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Der Krieg in der Literatur

Was hat Literatur mit Krieg zu tun und umgekehrt Krieg mit Literatur? Tolstois "Krieg und Frieden" fällt dem ein oder anderen bei diesen Fragen vielleicht ein, möglicherweise auch Schillers "Wallenstein", die Shakespeare-Dramen, das "Grodek-Gedicht" von Georg Trakl oder die Zeilen von Matthias Claudius "O Engel Gottes wehre und rede du darein! s'ist leider Krieg - und ich begehre, nicht schuld daran zu sein!" Sicherlich taucht nebelhaft aus der Erinnerung auch das Gesicht des Kriegsheimkehrers aus Wolfgang Borcherts Theaterstück "Draußen vor der Tür" auf.

Kein Zweifel, der Krieg ist ein brisantes Thema, selbst in der Literatur. In sämtlichen Dichtungsarten kommt er vor, in der Epik, in der Dramatik, in der Lyrik, in der Berichterstattung, die durchaus literarische Qualität haben kann, und in historischen Romanen.

Die Ausdrucksformen reichen vom Schlachtruf bis zur Totenklage, von der Verherrlichung des Krieges bis hin zu seiner Ächtung. Eine Palette von Gefühlen, oft gepriesen als Tugenden oder Ideale, werden dabei angesprochen: Vaterlandsliebe, Mut, Kampfgeist, Kampfeslust. Werte wie Kameradschaft, Gefolgschaftstreue und Gemeinschaftserlebnis, von dem sogar Teilhard de Chardin geschwärmt hat, werden beschworen. Manch einer sah im Krieg sogar eine religiöse Erhebung. Immerhin erschien 1917 ein Buch von O.Herpel mit dem Titel "Die Frömmigkeit der deutschen Kriegslyrik". Feindeshass spielt eine wichtige Rolle. Auch das ist charakteristisch, dass man im Krieg nicht vom Gegner, sondern in erster Linie vom emotional besetzten Feind spricht. Aber häufig machen sich auch Trauer, Sehnsucht nach der Heimat und nach Frieden breit, verbunden mit Abscheu und Ablehnung des Tötens und Mordens.

Kriegslust und kriegerische Begeisterung sprechen aus der Ilias, aus nordischen Sagen und dem Nibelungenlied, in denen gewalttätige Helden hoch gelobt und ihre Taten heroisiert werden. Mitunter ist die Rede vom gerechten Krieg, eine Theorie, die Erasmus von Rotterdam scharf bekämpft hat, oder sogar vom "Gotteskrieger" und vom heiligen Krieg wie etwa bei Thukydides, dem Verfasser des Peloponnesischen Krieges, und bei Theodor Körner.

"Solange der Himmel die höchste Instanz war, musste es die Religion sein, die den Krieg rechtfertigte und den Mut hob", schrieb jüngst Michael Stürmer in der Tageszeitung "Die Welt" und erinnerte an eine Szene aus Schillers Wallenstein, in der der Kurfürst von Brandenburg sein Land neutral halten wollte und von seinem Schwager König Gustav Adolf von Schweden mit der Bemerkung daran gehindert wurde: "Nichts da. Hier streiten Gott und Teufel. Ein Drittes gibt es nicht."

Eine Fülle von Zitaten belegt, wie unterschiedlich Dichter über den Krieg gedacht haben oder ihre Helden haben denken lassen: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge", heißt es bei Heraklit.

"Dulce et decorum est pro patria mori!"(Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben!) ruft Horaz aus. Pindar meint dagegen: "Süß ist dem, der ihn nicht kennt, der Krieg." Zudem glaubte man in der Antike: "Wenn Waffen sprechen, schweigen die Musen." - "Im längsten Frieden spricht der Mensch nicht so viel Unsinn und Unwahrheit als im kürzesten Krieg", betonte Jean Paul in seiner Friedenspredigt 1808. Der amerikanische Senator Hiram Johnson wiederum erkannte im Jahr 1917: "Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit". Bertolt Brecht hingegen gab zu bedenken: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."

