. . auf


Antisemitismus

Wie ernst meint es der Vatikan mit Israel? Wird der Antijudaismus jetzt endgültig besiegt?(1994)

Kurz vor Jahresschluss,am 30.12.1993, unterzeichneten der stellvertretende Außenminister Israels Jossi Beilin und sein Amtskollege des Vatikanstaates Claudio Celli in Jerusalem ein Abkommen, in dem sich beide Seiten gegenseitig anerkennen. Reichlich spät erfüllte der Heilige Stuhl damit einen lang gehegten Wunsch seines Vertragspartners. Immerhin besteht der jüdische Staat schon seit mehr als fünfundvierzig Jahren. Aber erst vor achtzehn Monaten waren Verhandlungen über eine gegenseitige Anerkennung in Gang gekommen. Wer weiß, wie lange sich die Beratungen noch hingezogen hätten, hätten nicht Rabin und Arafat im Nahen Osten für eine überraschende Wende gesorgt. Jetzt konnte und durfte auch der Vatikan nicht länger mehr zurückstehen, wenn er nicht vollends unglaubwürdig werden wollte.

Warum jedoch fand er sich erst jetzt, als letzter europäischer Staat,zur Anerkennung Israels bereit, obwohl er politische Beziehungen mit vielen anderen Ländern pflegt und eine Versöhnung nach zweitausend Jahren Antijudaismus längst fällig gewesen wäre? Aus politischen Bedenken,aus Rücksicht auf die Christen unter den Palästinensern,heißt es. Auch habe man,so wird berichtet,während der anderthalbjährigen Beratungszeit über die für Juden leidvolle Geschichte des Christentums kein einziges Mal gesprochen.

Diese Geschichte wollen wir hier kurz Revue passieren lassen, denn nur wenn man um die historischen Hintergründe weiß und sich klarmacht, dass die jahrtausendalte Judenfeindschaft im Grunde ein Armutszeugnis war für Verblendung, Arroganz, Verbohrtheit und Selbstüberschätzung des angeblich durch christliche Liebe geprägten abendländischen Geistes,kann man ermessen, welch ein Meilenstein das Jerusalemer Abkommen für die Beziehungen zwischen Christen und Juden bedeutet.

Am Anfang der erbitterten und aggressiven Feindschaft zwischen beiden steht die absurde Anklage des sogenannten Gottesmordes. Sie war ein Grund für das oft wenig christliche Verhalten der Christen gegenüber den schwächeren Juden. Mit Fug und Recht kann man behaupten,je inbrünstiger die Christen glaubten und je frommer sie wurden, um so mehr wurden die Juden verteufelt, zu Sündenböcken gestempelt, verfolgt, verjagt und ermordet. Das begann vor allem mit den aus christliche Reformgesinnung heraus entstandenen Kreuzzügen, in deren Verlauf sich die Christen nicht nur im Heiligen Land barbarisch benahmen. Auch am Rhein fielen ihrem frommen Fanatismus blühende Judengemeinden zum Opfer.

Welches theologische Urteil das christliche Mittelalter über das Judentum fällte, zeigt sich heute noch an den Bildern mancher Kirchen, insbesondere an der Gestalt der Ecclesia, die über die Synagoga triumphiert. Wer so triumphalistisch denke und sich so absolut setze, werde blind für das Geheimnis eines anderen, meint Alttestamentler Erich Zenger.

Später änderten sich die Anlässe für Judenverfolgungen. Ging ein Kind verloren, oder eine Kinderleiche wurde gefunden, tauchte alsbald das Gerücht auf, Juden hätten das Kind in ritueller Wiederholung des Christusmordes umgebracht. Ausgerechnet jene, die im Gegensatz zu anderen Religionsgemeinschaften auf Opferungen verzichten, werden beschuldigt, Opferpraktiken zu betreiben, Hostien zu schänden und Kinder zu töten. Eine andere mittelalterliche Variante war der Vorwurf der Brunnenvergiftung bei Ausbruch der Pest. In ihrem Drang nach der Weltherrschaft, so lautete die Begründung, hätten die Juden Gift in die Brunnen gestreut.

Bekanntlich entzündete sich die heftige Feindschaft zwischen Juden und Christen an der Frage, ob Jesus der verheißene Messias sei. Dabei beriefen sich die Christen auf biblische Überlieferungen mit überwiegend judenfeindlichen Aussagen, auf den Propheten Jeremias beispielsweise, auf den Jünger Johannes, den Apostel Paulus, den Kirchenvater Johannes Chrysostomus, auf Origines, Augustinus, Hilarius,Tertullian und viele andere,die mit ihren Aussagen der Dämonisierung des Judentums Vorschub leisteten. Mittlerweile haben christliche Theologen wie Erich Zenger und jüdische Religionsphilosophen wie Pinchas Lapide und Schalom Ben Chorin subtil nachgewiesen,dass die meisten antijüdischen Ausfälle der Christen auf einem eindeutig falschen Textverständnis beruhen. Den Juden wäre gewiss manche dunkle Stunde erspart geblieben, wenn Christen die missverständlichen Sätze in ihren heiligen Schriften über die Juden genauer gelesen und auch solche Textstellen zur Kenntnis genommen hätten, aus denen Sinn und Wert des Judentums deutlich hervorgeht. Selbst die Bedeutung des Alten Testamentes sei von den Christen nicht richtig erkannt worden,konstatiert Zenger. Völlig irrig sei nämlich die weit verbreitete Auffassung, das Judentum folge einer angeblich typisch alttestamentlichen Ethik der Vergeltung und Rache, während das Christentum im Anschluss an die Lehre Jesu eine Ethik der Liebe vertrete. Das Gebot der Nächstenliebe stehe schon im Alten Testament,ebenso finde man die Forderung der Feindesliebe in jüdischen Schriftauslegungen. Unverständnis gegenüber den jüdischen Wurzeln bezeugten im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Theologen und Kirchenleute, nicht zuletzt jene, die sich unter Hitler zur "Entjudung des Christentums" hinreißen ließen.

Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Welchen Anteil hat der christliche Antijudaismus am Holocaust? Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches haben Theologen immer wieder darauf hingewiesen, dass nicht christlicher oder gar katholischer Antisemitismus die Juden in die Vernichtungslager getrieben habe, sondern der Rassenwahn eines verbrecherischen antikirchlichen und antichristlichen Regimes, und dass infolgedessen der millionenfache Mord an den Juden ein Werk der Antichristen gewesen sei. Nur wenige Autoren,wie Friedrich Heer, der anglikanische Geistliche und Historiker James Parkes und die katholischen Theologen Thomas und Gertrude Sartory, vertraten schon früh die Meinung,zum Missfallen etlicher Theologen, dass der bald zweitausendjährige Antijudaismus "eine Geschichte von Blut und Tränen" war, die ohne Zäsur bis in die Öfen von Auschwitz" führte.

Man mag darüber streiten, ob es tatsächlich "ohne das Christentum keinen Holocaust gegeben" hätte, doch so viel steht fest: seine stärkste Kraft bezog der moderne Antisemitismus aus der christlichen Wurzel. Die Nazitäter,die die Vernichtung der Juden betrieben, waren fast alle Christen oder hatten zumindest eine christliche Erziehung genossen. Selbst der Papst habe sich indirekt schuldig gemacht, schreibt der amerikanische aus Wien stammende jüdische Philosoph Leonhard H.Ehrlich, weil er sich nicht berechtigt gefühlt habe, durch eine Stellungnahme zur Ausrottung der Juden im Hitler-Reich,den einzelnen Gläubigen unter den Deutschen in Gewissenskonflikte zu stürzen. Stattdessen habe er es vorgezogen, angesichts des Bösen zu schweigen, obwohl bewusstes Verschweigen eine Bedingung für das Vergießen unschuldigen Blutes war. Vieles wäre gewiss anders gekommen,vermutet der Autor, wenn das kirchliche Christentum den Mut gehabt hätte,aus den Quellen des Christentums heraus Juden gegenüber christlich zu handeln. Leider habe sich die christliche Kirche bis zum Aufkommen des NS-Regimes nie veranlasst gesehen,die seit alters her tradierten und geltenden christlichen Einstellungen zum Judentum zu revidieren, "um so gegen die an sich nach-christlichen gesellschaftlichen und politischen Bewegungen,die auf ihre Weise und für ihre Zwecke mit dem Judenhass ernst zu machen gewillt waren, im Namen christlicher Gesinnung und Gesittung gewappnet zu sein."

Weder die Katholische noch die Evangelische Kirche sind dem Antisemitismus entschlossen entgegengetreten, im Gegenteil: Schon in der Weimarer Republik haben sie sein Feuer geschürt, den Nationalsozialismus vielfach als Bollwerk gegen den Kommunismus begrüßt und während des Dritten Reiches allenfalls daran gedacht, die Rechte der Kirche zu sichern,ohne sich um andere, etwa um Liberale,Sozialisten und Juden, zu kümmern. Als 938 die Synagogen brannten und die Shoah geschah, mitten in Europa, stellten sich die Kirchen blind und taub. Nur einzelne Christen haben ihr Leben gewagt. In Auschwitz ist, wie der jüdische Philosoph Emil Fackenheim einmal ganz richtig gesagt hat, das Christentum gestorben.

Man denke ferner an die Unzahl antijüdischer Bilder und Ansichten, die sich aus der christlichen Lehre heraus entwickelt haben und die mit dafür verantwortlich sind, dass während der Hitler-Zeit die christlichen Kirchen und ihre Gläubigen den bedrängten und verfolgten Juden kaum zu Hilfe kamen-nicht einmal der zum Christentum übergetretenen Philosophin und Karmelitin jüdischer Abstammung Edith Stein. Sie wurde zwar im Mai 1987 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Zu einer Aussöhnung zwischen Juden und Christen ist es freilich damals nicht gekommen, weil wieder einmal das Eingeständnis christlicher Schuld unterblieb.

Natürlich kann man den Antisemitismus des 19.und 20. Jahrhunderts nicht mit der christlich gefärbten Judenfeindschaft des Mittelalters gleichsetzen. Dennoch sind die Unterschiede zwischen beiden Phänomenen keineswegs so groß, wie sie von kirchlichen Würdenträger gern hingestellt werden. Der Antijudaismus ist wohl eine religiöse Diffamierung,die ihre Argumente aus dem christlichen Glauben bezieht, der Antisemitismus dagegen eine abwegige Rassenlehre, die in tieferen Schichten verankert ist als die allgemein üblichen Vorurteile gegenüber Ausländern oder Menschen anderer Hautfarbe. Seine emotionale Kraft verdankt der Antisemitismus indessen eindeutig dem Antijudaismus. Beide haben ihre Anhänger,wenn auch mit unterschiedlicher Begründung, zu menschenverachtendem Verhalten und Handeln motiviert. Die einen sprachen vom geistigen Aussatz des verdorbenen Blutes, die anderen von der Nichtigkeit des von Gott verworfenen Volkes. Zudem ähnelt die antisemitische Gedankenwelt der Nazis, insbesondere ihre Hirngespinste vom Kampf der Lichtgestalten mit infernalischen Kreaturen der Finsternis, durchaus religiösen Terminologien und Denkschemata. Außerdem wurden fast alle antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten -Verbot von Mischehen, Ghettoisierung, Anzünden von Synagogen, Bücherverbrennung, Verfolgung, Vertreibung und Mord -von Christen erfunden und von ihnen, schon lange vor den Nazis, praktiziert. Während Gregor IX. 1239 den Talmud vernichten ließ, verlangte im selben Jahrhundert Papst Innozenz III. für Juden eine besondere Kleiderordnung. Eine Zeitlang mussten sie an ihrer Kleidung einen gelben Fleck tragen oder der Spitzhut war obligatorisch.

