins Leben und bekannte sich in der ersten Nummer zu Gotthold Ephraim Lessing und zur Golden Gate Bridge in San Francisco, wo 1945 die UNO gegründet worden war. Engagiert äußerte sich der Schriftsteller im Südwestfunk Baden-Baden in Rundfunkansprachen über Probleme der Zeit, über die Teilung Deutschlands, den Kalten Krieg, die Aufrüstungs- und die Friedensbewegung der Nachkriegszeit und die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Schon bald erkannte er, wie gering man im westlichen Deutschland seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit schätzte, wie rasch die Restauration sich durchzusetzen begann und wie leicht es sich offenbar mit Verdrängungen leben ließ. Seiner Zeitschrift "Das Goldene Tor" war kein Erfolg beschieden, ebenso wenig seinen Büchern. Döblin vereinsamte zusehends und geriet zwischen die Fronten. Im Wirtschaftswunderdeutschland war offenbar kein Platz für ihn und seine Literatur.

Über seine Ankunft in Deutschland berichtet Döblin, der vor allem als Verkünder eines radikalen, christlichen Pazifismus verstanden werden wollte, in "Schicksalsreise" und stellt dabei fest: "Als ich wiederkam, da - kam ich nicht wieder."

Er sieht das Elend der Menschen und die Ruinen in den Städten, "Symbol der Zeit", und erkennt, die Deutschen "haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen." - "Auf allen liegt wie eine Wolke, was geschehen ist und was ich mit mir trage: die düstere Pein der zwölf Jahre. Flucht nach Flucht. Manchmal schaudert's mich, manchmal muss ich wegblicken und bin bitter."

Wenige Jahre nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil zieht Döblin in der jungen Bundesrepublik, deren Erfolgsgeschichte wiederholt, zuletzt 1990 enthusiastisch gefeiert wurde, eine bittere Bilanz: "Es ist geblieben, wie es war. Ich finde hier keine Luft zum Atmen. Es ist nicht Exil, aber etwas, was daran erinnert. Nicht nur ich, sondern meine Bücher haben es auch erfahren: im Beginn mit einem wahren Freudenschrei begrüßt, bleiben sie zuletzt verhungert liegen."

Die Resonanzlosigkeit Döblins und seines Werkes im ersten Nachkriegsjahrzehnt der Bundesrepublik zählt zu den unbegreiflichsten Paradoxien einer Zeit, deren Kulturpolitik doch ausdrücklich unter christlichen Vorzeichen stand.

Die Linken betrachteten ihn als einen Defätisten, die Rechten, die ihn kannten, verzichteten um des lieben Friedens willen, sich auf ihn zu berufen, oder, wie sich Grass ausdrückte: "Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär.. der Wert Döblin wurde und wird nicht notiert."

Energisch hatte sich der Schriftsteller gegen den Missbrauch seines Werkes und seines persönlichen Bekenntnisses (er war 1941 zum Katholizismus konvertiert) durch die neue "Heilige Allianz der Antikommunisten" verwahrt. Auch zu den Machthabern im östlichen Deutschland wahrte er Distanz und ging auf ein, von Johannes R.Becher und Bertolt Brecht ausgehendes Angebot, in die DDR überzuwechseln, nicht ein, sondern emigrierte mit seiner Frau am 29.April 1953 ein zweites Mal nach Paris. Die letzte Etappe im Exil führte Döblin in völlige Vereinsamung.

Nun forderte auch das Alter mehr und mehr seinen Tribut mit drohender Erblindung, Herzattacken, Parkinsonscher Krankheit. Döblin war schließlich gänzlich gelähmt und wurde zum Pflegefall. Bei einem Krankenhausaufenthalt im Schwarzwald starb er 78 Jahre alt, am 26.Juni 1957 in Emmendingen - verfemt und vergessen. Während Brecht zum Klassiker avancierte, geriet Döblin in Vergessenheit. Im elsässischen Housseras wurde er begraben neben seinem Sohn Wolfgang. Dieser hatte sich im Krieg freiwillig zur französischen Armee gemeldet und hatte während des Rückzugs, um nicht in deutsche Gefangenschaft zu geraten, in Housseras am 21.Juni 1940 Selbstmord verübt, wo er unter dem Namen Vincent Doblin begraben worden war. Erna Döblin setzte am 14.September 1957 in der Pariser Wohnung ihrem Leben ein Ende und wurde ebenfalls in dem lothringischen Dorf neben Mann und Sohn beigesetzt.

Auf den Grabsteinen, unter dem beide Eheleute ihre letzten Ruhestätten gefunden haben, hat der Schriftsteller zuvor in goldenen Buchstaben eingravieren lassen: „FIAT VOLUNTAS TUA“.

Alfred Döblins Werk

So vielfältig und widersprüchlich Döblins Leben verlief, so vielfältig und widersprüchlich ist auch sein literarisches Lebenswerk.

Schon früh hatte er bei der Literatur Zuflucht gesucht, freilich nicht bei Goethe oder Schiller, (Goethe kam erst später) sondern bei jenen, denen es nicht gelingen wollte, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, bei Kleist und Hölderin. Aber auch andere für das Jahrhundert maßgebliche Dichter und Denker haben ihn geprägt: Nietzsche, Freud, Kierkegaard, Schopenhauer, Dostojewski, Strindberg, und Wedekind.

Mit dem Schreiben hatte Döblin bereits als Primaner, in großer Heimlichkeit begonnen. In der Schule, "in der Bank, unter meinem Tisch lag immer ein Heft, in das ich allerhand Eintragungen machte, allgemeine politische, wie ich sie verstand, religiöse Ideen. Das Schreiben war über mich gekommen, ich weiß nicht wie." Aber zu Hause wusste lange niemand davon. Als Arzt schrieb er in den Wartezeiten, wo er ging und stand, auf den Treppen, in leeren Warteräumen.

Sein erster Roman "Jagende Rosse" entstand um 1900 und war Hölderlin gewidmet, wurde aber zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht. Dann folgte "Der schwarze Vorhang". 1910 entstand die psychiatrische Skizze "Die Ermordung einer Butterblume".

"In Freiburg im Breisgau im letzten Studienjahr kam mir beim Spazieren über den Schlossberg das Thema der Novelle "Die Ermordung einer Butterblume", ich wusste nun etwas von Zwangsvorstellungen und anderen geistigen Anomalien." Der Roman "Die drei Sprünge des Wang-Lun" - es geht um einen chinesischen Rebellen (1915/16) - wurde 1916 mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet. In rascher Folge entstanden "Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine" (1918), "Wallenstein" (1920) und sein schwer konsumierbarer Zukunftsroman "Berge, Meere und Giganten" (1924).

Anlass für den Roman "Wallenstein" (1920) waren Döblins Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Indirekt warf er dabei die Frage auf: "Was darf man hoffen in dieser Welt aus Schuld und Sünde, in einer Welt, die nicht einmal ein Erbarmen mit der Kreatur kennt?"