Die Kriegsdichtungen begannen mit den beiden Epen Ilias und Odyssee von Homer. Die Ilias (abgeleitet vom griechischen Namen für die Stadt Troja: Ilion) steht für Krieg schlechthin und den Untergang Trojas. Christa Wolf habe, meinen manche Literaturexperten, mit ihrer Erzählung "Kassandra" das größte zeitgenössische, von einer Frau stammende Schriftwerk zum Thema Krieg geliefert.

Rom wurde nach zahlreichen Fehden, Feldzügen und Eroberungskriegen zum Weltreich. Doch die römischen Dichter Horaz, Ovid, Catull und selbst Vergil, der die Waffengänge des Aeneas besang, bekannten sich zum Frieden.

Die meisten Schriftsteller, die Kriege und Heldenruhm verherrlichen, waren durchaus friedliche Leute. Dagegen schuf der tapfere Soldat Miguel de Cervantes (1547-1616) den "Ritter von der traurigen Gestalt" Don Quichotte de la Mancha, der zusammen mit seinem Knappen Sancho Pansa aus dem heimatlichen Spanien in viele Länder, aus seiner Zeit ins neue Jahrhundert zog, als eine zur Gestalt gewordene lyrisch-ironische Absage an alle kriegerischen Ideale.

Andreas Gryphius (1616-1664) klagte über die Drangsale des Dreißigjährigen Krieges. In Grimmelshausens "Simplicissimus" werden das Wüten und die Gräuel des Krieges und die Auswüchse des Soldatenlebens anschaulich geschildert. Bertolt Brecht lässt seine "Mutter Courage und ihre Kinder" ebenfalls im Dreißigjährigen Krieg spielen.

Ausgesprochene Kriegslieder oder Vaterlandsgesänge entstanden zur Zeit Friedrichs des Großen während des Siebenjährigen Krieges, beispielsweise Johann Wilhelm Ludwig Gleims "Preußische Kriegslieder" (1758) und Ewald von Kleists "Ode an die Preußische Armee" (1757). Die Napoleonische Epoche und die Zeit der Befreiungskriege, fanden ebenfalls ihren vielfältigen Niederschlag in der Literatur. Schiller erzählt in seinen Dramen von Schlachten und dem Soldatenleben. Auch Heinrich von Kleist, Sohn eines preußischen Offiziers, hat diese Themen aufgegriffen: in "Hermannsschlacht" und "Prinz Friedrich von Homburg.

Im 18.Jahrhundert bekannten sich viele Aufklärer zu den Ideen von Diderot und Kant, zu ihren Vorstellungen vom ewigen Frieden und glaubten, dass es möglich sei, eine friedliche Entwicklung der aufgeklärten Menschheit zu verwirklichen. Doch im 19.Jahrhundert, im Zeitalter der Nationalkriege und der neu entstehenden Nationalstaaten, wuchsen militante nationalistische Ideologien, blühten kriegerische Mythen und Legenden auf, die in quasi-wissenschaftlichen Traktaten, philosophischen und sogar theologischen Schriften, in bildenden Künsten, in Prosa und Reimen den Krieg verherrlichten, als eine von Gott befohlene Prüfung, oder als Bestrafung der Menschen deuteten. "Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,/Und das neue öffnet sich mit Mord." So mahnte Friedrich Schiller 1801, als Napoleon noch Erster Konsul war.

Goethe hatte bereits auf dem Schlachtfeld bei Valmy (1793) den Ausbruch einer neuen Epoche erkannt. In den folgenden Jahrzehnten beobachtete er die Triumphe und den Zusammenbruch des kriegerischen Napoleonischen Imperiums:"Manches Herrliche der Welt,/Ist in Krieg und Streit zerronnen.."