Nach dem Krieg setzte dann auch im Bereich der Kirchen die große Geschichtsverdrängung ein. Im Vatikan wurde zunächst lediglich der kirchliche Widerstand gewürdigt, über die Ermordung der Juden hingegen kein Wort verloren. Viel lieber verhalf man Nazitätern zur Flucht und betete weiterhin in den Kirchen, noch dreißig Jahre nach Auschwitz, für die"verräterischen Juden".

Erst Papst Johannes XXIII. sorgte für einen Wandel und brach mit den ersten Tabus, als er 1959 das von Papst Gelasius eingeführte berüchtigte Wort "Oremus et pro perfidis Judaeis" (lasset uns auch für die treulosen, unredlichen, ungläubigen Juden beten)aus der Karfreitagsliturgie streichen ließ und 1965 auf dem zweiten vatikanischen Konzil dafür sorgte, dass die Juden fortan nicht mehr für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden dürfen. Doch es sollten abermals zwanzig Jahre vergehen, ehe die Katholische Kirche neue sichtbare Schritte der Annäherung unternahm bis hin zur jetzigen Anerkennung Israels. .Zwischendurch allerdings konnte man am aufrichtigen Willen des Vatikans, sich mit Israel und den Juden zu versöhnen, durchaus irre werden. Man erinnere sich nur an die Papstaudienzen für den früheren österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim und für PLO-Chef Jassir Arafat, als dieser noch ein erklärter Feind Israels war, sowie an das päpstliche Schweigen zu den Angriffen Saddam Husseins auf Israel, das sofort unliebsame Reminiszenzen weckte an das Verstummen Roms gegenüber dem nationalsozialistischen Massenmord.

Nun bleibt zu hoffen, dass auch dem Antijudaismus, den es in den christlichen Reihen immer noch gibt, allen Proklamationen und öffentlichen Bekundungen zum Trotz, ein Ende bereitet wird. Denn was zweitausend Jahre lang hochgezüchtet wurde, läßt sich so schnell nicht aus der Welt schaffen. Was in den letzten Jahren in den Studierstuben, am Katheder und durch das Lehramt entwickelt wurde, setzt sich in der Praxis, in den Gemeinden, auf der Kanzel und in den Schulen nur mühsam durch. Noch immer trüben antijüdische Ressentiments den christlichen Alltag, zumal der Einordnung des Judentums in eine christliche Eschatologie und der Judenmission an manchen Orten nach wie vor ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Offensichtlich hat sich ein Teil der Christen in der eigenen, von den offiziellen Kirchen nicht mehr vertretenen Theologie des Antijüdischen verfangen.

So ist in einzelnen dörflichen Gemeinden der Antijudaismus nach wie vor tief verwurzelt. Die Ritualmordlegende von Judenstern, die besagt, jüdische Kaufleute hätten ein "Knäblein zu Tode gemartert", hielt sich bis in die achtziger Jahre unseres Jahrhunderts mit Seligenverehrung und Prozessionen, an denen bis zu 30000 Pilger teilnahmen. Bis in die neunziger Jahre hinein fanden Wallfahrten zur"Deggendorfer Gnade" statt, in Erinnerung an einen angeblichen Hostienfrevel von Juden im 14.Jahrhundert. Erst vor wenigen Jahren wurde die Wallfahrten abgeschafft - gegen den heftigen Widerstand der Bevölkerung -,weil Wissenschaftler herausgefunden haben, dass all diese Beschuldigungen nichts anderes als Hirngespinste waren.

Auf Judenhass hat das Christentum bisher sein Selbstverständnis mit aufgebaut. Nun kommt es darauf, dass auch biedere Priester und schlichte Christen an der Basis lernen, sich in ihrem Christsein positiv zu definieren und dass sie anfangen, wie Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch der Großen Synagoge in Rom im April 1986 Juden als die bevorzugten, älteren Brüder der Christen anzuerkennen und zu bejahen. Nebenbei bemerkt: ein öffentliches Bekenntnis ihrer Schuld mit der Bitte um Vergebung stünde der Katholischen Kirche wohl an.

Der Weg nach Auschwitz aus unterschiedlichen Perspektiven -Drei wichtige Neuerscheinungen zu diesem Thema-(1994)

Jean-Claude Pressac,

Die Krematorien von Auschwitz.

Die Technik des Massenmordes.

Piper Verlag,

München 1994;

210 Seiten, DM 38,--

Thomas Hofmann/Hanno Loewy/Harry Stein(Hrsg.)

Pogromnacht und Holocaust, Frankfurt, Weimar, Buchenwald...

Die schwierige Erinnerung an die Stationen der Vernichtung.

Böhlau Verlag,

Weimar, Köln, Wien 1994;

199 Seiten, DM

Deborah Dwork,

Kinder mit dem gelben Stern

Europa 1933-1945.

C.H.Beck Verlag, München 1994

390 Seiten, DM 58,--Obwohl der Holocaust in den letzten Jahrzehnten recht gut erforscht worden ist,so gibt es doch immer noch Aspekte,die, nach Meinung von Experten, einer genaueren Klärung bedürfen, etwa die Frage, wie die Vernichtungsmaschinerie im einzelnen organisiert war und technisch funktioniert hat oder die Überlegung,was die Novemberpogrome im Jahr 1938 vom späteren Genozid unterscheidet. Gravierender noch als diese beiden strittigen Punkte ist die Tatsache, dass Wissenschaftler,die die Hintergründe und Zusammenhänge des nationalsozialistischen Völkermords untersucht haben, bislang eine ganze Gruppe übersehen und ausgeklammert haben: die jüdischen Kinder im Dritten Reich. Ihr Schicksal blieb bis heute weitgehend unbeachtet. - Zu den hier kurz angedeuteten Themen erschienen drei wichtige Bücher.

Die Erwägung,ob es in Auschwitz und anderen nationalsozialistischen Lagern Massentötungen gegeben hat, beantwortet sich im Grunde genommen von selbst. Immerhin ist der Holocaust nicht nur das grausigste, sondern auch das am besten dokumentierte Tötungsgeschehen in der Menschheitsgeschichte. Zweifel an ihm sind indiskutabel und eigentlich nicht erlaubt. Zudem zeugen solche Bedenken nicht gerade von übergroßer Sensibilität gegenüber den Opfern. Doch leider sterben die Unbelehrbaren nicht aus. Insofern verdient die auf den ersten Blick makaber wirkende Studie des französischen Apothekers Jean-Claude Pressac über "Die Technik des Massenmordes"Beachtung. Ob aber jene,die Auschwitz leugnen, sich überhaupt in Pressacs minutiöse Beschreibungen der Vernichtungsanlagen vertiefen, geschweige denn sich vom Gegenteil ihrer eigenen irrigen Ansichten überzeugen lassen wollen, scheint fraglich.

Auch der Verfasser des Buches"Die Krematorien von Auschwitz" gehörte zum Umkreis jener, die den Holocaust nicht wahrhaben wollten. Als sich der französische Literaturwissenschaftler Robert Faurisson wegen Verbreitung der "Auschwitzlüge" vor Ge˙richt verantworten musste, hat Pressac, der Faurisson nahestand, die Akten der Verteidigung gründlich studiert und ist dabei zu der Erkenntnis gekommen, dass Faurissons Argumente nicht haltbar seien. Mehr als zehn Jahre ist Pressac in detektivischer Kleinarbeit der Geschichte der Vernichtungsmaschinerie im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau nachge˙gangen. Material hierzu war reichlich vorhanden. Aber erst nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation erhielt er Zugang zu den Moskauer Archiven, in denen die Unterlagen der ehemaligen SS-Bauleitung von Auschwitz heute noch lagern.

Bei seinen Untersuchungen hat sich Pressac vor allem auf die technischen Details konzentriert. Er hat sich in die eiskalte, unmenschliche Logik der Vernichtungsmaschinerie so gut hineingedacht und das Ungeheuerliche, den technischen Erfindungsreichtum und die wirtschaftliche Leistungskraft,die für die industrielle Leichenproduktion und ihre spurlose Beseitigung aufgeboten wurden,so kühl, sachlich und akribisch penibel dokumentiert, dass man fast das Gefühl hat,das Funktionieren des verbrecherischen Apparates habe ihn mehr interessiert als das traurige, zum Himmel schreiende Los der Opfer.

Anhand von Bauplänen, Korrespondenzen, Kostenvoranschlägen, Gesprächsprotokollen, Zeichnungen und Skizzen erklärt Pressac, exakt und lückenlos,die Beheizungsarten der Öfen, wie viel Brennstoff pro Leiche benötigt wurde, wie die einzelnen Keller be- und entlüftet wurden, wie die Decke des Leichenraums beschaffen war, damit man das Zyklon B einstreuen konnte, und dergleichen mehr. Die Tötungen durch Giftgas begannen in Auschwitz wahrscheinlich im Dezember 1941, behauptet Pressac. Als im Sommer 1944 das Zyklon B knapp geworden sei, habe man die "Arbeitsunfähigen" aus den Transporten ohne weitere Umstände sofort lebendig in die brennenden Gruben gestoßen.

Historiker wie Raul Hilberg und andere zollen der Studie höchstes Lob, da sie dem Bild des Grauens noch schärfere Konturen verliehen habe und ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt sei für die künftige Holocaust-Forschung. Den einfachen Leser hingegen macht das Buch fassungslos, weil hier der Mensch,das Einzelschicksal, völlig aus dem Blickfeld gerät. Offensichtlich lag das in der Absicht des Autors. Er habe, so bekennt er in der Einleitung, bewusst auf mündliche oder schriftliche Augenzeugenberichte verzichtet,weil diese fehlbar seien und mit der Zeit immer ungenauer würden.

Sein Vorhaben,zu beweisen,dass das Fassungs- und Lei˙stungsver˙mögen der Gaskammern ausgereicht habe, um Millionen von Menschen zu ermorden, ist ihm vollauf gelungen. Aber hat es eines Beweises wirklich bedurft?

