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Warum legt Gott Satan nicht das Handwerk?

Warum muss der Mensch leiden und sterben?

Die Hiobsfrage ist immer noch virulent

Seit Hiobs Tagen gehören Leid, Katastrophen, Krankheit und Tod zu den Erfahrungen, die Menschen immer wieder fragen lassen: Wie kann Gott diese Übel zulassen? Warum müssen selbst Kinder und Unschuldige leiden? Wenn aber Schmerz und unheilbare Krankheit den Grübelnden selbst heimsuchen, dann heißt es fast immer: Warum trifft es ausgerechnet mich? Diese seit Hiob oft quälende und vergebliche Suche nach dem Warum von Leid und Tod ist trotz Aufklärung und Mündigkeit bis heute aktuell und virulent geblieben.

Wer aber war Hiob, der wegen der offensichtlichen Grundlosigkeit seiner Leiden gegen Gott protestierte und seitdem durch die jüdisch christliche Geschichte geistert? Was hat er erlebt? Was ist ihm widerfahren? Hiob, so erzählt die Bibel, war ein rechtschaffener und frommer Mann, der das Böse gemieden und Gott treu gedient hat. Was Jahrhunderte nach ihm ein Königsberger Philosoph in seinem kategorischen Imperativ zur Maxime eines aufgeklärten Ethos erhob, hat Hiob schon gelebt. Ausgerechnet er wird zum Gegenstand eines Experiments zwischen Gott und Teufel. Letzterer wettet, dass Hiob nur deshalb fromm sei, weil es ihm gut gehe. Gott verhängt daraufhin über Hiob eine Reihe grausamer Prüfungen, zu denen auch der Verlust seiner Kinder gehört. Hiob leidet - ohne Schuld. Gleichwohl besteht er den Anfang der Probe noch mit Bravour und kommentiert sein Unglück mit den lapidaren Worten: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Als dann allerdings die Schicksalsschläge nicht abreißen und Hiob schließlich, von Geschwüren zerfressen, auf dem Scherbenhaufen seines Lebens sitzt, begehrt er auf und klagt Gott an. Gott weist ihn zurecht und konfrontiert ihn mit seiner Schöpfergröße: "Wer bist du, dass du meinen Plan anzweifelst und von Dingen redest, die du nicht verstehst? Wo warst du denn, als ich die Erde machte?" Warum, so fragt man sich, weicht Gott aus und beantwortet Hiobs bohrende Fragen nicht? Wie aber reagiert Hiob auf den versteckten Hinweis, dass er gar nicht in der Lage sei, Gottes Größe und Kreativität zu ermessen? Hat er verstanden, dass er Gott in der Schöpfung wahrnehmen kann, dass wer sein Leid immerzu beklagt, aus seinem Jammern herausgeschüttelt werden soll, dass die Welt nicht heil, sondern voller Widersprüche ist, und dass Gott die Frage nach dem Sinn oder der Notwendigkeit seines Leidens nicht beantworten will, weil solche Frage als Schlüssel zur Welterfassung nicht taugt? Wie dem auch sei, Hiob gibt klein bei und unterwirft sich Gott - aus Einsicht oder aus Resignation? Bekanntlich wurde er bald danach reichlich entschädigt und erhielt das Doppelte von dem zurück, was er verloren hatte. Am Ende stirbt Hiob "alt und satt an Tagen". Wurden sein Verzicht auf die Beantwortung seiner Fragen und sein blinder Gehorsam Gott gegenüber auf diese Weise belohnt? Ist das "die Moral von der Geschicht'"?

Immerhin - die toten Hiobskinder wurden nicht wieder lebendig. Mussten sie sterben, nur damit Gott seine Macht dem Satan beweisen kann? Psychologisch leuchtet die Geschichte, wie sie in der Bibel erzählt wird, nicht recht ein.

Erstaunlich jedoch ist, dass Hiob trotz allen Ungemachs und aller Willkür, die ihm scheinbar widerfuhren - denn er wusste ja nichts von der Wette zwischen Gott und Satan - von Gott nicht loskam. Vielleicht ist ihm durch seine Gotteserfahrung, die zugleich eine Grenzerfahrung war, tatsächlich bewusst geworden, dass der Schöpfer vielgesichtig ist und der Mensch nicht über letzte Einsichten verfügt, und daher für ihn die Spannung von Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit, von Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit nicht auflösbar ist. Hiob konnte offenbar mit dieser Spannung leben, weil er sie in seine Gotteserfahrung integriert hat und weil es ihm hernach wieder gut ging. Doch können wir mit ihr leben? Zumindest wissen wir seit Hiob, dass Glück und Unglück häufig unverdient sind - straft doch die Realität die Theorie vom folgerichtigen Tun und Ergehen oft genug Lügen - und dass nur im Märchen die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Häufig sehen wir nur, dass Fromme leiden und Ungerechte ein sorgenfreies Leben genießen. Schon der Prophet Jeremias rief verbittert aus: "Warum ist der Frevler Weg erfolgsgesegnet?" Offensichtlich hat keiner ein Recht auf Wohlergehen. Freilich taucht die Frage: Verdienen wir unser Unglück? Verdienen wir unser Glück? oft erst im Unglück auf. Wer erfolgreich ist, glaubt gern, dass es ihm zukommt.


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