Nicht wenige Literaturwissenschaftler halten den Wallenstein neben "Berlin Alexanderplatz" für Döblins bedeutendstes episches Kunstwerk. Golo Mann indessen hat sich zum Wallenstein-Roman entsetzt geäußert. Als Historiker könne er nichts damit anfangen. Günter Grass feierte ihn dagegen als einen der großen deutschen Prosatexte, als eine sprudelnde Quelle seiner eigenen Werke. Döblin indes hat den "Wallenstein" 1945 für so antihuman befunden, dass er eine Neuausgabe untersagte. Die furchtbaren Folgen hochgezüchteter Technik schildert der Schriftsteller in seinem Buch "Berge, Meere und Giganten" (1924). In "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" (1924) hat er einen Mordfall verarbeitet, der 1923 in Berlin großes Aufsehen erregt hatte.

Döblins wichtigstes Werk und der bis heute bedeutendste deutsche Großstadtroman ist fraglos das 1929 erschienene Buch "Berlin Alexanderplatz". Die Großstadt erscheint hier als modernes Babylon, als Heimat von Gaunern, Huren, Hehlern und Zuhältern. Die Handlung kreist um Verbrechen und Unzucht, um das Elend der Slums, um Prostitution, Krankheit, Hunger und Sorge.

Während vor Döblin Berlin bei Fontane und anderen Autoren stets nur als Folie, als Hintergrund diente, ist hier die Stadt Stoff und Thema des Romans. Seit dieser Zeit, seit Alfred Döblins Berlin-Epos, John Dos Passos "Manhattan Transfer" (1925), James Joyce "Ulysses" (1922) und Wolfgang Koeppens „New York“ (1977) sind die Metropolen der Gegenwart in der Literatur präsent.

Viele Leser sind allerdings über die Lektüre von "Berlin Alexanderplatz" niemals hinausgekommen. Ironisch sagte Döblin einmal über sich selbst: "Wenn man meinen Namen kannte, so fügte man 'Berlin Alexanderplatz' hinzu. Aber mein Weg war noch lange nicht beendet."

Der Transportarbeiter Franz Biberkopf, ein kleiner Berliner Hilfsarbeiter in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dessen Schicksal es ist, gegen die Großstadt und ihre Amoralität nicht aufzukommen, hat seine Geliebte umgebracht. Er muss ins Gefängnis, kaum entlassen, wird er wieder in Laster und Verbrechen verstrickt. Er lädt Schuld auf sich, erleidet einen physischen Zusammenbruch, der seine Einlieferung in die Irrenanstalt notwendig macht, bis er schließlich als ein anderer "Biberkopf" geläutert einen neuen Weg beginnen kann. Franz wird als neuer Mensch entlassen. "Er geht in die Freiheit hinein", heißt es gegen Ende der Erzählung, "die alte Welt muss stürzen, wach auf, die Morgenluft."

Rainer Werner Fassbinder war voller Bewunderung für diesen Roman und schrieb über ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert in der "Zeit" einen langen Artikel

Mit Hilfe des Montageverfahrens schachtelt Döblin in "Berlin Alexanderplatz" moderne Großstadtbilder und biblische Paraphrasen multiperspektivisch ineinander. "Berlin Alexanderplatz" lebt also auch von biblischen Zitaten und Geschichten, von einen direkten Bezug zur Hiobgeschichte und der "Geschichte des Christos, der an der Welt scheitert, weil er mehr von ihr will, als die dem Menschen gewährt", so Dieter Forte im Nachwort zu einer Neuausgabe im Januar 1999.

Der Theologe und Germanist Georg Langenhorst hat in seinem Buch "Hiob. Unser Zeitgenosse" indirekt-thematische wie direkt-textliche Bezüge zum Hiobbuch herausgestellt - nicht von ungefähr, wird doch Biberkopf von Döblin als "der edle Dulder" bezeichnet. Die Frage taucht auf: "Wer ist vor Gott gerecht?" Eindeutig trägt Biberkopf die Züge Hiobs. In seinem Schicksal spiegeln sich die Klagen und Verzweiflungen des biblischen Vorbildes im zeitgenössischen Kontext. Aber wo der biblische Hiob unschuldig ist, ist dieser ein Dieb, Mörder und Zuhälter, wenn auch ungewollt, ohne Absicht, ohne Vorsatz. Hiobs Erkenntnis resultiert aus einer göttlichen Offenbarung. Diese Ergebung kann Biberkopf, so hat Langenhorst ihn jedenfalls verstanden, nicht nachvollziehen. Gott tritt hier nicht auf, weder als Person noch als Instanz. Für Langenhorst wird in dem Buch nirgendwo eine religiöse Dimension direkt thematisiert. Es verbiete sich daher hier von Döblins erster christlicher Dichtung zu sprechen. Walter Muschg war dagegen anderer Meinung. Er sah in dem Roman Döblins erste christliche Dichtung ebenso Dorothee Sölle in einem Rundfunkbeitrag im Jahr 1967. Dies sei „ein Roman, in dem das alte Lied von Sünde und Gnade, von Schuld und Sühne, von Sterben und Wiedergeborenwerden erklingt... Döblin bezieht die Zeit Abrahams und Hiobs, die Worte Jeremias und der Apokalypse ein in sein Berlin von 1929 um der Totalität der Welt willen, die er darstellt.“

"Berlin Alexanderplatz" - Döblins einziger Publikumserfolg zu Lebzeiten - wurde 1930 als Hörspiel gesendet, 1931 mit Heinrich George verfilmt und abermals 1980 von Rainer Werner Fassbinder. Doch während der berühmte Schauspieler Heinrich George, der den Biberkopf in der ersten Verfilmung des Romans 1931 gespielt hat, zum Star der nationalsozialistischen Propagandafilme avancierte, wurde der Schriftsteller Döblin als Asphaltliterat und wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet.

Die "Babylonische Wandrung oder Hochmut kommt vor dem Fall"(1934) hatte Döblin noch in Berlin begonnen und dann im Pariser Exil abgeschlossen. Es geht hier um einen entthronten Gott, der mit Hochgenuss die als Strafe gedachte Veränderung auf sich nimmt. Er soll für seine alten Sünden büßen. Beim Schreiben, so Döblin, sei ihm das Gefühl seiner verlorenen Situation klar geworden. "Es war das Gefühl von Schuld, vieler Schuld, großer Schuld."

Auch im Exil bleibt Döblin literarisch aktiv. In einem Interview im Mai 1938 sagte er, dass er zu jenen zähle, die "ihr Deutschland mit ins Exil genommen haben." Er fühle sich nicht heimatlos, weil er weiterhin deutscher Schriftsteller bleibe. Sprechen, Denken, Fühlen bildeten für ihn eine Einheit. Seine Exilwerke, so Gabriele Sander, waren selbsttherapeutische Versuche, "gegen den eigenen Identitätsverlust anzuschreiben" und die "Melancholie der Fremdheit zu verarbeiten.

