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Die Waffe der Kritik vortrefflich genutzt

Vor siebzig Jahren wurde Theodor Lessing ermordet

Sein Leben lang litt der 1872 in Hannover geborene jüdische Philosoph Theodor Lessing unter dem "Trauma der Vergeblichkeit allen Denkens und Aufklärens". Mit Vorliebe griff Lessing daher, um seine Zweifel an der Wirkung seiner Philosophie zu verdeutlichen, auf die Metapher der Flaschenpost zurück - zum ersten Mal, als er im Wartesaal des Dresdner Hauptbahnhofs ein gemischtes Publikum in Grundfragen moderner Philosophie einführte. Schließlich weiß man auch bei einer Flaschenpost nie, ob sie den Adressaten erreicht.

Lessings Skepsis kam nicht von ungefähr. Denn eine Kette von Misserfolgen hatte den vielseitig begabten, aber radikalen und unbequemen Schriftsteller früh zum Außenseiter gestempelt und ihm eine glanzvolle wissenschaftliche Karriere verbaut. So wurde Lessing, nachdem er sich vergeblich um eine Habilitation bemüht hatte, 1907 Privatdozent an der Technischen Hochschule in Hannover und blieb es durch achtzehn Jahre, "ohne je befördert oder besoldet zu sein", berichtet er in seinem Essay "Gerichtstag über mich selbst". Während des Ersten Weltkrieges arbeitete er als Lazarettarzt und Lehrer und verfasste nebenbei ein Grundlagenwerk über die erkenntniskritischen, geschichtspsychologischen und ideologischen Voraussetzungen des historischen Gedächtnisses. Es erschien 1919 unter dem Titel "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen."

Zwischen 1923 und 1933 publizierte Lessing zahlreiche Artikel, Feuilletons und Glossen und veröffentlichte weitere Bücher, darunter auch ein Werk über Nietzsche, dem er sich geistes- und wesensverwandt fühlte. Unermüdlich und unerschrocken analysierte er die irrationalen politischen Kräfte und Interessen seiner Zeit, kommentierte kritisch die Strömungen der Philosophie, kämpfte gegen den Faschismus und trat vehement für die Erhaltung demokratischer Freiheiten und Grundrechte ein sowie für die Gleichstellung von Frauen und eine friedliche Verständigung der Völker.

Im antisemitischen Klima der Hannoveraner Technischen Universität verteidigte Lessing in den zwanziger Jahren die junge Republik gegen ihre größten Feinde: die schwarze Reaktion auf Kanzel, Katheder und Richterstuhl, die Burschenschaft, den akademischen Nachwuchs, der seine Vorlesungen störte und es der "jüdischen Demokröte Lessing"(andere nannte ihn eine "jüdische Intelligenzbestie")einmal zeigen wollte.

"Jugendlich, meine werten Burschen", spottete der Publizist, der daraufhin als "Jude und Marxist" beschimpft wurde, "seid Ihr nur, insofern als Ihr lärmt, Radau macht, unreif seid ... Eure Gedanken aber sind unbewegt und unbeweglich, alt und überaltet." Den Professoren wiederum sagte er nach, dass sie wunderbar orakelten, "von Blut und Urnatur, von kosmisch und Mythos, Leben und Erlebnis, Landschaft und Scholle". Heute wissen wir um die schlimmen Auswirkungen der Haltung der damaligen Professoren und Studenten. Lessings Bild von den deutschen Universitäten um 1923 sollte daher in der Wissenschaftsgeschichte keinesfalls fehlen.

"Seht Ihr denn nicht", mahnte der Philosoph seine Zeitgenossen an anderer Stelle, der sich schon 1932 gegen die brutale Gleichschaltung und gegen die einschläfernde Parole "Deutschland erwache" energisch wehrte, "dass unsere Kriege, ja dass schon der Wehr- und Soldatenstand uns mit Sicherheit in die Selbstvernichtung treibt?.. Es gibt mancherlei Heldentum auf Erden. Es gibt auch sittliches Heldentum. Das gebietet: Mindere die Not."

Seine eigene Not verband Lessing mit der desperaten Lage der deutschen Juden. Judesein hielt er für ein Symbol, für die Tragödie des Menschen schlechthin. Er war es auch, der den Begriff "Jüdischer Selbsthass" geprägt hat.

Berühmt und berüchtigt wurde Lessing vor allem 1924 durch seine juristisch korrekte und psychologisch meisterhafte Berichterstattung über den Prozess gegen den Massenmörder Haarmann, mit der er den Unmut der "gesund empfindenden Mehrheit des deutschen Volkes" auf sich zog, und 1925 durch eine charakterologische Skizze über Hindenburg, den damaligen Kandidaten für das Amt des Reichspräsidenten. Diese verrät zwar Lessings Weitblick und genaue Beobachtungsgabe, hat aber seiner Laufbahn sehr geschadet. Hindenburg, meinte Lessing, habe die Natur so einfach, so gradlinig und selbstverständlich gewollt, dass es überhaupt nichts zu entwickeln gab, nur die unbedenkliche Entfaltung eingeborener Vorurteile. "Ein "guter treuer Bernhardiner" sei der "getreue Eckart" allerdings nur so lange, als ein kluger Mensch da sei, der ihn in seine Dienste spanne und ihn apportieren lehre. Aus heutiger Sicht fast prophetisch schreibt Lessing: "Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: 'Besser ein Zero als ein Nero.' Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht." "Jedes Volk", heißt es in einem weiteren Essay, "hat andere Figuren nötig, die Deutschen tragen eine Uniform."

