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Die Tradition grimmiger Theologen

In der Frühzeit des Christentums wurde vielfach die Auffassung vertreten, der Christ dürfe in diesem Leben nicht lachen, vielleicht weil er, so könnte man spöttisch hinzufügen, in der strengen kirchlichen Hierarchie ohnehin nichts zu lachen hatte. Denn nicht von ungefähr spricht man heute noch vom "Heidenspaß", während es schwerfällt, das Christentum mit Humor, mit Lachen und Scherzen in Verbindung zu bringen, zumindest in der evangelischen Kirche. Die katholische hat immerhin den Karneval in das Kirchenjahr fest integriert.

Der große Lehrer der Ostkirche aus dem vierten Jahrhundert Johannes, der den Beinamen Chrysostomos, zu deutsch Goldmund, trug, weil er herzergreifend zu predigen verstand, wies einmal in einer Predigt eindringlich darauf hin, dass der Christ, der doch mit seinem Herrn gekreuzigt sei, niemals lachen dürfe, sondern ständig weinen müsse, worauf, so berichtet Eike Christian Hirsch, einige Zuhörer lachten und ihm zuriefen:"Wir wollen Tränen sehen!" Doch damit soll es selbst bei Johannes Goldmund nicht immer geklappt haben. Aber die Frage, ob Christen lachen dürfen, ist wiederholt diskutiert worden.

Womöglich war das Lachen im Mittelalter auch deshalb verpönt, weil es die Erlösung vorwegzunehmen schien. "Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen", so heißt es in der Bibel. Vor allem fromme Eiferer, die wie alle Fanatiker und Besserwisser kaum Sinn für Humor haben, weil sie sich selbst zu ernst nehmen, waren fest davon überzeugt, dass die christliche Religion um so wahrer sei, je radikaler und unfroher sie von ihren Anhängern verkündet und vertreten werde.

Es gibt eine lange Traditionsreihe grimmiger Theologen, die das Lachen kritisiert und in ihm Weltlichkeit, sündhafte Dreistigkeit und mangelnden Glauben gesehen haben. Christliche Heilige lachen selten. Man hat zumindest nichts davon gehört, dass sie gelacht hätten, und wer die Bibel, das Alte und das Neue Testament, sowie die Geschichte der christlichen Theologie auf der Suche nach dem Komischen durchstreift, wird, jedenfalls nicht auf den ersten Blick, selten fündig. Offensichtlich fehlt in den heiligen Schriften und in der Theologie des Christentums ganz einfach der Humor. Selbst der fröhliche tierliebende Franz von Assisi soll an die überkommende kritische Beurteilung des Lachen angeknüpft und geglaubt haben, dass sich im Gelächter bloß eitles Geschwätz und albernes Gescherze spiegelt. Wie verbreitet die Meinung ist, dass Lachen im Christentum verpönt sei, zeigt eine kleine Geschichte von Karl Barth, in der er davon erzählt, dass er im November 1916 einen "aufrichtigen frommen Mann" getroffen habe, der der Meinung gewesen sei, ein Christ dürfe nie scherzen.


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