Der erste Roman, den er als Flüchtling vor den Machthabern des Dritten Reiches in Frankreich konzipierte, war "Pardon wird nicht gegeben" (1935). Vordergründig geht es um die Witwe eines leichtfertigen Schuldenmachers, die mit ihren drei Kindern aus der Provinz in die Großstadt zieht und sich dort redlich durchzuschlagen versucht. Verschleiert erzählt der Schriftsteller von seiner frühen Jugend im Berlin der Jahrhundertwende und schließlich der großen Wirtschaftskrise. Das Buch spiegelt auch das zwiespältige Mutter-Sohn-Verhältnis in analytisch-selbstkritischer Schärfe wider. Es ist eine Rekonstruktion der traumatischen Familiengeschichte und eine Annäherung an die Person des Vaters, der zwar Schuld auf sich geladen hatte, dem der Sohn aber wohl auch sein schriftstellerisches Talent verdankte.

Über das Los des Einzelnen hinaus schildert Döblin in einer Fülle epischer Details das Schicksal einer ganzen Epoche.

Gabriele Sander urteilt über dieses Buch, es sei trotz einiger dichter Passagen im großen und ganzen missglückt und habe daher auch sein Publikum nicht so recht gefunden.

Zwischen 1937 und 1943, zuerst in Frankreich, dann in Kalifornien, verfasst der Schriftsteller die Roman-Tetralogie "November 1918. Eine Deutsche Revolution". Hier versucht Döblin, aus der Vergangenheit eine Erklärung für die Gegenwart zu finden, eine Antwort auf die Frage, wie Hitler möglich war, mit oft satirisch wirkenden Schilderungen, scharfen Urteilen und sprachlicher Vehemenz, vergleichbar etwa Sebastian Haffners Buch "1918/19: Eine deutsche Revolution". Bei Döblin kommt allerdings noch ein fiktionaler Teil hinzu, wodurch das Geschehen eine geistige und letztlich religiöse Dimension erhält. Doch erntete auch dieser Roman mit seiner kühnen Mischung von Faktischem und Fiktionalem und seiner scharfsichtigen Kritik der sozialistischen Utopie nicht die verdiente Rezeption.

Unterschätzt, selbst von Freunden des Autors, wurde lange Zeit auch seine historische "Amazonas"-Trilogie" (1937/38) über die gewaltsame Kolonisierung Südamerikas. Erst in den letzten Jahren wurde seine ungebrochene Aktualität erkannt. Es geht hier um die glorreiche Entdeckung Amerikas, mit der die Neuzeit beginnt und damit eine Geschichte katastrophaler Eroberungen und Verwüstungen außereuropäischer Kulturen. Döblin hat mit diesem Roman eine "Art epischer Generalabrechnung mit unserer Zivilisation"geleistet. "Amazonas" ist der eindrucksvolle Versuch, aus der eurozentrischen Perspektive zivilisierter Subjekte herauszuspringen und dem wilden Denken der indianischen Ureinwohner, ihren Mythen, ihrer animistischen Naturfrömmigkeit, ihren magischen Praktiken eine in Europa hörbare Stimme zu verleihen. Auch in diesem Roman gehören Interesse und Sympathie des Autors wie in allen seinen historischen Romanen nicht den großen Männern, die Geschichte machen, sondern den Menschen, die sie erleiden, nicht den Siegern, sondern den Besiegten, nicht den Starken, sondern den Schwachen.

Was immer man von Döblin liest, so kommt einem, meinte vor einigen Jahren ein Literaturkritiker, in seinen Romanen, in seinen Schriften oder auch in den schriftlichen Fixierungen seiner mündlichen Äußerungen, angesichts der Beweglichkeit, der Streitlust, der Vitalität seines Intellekts und seines Stils, das meiste, was andere im 20.Jahrhundert geschrieben haben, dagegen ziemlich blass und behäbig vor.

Nach dem Krieg erschien ferner "Schicksalsreise. Bericht und Bekenntnis"(1949). Der erste Teil entstand in den Jahren 1940 und 1941 in Hollywood, in Kalifornien, der zweite und dritte Teil 1948 in Baden-Baden. Vordergründig handelt es sich bei diesem Buch um einen Bericht über Döblins Flucht aus Nazideutschland über Frankreich, Spanien und Portugal nach Amerika. Aber der Dichter schreibt nicht nur über Angst und Entbehrungen, sondern auch von seinen Zweifeln und mannigfaltigen Überlegungen. "Es war keine Reise von einem Ort zum anderen, sondern eine Reise zwischen Himmel und Erde". Das Buch ermöglicht einen tiefen Blick in das Innenleben und Denkgebäude des Dichters, über seine Einstellung zum Judentum, zu Gott und der Religion insgesamt. Zugleich ist das Buch ein wichtiges Dokument der literarischen Gestaltung der Theodizee-Frage. Döblin beschreibt seine Konversion und zieht "ein Fazit seines Lebens". Er macht sich Gedanken über die richtige Erziehung seines jüngsten Sohnes Stephan, der mit ihm und seiner Frau nach Amerika geflüchtet war.

"Man konnte den Jungen nicht so aufwachsen lassen, ohne Wissen von dem, was die Welt und die menschliche Existenz war, ohne Kenntnis von unserem Los, ohne Weg und ohne Halt. Denn weder der Unterricht in Sprachen, Mathematik, Naturkunde noch der gute Gemeinschaftsgeist konnte es leisten. Woran sollte eine junge Pflanze sich hochranken." So seien er und seine Generation aufgewachsen. "Wie hatte es uns geformt? Der Junge sollte besser geführt werden.“

Die "Schicksalsreise" stand bei ihrem Erscheinen, wie fast alle Werke Döblins in den letzten sieben Jahren seines Lebens, unter keinem günstigen Stern. Mitunter wurde dieses Buch in geradezu gehässiger Weise rezensiert. Hier ein Beispiel aus den "Lüdenscheider Nachrichten" vom 21.Dezember 1950: "Die Deutschen, die in den schwersten Jahren unseres Volkes in unverbrüchlicher Treue zu ihm standen, haben ihre eigenen Gedanken über Wert und Unwert eines Mannes, der Deutschland verließ, dessen Söhne in fremder Uniform gegen Deutschland kämpften, und der nach langen Irrungen und Wirrungen in die zerstörte, fremd gewordene Heimat zurückfindet, nachdem ihn auch Amerika, sein letztes Asyl, nicht mochte. "

Wichtig war Alfred Döblin am Ende seines Lebens allein sein letztes 1956 erschienenes Buch "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende"(1956). Es erschien zuerst, durch die Fürsprache von Peter Huchel, in der DDR, und erst nach Döblins Tod auch in der Bundesrepublik. Warum fand sich für das Werk lange Zeit im Westen kein Verleger? Lag es daran, dass der Inhalt des Buches, nämlich die Aufdeckung einer verdrängten Vergangenheit, im westlichen Deutschland nicht gerade populär war? Kein Verleger wagte es, so kurz nach dem Krieg ein Buch herauszubringen, in dem sich sein Autor kritisch mit dem Krieg auseinandersetzt und das Heldentum (das an manchem Abendbrottisch oder auch Stammtisch über die Schützengräben hinaus gepriesen wurde) als Unmenschlichkeit entlarvte?

"Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende" beginnt mit der Geschichte des englischen Soldaten Edward Allison, der mit seinem Schiff im Pazifik in die Luft gesprengt wird und schwer verwundet aus dem Krieg ins Elternhaus zurückkehrt. Zuerst kreisten die Gedanken des kranken Sohnes zwanghaft um die Frage, wer an dem Krieg schuld sei, der ihn zum Krüppel gemacht hat. Er glaubt, daheim bestimmte Bösewichter ausfindig machen zu können, bis er schließlich begreift, dass kein einzelner Schuft, sondern die Gemeinheit der Menschen überhaupt diesen Krieg erzeugt hat. Die Welt ist in den Klauen des Bösen. Jetzt endlich kann für den Sohn ein neues Leben beginnen.

Walter Muschg sieht in dem Spätwerk ein wunderbares Meisterwerk des Christen Döblin und vergleicht dieses mit Tolstois "Auferstehung". Die Frage nach der Schuld des Menschen am heutigen Zustand der Welt, nach dem Wesen des Bösen und der Möglichkeit seiner Überwindung wird nicht nur im Schicksal der Hauptpersonen und in den eingelegten Geschichten, sondern in vielen Gesprächen von immer neuen Seiten aufgerollt.

Mit seinem letzten Roman hat Döblin versteckt sein Verhältnis zu seinem zweitältesten Sohn Wolfgang(Jg.1915) aufgearbeitet, um mit seinem Schuldgefühl ihm gegenüber ins Reine zu kommen. Denn er und seine Frau Erna waren ohne die beiden Söhne Wolfgang und Klaus in die Vereinigten Staaten gereist.

Wolfgang hatte, wie erwähnt, Selbstmord begangen und lag, als die Eltern Marseille in Richtung spanische Grenze verließen, um in den USA Zuflucht zu suchen, schon seit über einem Monat auf dem Friedhof in den Vogesen. Von seinem Tod erfuhr die Familie erst im März 1945. Es hieß, er sei gefallen. Dass er Selbstmord verübt hatte, wurde ihnen erst ein halbes Jahr später mitgeteilt. Die Mutter hat diese Tatsache nie akzeptieren wollen.

Welche Rolle spielte das Judentum im Leben Alfred Döblins?

Alfred Döblin entstammte einem weithin assimilierten, religiös ungebundenen Elternhaus. Er selbst berichtete darüber: "Ich hörte zu Hause, schon in Stettin, meine Eltern wären jüdischer Abkunft und wir bildeten eine jüdische Familie. Viel mehr merkte ich innerhalb der Familie vom Judentum nicht. Draußen begegnete mir der Antisemitismus wie selbstverständlich ... Zwei große Feste hielten die Eltern, das Neujahrs- und Versöhnungsfest." In "recht gelegentlichen“ Religionsstunden lernte Döblin auch etwas hebräisch. Eine Bindung zum religiösen Judentum habe sich dabei nicht eingestellt, bekannte er und gestand weiter, dass er zunächst nur die Kehrseite des Judeseins, die Herabsetzung, die Verachtung, den bösen giftigen Hass der Verfolger kennen gelernt habe. Es kann daher nicht verwundern dass Döblin, als er selbständig war, 1912 aus dem Judentum austrat. Doch wenn es um Kampf und um die Verteidigung des Judentums gegangen sei, erklärte er "war und blieb ich ein Jude." So schrieb er 1928 bei der Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste in Berlin in den Personalbogen auf die Frage nach der Religion "keine", fügte aber hinzu "Ich will nicht vergessen, ich stamme von jüdischen Eltern."

Anfangs glaubte Döblin, es genüge, Angriffe des antisemitischen Ungeistes mit Hohn zu überschütten und mit geistreichen, witzig-frechen Aphorismen zu parieren. Mit dem Zionismus wiederum hatte er nicht viel im Sinn, da ihm die geistig-seelische Entwicklung wichtiger war als die Frage von Land und Nation. Er zeigte zwar Sympathie für die Entstehung des Staates Israel, meinte aber in einem Brief an Arnold Zweig am 16.Juni 1952, "..so positiv man zu vielem drüben steht, so sehr man die Heimstätte begrüßt, es dürfte drüben kaum der rechte Platz für unsereins sein, das Judentum ist längst geistig aus dem nationalen und lokalen Rahmen herausgetreten, und wie können dann gerade die Geistigen und Intellektuellen wieder in den alten Rahmen, den eine andere Geistigkeit geformt hatte, zurücktreten: wir haben die Pflicht und den Willen, für eine größere und neue Gesellschaft den Rahmen zu formen, um in einem Wort des Evangeliums zu sprechen: das alte Salz war würzlos geworden."

Gleichwohl haben jüdische Traditionen und jüdische Geschichte in Döblins Werk mannigfache Spuren hinterlassen. Eine wichtige Rolle spielt zum Beispiel das Thema der Judenverfolgung in mehreren Romanen wie in: "Die drei Sprünge des Wang-Lun", in "Wallenstein", "Babylonische Wandrung" und "Amazonas". In "Berlin Alexanderplatz" treten Juden als leichtfertig verschmähte Ratgeber auf, während der Struktur des letzten Romans "Hamlet oder die lange Nacht hat ein Ende" der Ablauf des Jom Kippur-Festes zugrunde liegt.

In der ersten Hälfte der 20er Jahren ereigneten sich in Berlin pogromartige Vorgänge. "Damals", so erinnerte sich Döblin später, "luden Vertreter des Berliner Zionismus eine Anzahl Männer jüdischer Herkunft zu Zusammenkünften ein, in denen über jene Vorgänge und über die Ziele des Zionismus gesprochen wurde."- "Ich konnte meine Bekannten", so Döblin, "die sich Juden nannten, nicht Juden nennen. Sie waren es dem Glauben nach nicht, ihrer Sprache nach nicht, sie waren vielleicht Reste eines untergegangenen Volkes, die längst in die neue Umgebung eingegangen waren. Ich fragte also mich und fragte andere: Wo gibt es Juden? Man sagte mir: In Polen. Ich bin darauf nach Polen gefahren."

Ermuntert zu dieser Reise nach Polen, wo er die Juden als Volk kennen und schätzen lernte, hatte ihn die junge jüdische Fotografin und Bankierstochter Yolla Niclas, der Döblin 1921 auf einem Karnevalsball begegnet war. Er nannte sie die "Schwester meiner Seele." Zwei Jahrzehnte lang hat der "sublimierte Ehebruch" (Marc Petit) Döblins Werk und Sensibilität geprägt. Ermöglicht hatte dies Reise allerdings die "Vossische Zeitung".

Sein Buch "Reise in Polen" (1925) enthält ein facettenreiches Bild der ostjüdischen Lebenswelt, von ihren Städten und Menschen, gesehen mit den Augen des expressionistischen deutschen Literaten im Jahr 1924. Döblin besuchte Warschau, Krakau sowie die Städte Lemberg und Wilna, die damals polnisch waren. Auch wenn ihn die Frage als Sozialist beschäftige: "Wer hat die Macht und wer den Mund.. Wer hungert im Land, und wer ist satt?", so galt seine zweimonatige Reise hauptsächlich den Juden, "Juden, die es dem Glauben und der Sprache nach waren und die an einer geistigen Welt festhielten, die sich seit dem späten Altertum nicht wesentlich verändert hatte." Der Anblick dieser Menschen in mittelalterlicher Tracht, mit eigener Sprache, Religion und Kultur, erschütterte Döblin und wühlte ihn auf.