Der Weg von den Novemberpogromen 1938 bis zu den Gaskammern, erläutert Ulrich Herbert, Leiter der Hamburger Forschungs˙stelle für die Geschichte des Nationalsozialismus, sei keineswegs automatisch verlaufen. Jedoch hätten die Exzesse des 9.November den Weg zur Massenvernichtung gebahnt. Dieter Schiefelbein schildert den Verlauf der Pogromnacht in Frankfurt und Harry Stein das Schicksal jüdi˙scher Häftlinge in Buchenwald von 1938 bis 1942 - beide aus der Sicht von Historikern,die das Dritte Reich selbst nicht miterlebt haben. Franz Ephraim Wagner gehörte dagegen zu den mehr als 2600 jüdischen Bürgern, die 1938 von Frankfurt nach Buchenwald verschleppt wurden. Er erzählt, wie er als Neunzehnjähriger im Lager Zeuge vieler Gewalttaten wurde.

Auch im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar kamen im Dritten Reich viele tausend Menschen ums Leben. Was hier geschah, gehört zur Vorgeschichte der fabrikmäßigen Massenvernichtung in Auschwitz. Mit der "Katastrophe vor der Katastrophe"(Dan Diner) befassten sich die Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald und des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts sowie eingeladene Referenten auf einer Tagung in Weimar und Buchenwald im November 1992. Die Ergebnisse ihres gemeinsamen Nachdenkens liegen jetzt gedruckt vor.

Weimar und Buchenwald - nie hat es in der Geschichte dieser Stadt wohl einen schlimmeren Widerspruch gegeben. Oben auf dem Berg herrschten Mord und Totschlag, schreibt der Marburger Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott,unten ging man nach Feierabend ins Nationaltheater. Der Selektionsarzt Friedrich Mennecke brachte beides mühelos zusammen. "Die doppelte Patenschaft Goethes und Hitlers"-aus heutiger Sicht Sinnbild deutscher Geschichte und vielleicht auch deutscher Mentalität - war dem SS-Arzt "für seine Arbeit keine Frage".

Wie aber gingen wir Deutsche, nachdem das Dritte Reich zerschlagen war, mit der schlimmen Vergangenheit um? In der DDR galt der Faschismus vierzig Jahre lang lediglich als eine Diktatur von Kapital, Militär, Konzernherrn und "Junkern". Die Mitschuld des Volkes an der braunen Herrschaft wurde ebenso wenig zur Kenntnis genommen wie die antisemitische Vernichtungspolitik der Nazis. Lange blieb auch in Westdeutschland das Erinnern die selbstgestellte Aufgabe einer moralischen Minderheit. Mit welcher Halbherzigkeit und Blindheit hier zuweilen mit der Erinnerung an die NS-Zeit umgegangen wurde, auch das machen die Beiträge deutlich.

Der Ostberliner Historiker Olaf Groehler beschäftigt sich mit der Wahrnehmung der "Reichskristallnacht" in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft.(Unerklärlich warum die Autoren auf den fatalen Ausdruck nicht gänzlich verzichtet haben, mitunter fehlen sogar die Anführungsstriche.)

Groehlers Beitrag liest man mit zwiespältigen Gefühlen. Obgleich der Verfasser die Geschichte der DDR nicht unkritisch betrachtet, so ist er doch zuweilen der Versuchung erlegen, ihren Verlauf, insbesondere die Lage der Juden im östlichen Teil Deutschlands etwas schönfärberisch darzustellen. Ob "der Umgang mit der 'jüdischen' Frage dort tatsächlich eine größere Rolle" spielte als vielfach angenommen, weil die meisten Diskussionen eher verdeckt als öffentlich ausgetragen worden seien, wie Groehler behauptet, sei dahingestellt. Natürlich hat er recht,wenn er schreibt, dass viele Juden in der DDR hohe Staatsämter bekleidet haben, mehr als je zuvor in einem deutschen Staat, doch vergisst er zu erwähnen, dass es nicht opportun war, wenn diese ihr Jüdischsein hervorkehrten und dass zu Anfang der fünfziger Jahre der Staatssicherheitsdienst jüdische Parteimitglieder grundlos bespitzeln und verhaften ließ. Verschwiegen wird ferner die antizionistische und antiisraelische Haltung der DDR-Regierung, mit der sie gleichzeitig die eigenen Juden in Schach zu halten versuchte. Und wenn Groehler meint, dass kein anderer deutscher Staat anlässlich des 50.Jahrestages der Reichspo˙gromnacht 1988 die Öffentlichkeit derart mo˙bilisiert habe wie die DDR, so muss er sich entgegenhalten lassen, dass er offensichtlich nicht weiß, was sich in jenem Jahr zum selben Gedenktag in der Bundesrepublik abgespielt hat an Veranstaltungen, Seminaren und Ausstellungen, von der Fülle der Publikationen zum 9.November 1938 ganz zu schweigen.

Ein noch schmerzlicheres Thema als die Verfolgung und Ermordung von Erwachsenen durch die Nazis ist das Los jüdischer Kinder unter dem Hakenkreuz. Dieses Kapitel hat nun die amerikanische Historikerin Deborah Dwork, Professorin für Geschichte am Child Study Center der Yale University, intensiv erforscht. Mehr als zehn Jahre lang hat sie Überlebende in ganz Europa und Nordamerika aufgespürt und Interviews mit ihnen geführt. Zugute kam ihr auch, dass einige Kinder ihre Beobachtungen in Tagebüchern und Zeichnungen festgehalten haben. Sie hat außerdem reichhaltiges Quellenmaterial aus den Archiven sorgfältig ausgewertet und so Oral History und wissenschaftliche Methoden geschickt miteinander verbunden.

Dworks Band vermittelt einen nachhaltigen Einblick in die unterschiedlichen Erfahrungen jüdischer Kinder während der Nazizeit. Er zeigt,wie die Welt kindlicher Zufriedenheit und Ahnungslosigkeit brutal zerstört wurde. Viele Kinder-die einen wuchsen in Berlin,die ˙an˙de˙ren in Amsterdam,in der Ukraine, in Rumänien oder anderswo auf - verstanden zunächst gar nicht, warum sie plötzlich nicht mehr zur Schule gehen durften,und später,warum sie sich verstecken mussten, oft bei Leuten, die sie merken ließen, dass sie unerwünscht waren. Manche wurden wie Anne Frank verraten und deportiert. Einige fanden auch Pflegeeltern, von denen sie aufrichtig geliebt wurden. In dem Zusammenhang erinnert die Verfasserin an die viel zu wenig beachteten Menschen und Organisationen,die es in jedem europäischen Land gab, die jüdische Kinder zu retten versuchten. Besonders schlimm erging es Kindern, die in Ghettos oder in Durchgangs-, Arbeits- und Vernichtungslagern untergebracht waren. Sie hatten kaum eine Chance, mit dem Leben davonzukommen. Etwa neunzig Prozent der Menschen, die hier vorgestellt werden, fanden den Tod.

Der Leser wird mit erschütternden Bildern und Geschichten konfrontiert, die ihn noch lange verfolgen, nachdem er das Buch aus der Hand gelegt hat. Die einen offenbaren die Bru˙talität des Menschen, andere wiederum sind ein Zeugnis dafür, wie selbstlos und barmherzig manche selbst unter unmenschlichen Verhältnissen waren.

Deborah Dworks Studie - sie ist die derzeit umfassendste über die Lebensbedingungen jüdischer Kinder in der Hitler- Zeit - ergänzt die Geschichte des Holocaust um ein wesentliches Kapitel. An ihrer Publikation kommt keiner vorbei, der genau wissen will, was im Dritten Reich geschah und zu welchen Verbrechen Deutsche fähig waren. Sie ist gut geschrieben, reich dokumentiert,sauber und gründlich recherchiert und macht eindringlich klar, warum uns die Ereignisse vor über ˙fünfzig Jahren auch heute noch nicht zur Ruhe kommen lassen dürfen.

Gescheiterte Hoffnungen Warum die deutsch-jüdische Symbiose misslang(1994)

Shulamit Volkov,

Die Juden in Deutschland 1780 - 1918.

(Enzyklopädie deutscher Geschichte Bd.16)

R.Oldenbourg Verlag, München 1994;

165 S.,br.29,80, geb.69,--

Hans Mayer,

Der Widerruf. Über Deutsche und Juden.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994;

467 S., DM 58,--

Wer sich mit der deutsch-jüdischen Geschichte befasst, entgeht nicht dem Schatten des Holocaust. Wie kein anderes Ereignis bestimmt er jedes historische Nachdenken über das Schicksal der Juden. Selbst die Ideale der Aufklärung, die den Juden Befreiung aus dem Ghetto und reale Aufstiegschancen in die deutsche Gesellschaft versprachen, werden von der größten Tragödie unseres Jahrhunderts nachträglich in ein diffuses Licht getaucht. Zeigt doch der Rückblick,wie brüchig selbst jene Zeiten waren, in denen einzelne Juden und Nichtjuden freundschaftlich miteinander verkehrten und sich die Juden in Deutschland offensichtlich wohl und sicher fühlen konnten. Wie viel Hoffnung und Aufbruchstimmung gerade die Jahre von der Französischen Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bei Juden in Deutschland ausgelöst haben, und wie diese dann immer wieder in Ernüchterung und Enttäuschung umschlugen, führt Shulamit Volkovs Überblick über diese Epoche im ersten Teil ihrer Studie deutlich vor Augen.

Sie erinnert daran, dass die Juden bis zum Ende des 18.Jahrhunderts mehr oder weniger abgesondert von ihren nichtjüdischen Nachbarn lebten und tagtäglich unter Erniedrigungen und Einschränkungen zu leiden hatten. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung erschien ihr traditioneller Status und ihre isolierte Existenz fortschrittlichen Geistern nicht mehr hinnehmbar. Sie forderten eine Neubestimmung der jüdischen Position und die Teilnahme der Juden an der deutschen Gesellschaft. Moses Mendelssohn wurde zur Symbolfigur des modernen deutschen Judentums, ebenso der litauische Philosoph Salomon Maimon, der Bildungsreformer Naphtali Hartwig Wessely und die Ärzte Aaron Salomon Gumpertz und Marcus Herz. Sie alle strebten nach einer Synthese zwischen dem traditionellen Judentum und der modernen deutschen Kultur.

Die israelische Historikerin beschreibt den allmählichen Eintritt der Juden in das kulturelle Leben ihrer nichtjüdischen Umgebung und den "Zickzackkurs"der rechtlichen Gleichstellung in den einzelnen Ländern bis hin zur Gewährung der vollen Bürgerrechte im ersten deutschen Kaiserreich. Nur sechs Jahrzehnte lang konnte sich das deutsche Judentum dieser Rechte, zumindest juristisch, erfreuen, bevor es von der Katastrophe des Holocaust ereilt wurde.