Lew Tolstoi, der in seinen letzten Werken Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe als oberste Gebote eines Urchristentums predigte, schrieb in den Jahren 1864 bis 1869 sein geschichtsphilosophisches, in der Zeit Napoleons spielende Monumentalwerk "Krieg und Frieden", in dem das kollektive Handeln einer ganzen Nation mit den Schicksalen zahlreicher Individuen verflochten ist. Wir sehen das Panorama der Schlachten, des Einfalls der Großen Armee in Russland und seines schauerlichen Rückzugs von Moskau. Der Dichter zeigt aber auch die friedlichen Vorgänge daheim.

Die Romane "Die Waffen nieder!" von Bertha von Suttner und "Debakel" von Emil Zola sind weitere literarische "Früchte" der Kriege des 19.Jahrhunderts.

Theodor Fontane nahm als Kriegsreporter ebenfalls an verschiedenen Kriegen teil und schrieb darüber einige Bücher. Als er im September 1870 auf dem französischen Kriegsschauplatz weilte, passierte ihm ein beinahe tödliches Missgeschick. Von Nancy aus hatte Fontane nämlich am 5.Oktober einen Abstecher nach Domremy, dem Geburtsort der Jeanne d'Arc, unternommen. Dafür musste er das von deutschen Truppen besetzte Gebiet verlassen. Prompt wurde er kurz darauf als preußischer Spion verhaftet. Man schleppte ihn von Gefängnis zu Gefängnis. Erst am 5.Dezember kehrte er nach Berlin zurück. Hätte sich die Sache umgekehrt zugetragen und Fontane wäre von den Preußen als französischer Spion festgenommen worden, wäre er gewiss nicht mit dem Leben davon gekommen.

1914 begann, laut Anna Achmatowa, "das wirkliche, nicht das kalendarische zwanzigste Jahrhundert". Stefan Zweig schrieb in "Die Welt von Gestern": Am 28.Juni 1914 fiel jener Schuss in Sarajewo, der die Welt der Sicherheit und der schöpferischen Vernunft, in der wir erzogen, erwachsen und beheimatet waren, in einer einzigen Sekunde wie ein hohles tönernes Gefäß in tausend Stücke schlug."

Eine lyrische Welle brauste über Deutschland hinweg. Ein deutscher Literat namens Wilhelm Stapel schrieb 1914 enthusiastisch: "Wenn nicht alles täuscht, jetzt ist das neue große Erlebnis da, das uns wie vor hundert Jahren eine bessere patriotische Dichtung schafft."

Während sich die meisten Dichter der kriegsführenden Länder in Tiraden gegenseitigen Hasses ergingen, erwies sich Hermann Hesse immun gegen alle Kriegspsychosen und veröffentlichte am 3.November 1914 in der "Neuen Zürcher Zeitung" seinen berühmt gewordenen Aufsatz: "O, Freunde nicht diese Töne" und stellte sich gegen den Wahn nationalistischer Besessenheit. Er appellierte an Humanität und Vernunft. - An den Geist, "in dem die besten deutschen Denker und Dichter gelebt haben", zu erinnern und an die "Mahnung, zu Gerechtigkeit, Mäßigung, Anstand, Menschenliebe, die er enthält, dazu ist jetzt mehr Zeit als je...die Überwindung des Krieges (ist) nach wie vor unser edelstes Ziel und die letzte Konsequenz abendländisch-christlicher Gesittung.. Dass das Leben wert sei, gelebt zu werden, ist der letzte Inhalt und Trost jeder Kunst, obgleich alle Lobpreiser des Lebens noch haben sterben müssen. Dass Liebe höher sei als Hass, Verständnis höher als Zorn, Friede edler als Krieg, das muss ja eben dieser unselige Weltkrieg uns tiefer einbrennen, als wir es je gefühlt."

