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Wie haben Jochen Klepper und die Seinen die letzten Jahre erlebt?

Nach der Reichspogromnacht 1938 war die Gefährdung der Familie von Monat zu Monat gewachsen. Am 18.Dezember 1938 lässt sich Hanna taufen, die Ehe wird kirchlich eingesegnet. Später am 8.6.1940 wird auch die Tochter Renate getauft. Es gibt Kontakte mit deutschen und schwedischen Stellen wegen der Auswanderung von Frau und Tochter.

Als Klepper 1940 zur Wehrmacht einberufen wird, glaubt er, damit seine Familie besser schützen zu können. Doch schon ein Jahr später - er lag mit seiner Einheit vor dem ukrainischen Poltawa - wird er wegen "Wehrunwürdigkeit" wieder entlassen. Das Jahr 1942 gestaltete sich zu einem Wettlauf mit dem Tod. Die ältere Tochter hatte noch 1939 nach England emigrieren können; der jüngeren, der von Klepper innig geliebten "Renerl", gelingt dies nicht mehr. Von Reichsinnenminister Frick hatte Klepper eine Art "Schutzbrief" bekommen, der die Frauen tatsächlich eine Weile schützte. Aber dann kann auch Frick nicht mehr helfen: "Ich war bei Frick. Er steht zu dem, was er zugesagt hat, er will Renate aus Deutschland heraushelfen. Aber hier kann er nicht mehr helfen. Erregt lief er am Schreibtisch auf und ab. Solche Dinge kommen zu den Ohren des Führers, und dann gibt es einen Mordskrach."

Klepper versucht es bei Adolf Eichmann und wird tatsächlich auch vorgelassen. "Ich habe noch nicht mein endgültiges Ja gesagt, aber ich denke, die Sache wird klappen." Das war blanker Zynismus, denn am folgenden Tag erfährt Klepper, dass der Tochter die Ausreise in das aufnahmebereite Schweden nicht gestattet wird. Das Todesurteil über Renate Stein sprach Adolf Eichmann am 10.Dezember 1942 aus, indem er die Ausreise Renate Steins nicht gestattete. Die Familie fühlt: Das ist das Ende.

Kleppers letzte Sätze am 10. Dezember 1942: "Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun, ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In diesem Anblick endet unser Leben."

So schied Klepper zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner Stieftochter am 11.Dezember 1942 aus dem Leben. Sie hatten den Gashahn des Küchenherdes geöffnet. Die Haushälterin findet die drei Toten am Morgen, an der Küchentür ein Schild "Vorsicht Gas".

Jochen Klepper war alles andere eine Kämpfernatur gewesen. Nichts hatte zu Beginn seiner literarischen Laufbahn auf das dramatische Ende hingedeutet. Kleppers Schwester Hilde, die am letzten Abend bei der Familie war, und diese voll böser Vorahnung verlassen hatte, wurde am nächsten Morgen dringend nach Nikolassee in deren Haus Teutonenweg 23 gerufen: "Ich kann mich noch entsinnen, wie ich weinend durch die Straßen lief und die Leute mich ansahen. Als ich ankam, hatte man die drei Leichen in Jochens Arbeitszimmer gelegt. Drei Männer in Uniform waren da, der eine bemerkte, das sind nicht die ersten. Wir haben heute schon ein junges Mädchen in Wannsee abgeholt'."

In der Glaubensgewissheit, dass Gott größer ist als das menschliche Herz es je begreifen kann, war die Familie Klepper in den Tod gegangen. In der Nacht vom 10. zum 11.Dezember 1942 eilen sie zu Gott, "ehe er sie gerufen hat" schrieb Reinhold Schneider Jahre danach.


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