Aber der Rückfall in die Barbarei kündigte sich schon früher an. Denn das Beharren der Christen auf völlige Absorption der Juden in die christlich geprägte deutsche Gemeinschaft, wachsender Nationalismus,innerjüdische Widerstände gegen die Akkulturation der Juden stellten ihre Emanzipation immer wieder in Frage. Schließlich lief die Entwicklung darauf hinaus, dass wer am Judentum festhielt, auf die volle Mitgliedschaft in der christlich-deutschen Gesellschaft verzichten musste. Heinrich Heine wählte, wie manch anderer auch, die Taufe als "Entreebillet zur europäischen Kultur" und erkannte erst spät, wie vergeblich dieser Schritt war.

Gleichwohl hätten, meint die Autorin, emanzipierte Juden ihren neuen Lebensstil zunächst durchaus genossen im Vertrauen darauf, dass der für sie im großen und ganzen günstige Trend nicht mehr umkehrbar sei, zumal auch liberale Politiker und Publizisten von der Unvereinbarkeit des Liberalismus mit der Fortdauer der jüdischen Benachteiligungen überzeugt waren. Hinzu kam, dass der industrielle Aufschwung in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Juden neue Aufstiegsmöglichkeiten brachte:im Bank- und Finanzwesen, in der Politik - von 1868 bis 1893 hatte Baden sogar einen jüdischen Finanzminister, nämlich Moritz Ellstätter - und im akademischen Bereich. Trotzdem gab es in der "jüdischen Frage" nur wenig Umdenken, im Gegenteil:in den mittleren Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts übten die Rassentheorien von Gobineau und anderen Theoretikern einen unheilvollen Einfluss aus. Die Juden reagierten auf das veränderte Klima recht unterschiedlich. Viele wollten die Gefahr nicht wahrhaben, andere sagten sich vom Judentum los oder verharrten im sogenannten Trotzjudentum: sie blieben Juden gegen ihre ursprüngliche Absicht - dem Antisemitismus zum Trotz. Außerdem entstand als jüdische Abwehrorganisation der "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens".Einige,vor allem Ostjuden,schlossen sich der zionistischen Bewegung von Herzl an und versuchten so, "die abgebrochenen Bande mit ihrer eigenen Vergangenheit zu erneuern" (S.66). Hoffnungen auf Integration weckte auch der Erste Weltkrieg. Als jedoch die Siege ausblieben, trat der in Deutschland untergründig immer vorhandene Antisemitismus wieder offen zu tage. Im zweiten Teil ihres Buches (das übrigens einen ausgezeichneten Anmerkungsteil mit verschiedenen Registern enthält) analysiert Shulamit Volkov die Entwicklung der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung und skizziert ihre Grundprobleme und Tendenzen sowie ihre neuen Ansätze auf internationaler Ebene nach dem Zweiten Weltkrieg.

Während die israelische Historikerin einen wichtigen Abschnitt in der deutsch-jüdischen Geschichte sachlich und nüchtern Revue passieren läßt, wobei ihr gelegentlich kleine stilistische Schnitzer unterlaufen, die vielleicht eher der Übersetzung anzulasten sind als der Autorin selbst, sind die literarisch anspruchsvollen Betrachtungen von Hans Mayer über Deutsche und Juden unverkennbar mit innerer existentieller Beteiligung geschrieben. Viel stärker als bei der um mehrere Jahrzehnte jüngeren Shulamit Volkov spürt man bei dem jüdischen Literaturwissenschaftler zwischen den Zeilen: hier geht es nicht nur um die Geschichte des eigenen Volkes, hier geht es auch um das eigene Leben, für das die endgültige Aufkündigung der deutsch-jüdischen Symbiose durch die Nazis einer tiefer Einschnitt war. Der Riss war so gravierend, dass Mayer heute von sich sagt: "Ich bin ein deutscher Universitätsprofessor und ein deutscher Schriftsteller. Deutscher bin ich nicht mehr und kann es auch nie wieder sein" (S.445). Auch in seinen Aufsätzen, die aus unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, werden Probleme und Brüche der jüdischen Emanzipation und Assimilation sachkundig und sensibel erörtert. Sie beginnen mit der Erinnerung an den Tag des großen Widerrufs der deutsch-jüdischen Symbiose am 30.Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler aufstieg,und umfassen die Zeitspanne von der Aufklärung und Romantik, also von Lessing und Mendelssohn, bis hin zu den heutigen Debatten über die neuen "Hakenkreuzler", deren Auftreten Mayer mit großem Zorn und unverhohlener Bitterkeit kommentiert.

In seinen Augen war das Aufklärungsdenken nicht das Werk einer Massenbewegung,sondern ein kühnes und gefährliches Denkspiel weniger Menschen auf deutschem Boden um die Mitte des 18.Jahrhunderts. Vielleicht, sinniert Mayer, sei der Weg von Lessing und Mendelssohn allzu verlustreich gewesen, weil die jüdische Seite zu viel als Ballast abgeworfen habe. Vielleicht gehöre die von den beiden Freunden propagierte Assimilation sogar mit zu den Ursachen des Widerrufs, weil diese niemals im allgemeinen Bewusstsein richtig vollzogen worden sei, weder von den Deutschen noch von den Juden in Deutschland. Nie hätten die Deutschen die jüdischen Mitbürger als ihresgleichen empfunden und behandelt. Selbst nach der christlichen Taufe galten sie als Juden, mochten sie nun Felix Mendelssohn Bartholdy, Heinrich Heine oder Ludwig Börne heißen. Weder christliche Taufrituale noch militärische Auszeichnungen für jüdisches Heldentum hätten am Außenseitertum der Juden etwas geändert.

An verschiedenen Lebensläufen österreichischer und deutscher Juden - Karl Kraus, Arnold Schönberg, Hugo von Hofmannsthal, Walther Rathenau, Anna Seghers, Hanns Eisler und anderen - zeigt Mayer, wie stark und wie unterschiedlich der mitteleuropäische Antisemitismus des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts das Dasein einzelner Juden bestimmt und beeinträchtigt hat. Bei Otto Weininger und Theodor Lessing führte er zum jüdischen Selbsthass. Andere wie Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus "fanden am Ende ihres Lebens den Weg vom Wort zur Wortlosigkeit"(S.154).

Einen Widerruf des Widerrufs wird es nicht geben, meint Mayer. Mit diesem Befund könnten die Deutschen allem Anschein nach gut leben, denn in keiner tiefen Schicht des heutigen deutschen Bewusstseins finde sich irgendeine traumatische Erinnerung an die von Deutschen begangenen Menschheitsverbrechen. Keine deutsche und keine österreichische Regierung habe die vertriebenen Juden und ihre Nachkommen zur Rückkehr in die einstige Heimat aufgefordert, und wenn sie zurückkehrten,sei an ihnen sei viel gesündigt worden, wie das Beispiel Käte Hamburger belegt. Nicht einmal in der DDR kam es zu einem Widerruf des Widerrufs vom 30.Januar 1933. Man denke nur an Arnold Zweig, der,obwohl überzeugter Zionist,im östlichen Teil Deutschlands seine letzte Zuflucht suchte, ohne hier richtig heimisch zu werden.

Vielleicht hätten sich Deutsche und Juden, wie der jüdische Religionsphilosoph Gershom Scholem 1966 auf einem Kongress mit Bezug auf Max Brod gesagt hat, mit einer Distanzliebe begnügen sollen, weil sie aus der Distanz vielleicht mehr Güte, Aufgeschlossenheit, Verständnis für einander hätten aufbringen können. Die Crux sei nur:"Wo Liebe ist, schwindet das Gefühl für Distanz-und das galt für die Juden-und wo Distanz ist, kommt keine Liebe auf, das galt für das Gros der Deutschen. Der Liebe der Juden zu Deutschland entsprach die betonte Distanz,mit der die Deutschen ihnen gegenübertraten" (S.426).Müssen wir also die Hoffnung auf eine deutsch-jüdische Symbiose endgültig begraben,wie Mayer annimmt?Sicherlich kommt es nun ganz darauf an,wie wir mit der neuen braunen Gefahr fertig werden und wie aufrichtig wir alle die Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden wirklich wollen. Doch sollten wir nicht dabei vergessen, dass es, wie Mayer schreibt, wohl eine wundersame Heilkraft der Natur gibt, aber keine Heilkräfte der Geschichte."Es heißt zwar:'Darüber muss Gras wachsen', allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten"(S.19.).

".. den Blick von Auschwitz nicht abwenden" Neue Bücher zum Holocaust (1995)

Gunnar Heinsohn,

Warum Auschwitz?

Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt.

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1995;

221 S., DM 14,90

Gideon Greif,

"Wir weinten tränenlos...". Augenzeugenberichte der jüdischen "Sonderkommandos" in Auschwitz.

Aus dem Hebräischen von Matthias Schmidt.

Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 1995;

360 S., DM 44,--

Gerhard Werle/Thomas Wandres,

Auschwitz vor Gericht.

Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz.

Mit einer Dokumentation des Auschwitz-Urteils.

C.H. Beck Verlag, München 1995;

240 S., DM 24,--

Deborah E.Lipstadt,

Betrifft:Leugnen des Holocaust.

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Kosack.

Rio Verlag, Zürich 1994;

319 S., DM 44,--

Der deutsche Massenmord an den europäischen Juden,die größte Menschheitskatastrophe unseres Jahrhunderts und der zivilisierten Welt und nicht zuletzt auch des Christentums, steht in diesen Monaten des Gedenkens und Erinnerns an die Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager und den Zusammenbruch der Hitler-Diktatur vor fünfzig Jahren wieder einmal im Mittelpunkt erhöhter Aufmerksamkeit und weckt erneut bohrende und beunruhigende Fragen.

Mancher überlegt sich hin und wieder heute noch: Wie kam es eigentlich zu Auschwitz? Warum wollte Hitler die Juden vernichten? Zahlreiche Wissenschaftler haben sich im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte um Antworten auf diese und ähnliche Fragen bemüht

und dabei mehr als vierzig Theorien entwickelt. Dennoch konnte der Zivilisationsbruch,

der sich in dem Kürzel Auschwitz verbirgt,bisher nicht hinreichend erklärt werden. Gleichwohl fehlt es nicht an richtigen Einschätzungen über die wichtigsten Voraussetzungen für den nationalsozialistischen Völkermord. Ermöglicht wurde dieser, so stellten Wissenschaftler fast übereinstimmend fest, vor allem durch den in der abendländischen Geschichte, selbst bei Intellektuellen, tief verwurzelten Judenhass, durch Gehorsamsbereitschaft, Herrenmentalität, Heilsversessenheit, bürokratischen Organisationsfanatismus der Deutschen sowie durch die infolge des Krieges gewonnene Macht über den Großteil der europäischen Juden.

Hitler wollte das gesamte Judentum vernichten, weil er hoffte,so lautet Heinsohns These, dass mit der Auslöschung der Juden auch die Thoragesetze des Lebensschutzes und der Liebes- und Gerechtigkeitsgebote aus der Welt verschwinden würden. Wenn die Tafeln vom Berg Sinai erst einmal ihre Gültigkeit verloren hätten, dann wäre auch der Weg frei für eine Wiederherstellung des Rechts auf Töten. Denn die Natur, so begründete Hitler, laut Heinsohn, seinen Angriff auf die Heiligkeit des Lebens, sei grausam. Darum dürften die arischen Herrenmenschen es auch sein. "Auschwitz war ein Völkermord für die Wiederherstellung des Rechtes auf Völkermord(S.18)", heißt Heinsohns bündige Schlussfolgerung.