Hesse gehörte mithin zu der verschwindend kleinen Zahl deutscher Dichter, die sich von Anfang an mit aller Entschiedenheit gegen Chauvinismus und Barbarei wandten und sich für den Frieden einsetzten. Aber er erntete überwiegend Befremdung und Hass und wurde als"Verräter", "Gesinnungslump","Drückeberger" und "vaterlandsloser Geselle" heftig beschimpft. Die einzige sympathische Reaktion, die er in diesen Tagen empfing, war ein Brief von Romain Rolland.

Nicht nur eine schlecht unterrichtete Masse nahm am Kriegstaumel der ersten Augusttage im Jahr 1914 teil, auch zu kritischem Denken befähigte Menschen, wie etwa Thomas Mann: "Muss man nicht dankbar sein", schrieb er in jener Zeit an seinen Bruder, "für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürften?" Allerdings blieb Thomas Mann bei der damals geäußerten Meinung nicht stehen und vollzog einen Anschauungswandel.

Ein Fall für sich ist Ernst Jünger. 1913 ließ er sich als Gymnasiast von der Fremdenlegion anwerben, wurde aber von seinem Vater zurückgeholt. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde in Flandern verwundet und erhielt den Orden Pour le mérite. Wie vielen anderen Autoren wurde für ihn der Erste Weltkrieg zu einem existentiellen Schlüsselerlebnis, eine ästhetische und moralische Erfahrung, die der Nietzscheaner Jünger in seinem tagebuchartigen Band "In Stahlgewittern"(1920) dithyrambisch verherrlicht hat.

Erich Kästner wiederum wurde 1917 als Sekundaner eingezogen und zusammen mit anderen Rekruten im Schnellverfahren auf den Fronteinsatz vorbereitet. Unter den Ausbildern zeichnete sich einer durch besondere Brutalität und Unmenschlichkeit aus. Kästner hat ihn in einem Gedicht an den Prager gestellt:

"Wer ihn gekannt hat, vergisst ihn nie.

Den legt man sich auf Eis!

Er war ein Tier. Und spie und schrie.

Und Sergeant Waurich hieß das Vieh,

damit es jeder weiß."

Ein anderes Gedicht beschreibt die damalige Situation der "Primaner in Uniform".

"Der Rektor trat zum Abendbrot, bekümmert in den Saal.

Der Klassenbruder Kern ist tot.

Das war das erste Mal."

Ein weiterer Vers lautet:

"Dann gab es Weltkrieg statt der Großen Ferien,

Ich trieb es mit der Fussartillerie.

Dem Globus lief das Blut aus den Arterien.

Ich lebte weiter. Fragen Sie nicht wie."

Kästner hat die pazifistische Haltung sein Leben lang beibehalten. In den fünfziger Jahren protestierte er gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und beteiligte sich 1958 an einer Mahnwache gegen die Atomrüstung. Auch an den Ostermärschen nahm er teil und schrieb: "Unser friedlicher Streit für den Frieden geht weiter. Im Namen des gesunden Menschenverstandes und der menschlichen Fantasie. Resignation ist kein Standpunkt."

Der Dichter Georg Trakl kam Ende August 1914 an die Ostfront und geriet durch das Kriegserlebnis an den Rand des Wahnsinns. Nach der Schlacht von Grodek in Galizien, in der eine ganze Generation ausgelöscht wurde, unternahm er einen Selbstmordversuch. Den ersten überlebte er, aber nicht den zweiten, den er durch eine Überdosis Kokain herbeiführte.

Mit seinem antimilitaristischen Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" bekannte sich Erich Maria Remarque zu der Generation, die vom Krieg zerstört worden war, auch wenn sie seinen Granaten entkommen war. Der Roman wurde sofort Gegenstand erbitterter politischer Auseinandersetzungen. Für die einen war der Roman die nüchterne, ehrliche Beschreibung des Kriegswahnsinns, für die anderen ein bewusstes Anti-Kriegsbuch, eine Beleidigung der Frontsoldaten.