Nichts indessen habe ihn so belastet, bekennt Lessing, und seinem Ansehen geschadet wie die Feindschaft von Thomas Mann, die durch die sogenannte Lublinski-Affäre ausgelöst worden war. Lessing hatte in einer kleinen Satire die abstrakte Rabulistik des Schriftstellers Samuel Lublinski keck verhunzt, was wiederum bei zeitgenössischen Intellektuellen zu einer heftigen Debatte führte, in der neben anderen Thomas Mann, Theodor Heuss und Stefan Zweig bitterböse Schmähschriften gegen Lessing verfassten. Vor allem Thomas Mann hatte Lessing unverblümt seine Meinung gesagt. Ein alter Nichtsnutz habe da "im Stile des wildgewordenen Provinz-Feuilletons" in Lublinski den Ehrennamen des Literaten beschimpft. "Die Atemluft dieses Menschen", urteilte Thomas Mann über Lessing, "ekelt mich: man mag den alternden Nichtsnutz als Privatdozenten in Hannover dulden, bis man ihn endlich ins Irrenhaus steckt."

Sarkastisch und bitter hat sich Lessing wiederholt über seine Missgeschicke geäußert. Er habe ein Weltsystem vollendet, schreibt er in einer Glosse. Verleger Nummer zwanzig, dem es zugedacht war, habe ihn zu "diesem herrlichen Werk" beglückwünscht, gleichzeitig jedoch betont, dass er, der Verleger, für dieses Werk kein Risiko übernehmen könne. Es sei zu ernst und zu eigenwillig, ein äußerer Erfolg sei nicht zu erwarten. "Sie aber werden sich wahrlich an den inneren Erfolgen genügen lassen." Daraufhin habe er, fährt Lessing fort, sein Weltsystem in hundert Feuilletons zerschnitten, davon könne er immerhin Brot kaufen. Die "kleine Form" der Essays, Feuilletons und Glossen hat Theodor Lessing als Waffe der Kritik vortrefflich genutzt. Ihren Biss, ihre Schärfe, ihre Aktualität haben seine Schriften bis heute nicht verloren. Gehören doch die Entlarvung "kurzsichtiger Kleingeisterei" die der Philosoph so meisterhaft beherrscht hat, und die Demaskierung von Heuchelei und hohlen Phrasen, hinter denen sich, wie Lessing richtig erkannt hat, oft Eigennutz und Profitgier verbergen, nach wie vor zu den Aufgaben kritischer Publizistik. Zudem ist vieles aus der Feder dieses scharfzüngigen Satirikers und Plauderers auch heute noch lesenswert.

Auf das Gerücht, die Nationsozialisten hätten eine hohe Kopfprämie von 80.000 Reichsmark auf ihn ausgesetzt, reagierte Theodor Lessing im Marienbader Exil mit der Feststellung: "Mein Gott! Was habe ich ein langes Leben lang über meinen Kopf hören müssen. Auf der Schule hieß es, er sei kein Lernkopf. Auf der Universität, er sei ein Wirrkopf. Die Kollegen sagten, ein Querkopf. Ein Kritiker schrieb, er sei kein politischer Kopf, ein anderer, kein historischer Kopf. Wieder andere: meinem Kopf fehlten gewisse Organe. Das Organ für Metaphysik, für den Mythos. Für das Kosmische. Für Mathematik. Kurz: Alles an meinem Kopf war negativ! Ich zerbrach mir den Kopf und verdiente nichts damit. Und nun achtzigtausend Reichsmark. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass mit meinem Kopf so viel zu verdienen wäre." Das war wahrhaftig Galgenhumor, denn ein paar Wochen später wurde Lessing am 30.August 1933 von zwei sudetendeutschen Faschisten im tschechischen Marienbad aus dem Hinterhalt erschossen.

Joseph Goebbels verwies wenige Tage nach Lessings Tod auf dem Nürnberger Parteitag auf die erfolgreiche "Abschüttelung dieses Jochs". Bereits wenige Stunden nach Lessings Ermordung meldete die in seiner Heimatstadt Hannover erscheinende Niederdeutsche Zeitung hämisch: "Mit Prof. Lessing ist eine der übelsten Erscheinungen der Nachkriegszeit aus dem Leben geschieden. Er gehört zu jenem Teil der Professorenschaft, der mit einem intellektuellen Pazifismus die deutschen Hochschulen verseuchte. Nun ist auch dieser unselige Spuk weggewischt." Und Thomas Mann notierte in sein Tagebuch: "Mir graust vor solch einem Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir."

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieses verhängnisvollen Schicksals ist sowohl der Denker als auch das Opfer Theodor Lessing lange Zeit weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst durch die Wiederauflage einiger seiner Schriften in den achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist Theodor Lessing erneut ins Bewusstsein, sowohl der Historiker als auch der Philosophen, gelangt. Allerdings gehen bis heute die Angaben zu seiner Person in den gängigen Nachschlagewerken und ebenso die Einschätzung seines Wirkens noch immer recht weit auseinander. Auch sind bedauerlicherweise die meisten der neu herausgegebenen Schriften von Lessing, einschließlich seiner Biographie von Rainer Marwedel, inzwischen wieder vom Buchmarkt verschwunden - bis auf "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen", "Der jüdische Selbsthass" und die Studie "Feindliche Dioskuren" von Elke-Vera Kotowski, die im Jahr 2000 herauskam und das Scheitern der Jugendfreundschaft zwischen Theodor Lessing und Ludwig Klages zum Thema hat.

Bibliographie:

Über Theodor Lessing schrieb ich für die Neue Zürcher Zeitung "Die Waffe der Kritik", 3.Dezember 1986 und für "Tribüne", Zeitschrift zum Verständnis des Judentums" 42.Jg.Heft 167 3.Quartal 2003.


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