Er geht auf die alten jüdischen Friedhöfe, besucht die Gräber der Heiligen und schlürft förmlich die Legenden, die man ihm erzählt. Er kann gar nicht genug davon bekommen. Er lässt sich aus kabbalistischen Schriften übersetzen und sieht mit Bewunderung, dass die Realität dieses Volkes, dem Schul- und Bethaus dasselbe ist, in seiner Geistigkeit besteht. Er ist fasziniert, aber manchmal kommt es ihm vor, als sei er unter eine exotische Völkerschaft geraten. Alles mutet ihn fremd an, übt aber gerade dadurch eine große Anziehungskraft auf ihn aus.

Doch hat er in Polen die wirtschaftlich und politisch gefährliche Situation der Juden keineswegs übersehen. Vielmehr erschrak er zutiefst, als er sah, wie arm, verachtet und verhasst Juden dort waren. Denn auch in Polen begegnete er dem Antisemitismus.

Er begreift Ostjuden als widersprüchliche, aber in sich geschlossene kulturelle Größe, die alles aufweist, was das westliche Judentum durch Aufklärung und wissenschaftlichen Fortschritt zum großen Teil verloren hat: Zusammenhalt, Selbstbewusstsein, geschichtliche und kulturelle Selbstdefinition. Joseph Roth nannte Döblins "Reise in Polen" in seiner Besprechung "Pilgerreise zum östlichen Judentum". Wir freilich können heute Döblins Buch nicht lesen, ohne daran zu denken, was später kam. Zwanzig Jahre nach seinem Besuch lebten in Warschau keine Juden mehr.

Döblins Ansichten über die Menschen und das Schreiben

In seinen Büchern und Schriften setzte sich der Schriftsteller auch immer wieder mit philosophischen, theologischen und religiösen Fragen und anderen wichtigen geistigen Strömungen auseinander, um wie Faust zu "erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält" und um zu erfahren, "wie es allgemein, ganz allgemein um den Menschen steht."

"Die Menschen", befand Döblin, der ein Herz für die Armen, Benachteiligten, Irren und Kinder hatte, "sind eine wunderbare Gesellschaft; man kann eigentlich nur gut zu ihnen sein und sich seines Hochmuts schämen. Ich fand meine Kranken in ihren ärmlichen Stuben liegen; sie brachten mir auch ihre Stuben in mein Sprechzimmer mit. Ich sah ihre Verhältnisse, ihr Milieu; es ging alles ins Soziale, Ethische und Politische über." Der moderne Epiker Döblin schrieb oft in der Sprache des einfachen Mannes, im Jargon der Straße. Stets aber weist seine Prosa über das Alltägliche hinaus auf mythologische, literarische und biblische Bezügen, die häufig erst auf den zweiten Blick erkennbar sind. Denn sein Denken war schon früh vom alttestamentarischen Denken und von der Sehnsucht nach dem Metaphysischen geprägt, von dem Bedürfnis nach mystischer Erlösung. Die Begriffe Leiden, Opfer, Buße, Verheißung, Erwartung und Belohnung, die dem patriarchalischen Regiment als Beglaubigung und Rechtfertigung dienten, hatte er durch die Mutter als Kategorien einer Religion kennen gelernt. Schon 1919 ruft er aus: "Hin zu den Quellen, zum Sinn des Lebens, zur Religion. Das Zentrum finden. Sich reinigen, sich erkennen.

Zunächst knüpfte er vielfach an das Bild antiker und mittelalterlicher Epiker an. Ab 1950 mehren sich Verweise auf die Bibel, die Erhebung König Davids, des Sängers, zum Schutzpatron der Dichter. Doch die Literatur selbst hat er nie aus ihren weltlichen Bezügen gerissen. Die Versklavung der Literatur durch Ideologien, aber auch ihr Missbrauch als "Religionsersatz" haben ihn misstrauisch gegen allzu hohe Erwartungen gemacht.

Die Suche nach Wahrheit, in seinen Augen untrennbar mit der schriftstellerischen Arbeit verbunden, war für ihn gleichbedeutend mit der Suche nach seelischer Entwicklung. Alfred Döblin schrieb 1930 über sein Leben: "So ist meine ganze Schreiberei immer solche unbeendete Bemühung gewesen, ein Heranpirschen an Einsichten. Ich habe im Laufe der Jahre eine Anzahl Bücher geschrieben. Kein Buch ist fertig... ich habe immer eine Abneigung, einen Widerwillen gegen die Kunst gehabt, und meine geistige Tätigkeit dient anderen Dingen. Es handelt sich um einen ständigen Besinnungsakt. Es ist ein ununterbrochenes Gespräch an die Wahrheit heran, eine Auseinandersetzung und Herausarbeitung dessen, was ich sehe und erfahre, und eine Stellungnahme dazu, ein Ja- und ein Neinsagen" und an anderer Stelle heißt es:

"..dass ich zwar schon eine gute Weile lebe, aber eigentlich eben erst anfange zu existieren", und 1948 heißt es: "Wohl dem, der mehr hat als seine Augen, mehr als seine Logik und seine Mathematik. Glückselig der, der mühelos reifen konnte. Aber wohl auch uns, die wir Zeit unseres Lebens gefragt, gesucht und geirrt haben, wohl uns, wenn wir auch als Wrack noch in den Hafen einlaufen und am Fuß des Leuchtturms stehen oder liegen, den unser inneres Auge immer erblickt hatte."

Im Normalfall aber, wie er es auch an sich erfuhr, verläuft das Leben nicht idealtypisch, sondern voller Brüche, Leid und Enttäuschungen. Döblins Maxime war "dichter heran an das Leben".

Döblin, beständig auf der Suche nach intellektuellen Herausforderungen, interessierte sich nicht sonderlich für das rein Ästhetische, für eine l'art pour l'art , sondern für das Lebendige, für die großen Themen und die Details des Alltags. "Das Schreiben stellt nur eine Seite meiner Existenz dar. Das rein Ästhetische und Literarische widerte mich an." Die meisten Anreize fand er im Gespräch. 1930 meinte er über sich: "Ich bin ein Mensch, der im Zusammenhang mit ziemlich allen lebenden Autoren steht."

Übertritt zum Katholizismus

Döblins Weg führte vom geistesrevolutionären zum christlichen "Döblinismus". In "Schicksalsreise" bekennt er, "dass ich keine Zeit meines Lebens antireligiös war." Das haben viele, die sich mit seinem Leben und Werk befasst haben, offenbar nicht begriffen. Hermann Kesten und nach ihm Jürgen Serke meinten zum Beispiel, dass Döblin in den zwanziger Jahren der "Großinquisitor des Atheismus" gewesen und erst später fromm geworden sei. Im Grunde war er von Anfang an, ein gläubiger Anarchist, auf der Suche nach einem Hafen, den er 1941 gefunden zu haben glaubte.