Zwischen 1914 und 1918 ging eine ganze Künstlergeneration verloren. Otto Braun - Carl Zuckmayer nannte den Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten Heinrich Braun "eine Art von literarisch-intellektuellem Wunderkind"; Alfred Polgar, André Gide und Thomas Mann lobten ihn überschwänglich - starb als Zwanzigjähriger im April 1918 an der Westfront. Bis dahin hatte er erst ein einziges Gedicht veröffentlicht.

Künstler, die den Aufbruch aus dem Mief des 19.Jahrhunderts wagen wollten wie die "Blaue-Reiter"-Maler August Macke und Franz Marc, der Mitbegründer der "Neuen Münchner Secession" Albert Weisgerber oder der französische Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska, der Henry Moore stark beeinflusste, der Dichter August Stramm, der Frühexpressionist Alfred Lichtenstein, der anderthalb Jahre vor seinem gewaltsamen Ende mit 23 Jahren gedichtet hatte: "Überall stinkt es nach Leichen./ Es beginnt das große Morden", haben den Krieg nicht überlebt. Andere machte das Erlebte sprachlos. Rudolf Borchardt, Dichter, Dante-Übersetzer und Bewunderer des "frühvollendeten" Otto Braun, schrieb nach dessen Tod an Hugo von Hoffmannsthal: "Mir werden noch lange eher die Tränen kommen als die Reime."

Stellvertretend für den Pazifismus in der Nachkriegszeit sei hier auf Kurt Tucholsky hingewiesen. Er schrieb in der "Weltbühne" Artikel gegen Militarismus, Chauvinismus und reaktionäres Spießertum, durchweg in polemischer Zuspitzung, wobei er sich nicht selten der Rollenprosa im Berliner Jargon bediente. Im Ersten Weltkrieg war er bis August 1916 im Stellungskrieg an der nördlichen Ostfront eingesetzt gewesen und hatte das Glück gehabt, während des gesamten Krieges niemals eine Waffe gegen den "Feind" erheben zu müssen. Die Briefe, die er aus dem Krieg nach Hause schickte, klingen bitter, spöttisch bis zynisch. Am 17.August schreibt er von Rumänien: "Es ist noch nicht - nach sechstausend Jahren noch nicht - in die Köpfe gegangen, dass Blut Blut ist und dass es keinen geheiligten Mord geben darf. Natürlich ist kein Unterschied. Nur die Betrachtungsweise dieser Tiere macht einen: der Mörder ist ein Unhold, Richthofen ist ein Held. Dabei sind beide beides. Das wird nicht aufhören, bis der Wahnsinn der Staaten aufhört."

Tucholskys Ausspruch "Soldaten sind Mörder" hat später, lange nach dem Zweiten Weltkrieg, Gerhard Zwerenz als Titel für sein gleichnamiges Buch übernommen, das Zwerenz als eine Art Abrechnung mit jenen Teilen der Kriegsgeneration verstanden wissen wollte, "die die Abrechnung mit sich selbst verweigern."

Der Kriegsbegeisterung Ernst Jüngers hatte der Erste Weltkrieg keinen Abbruch getan. Von 1919 bis 1923 war er Reichswehroffizier. Wegen seiner den Krieg und soldatischen Heroismus verherrlichenden Schriften wurde der bis zu seinem Tod umstrittene Schriftsteller von deutsch-nationalen und konservativen Kreisen sowie von den Nazis, obwohl er mit diesen nicht übereinstimmte, sehr geschätzt. Seine Interpretation des Krieges als "Schmiede", die nicht nur alles kulturell Überflüssige weggeschmolzen und den Frontkämpfer auf das menschlich Ursprüngliche zurückgeworfen habe, passte nahtlos in die nationalsozialistische Bewertung des Krieges. 1941 war Jünger als Hauptmann im Stab des deutschen Militärbefehlshabers in Paris. Seine Kriegserfahrungen während des Zweiten Weltkriegs hat der Schriftsteller, dessen eigener Sohn im Alter von achtzehn Jahren 1944 in Italien gefallen war, dann in einem Buch unter dem Titel "Strahlungen" zusammengefasst und hierin den Krieg abermals als elementares Lebensgesetz und als befreienden Durchbruch des Tierhaften, Zerstörerischen im Menschen gegen die zivilisatorische Ordnung und gegen bürgerliche Humanitäts- und Fortschrittsideale gerechtfertigt.