Die Gründe, die Hitler persönlich zu seinem Tun veranlasst haben, seien bislang am wenigsten verstanden worden, meint der Bremer Historiker und Soziologe Gunnar Heinsohn und versucht, mit seinem Büchlein"Warum Auschwitz?" dieses Manko zu beheben. Tatsächlich gibt er auf die Frage nach Hitlers Motiv für die Ermordung der Juden eine überraschende und durchaus plausible Antwort, die freilich die Theorien der übrigen Wissenschaftler keineswegs überflüssig macht.

Das neue Gesetz zum Töten lernte zuerst der SS-Totenkopforden kennen, etwas später die Millionen Soldaten des deutschen Ostheeres und schließlich auch die Hitlerjugend. Hier wurde der gesamte deutsche Nachwuchs zur Rücksichtslosigkeit gegen fremdes Leben erzogen. Begonnen hat die Beseitigung der jüdischen Ethik durch Ausrottung der Juden und die Wiederherstellung des Rechts auf Töten schon vor Auschwitz, nämlich mit der Tötung behinderter Menschen durch das sogenannte Euthanasie-Programm.

Gewiss kann man versuchen,wie es Wissenschaftler getan haben, den Holocaust mit anderen Völkermorden zu vergleichen. Fest steht jedoch, dass er sich von allen übrigen Genoziden gravierend unterscheidet, nicht zuletzt dadurch, dass ein Teil der Opfer gezwungen wurde, an der Vernichtung des eigenen Volkes mitzuwirken. Gingen doch die Täter in ihrer Hinterhältigkeit davon aus, dass ein Häftling mit besonderen Machtbefugnissen die ihm aufgetragenen Befehle gegenüber seinen Mithäftlingen kompromisslos ausführen würde, um sein Leben zu retten. Die Erfindung und Aufstellung der Häftling-Sonderkommandos ist wohl das dämonischste Verbrechen,das sich Menschen je ausgedacht haben. Juden mussten Juden in die Verbrennungsöfen transportieren."Man musste beweisen", schrieb Primo Levi, "dass die Juden, die minderwertige Rasse, die Untermenschen, sich jede Demütigung gefallen ließen und sich sogar gegenseitig umbrachten."

Hitler, der schon früh das Gewissen als jüdische Erfindung attackiert hatte, glaubte,für die gesamte Menschheit zu handeln,wenn er die Juden Europas ein für allemal beseitigte. Niemand sollte mehr vorhanden sei, dem es einfiele, beim Blick auf die Taten der Nazis von Wahn, Barbarei, Gewissenlosigkeit, Kälte, Massenmord und absolutem Megaverbrechen zu sprechen. Der Bremer Wissenschaftler erläutert nicht nur seine eigene Theorie zu Auschwitz. Er ruft auch die einzelnen Etappen der Judenvernichtung in Erinnerung und weist darauf hin, dass Homosexuelle, europäische Zigeuner und die Zeugen Jehovas ebenfalls zu jenen gehörten, die Hitler rigoros ausmerzen wollte, weil sie nicht ins"arische"Konzept passten. Ferner stellt er zweiundvierzig Theorien zu Auschwitz vor, von denen acht allein auf das Konto des Historikers Ernst Nolte gehen. Neben wissenschaftlichen Theorien entstanden theologische und psychologische Auschwitzdeutungen. Etliche Wissenschaftler ließen es sich angelegen sein, Auschwitz mit anderen Massakern auf eine Stufe zu stellen und historisch einzuordnen - zum Missfallen vieler ihrer Kollegen und eines Teils der Bevölkerung. Manche Historiker sehen in der Judenvernichtung ein zwangsläufiges Zufallsprodukt oder vermuten dahinter entweder eine Verschwörung von Himmler oder einen Befehl von Hitler. Einige sind der Meinung, dass Auschwitz unerklärbar sei, "ein Niemandsland des Verstehens"(Dan Diner). Nicht wenige Autoren betrachten Auschwitz als die Vollendung des christlichen Judenhasses, Feministen sogar als die Bestrafung der Juden für die Überwindung weiblicher Gottheiten und manche als das Werk eines Psychopathen. Dieser Auffassung widerspricht,wie unschwer zu erkennen ist, die oben skizzierte These von Gunnar Heinsohn.

Gideon Greif, Mitarbeiter von Yad Vashem in Jerusalem, hat zehn Jahre lang dieses Thema erforscht und sieben Überlebende von Sonderkommandos befragt. Seine Interviews enthält der Band"Wir weinten tränenlos..." in vollem Wortlaut, neben einem informativen Vorwort. Greifs Gesprächspartner lebten ursprünglich in Griechenland oder Polen und wurden von dort aus nach Auschwitz verschleppt. Nach der Befreiung wanderten sie in das heutige Israel aus. Illustriert werden die Texte durch Zeichnungen von David Olere, der ebenfalls Gefangener eines Sonderkommandos war.

Die ehemaligen Häftlinge schildern detailliert, mit einfachen, aber ausdrucksstarken Worten ihre menschenunwürdigen Funktionen, die sie in Auschwitz-Birkenau innehatten. Josef Sackar beispielsweise erzählt, wie sehr ihr Leben von alltäglichen Konflikten, unglaublichen Spannungen,von großer Angst und dem Kampf ums psychische und physische Überleben beherrscht wurde. Eliezer Eisenschmidt konnte auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Mauthausen entfliehen und wurde von einer polnischen Familie aufgenommen, mit der er noch in Verbindung steht. Die Häftlinge der Sonderkommandos, die im Gegensatz zu den übrigen Gefangenen von Hunger und Unterernährung verschont blieben, mussten das Auskleiden der Opfer überwachen. Der Anblick der Leichen beim Öffnen der Gaskammern steht vielen noch jetzt klar vor Augen. Im Grunde haben sie Auschwitz nie ganz verlassen. In ihren Träumen kehren sie oft noch dorthin zurück, so auch die Brüder Abraham und Shlomo Dragon, die es bis heute nicht fassen können, dass sie die Hölle überlebt haben. Doch die Tatsache, dass sie am Leben geblieben sind,das sei die beste Rache an den Mördern, sagen die Brüder. Dabei war ihr Überleben gar nicht vorgesehen. Denn sobald der Völkermord abgeschlossen war, sollten die Häftlinge der Sonderkommandos, auf Befehl von Adolf Eichmann, als unliebsame Augenzeugen der NS-Verbrechen ebenfalls aus dem Wege geräumt werden. Das Vorhaben wurde vereitelt. Am Tag der Befreiung des Lagers,am 27.Januar 1945, waren unter den überlebenden Lagerinsassen auch einige Dutzend Angehörige der Sonderkommandos.

Nachdem jene die Hölle hinter sich gelassen hatten, wurde ihnen häufig der Vorwurf gemacht,Kollaborateure, Verräter, Denunzianten und Diener des Teufels gewesen zu sein. Überlebende Juden sehen in ihnen nicht selten "große Mörder", die fast so schrecklich wie die Deutschen gewesen seien. Mit dieser Schuld mussten die Häftlinge der Sonderkommandos fertig werden. So ist es nur allzu verständlich, dass ihre Aussagen bewusst oder unbewusst von Apologetik durchsetzt sind. Immer wieder betonen sie den Zwang und die Gewalt,unter denen sie ihre Aufgaben verrichten mussten und heben hervor, dass sie nicht die Möglichkeit hatten, zwischen Gehorsam und Verweigerung zu wählen. Man müsse den Abgrund von Niedertracht gründlich ausloten, betont Greif, denn was gestern verübt worden sei, das könne morgen noch einmal geschehen. Man dürfe den Blick von Auschwitz nicht abwenden.

Nach dem Ende des Krieges hat es lange gedauert, ehe die furchtbaren Verbrechen der Nazis in der Öffentlichkeit wenigstens ansatzweise zur Sprache kamen und vor Gericht verhandelt wurden. Fast zwanzig Jahre mussten vergehen, ehe der Auschwitz-Prozess überhaupt stattfinden konnte. Das geschah in den Jahren 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main vor dem Landgericht- in erster Linie auf Veranlassung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Die Geschichte dieses bedeutsamen Strafprozesses schildert das Buch "Auschwitz vor Gericht" von Gerhard Werle und Thomas Wandres. (Werle istStrafrechtler an der Humboldt-Universität zu Berlin und Wandres sein wissenschaftlicher Mitarbeiter).Ihr Band dokumentiert die umfangreichen Beweiserhebungen und die wichtigsten Passagen des Urteils. Er macht deutlich,wie die Todesfabrik Auschwitz funktionierte und worin der individuelle Beitrag der einzelnen Beteiligten lag. Zudem vermittelt er einen tiefen Eindruck von der Atmosphäre der Verhandlungstage.

Kein ehemaliger SS-Angehöriger, kein Angeklagter hat die fürchterlichen Geschehnisse im Lager verleugnet, im Gegenteil, die meisten haben freimütig, unter Verwendung des Lagerjargons,die allgemeinen Verhältnissen der Realität dargelegt. Sie bestritten lediglich,dass sie selbst etwas mit den Massentötungen zu tun gehabt haben. unfassbar aber bleibt, dass kein Angeklagter bei dem Prozess auch nur eine Spur von Reue, Mitleid oder eine andere menschliche Regung gegenüber den überlebenden Opfern gezeigt hat, die häufig ihre ganze Familie verloren hatten.

Viele hörten bei dem Prozess zum ersten Mal ungeschminkt, was beinahe zwei Jahrzehnte lang verschwiegen, vergessen und verdrängt worden war. Die Prozessbeobachter lernten erschütternde Einzelschicksale kennen, die tägliche Routine der Mordmaschinerie, die nie in Gang gekommen wäre, wenn sich nicht Zehntausende zu ihrer Bedienung bereitgefunden hätten, und erfuhren, dass "hinter dem Lagertor", wie der Gerichtsvorsitzende Hofmeyer in seiner mündlichen Urteilsbegründung ausführte, "eine Hölle begann,die für das normale menschliche Gehirn nicht auszudenken ist"(S.29). Leider habe der bundesdeutsche Gesetzgeber, bedauern die Autoren zu Recht, auf Sonderregelungen für die Bestrafung von NS-Verbrechen verzichtet. Auch die Justiz habe sich geweigert,die ganze Tragweite des Geschehens zur Kenntnis zu nehmen und habe mit juristischen Ausweichmanövern den kollektiven Anteil an der Entstehungsgeschichte des Holocaust ausgeblendet, insbesondere den Beitrag der Juristen. Stattdessen wurde die Beteiligung an der Judenvernichtung im Frankfurter Landgericht wie normale Kriminalität behandelt. Haupttäter waren Hitler,der den Vernichtungsbefehl erteilte, Himmler und die Angehörigen des engsten Führungskreises sowie Göring und Heydrich. Die zahlreichen Helfershelfer und Handlanger, die die Befehle ausführten und oft eigenhändig die Opfer erschossen, galten nicht als Täter, sondern als Mordgehilfen. Sie kamen mit verhältnismäßig milden Strafen davon. Auf diese Weise wurde die rechtshistorische Wahrheit verfälscht und verharmlost. Denn das real geltende Recht des Dritten Reiches sei viel fürchterlicher gewesen, so der berechtigte Einwurf von Werle und Wandres, als es die Gerichte nach dem Krieg wahrhaben wollten. Immerhin habe das im Dritten Reich geltende Recht die Juden nicht nur als Opfer definiert,diskriminiert und entrechtet,sondern auch ihren bürgerlich-rechtlichen Tod verfügt. Im Namen des Rechts wurden Menschen für vogelfrei erklärt und getötet. Besagte doch das von Hitler erlassene Recht:du sollst töten und deine Tötungshemmung überwinden. Damit seien die elementaren Rechtsgrundsätze zivilisierter Länder bis zur äußersten Konsequenz ausdrücklich verneint und in ihr Gegenteil verkehrt worden.