Vorbereitet durch die Entfremdung vom Judentum und durch die Arbeit an der Amazonas-Trilogie näherte sich Döblin während des Pariser Exils schrittweise dem Christentum an. Schon in der "Reise in Polen" war die Faszination durch den tragisch unterliegenden Stifter des Christentums unübersehbar. In der Marienkirche von Krakau stößt er auf das Kruzifix, das Veit Stoß "aus seiner jammernden Seele geholt" hat.

In "Schicksalsreise gesteht er, dass er in Paris oft vor Läden gestanden habe, in denen man Kruzifixe verkaufte.

"Sie zogen mich an", heißt es. "Vor ihnen fiel mir ein: das ist das menschliche Elend, unser Los, es gehört zu unserer Existenz, und dies ist das wahre Symbol. unfassbar der andere Gedanke: was hier hängt, ist nicht ein Mensch, dies ist Gott selber, der um das Elend weiß und darum herabgestiegen ist in das kleine menschliche Leben." Weiter unten liest man: "Ich vermag mir von Gott kein liebliches Bild zu machen. Ich muss den, der diese Welt bestellt, nehmen wie er (und diese Welt) ist. Ich muss ihn in Bausch und Bogen schlucken. Einen filtrierten 'lieben Gott' kann ich nicht akzeptieren."

Er ist bestürzt, wie eine Erleuchtung trifft es ihn beim Anblick des gekreuzigten Jesus: "Schmerz, Jammer ist in der Welt". Erschüttert bekennt er sich zu dem "hingerichteten Rebellen".

Im Exil kommt er zu der endgültigen Erkenntnis, dass Christus der zu Unrecht Verurteilte, der gepeinigte Gott in Menschengestalt ist, der der bitteren Wirklichkeit unserer gewaltsamen Weltära eine frohere. realistischere Heilslehre bietet als jede nur auf irdisches Glück gerichtete Utopie.

Angeleitet von Jesuiten tritt Döblin, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Stephan, in den USA am 30.November 1941 zum Katholizismus über - mit der Unbedingtheit eines konvertierten Katholiken. Doch hat er bis nach dem Krieg aus Solidarität und aus finanziellen Gründen seine Konversion geheim gehalten.

Allerdings hat der Übertritt zum katholischen Christentum den Schriftsteller im Alter weder einsichtiger noch milder gestimmt und auch nicht vor Einsamkeit und Verbitterung bewahrt. Denn selbst nach seiner Konversion war er ein Fragender und Suchender geblieben. Sein undogmatisch ökumenischer christozentrischer Glaube, sein pazifistischer Widerstand gegen jeglichen Totalitarismus machten ihn weiterhin zu einem der unbequemsten und aktuellsten Schriftsteller unseres Zeitalters.

Der Germanist Robert Minder, Döblins treuer Freund und Bewunderer, meinte, sein Christentum sei "bis zuletzt von einer freien, schweifenden Art geblieben."

Was aber faszinierte den Schriftsteller am Katholizismus? Seit seiner Jugend war es vor allem das katholische Ritual, nicht unbedingt dessen Ideen. Doch hat er sich auch mit Buddha und Konfuzius beschäftigt.

Sein Übertritt zum Katholizismus erzeugte bei seinen Freunden und Kollegen Abwehr und überscharfe Reaktionen.

Anlässlich seines 65. Geburtstages im Jahr 1943 traf sich ein illustrer Kreis im kleinen Theatersaal von Santa Monica in der Nähe von Hollywood. Alles deutsche Emigranten: Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel, die Brüder Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler - also alles, was Rang und Namen hatte. Man feierte zusammen - und ehrte das vereinsamte und verarmte Geburtstagskind. Doch als Döblin in seiner Dankesrede kundtut, dass er, der jüdische Intellektuelle, zum christlichen Glauben gefunden habe und - katholisch - getauft worden sei, kommt es zum Eklat. Einige Gäste verlassen sogar die Feier, ohne sich zu verabschieden.

"Man lehnte mich schweigend ab", bemerkt Döblin in "Schicksalsreise", und der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald kommentiert Jahrzehnte später: "Die Radikalität seines im Sinne Kierkegaards verstandenen Christentums stieß bei den Zeitgenossen auf eine Mauer der Verachtung und des Misstrauens."

Brecht berichtet darüber in seinem Gedicht "Peinlicher Vorfall".

"Die Stimmung war gerührt. Das Fest nahte seinem Ende.

Da betrat der gefeierte Gott die Plattform,

die den Künstlern gehört

und erklärte mit lauter Stimme

vor meinen schweißgebadeten Freunden und Schülern

Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr

Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast

Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf

Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte

Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen Gefühle

Seiner Zuhörer verletzend, unter denen

Jugendliche waren.

Seit drei Tagen

habe ich nicht gewagt, meinen Freunden und Schülern

unter die Augen zu treten, so

Schäme ich mich.“

Für Brecht war Döblins Konversion ein Zusammenbruch, für den er sich - schämt.

"Nichts ist mir widriger als der aufgeklärte Liberalismus. der über die Religionen lacht und sie für Massenfraß hält. Das Beste, was wir können, ist beten", schrieb Döblin als Student 1904 an Else Lasker-Schüler, zu einer Zeit, als er seine eigenen Polemiken zum Thema Religion noch vor sich hatte.

Jetzt erkannte er die "zerrissene Gestalt am Kreuz" ihren "grausigen Opfertod als einzigen getreuen Spiegel des Menschen" an. 1942 begann Döblin in "Der unsterbliche Mensch" ein Religionsgespräch, um seinen neu gewonnenen Glauben zu untermauern und zu rechtfertigen. Im Frühjahr 1943 war das dialogische Werk abgeschlossen und bald danach veröffentlicht. So wurde durch Döblins erste Buchveröffentlichung nach dem Krieg seine Konversion allgemein publik. Er fand dafür nur einige prominente Fürsprecher und Bewunderer wie Eugen Kogon, Walter Dirks und Elisabeth Langgässer. Überwiegend übte er bei seinen Kritikern und Freunden Irritationen aus. Selbst Günter Grass vermag diesen Schritt nicht mehr nachzuvollziehen, so sehr er Döblin auch in seinen anderen Lebens- und Schaffensphasen bewundert.

Es gab etliche Einwände gegen Döblins Bekehrung, zum Beispiel hieß es, er sei "in den Schutz der Kirche geflüchtet" oder: die Hinwendung zu Gott sei "zur Abkehr von der Humanität und vom Humanismus" geworden.