Erinnert sei auch an den jungen Felix Hartlaub. Er wurde 1913 geboren und gilt seit April 1945 als vermisst. Von ihm stammt ein Tagebuch aus dem Führerhauptquartier: "Im Sperrkreis. Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg 1950". Die Werkausgabe erschien Ende 2002. Die Tageszeitung "Die Welt" berichtete darüber unter der Überschrift: "Mit Felix Hartlaub sähe die Literatur nach 1945 anders aus" und spielt damit auf die deutsche Nachkriegsliteratur an, die häufig als "Literatur der Obergefreiten" bezeichnet wird.

Grundsätzlich anders als die Schriftsteller mit dem Ersten Weltkrieg setzten sich die neuen, jüngeren Autoren mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander, allen voran Wolfgang Borchert mit seinem Theaterstück: "Draußen vor der Tür".

Heinrich Böll machte in seinen frühen Büchern "Haus ohne Hüter" sowie "Und sagte kein einziges Wort" auf die Folgen des Krieges aufmerksam: Frauen werden zu Witwen, Kinder zu Waisen. Auch wo der Mann überlebte, ist die Ehe gefährdet. Später wurden Bölls "Briefe aus dem Krieg 1939-1945 " veröffentlicht.

Sowohl für Heinrich Böll als auch für Lew Kopelew war der Zweite Weltkrieg "das Schlüsselerlebnis" ihrer Existenz. Beide haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg vorrangig der Aufarbeitung dieser Problematik gewidmet. Beide kamen in ihren Ländern in den Ruf eines Nestbeschmutzers. Kopelew erhielt sogar etliche Jahre Arbeitslager. Um so leidenschaftlicher war später ihr gemeinsames Bekenntnis zum Frieden.

Die epischen, dramatischen und essayistischen Werke von Günter Grass, Siegfried Lenz, Paul Schallück, Hans Helmut Kirst, Willi Heinrich und Walter Kempowski, Lyrik und Prosa von Albrecht Goes, Gedichte von Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger und Nelly Sachs, die Dramen von Carl Zuckmayer, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Tankred Dorst und Rolf Hochhuth sind zwar unterschiedlich in Sujet und Fabel, in Stil und Darstellungsart, doch allen gemeinsam ist die unmissverständliche Verurteilung des Krieges. In der DDR griffen dieses Thema vor allem Johannes Bobrowski, Peter Huchel, Franz Fühmann, Erwin Strittmatter, Christa Wolf und Heiner Müller auf.