Neben den von Gideon Greif herausgegebenen Augenzeugenberichten der jüdischen "Sonderkommandos" ist der von Werle und Wandres dokumentierte Auschwitz-Prozess mit den Aussagen der Zeugen und Angeklagten und den schmerzlichen Erinnerungen der Opfer ein beredtes und unwiderlegbares Zeugnis gegen jedes Leugnen des nationalsozialistischen Völkermords, das gegenwärtig wieder einmal Hochkonjunktur hat. Fatalerweise wird der Stellenwert der Holocaust-Leugnung für die rechtsextremistische Hetzpropaganda meistens unterschätzt. Aufmerksamkeit verdienen daher auch die präzisen Widerlegungen der Auschwitz-Lüge in der Publikation"Betrifft:Leugnen des Holocaust" aus der Feder der Amerikanerin Deborah E.Lipstadt. Ihr Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn offensichtlich glauben die Leugner nicht einmal mehr den Tätern, wie Hitler, Himmler, Ley, Höß und den Angeklagten im Auschwitz-Prozess, die sich immerhin zum Holocaust als der "Endlösung der Judenfrage" bekannt haben.

Die Autorin (sie ist Dozentin für jüdische Geschichte in Atlanta) verfolgt die Geschichte der Leugnung des Holocaust. Sie entlarvt die Auschwitz-Lüge als ein Mittel der rechtsradikalen Unterwanderung und ihre Vertreter als Hetzer, die vor keiner Lüge und keiner boshaften Unterstellung zurückschrecken. Zu diesen zählt sie den amerikanischen Ingenieur Fred A.Leuchter, Ernst Zündel in Kanada, den englischen Historiker David Irving, Arthur R.Butz in den USA, Robert Faurisson in Frankreich,Walter Ochsenberger in Österreich ebenso das Institute for Historical Review in Kalifornien, das den dubiosen Unterstellungen einen wissenschaftlichen Anstrich geben soll. Durch sachliche Argumente und scharfe Analysen veranschaulicht Lipstadt die Methoden der Holocaust-Leugner, die sie anwenden,um ihre wahren Absichten zu verschleiern, und gibt einen kurzen Überblick über die Bandbreite ihrer Aktivitäten in den einzelnen Ländern: in Belgien, England, Frankreich, Österreich, in der Schweiz,in der USA,in Lateinamerika,Australien und Neuseeland. Die arabischen Staaten haben sich ebenfalls für dieses Thema empfänglich erwiesen. Hinzu kommt, dass sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Holocaust-Leugner aus Nordamerika und Westeuropa mit gleichgesinnten Kreisen aus Osteuropa zusammengetan haben. Es ist in der Tat erschreckend,wie viele antiisraelische, antisemitische Kräfte und Holocaust-Lügner gegenwärtig überall aus ihren Löchern hervorkriechen.

Die Behauptungen der Holocaust-Leugner, dass der Völkermord nie stattgefunden, dass es in Auschwitz nie Gaskammern gegeben habe und der Versuch, das jüdische Volk auszurotten, nie passiert sei,bieten, meint Lipstadt, Anlass zur Sorge und Wachsamkeit. Die lügenhaften Thesen machten nämlich den Antisemitismus und den Nationalsozialismus wieder salonfähig. Sie rehabilitierten die Verbrecher, dämonisierten und beleidigten die Opfer und verfälschten darüber hinaus die Geschichte, höhlten die Demokratie aus und setzten Vernunft,Wahrheit und die Erinnerung außer Kraft. Obwohl unter rationalen Gesichtspunkten die antijüdischen Hetzschriften und Parolen der Holocaust-Leugner in den Mülleimer der Geschichte gehörten, gingen arglose Zeitgenossen dem teuflischen Blendwerk ihrer Argumentationsweisen auf den Leim oder stärkten ihnen ungewollt den Rücken, zum Beispiel Intellektuelle, die im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung jenen Gruppen die Möglichkeit geben möchten,ihre Ansichten im Radio und Fernsehen zu verbreiten. Redefreiheit steht aber, so Lipstadts Einwand,nur denen zu, die sie nicht missbrauchen. Auch andere haben ihr Scherflein zur Verbreitung der Holocaust-Lüge beigetragen, wie etwa der bekannte konservative Journalist Patrick Buchanan, der englische Literatur-Professor Austin App, prominente Historiker wie Harry Elmer Barnes,Hellmut Diwald, Andreas Hillgruber, Ernst Nolte und alle, die den Holocaust relativieren, ihn mit sonstigen Gewalttaten gleichsetzen oder die Ansicht vertreten, die Nazis seien nicht schlimmer gewesen als die übrigen Täter und Mitläufer von Terror-Regimen. Ungewollt haben selbst Politiker wie Ronald Reagan, Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und andere aus ihren Reihen mit fragwürdigen Aussagen und gedankenlosen Äußerungen den Holocaust-Leugnern eine gewisse Respektabilität verschafft. Sie seien zwar alle keine verkappten Holocaust-Leugner, räumt die Historikerin ein. Aber ihre Arbeit laufe auf dasselbe hinaus: die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Verfolgten und Verfolgern werden verwischt. Auch wenn keiner die Faktizität der Ereignisse bestreite, so unterstützten sie indirekt alle,die Auschwitz in Abrede stellen.

Was ist zu tun? Wie muss man Holocaust-Leugnern begegnen? Diskussionen mit diesen Leuten lehnt die Autorin ab, weil Dispute sie nur aufwerten würden. Einige glauben,der Gerichtssaal sei der rechte Ort, um sie zu bekämpfen. Aber allzu leicht könnten legislatorische Sanktionen, fürchtet die Verfasserin, die Holocaust-Leugner "zu Märtyrern auf dem Altar der freien Meinungsäußerung erheben"(S.266).Eine Reihe von Ländern verweigert den bekannteren unter ihnen die Einreise. Manche meinen, man solle sie links liegen lassen. Allerdings zeigen ihre Machenschaften, dass bloße Nichtachtung keine Alternative ist. Die akademische Welt müsse in die Pflicht genommen werden, mahnt Deborah E. Lipstadt: insbesondere Lehrer, Historiker, Soziologen und Politologen. Die Einrichtung von Holocaust-Museen hält sie für sinnvoll, unter der Voraussetzung, dass sie kompetent und richtig über den Holocaust informieren und bei der Auswahl der Fakten, die sie weitergeben, behutsam und gewissenhaft vorgehen. Die Wahrheit müsse mit starken Waffen geschützt werden,jedoch weder polemisch noch emotionsgeladen. Das breite Publikum sei über die Bedrohung ihrer historischen und weltanschaulichen Fundamente umfassend zu unterrichten. Alle sollten wissen, wofür jene Leute stehen, nämlich für Lüge und Hass. "Die schwachen Stimmen von Millionen rufen aus der stillen Erde nach uns, erinnernd und fordernd", damit wir niemals in unserer Wachsamkeit nachlassen.

Obgleich die hier vorgestellten Bücher unterschiedliche Aspekte des Holocaust beleuchten, so ergänzen sie sich doch recht gut. Sie alle bestechen durch verständliche Darstellung und gute Lesbarkeit. Vor allem aber vertiefen die Publikationen von Heinsohn, Greif, Werle/Wandres und Lipstadt das Verständnis für die Ursachen, Hintergründe und Zusammenhänge der schlimmen Barbareien im Dritten Reich, die in einer zivilisierten, hochkultivierten Welt wohl einmalig sein dürften.

Der Antisemitismus - ein immer noch aktuelles Vorurteil oder haben die Deutschen ihre Lektion endlich gelernt? (1995)

Seit dem Fall der Mauer haben die Leugner von Auschwitz Aufwind bekommen. Hinzu kommen neonazistische Aktivitäten, wie Friedhofsschändungen und Computerspiele mit Judenhatz, hartnäckige Versuche der rechtsextremen Szene, altbekannte antisemitische Topoi wieder salonfähig zu machen, der Fall des Oberstudienrats Günter Deckert, der wegen Beleidigung der Opfer des Holocaust angeklagt war und dem Richter vom Landgericht Mannheim bescheinigt hatten, "eine charakterstarke, verantwortungsbewusste Persönlichkeit mit klaren Grundsätzen"zu sein, wodurch die Angelegenheit vollends zum Skandal wurde. Sogar das Stereotyp, "der Jude als Bolschewist", das bis 1989 in der öffentlichen Meinung keine Rolle mehr gespielt hat, tauchte unlängst in Schriften rechtsbürgerlicher Publizisten wieder auf. Man denke nur an einige Reaktionen auf die "Enthüllungen" der kommunistischen Vergangenheit Marcel Reich-Ranickis und auf Andeutungen von Gregor Gysis möglichen Verstrickungen in der DDR, wobei nicht versäumt wurde, auf die jüdische Herkunft der beiden hinzuweisen. Wie sind derartige judenfeindliche Facetten zu bewerten? Haben wir in Deutschland rassistischen und antisemitischen Traditionen vielleicht doch etwas voreilig den Totenschein ausgestellt?

Mit diesen und ähnlichen Frage setzen sich Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung und andere Wissenschaftler eingehend und sachkundig in dem Band "Antisemitismus in Deutschland" auseinander. Sie berufen sich auf jüngste empirische Forschungsergebnisse und Meinungsumfragen zwischen 1945 und 1994 und analysieren den Antisemitismus als aktuelles Vorurteil aus verschiedenen Perspektiven:im Kontext sozialer Veränderungen und politischer Instrumentalisierung in der alten Bundesrepublik, in der DDR und im jetzigen Deutschland im Zusammenhang mit der Vereinigungskrise.