Die kommunistische „Berliner Zeitung“ veröffentlichte im Juni 1946 einen Artikel,

der den vielsagenden Titel „Flucht aus der Wirklichkeit“ trug, in dem steht, „der Nervenarzt selber verlor unter den Eindrücken des Zusammenbruchs die Nerven.“

Im “Frankfurter Börsenblatt“ im Jahr 1947 hieß es, Döblin habe sich zur Konversion entschlossen „auf der Flucht, einsam und hoffnungslos – von seiner Familie getrennt! Was blieb ihm übrig, in der kleinen ausgerechnet südfranzösischen Stadt, - ohne Familienanschluss! War es nicht zum Katholischwerden.“ Anderen erschien sein Schritt naiv und lächerlich weltfremd.

Ein scharfsichtiges Urteil fällte Elisabeth Langgässer, die selbst jüdischer Herkunft und überzeugte Christin war. Sie meinte, Döblins Buch "Der unsterbliche Mensch" werde "in Berlin die literarischen Kreise zum Sieden, Toben und Rasen bringen" und fuhr fort:

"Dass Einer (der früher Einer von ihnen war) vor dem Kreuz niederfällt und anbetet, mag noch angehen, und wenn er gar Franzose ist, wird es sogar als neueste literarische Mode verziehen, dass aber ein solcher Geist seine Konversion nicht in ästhetischen Kategorien vollzieht, sondern zuletzt hinkniet wie ein alter Bauer - etwas schwerfällig mit steifen Knien - und auch so betet - 'Seele Christi heilige mich. Leib Christi erlöse mich' -..das darf nicht sein. Denn das ist ja gelebt, um Gottes Willen! Das ist Zeugnis! Das ist ganz einfach die persönlich erlebte und begrenzte Wahrheit eines Mannes, der schrecklicherweise dazu noch Döblin heißt. Welch eine Katastrophe!"

Dorothee Sölle wiederum merkte an: "Was Döblin in den Wirren seiner Flucht, dem Abgeschnittensein von Familie, Freunden, Geld und Aussichten in Mende (hier hatte er in der Kirche lange vor dem Kruzifix gesessen d.V.) erlebt hat, steht in der Kontinuität seines Weges. Es ist lächerlich zu sagen, Döblin sei im Alter oder durch die Emigration fromm geworden, er war es schon immer."

Wer war nun Döblin?

Ein Kämpfer, Provokateur, Satiriker, ein wenig anpassungswilliger Querkopf und daher überall Döblin ein Außenseiter, sogar im Exil.

Ihm selbst war die geringste Rücksichtnahme auf Geschmack und Wünsche des Publikums verpönt. Er brüskierte oft seine Freunde, verärgerte seine Leser, verletzte seine Kritiker. "Thomas Manns Urbanität war ihm so fremd wie Hofmannsthals Diplomatie oder Brechts List", urteilt Marcel Reich-Ranicki. Döblin wiederum nannte Manns Schreiben "Bügelfaltenprosa."

Wie urteilten seine Freunde und Kritiker über ihn?

Er war ein Mann, so Grass, der es wagte, mit seinen Widersprüchen zu leben, er hat der sozialen Demokratie das Wort geredet, er war ein wortreicher Kunstverächter, ein emanzipierter Jude und ein Kierkegaardscher Katholik, ein sesshafter Berliner und "solange ein unsteter Landkartenreisender bis mit Hitler die Kolbenheyer und Grimm die Macht ergriffen hatten, bis er vertrieben wurde und ihn die Emigration wider seinen Willen in Bewegung zu setzen verstand."

Der langjährige Freund Ludwig Marcuse schrieb 1962, Döblin sei der "Opponent an sich" gewesen, "rauflustig und vehement und fröhlich."

Robert Minder meinte, dass Döblin ein "Großstadtmensch durch und durch" gewesen sei, ein Literat vom Scheitel bis zur Sohle, mit genialem Sensorium für das Kollektivwesen Mensch in der Masse, zu dionysischem Ausbruch und Überschwang getrieben, wenigstens im Werk, persönlich bescheiden, grazil, nachdenklich und spöttisch, von einem äußerst wachen Verantwortungsgefühl und auf ständiger Suche nach dem besseren Menschen, der besseren Zukunft."

Ernst Kreuder sagte über ihn, gleichgültig, wie viel oder wie wenig Döblin gelesen werde, die Wirksamkeit seines Schaffens sei nicht aufzuhalten.

Hans Mayer nennt ihn sogar einen hochgebildeten Religionsphilosophen, rühmt seine genialische Einbildungskraft, Sprachmächtigkeit, seinen Scharfsinn, seine Geschicklichkeit als Wundarzt, seine Neugier auf Menschen und Menschliches, Güte, Solidarität mit Schwachen.

"Eigensinnig und selbstvergessen suchte er seinen Weg ein wahrer Amokläufer unter den Schriftstellern unseres Jahrhunderts", so Marcel Reich-Ranicki. "Da er Jude war", schreibt der Literaturpapst weiter, "irritierte ihn das Judentum, mit dem er Jahrzehnte haderte. Da er ein Preuße war, zweifelte er am Preußentum, das er attackierte. Da er ein Deutscher war, hat er wie alle Deutschen, die etwas taugten, an Deutschland gelitten." Er hatte die Gabe, sich immer neue Feinde zu machen und war ein chaotischer Geist, der sich nach Ordnung sehnte. Döblin selbst schrieb 1938: "Man lernt von mir und wird noch mehr lernen." Und Reich-Ranicki fügte hinzu: "Er hat recht behalten."

In seiner künstlerischen Vielseitigkeit war Döblin von Anfang an nicht festlegbar.

"Er war nie dort, wo man ihn vermutete, er sprang aus jeder Schublade, in die man ihn stecken wollte", urteilte Friedrich C.Delius über ihn.

Zunächst gehörte er zur literarischen Avantgarde der 1920er Jahre und experimentierte mit Sprach- und Erzählkonventionen. Schon früh begeisterte er sich für die neuen Medien Radio und Film. Filmgleich lässt er in vielen seiner Texte Sprachfetzen und Bilder als Montage an den Augen des Lesers vorbeiziehen. Werbeslogans, Zeitungsberichte, der Berliner Jargon - all diese Elemente des Großstadtlebens fließen in seine Prosa ein.

Er schreibt knapp, expressionistisch, experimentell, sachlich, dann wieder episch breit, exotisch oder hymnisch. Breit wie seine stilistische Klaviatur ist die Fülle der Themen, die er aufgreift. Döblin war ein pathologischer Vielschreiber. Seine umfangreichen Romane erscheinen bei der ersten Lektüre häufig als wenig strukturiert. Eilig hingeschrieben, kaum korrigiert, bieten sie dem Leser eine ungeheure Stoff- und Bilderfülle. Thomas Mann bemerkte 1926 boshaft: "Es gibt sehr wenige Leute, die Döblins Bücher zu Ende lesen können." Schon viel früher hatte Döblin nicht ohne Hochmut festgestellt: "Ich schreibe nicht fürs Publikum, sondern zu meinem Privatvergnügen." Und so hat sich das interessierte und gutwillige Publikum den meisten seiner Bücher entzogen - und entzieht sich ihnen immer noch.

Mit eigensinniger Wachheit und Neugier nahm dieser Arzt und Dichter Anteil an allen wesentlichen Ereignissen und geistigen Tendenzen des Zeitalters: an den Weltkriegen und Revolutionen, an Wissenschaft und Mystik, Politik und Religion, Technik und Philosophie. .

Döblin, der den Moloch Technik nicht weniger fürchtete als den Leviathan Staat war ein entschiedener Demokrat und konzessionsloser Vertreter der "menschlichen Grundfreiheiten". In den zwanziger Jahren gehörte er zu den "linksbürgerlich" genannten Autoren, die den politischen und sozialen Verhältnissen in Deutschland kritisch gegenüberstanden, die Republik aber nicht abschaffen, sondern verbessern wollten und deshalb durch konstruktive Aktivitäten für sie eintraten Döblin war ein Mann, den die Welt etwas anging, den sie anredete und von dem sie Stellungnahmen abverlangte, nicht die Beobachtung, die Teilnahme machte ihn zum Prosaisten.

"Religion, Mystik, Kunst" gehörten für ihn seit den dreißiger Jahren "ins Zentrum einer neuen Menschheit".

Einfluss auf andere:

Sein eigenwilliger und origineller Stil - sein "Döblinismus" - inspirierte zahlreiche Künstler und sorgte in der Literatur für neue Impulse.

Der stilprägende Einfluss, den Döblin auf die Erzählweise deutscher Romanciers nach 1945 ausgeübt hat, lässt sich mit dem von Kafka vergleichen: Wolfgang Koeppen, Arno Schmidt, Günter Grass, Uwe Johnson, Wolfdietrich Schnurre, Peter Rühmkorf, Hubert Fichte - sie alle kommen "aus seinem Mantel." Nach Meinung von Experten soll Arno Schmidt der konsequenteste Döblin-Nachfolger gewesen sein. "Brecht", so erinnert sich Elias Canetti in seiner Autobiografie "Die Fackel im Ohr", der niemanden gelten ließ, nannte Döblins Namen mit dem größten Respekt. Döblins Epik, gestand Brecht einmal, habe seine Dramatik stark beeinflusst, deutlich zu sehen in "Heilige Johanna". Auch Hans Fallada wurde durch Döblin angeregt ebenso Robert Musil, Hermann Broch, Hans Henny Jahnn zu ihren groß angelegten Romanen. Alexander Kluge und Ingo Schulze berufen sich ebenfalls auf Döblin als Vorbild. Zudem inspirierte er Kunstschaffende von Ernst Ludwig Kirchner bis Rainer Werner Fassbinder. Im Künstlerischen achteten sich selbst Döblin und Benn, politisch war es zwischen beiden zum Bruch gekommen.

Nachwelt

An Freunden, Verehrern und Förderern fehlt es Alfred Döblin fünfzig Jahre nach seinem Tod nicht. Mittlerweile gibt es eine "Internationale Alfred Döblin-Gesellschaft" und eine beachtliche Döblin-Bibliothek in einem Berliner Krankenhaus. Etliche Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker setzen sich kontinuierlich für sein Werk ein. Die Renaissance von Döblins Werk verdankt sich zu einem beträchtlichen Teil Günter Grass. Er stiftete den Alfred Döblin-Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird, das letzte Mal im Mai 2007.

Grass bekannte sich l967 erstmals mit seiner Rede zu Döblins 10.Todestag öffentlich zu seinem "Lehrer" Döblin und betonte, dass er sich seine eigene Prosa "ohne die futuristische Komponente seiner Arbeit vom Wang-Lun über den "Wallenstein" und "Berge, Giganten" bis zum "Alexanderplatz" nicht vorstellen könne, fügte aber hinzu, dass er von "jenem Döblin her" komme, der, bevor dieser von Kierkegaard herkam, (den er samt der deutsche Mystik in Paris entdeckte hatte) "von Charles de Coster hergekommen war und, als er den 'Wallenstein' schrieb, sich zu dieser Herkunft bekannte.

Auswahlbibliographie:

Über Alfred Döblin erschien von mir ein Aufsatz in der Zeitschrift „Tribüne. Zum Verständnis des Judentums“ 46. Jahrgang, Heft 182 2.Quartal 2007 zum 50.Todestag von Döblin

und in der Internetzeitschrift “literaturkritik“ Nr.6, Juni 2007

unter der Überschrift “Hiobs Kinder. Wie sich Alfred Döblin für das Christentum entschied.“

Der Text über Alfred Döblin wurde am 2.Oktober 2007 von Radio Vatikan (P.Max Cappabianca OP - Radio-Akademie) in der Reihe 'Christliche Schriftsteller' ausgestrahlt.

Nachwort (Geständnis)

Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler haben Döblin längst für sich schon längst entdeckt und engagieren sich für ihn und sein Werk und schreiben Dissertationen und andere Studien. Auch viele Dichter haben längst erkannt, was sie Döblin verdanken, allen voran Günter Grass.

Ob Döblin für die junge heranwachsende Schülergeneration in Frage kommt und etwas taugt, entzieht sich meiner Kenntnis, dafür weiß ich zu wenig von der ganz jungen Generation.

Aber für Leser, die das Leben gezaust und zersaust hat, die mit mancherlei Anfechtungen und Brüchen haben leben müssen oder es noch tun und die genügend Geduld und Nachsicht aufbringen und mehr verlangen als die "Bügelfaltenprosa" eines Thomas Mann, ist Döblin genau der Richtige, aber nicht für Menschen, die ohne Brüche, ohne Scheitern ihr Lebensziel verfolgen konnten, die ihre Selbstfindung und ihre Selbstverwirklichung nahtlos erreicht haben ohne Umwege, und er ist auch keine Lektüre für Schulmeister, die mit festgefügten Maßstäben an Bücher herangehen. Ich habe in der Vergangenheit zur Genüge erfahren müssen, wie groß der Unterschied zwischen Literaturkritik und dem oft beckmesserischen Urteil von Deutschlehrern ist. Für die ist mir der Schriftsteller einfach zu schade. Döblin verlangt Geduld, Nachsicht, Fantasie und Einfühlungsvermögen.

Mich persönlich hat er reich beschenkt, ähnlich wie im letzten Jahr (2006) Heinrich Heine, zwischen beiden besteht übrigens in mancherlei eine gewisse Ähnlichkeit. (Auch das wäre ein Thema für eine Doktorarbeit.)

Mir haben beide neue Türen geöffnet, sowohl mit ihrer Dichtung wie auch mit ihrem Leben. Von Hugo von Hoffmannsthal stammt der Ausspruch (ich zitiere aus dem Gedächtnis): jeder nimmt ein Geheimnis mit ins Grab, wie er persönlich mit dem Leben, das nun wirklich kein Kasperlespiel ist, fertig geworden ist. Das heißt aber nicht, das ich persönlich für mich Heines Hinwendung zu seinem Gott der Väter und Döblins Hinwendung zum katholischen Christentum akzeptiere, so sehr ich es auch gedanklich und vielleicht auch gefühlsmäßig nachvollziehen kann und bewundere.

Ich werde wahrscheinlich mit offenen Fragen und ungelösten Rätseln sterben, auch wenn ich mich immer wieder gerne damit beschäftige.


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