Deutsche Autoren haben sich inzwischen der Kriegsauswirkungen auf die deutsche Bevölkerung angenommen, wie etwa W.G.Sebald, der in "Luftkrieg und Literatur" (1999) die Schrecken des alliierten Luftkriegs anhand der wenigen Quellen und literarischen Darstellungen, die er ausfindig machen konnte, eindrucksvoll belegt hat. Jörg Friedrich hat erst kürzlich in "Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945" den Bombenkrieg literarisch verarbeitet, während Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang" von der Torpedierung des deutschen Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt. Die Kriege in Vietnam, am Golf und im ehemaligen Jugoslawien verstärkten erneut die Auseinandersetzung von Schriftstellern mit Krieg und Frieden. In den späten sechziger und siebziger Jahren trieb der Vietnamkrieg viele von ihnen auf die Straße und veranlasste sie zu mancherlei Aktionen. Erich Fried avancierte 1966 mit seinen Vietnam-Gedichten zum Paradebeispiel für politische Literatur. Doch die eigentliche Antikriegsliteratur entstand in Amerika. Repräsentativ hierfür sind Joseph Hellers "Catch 22" und Kurt Vonneguts "Schlachthof". Norman Mailer, der als Einundzwanziger schon 1944 in den Kriegsdienst eingezogen worden war und an der pazifischen Front den Dschungel- und Inselkrieg kennen gelernt hatte - diese Erlebnisse fanden ihren anklägerischen Niederschlag im Roman "Die Nackten und die Toten" - richtete sich gegen den Vietnamkrieg mit Büchern wie: "Why are we in Vietnam?" (1967) - deutsch "..am Beispiel einer Bärenjagd" und "The Armies of the Night" (1968) deutsch: "Heere aus der Nacht".

Zum Golfkrieg und zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien äußerten sich mehrere deutsche Autoren in zwei Sammelbänden: In der Luchterhand Flugschrift "Ich will reden von der Angst meines Herzens" und in "Literaten und Krieg" aus der Reihe "Text und Kritik".

In seinem Beitrag "Aus den Bekenntnissen eines Bellizisten" hält Yaak Karsunke den Pazifisten vor, dass wir heute in einer Demokratie lebten und seit 1945 nicht mehr einer nationalsozialistischen Diktatur ausgeliefert seien, verdankten wir der Tatsache, dass "das bis dahin größte militärische Aufgebot aller Zeiten die deutsche Kriegsmaschine" zerschlug und Deutschland besetzte. Wir hätten uns die Demokratie nicht selbst erringen müssen - "sie ist von den alliierten Truppen in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs erkämpft worden." Yaak Karsunke bekennt, er habe damals "lediglich selber eine politische Konstellation erlebt, in der ein Krieg unvermeidbar war - wenn anders man nicht ganz Europa und halb Asien der Herrschaft von rassistischen Massenmördern ausliefern wollte." Heute wüssten wir, dass die Appeasement-Politik von 1933 bis 1939 falsch war. Man sollte bei den Diskussionen um Krieg und Frieden tunlichst Schwarzweißbilder vermeiden, schlägt Karsunke vor, die eigene Ratlosigkeit eingestehen und Andersdenkende nicht zu Kriegsbegeisterten abstempeln.

Sind die Pazifisten in den vergangenen Jahren tatsächlich "zur Vernunft" gekommen? Haben sie das Zwiespältige ihres Verhaltens wirklich erkannt? Immerhin bekundete im ersten Golfkrieg eine kleine pathetische Minderheit, - in Folge der Pazifismus-Kritik von Wolf Biermann und Dan Diner und ihres Antisemitismus-Vorwurfs gegen deutschen Anti-Amerikanismus - ihre Bereitschaft, Israel mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Diese Haltung hat sich ausgebreitet. Immer mehr Intellektuelle plädieren für einen"friedensstiftenden Krieg" und bekennen sich offen zum Krieg als moralisch gerechtfertigter Konfliktlösungsstrategie.

Und wieder droht Kriegsgefahr, nach Bosnien (David Rieff schrieb in "Schlachthaus" über "Bosnien und das Versagen des Westens") und Afghanistan nun im Irak. Steht uns erneut ein Golfkrieg ins Haus? Vieles spricht dafür.

Zahlreiche amerikanische Künstler und Intellektuelle - unter ihnen abermals Norman Mailer - haben der Irak-Politik von George Bush eine deutliche Absage erteilt. Auch in der Bundesrepublik haben sich Schriftsteller und führende Intellektuelle in die Irak-Debatte eingemischt, nachdem Günter Grass der USA und ihren Verbündeten, unerschrocken wie eh und je, "Heuchelei"und "Hybris" angesichts eines "gewollten Krieges" im Irak vorgeworfen hat.


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