Zu den ungeschriebenen Gesetzen der politischen Kultur in Deutschland gehört seit langem die fast einhellige Ansicht, dass nach Auschwitz der öffentliche Antisemitismus hier ein für allemal diskreditiert sei. Wer dieses Tabu bricht, verliert meistens Amt und Ansehen. Ohne Sanktionen bleiben freilich antisemitische oder fremdenfeindliche Vorurteile, wenn sie in einem weniger spektakulären Rahmen im Umfeld von Vereinen, am Stammtisch oder beim alltäglichen sozialen Kontakt artikuliert werden.

Die Autoren verdeutlichen die unterschiedlichen Erscheinungsweisen des Antisemitismus und ihre Hintergründe während der letzten fünfzig Jahre in der Bundesrepublik. Während nach 1945 sofort demokratische Institutionen geschaffen wurden, schreibt Werner Bergmann, seien die Einstellungen der Deutschen noch lange von autoritären und völkischen Traditionen geprägt gewesen. In den fünfziger Jahren sei dann ein deutlicher Rückgang antijüdischer Einstellungen zu erkennen gewesen. Dennoch häuften sich immer wieder von Zeit zu Zeit die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die Beleidigungen von Juden und Hakenkreuzschmierereien. Die Zahl der Politiker und der gesellschaftlichen Gruppen, die sich aktiv gegen den Antisemitismus und für Juden einsetzen,war anfangs recht klein. Als jedoch im Winter 1959/60 die antisemitischen Vorfälle, beginnend mit einem Anschlag gegen die gerade neu eingeweihte Kölner Synagoge, in einer bundesweiten Schmierwelle kulminierten, kam es zu einer bis dahin beispiellosen Mobilisierung gegen den Antisemitismus und zugleich zu einer positiven Hinwendung zur jüdischen Geschichte. Der Angriff auf Juden wurde weithin als Angriff auf die Demokratie begriffen.

Die Wissenschaftler erinnern daran, dass Mitte der achtziger Jahre das Thema Antisemitismus erneut auf die Tagesordnung geriet und zwar durch die Bitburg-Affäre, die antijüdischen Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Fellner und des Bürgermeisters von Korschenbroich, Graf Spee, ferner durch die Kontroverse um Fassbinders Stück"Der Müll, die Stadt und der Tod", durch den Fall Jenninger und am Rande auch durch den Historikerstreit. Allerdings sei es bei den großen Konflikten kaum um direkte antijüdische Äußerungen gegangen, sondern eher um den richtigen Umgang mit der Erinnerung an die Judenverfolgung.

Neben den bekannten, alten Traditionen des Antisemitismus trat seit der Gründung Israels der Antizionismus verstärkt in Erscheinung. In ihm leben traditionelle antijüdische Feindbilder fort, wie dies etwa in der Staatsdoktrin der DDR der Fall war. Mit diesem Aspekt befasst sich Lothar Mertens.

Die Verfasser der überwiegend gut lesbaren Beiträge kommen übereinstimmend zu dem Fazit, dass, äußerlich betrachtet, Konflikte über Antisemitismus nach altem Muster in Deutschland seit 1989 durch den Vereinigungsprozess zugenommen haben. Gleichwohl sei in der Art der Konfliktbewältigung und der einhelligen öffentlichen Ablehnung des Antisemitismus ein Lernprozess in der Haltung gegenüber Juden deutlich zu erkennen. Das Verständnis für die jüdische Perspektive sei gewachsen und damit auch die Ablehnung antisemitischer Äußerungen und Aktionen - nicht nur aus Opportunismus mit Blick auf das Ausland. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren viele Gruppen auf fremdenfeindliche Gewaltwellen und rechtsextreme Wahlerfolge spontan protestiert und mit ihren Demonstrationen gegen Rassismus und für Toleranz und den Schutz der Flüchtlinge eindrucksvolle Signale gesetzt. Der Regierung sei indessen der Vorwurf zu machen, glaubt Rainer Erb, dass sie den Bürgerwillen nicht aufgegriffen, gebündelt und in eine handlungsfähige Form gebracht habe. Im Hinblick auf den Antisemitismus hätten die demokratischen Parteien ihre Lektion wohl gelernt, doch seien die wenigsten Politiker bereit, mit gleicher Eindeutigkeit andere Minderheiten, Zuwanderer und Flüchtlinge, vor Diskriminierung und Verfolgung zu schützen und Fremdenfeindschaft in ihren eigenen Reihen zu ächten.

Wolfgang Benz(Hrsg.),

Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils.

Deutscher Taschenbuch Verlag,

München 1995;

235 S; DM 19,90

Keine Frohbotschaft ohne Drohbotschaft? Führte der Antijudaismus in die Hölle von Auschwitz? (1996)

Der Holocaust war leider auch eine christliche Katastrophe, eine Bankrotterklärung der christlichen Welt. Schuld an Auschwitz war, neben ökonomischen und psychologischen Faktoren, zweifellos auch die zwei Jahrtausend alte christliche Judenfeindschaft, auf der das Christentum von Anfang an sein Selbstverständnis mit aufgebaut hat. Wenn also die Bedingungen der millionenfachen Vernichtung jüdischen Lebens untersucht werden sollen, dann darf dabei die Vorgeschichte des christlichen Judenhasses keinesfalls unterschlagen werden.

Denn von früh an waren Enterbung und Entrechtung des jüdischen Volkes ein fester Bestandteil des christlichen Abend- und Morgenlandes und der christlichen Kirchen,die ihre eigene Identität immer wieder an der Negation der jüdischen festgemacht haben,so dass viele geglaubt haben, man könne das Christentum nur bejahen,wenn man das Judentum verwirft. Kein Wunder, dass der Antijudaismus im Laufe der Zeit gleichsam zur zweiten Natur des Christentums geworden ist.

Da ich mich mit der Entwicklung und den schlimmen Konsequenzen des Antijudaismus schon vor einigen Jahren unter der Überschrift "Der Vatikan und Israel. Wird der Antijudaismus jetzt endgültig besiegt?" in einem längeren Artikel befasst habe(siehe Tribüne 129/1994), begnüge ich mich heute mit einigen Hinweisen. Erinnern möchte ich vor allem an das oft wenig christliche Verhalten der Christen gegenüber den schwächeren Juden in den Jahrhunderten des Zusammenlebens in Europa,an die Kreuzzüge im Mittelalter, mit denen für die hier lebenden Juden das Zeitalter der Verteufelung begann, sowie an das barbarische Treiben der Christen im Heiligen Land.

In dem selben Maße wie Christen fromm wurden, wurden sie auch intolerant gegenüber Andersgläubigen. "Jedesmal wenn in Europa des Mittelalters", schreibt Leon Poliakov in seiner "Geschichte des Antisemitismus"(Bd.I, S.42)"eine große Glaubensbewegung in Erscheinung tritt,wenn Christen im Namen der göttlichen Liebe zur Begegnung mit dem Unbekannten aufbrechen, bricht eigentlich überall das Feuer des Hasses gegen die Juden aus. Ihr Schicksal verschlimmert sich gerade in dem Maße, wie die Menschen den frommen Schwung ihres Herzens in Taten zu befriedigen trachten." Selbst in unserem Jahrhundert hat Manès Sperber seit seinem vierten Lebensjahr wiederholt erlebt, dass er und seine Familie als Juden von den Nachbarn angefeindet wurden,"nicht ununterbrochen,aber immer wieder,zum Beispiel alljährlich von Karfreitag bis zum zweiten Ostertag." Dann brach oft, erinnert sich Sperber in seinem Essayband "Churban oder die unfassbare Gewissheit", der fromme Hass der Christen gegen die Nachkommen jener durch, "die Jesum Christum gekreuzigt hatten".

Im Dritten Reich hat dann der in der Kirche stets latent vorhandene Antisemitismus erheblich mit dazu beigetragen, dass die ohnehin nur unvollständige Integration der jüdischen Bevölkerung in die Gesamtgesellschaft innerhalb weniger Jahren wieder rückgängig gemacht werden konnte. Gerade die allgemeine stillschweigende Voreingenommenheit gegenüber Juden hat die Verbrechen der Nazis erheblich mitbegünstigt.

Nach dem Krieg haben viele gemeint, und manche glauben es heute noch, dass der nationalsozialistische Völkermord ein Werk des Antichristen gewesen sei. Zugegeben, der Holocaust basierte in erster Linie auf einer antichristlichen Ideologie. Tatsache aber ist, dass die Juden Europas von Christen oder zumindest von jenen, die getauft und christlich erzogen worden sind, umgebracht wurden und dass die theologische Judenfeindschaft über die Jahrtausende hinweg eine der Wurzeln ist,die zum rassistischen Antisemitismus geführt haben, auch wenn der Weg dahin vielleicht verschlungen war.

Fraglos hat das Entsetzen über den eigenen Schuldanteil am millionenfachen Judenmord auch auf Seiten der Kirchen zu Ansätzen einer Neuorientierung geführt. Doch wie zählebig die bibelwidrige, blasphemische Anklage des sogenannten Gottesmordes im kirchlichen Raum auch heutzutage noch ist, zeigt Pinchas Lapide in seinem Buch"Wer war schuld an Jesu Tod?"an erschreckenden Beispielen,und er fragt sich besorgt: "Ist Antijudaismus ein wesentlicher Bestandteil des Christentums? Kann die Frohbotschaft der Christusliebe überhaupt gepredigt werden, ohne die Drohbotschaft des Judenhasses mit zu verkündigen?"

Nicht nur "Erinnerungskerze" Die Auswirkungen des Holocaust auf Kinder und Enkelkinder(1997)

Wissenschaftler, die die seelischen Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer und ihre Kinder untersuchten, stellten fest, dass die Erfahrungen der Eltern die zweite Generation meistens stark beeinflusst und nicht selten ihr Verhalten und Handeln bestimmt haben. Einige Forscher sind sogar der Auffassung, dass Familien von Holocaust-Überlebenden in der Regel einem Kind die Rolle einer "Gedenkkerze" zugeschrieben hätten, so dass das Kind dann die emotionale Belastung zu tragen hatte, die die Eltern selbst nicht verkraften konnten.

Mittlerweile sind die Untersuchungen auch auf die Enkelgenenration ausgedehnt und durch sie neue Einsichten über die zweite Generation zu tage gefördert worden. Auch der israelische Psychologieprofessor Dan Bar-On von der Ben-Gurion-Universität des Negev in Beer Sheva hat, zusammen mit einigen seiner Studenten,drei verschiedene Lebensperspektiven unter die Lupe genommen:die Sicht der Überlebenden, die Perspektive der mittleren Generation und die der fast erwachsenen Enkelkinder. Für dieses Projekt interviewte das Team jeweils drei Generationen in fünf israelischen Familien. Ihre verschieden erlebten Lebensgeschichten seien vielleicht nicht gerade repräsentativ, räumt der Verfasser ein, gleichwohl enthielten sie typische Probleme der intergenerationellen Übertragung und Durcharbeitung in der israelischen Gesellschaft.

Obwohl Dan Bar-On und seine Studenten dabei auch die Ergebnisse früherer Forschungen berücksichtigt haben, so haben sie doch auf traditionelle Konzepte über Identität und Persönlichkeit verzichtet, um ihre Interviewpartner nicht vornherein einzuengen. Auch haben sie nicht danach gefragt, welche historische Wahrheit in den einzelnen Geschichten enthalten ist. Vielmehr haben sie darauf geachtet, welche Bewältigungsstrategien den einzelnen Erzählungen zugrunde liegen, welche Erklärungsmuster die Interviewten selbst wählten-denn durchweg werden die Geschichten so konstruiert, dass widerstreitende Bedürfnisse und neue Lebenserfahrungen hineinpassen-, und welche Gefühle nicht ausgesprochen, aber übertragen wurden. Sie richteten ihr Augenmerk ferner auf Unstimmigkeiten zwischen der erlebten und der erzählten Lebensgeschichte sowie auf Widersprüche bei den erzählten Biographien zwischen den Generationen sowie auf den Kontrast zwischen Erzähltem und Nicht-Erzähltem, also zwischen dem,was der einzelne bereitwillig mitteilt, und dem, was er verschweigt oder unbewusst herausfiltert. Denn für die interviewten Überlebenden war es oft schwierig, ihre Erfahrungen und Gefühle in Worte zu fassen. Für die Forscher wiederum war es nicht immer leicht, zu erkennen, welche Probleme auf Nachwirkungen des Holocaust und welche auf andere Faktoren wie Immigration, Familienstrukturen oder individuelle Unterschiede zurückzuführen waren.

Einige der befragten Holocaust-Überlebenden betonten die heroischen Aspekte der Vergangenheit,andere die schmerzlichen Erfahrungen. Genia beispielsweise,die Auschwitz überlebt hat und heute Großmutter von sechs Enkelkindern ist, lebt bewusst und leidvoll in der Vergangenheit. Ze'ev dagegen,der bei den Partisanen gekämpft hat,erzählte ausführlich über seine heldenhafte Zeit und ging über die für ihn unangenehmen und peinlichen Erlebnisse schnell hinweg. Olga wiederum - sie wurde von ihrer Mutter aus dem Warschauer Ghetto herausgeschmuggelt - bemüht sich, trotz des Erlittenen, Hoffnung und Sicherheit zu gewinnen. Während Anja - sie verlor fast die gesamte Familie im Holocaust-der Vergangenheit noch eng verbunden ist, fühlt sich die 1915 in Tripolis geborene Laura trotz mancher Verluste nicht beeinträchtigt.

Die Kinder der Holocaust-Überlebenden, inzwischen reife, selbständige Persönlichkeiten, wuchsen häufig mit einer merkwürdigen Mischung von Furcht und Hoffnung auf und versuchten dann auf dem Weg zum Erwachsenwerden, die eigene Angst zu überwinden, um ihren Kindern Hoffnung zu geben und eine ungetrübte Kindheit zu ermöglichen, die sie selbst gern gehabt hätten. Vor allem hatten sie die schwierige Aufgabe, zwischen ihren Eltern und ihren Kindern zu vermitteln. Auffallend ist ferner, dass der Familienzusammenhalt allen Generationen wichtig ist, dass nicht wenige Kinder und Enkelkinder die eigene Lebensgeschichte im Vergleich zu der ihrer Eltern und Großeltern als blass und unbedeutend empfinden und ständig mit dem Gefühl zu kämpfen haben, sie selbst seien wertlos und unwichtig. Aber es hat sich auch gezeigt, dass die Kinder von Holocaust-Überlebenden alles andere als "Erinnerungskerzen" sind,die nur auf die Geschichten der Überlebenden reagierten. Viele haben sich mit ihren eigenen Bedürfnissen und Standpunkten einen Weg zwischen den Generationen gebahnt.

Die Enkelkinder hatten dagegen das Privileg, mit Großeltern aufzuwachsen, was der zweiten Generation verwehrt war. Vor allem aber waren sie nicht denselben Bürden ausgesetzt wie ihre Eltern. Auch wenn der Holocaust für die Enkel eher eine Legende ist als eine andauernde Realität und sie selbst vorwiegend mit der Gegenwart und der Zukunft und weniger mit den Problemen der Vergangenheit beschäftigt sind,so ist doch in den meisten Geschichten der dritten Generation immer noch eine Angst spürbar, die aus der Vergangenheit ihrer Großeltern herrührt. Zudem hat die Familiengeschichte ihre Weltsicht und ihre eigene Konstruktion der Realität beeinflusst und dazu geführt, dass sie einen intensiveren Dialog zwischen Furcht und Hoffnung führen als andere ihres Alters. Hingegen nimmt das Gefühl von Entfremdung und Diskontinuität, das ihre Eltern noch deutlich hatten, bei der dritten Generation merklich ab.

Ziel der Durcharbeitungsprozesse sei nicht die Erinnerung loszuwerden,sondern ihre Macht und Kontrolle zu entschärfen, damit in der Gegenwart wieder Freude empfunden werden könne, betont Bar-On. Um die Folgen einer intergenerationellen psychischen Belastung wisse man erst seit kurzem,fügt der Verfasser hinzu, doch reichten unsere Erkenntnisse nicht aus, um diese völlig zu heilen oder zu verhindern.

Bar-On und seine Studenten sind bei ihren Befragungen einfühlsam und umsichtig zu Werke gegangen. Ihre Interviews werden hier im genauen Wortlaut, zusammen mit den nonverbalen Reaktionen und Verhaltensweisen der Gesprächspartner, wiedergegeben und anschließend gründlich analysiert und kommentiert. Die materialreichen Beiträge sind flüssig geschrieben und erstaunlich gut zu lesen, nicht zuletzt deshalb,weil sie ganz ohne Fachjargon auskommen.

Dan Bar-On,

Furcht und Hoffnung,

Von den Überlebenden zu den Enkeln, Drei Generationen des Holocaust.

Aus dem Amerikanischen von Anne Vonderstein.

Europäische Verlagsanstalt/Rotbuch Verlag Hamburg 1997

478,--S., DM 46,--

Antisemitismus - zentrales Element des Faschismus Faschistische Bewegungen in Europa (2001)

Der vielseitige Sammelband, den Schüler und Freunde dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, zum 60.Geburtstag gewidmet haben, enthält Beiträge über faschistische Bewegungen in Europa, in denen sachkundig die verschiedenen Varianten des Faschismus analysiert und miteinander verglichen werden.

Der Begriff des Faschismus - der Bochumer Historiker Hans Mommsen weist auf dessen Doppeldeutigkeit hin - bezeichnet sowohl das politische System Benito Mussolinis in Italien als auch eine Form der Politik, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges als Gegenkraft zur sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung in zahlreichen europäischen Ländern hervortrat. Ihre Anhänger stilisierten sich als Vorkämpfer gegen die von den Bolschewiki angekündigte Weltrevolution und bedienten sich dabei virulenter nationalistischer und rassistischer Ressentiments.

In den meisten europäischen Ländern - das geht auch aus den anderen Beiträgen deutlich hervor - fungierte der Antisemitismus als zentrales Element des Faschismus. Insbesondere mit der Etablierung der NS-Herrschaft in Deutschland und der wachsenden Zahl jüdischer Flüchtlinge gewann die Frage des Antisemitismus überall neue Brisanz.

Kein Zweifel, der Antisemitismus war vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Europa weit verbreitet. Hätte der Holocaust auch von einem anderen Land als Deutschland geplant und verwirklicht werden können? fragt Ian Kershaw, Professor für Geschichte an der Universität Sheffield. Er sieht Deutschlands Einzigartigkeit in der Tatsache begründet, dass ab 1933 eine pathologisch antisemitische, potentiell genozidale Führung die Macht im Staat übernommen hatte, eine Partei also, die sich den Antisemitismus als Dogma auf die Fahnen schrieb und die mit Zustimmung großer Bevölkerungsteile regierte, die die rücksichtslose Verfolgung einer ungeliebten Minderheit als Nebenprodukt des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines wieder erwachenden nationalen Denkens in Kauf zu nehmen bereit waren. Wenn es zu einer anderen Staatsform und politischen Führung wie etwa einem national-konservativen autoritären Regime oder einer Militärherrschaft gekommen wäre, meint Kershaw weiter, hätten Gewalt und Diskriminierung gegen Juden nicht notwendigerweise zu einer kontinuierlichen, im Genozid endenden Radikalisierung führen müssen.

Einige Autoren unterscheiden, unabhängig voneinander, mehrere Spielarten des Antisemitismus: nämlich zwischen einer traditionellen, kirchlichen Judenfeindschaft, die vor allem von katholischen Kreisen geschürt wurde, einem völkisch-rassistischen Antisemitismus, wie ihn, allen voran, die Nazis propagierten, und einem Antisemitismus, der als Reaktion auf die Emanzipation der Juden und ihren politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Aufstieg entstanden war.

Einige Wissenschaftler, die hier zu Worte kommen, beleuchten detailliert Antisemitismus und Faschismus in einzelnen europäischen Ländern. Juliane Wetzel beispielsweise befasst sich mit dem faschistischen Italien und dem dortigen Antisemitismus, Angelika Königseder untersucht faschistische Bewegungen in Österreich vor 1938, Michael Grüttner faschistische und antisemitische Tendenzen in der neueren spanischen Geschichte, Mariana Hausleitner den Antisemitismus in Rumänien vor 1945 und Konrad Kwiet das unterschiedliche Verhalten der Niederländer während der deutschen Besatzungszeit. Hagen Fleischer wiederum widerlegt die lange in Griechenland populär gewesene These, dass die Hellenen gegen den Bazillus des Antisemitismus immun gewesen seien. Die finnische Regierung war wohl bereit, führt

dagegen Edgar Hösch aus, die eigenen Juden zu schützen. Gleichzeitig sei sie, wie

viele andere Staaten auch, bemüht gewesen, die Opfer der Judenverfolgung von den eigenen Grenzen fernzuhalten. Eine eigene antisemitische Tradition durchzieht, laut

Daniel Gerson, ebenfalls die Geschichte der Schweiz, die jedoch nach 1945 geraume Zeit verdrängt worden ist.

Einige Verfasser nehmen die Nachkriegszeit ins Visier, so Erika Weinzierl die "Vergangenheitsbewältigung" in Österreich; Beate Kosmala Gewalt gegen Juden im Nachkriegspolen und Werner Bergmann die Aufarbeitung des Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, während Peter Widmann zu Recht daran Anstoß nimmt, dass der Völkermord an den Sinti und Roma viele Jahre nicht zur Kenntnis genommen worden ist.

Hermann Graml, Angelika Königseder, Juliane Wetzel (Hrsg.):

Vorurteil und Rassenhass,

Antisemitismus in den faschistischen Bewegungen Europas.

Metropol, Berlin 2001,

455 S.,

Die meisten Rezensionen und Berichte erschienen in der Wochenzeitung "Das Parlament".


. . auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis